Ruf aus dem Darkroom

von Gabi Hift

Salzburg, 7. August 2021. Es beginnt mit doppeltem Donnerschlag, Minuten vor Beginn der Premiere des mystischen Märchenstücks "Das Bergwerk zu Falun" verdunkelt eine schwarze Wolkenwand den gerade noch sonnigen Himmel. Kaum sitzen die Zuschauer*innen im Saal, donnert es zuerst von draußen, gleich darauf noch viel gewaltiger hinter dem Vorhang. Als er sich öffnet, ist die Luft voll Staub, überall Trümmer und Haufen von Betonziegeln, ganze Gebäudezeilen müssen eingestürzt sein (es kommen einem die Bilder von Beirut in den Sinn) – oder ein Bergwerksstollen. Zwischen den Trümmern kriechen Überlebende in zeitlosen Kostümen hervor, grau wie die Ziegel, und beginnen sofort mit Aufräumarbeiten und Wiederaufbau. Sie errichten im Lauf des Stücks niedrige Mauern rund um die Drehbühne, die an ein Miniatur Kolosseum erinnern oder an die Nischen eines Urnenfriedhofs. Die dystopische Trümmerlandschaft, die Muriel Gerstner entworfen hat, hat eine eigene, düstere Ästhetik, aber dem Märchenhaften der Geschichte verweigert sie sich.

Schauriges unter Tage

Das Stück geht auf eine wahre Begebenheit zurück: 1677 wurde im schwedischen Falun ein junger Bergmann am Vortag seiner Hochzeit bei einem Grubenunglück verschüttet. 50 Jahre später fand man seine durch Vitriol-Dämpfe konservierte Leiche. Seine Braut, nun eine alte Frau, hielt den jungen toten Bräutigam in den Armen. Diese schaurige Geschichte hat viele Schriftsteller inspiriert, Hebel, Novalis und schließlich E.T.A. Hoffmann. Der erfand die böse Bergkönigin, die den Bergmann in ihr Reich lockt und nicht mehr freigibt. Das war die Vorlage für das Stück des jungen Hofmannsthal. Der interessiert sich nun nicht mehr für die unerhörte äußeren Begebenheit, sondern nur noch für den Abstieg ins Bergwerk des eigenen Inneren.

Jossi Wieler Regie Muriel Gerstner Bühne Anja Rabes Kostüme Lars Wittershagen Musik Annette ter Meulen Licht Marion Tiedtke Dramaturgie Hildegard Schmahl Frau des Fischers / Ilsebill / Großmutter Edmund Telgenkämper Fischer / Pehrson Dahlsjö Sylvana Krappatsch Die Bergkönigin / Der Knabe Agmahd André Jung Der alte TorbernLea Ruckpaul Anna / Der Knabe Agmahd Marcel Kohler Elis Fröbom Im Reich der Bergkönigin: Sylvana Krappatsch, Lea Ruckpaul, Marcel Kohler © Ruth Walz
Elis, ein junger Matrose, (Marcel Kohler) verliert auf See seinen Vater und seinen geliebten Seelenfreund Ahmed. An Land zurückgekehrt ist auch seine Mutter verstorben. Nun ekelt es ihn vor der Welt und den oberflächlichen Menschen. Er sehnt sich nach der Tiefe, dem Abgrund. Da taucht ein geheimnisvoller alter Mann auf, (André Jung), der behauptet, er habe ihn gerufen, und führt ihn ins Reich der Bergkönigin. Elis ist hingerissen, aber sie schickt ihn wieder fort. Er muss sich als Bergmann verdingen und aus eigener Kraft zu ihr zurückkehren. Er trifft auf die junge Anna, Tochter des Bergwerksbesitzers, (Lea Ruckpaul) und verliebt sich in sie. Am Tag der Hochzeit ergeht der Ruf der Bergkönigin, er lässt Anna am Altar stehen und geht glücklich hinunter in den Stollen, der über ihm einstürzt.

Beobachter des eigenen Todestriebs

Dieses überbordende Drama des noch sehr jungen Hofmannsthal ist eine krude Mixtur aus Nietzsche, den Romantikern und sehr viel Goethe. Torbern und Elis sehen sich als Elite, sie verachten das oberflächliche Treiben der gewöhnlichen Menschen und suchen den kalten Rausch in den Abgründen der eigenen Seele. Elis ist auch eine Faust-Figur, aber anders als Faust will er nicht erkennen, was die Welt zusammenhält, er will zurück zu Geheimnis und Finsternis. Der Abstieg in den Darkroom der eigenen Seele dient nicht wie bei Freud der Aufklärung und Heilung, sondern der Rückkehr zu den alten Mythen. Dies alles ist in gebundener Sprache geschrieben, überhitzt, stellenweise schwülstig und völlig ironiefrei. Liest man es, hält man es für unspielbar, und der Versuch ist auch nicht oft gemacht worden.

Gerade das muss Jossi Wieler, einen Aficionado schwieriger Unternehmungen, gereizt haben. Und wirklich: es geht. Ohne unfreiwillige Komik, ohne Momente unerträglicher Schwülstigkeit. Das gelingt durch eine eigene Sprachbehandlung aus einer Art höflichen Distanz heraus. Die Schauspieler*innen trennen ein Gruppe Wörter durch kleine Pausen mitten im Satz ab und horchen ihnen nach, nicht der psychologischen Bedeutung, sondern dem Klang, analytisch, ohne Pathos und kühl. Besonders faszinierend ist das bei André Jung, der den alten Torbern spielt, aber auch Marcel Kohler als Elis beherrscht das brillant. Weil Elis nie heiß und leidenschaftlich ist, sondern ein interessierter Beobachter seines eigenen Todestriebs, macht es ihn sympathisch, aber nicht mitreißend – man begreift nur theoretisch, was ihn in die Tiefe zieht.

bergwerk2 560 ruth walz uFaszinierende Spracharbeit: André Jung, Marcel Kohler, Lea Ruckpaul @ Ruth Walz
Dabei sprechen die Schauspieler*innen die meiste Zeit für sich, es gibt kaum Spielszenen, körperlich sind sie fast immer mit dem Tragen und Schichten der Ziegel für den Wiederaufbau beschäftigt. Erst am Ende, alles ist schon zur Hochzeit vorbereitet, gibt es eine Sequenz, die eine hohe emotionale Kraft entwickelt: Elis erklärt Anna, welche Rolle sie für ihn und seine Heldenreise gespielt hat: die Bergkönigin hat die Verbindung eingefädelt, "damit ich meine dumpfen unbewussten Wünsche und meine irdische Sehnsucht ausschütten konnte hier auf dich". Während er ihr diese grausame Erklärung gibt: "Du bist der Stern, der fallen musste, um meinem Weg zu leuchten", hebt und dreht und handhabt er ihren kleinen Körper als wäre es eine Gliederpuppe, da schaudert es einen das erste Mal an dem Abend. Gleich darauf folgt der einzige schöne zwischenmenschliche Moment. Elis zieht die Großmutter (Hildegard Schmahl) in seine Arme, und tanzt mit ihr einen wunderschönen Walzer – sie versteht ihn, wie sie alles versteht, und tanzt aus ihren Armen direkt hinüber in die der Bergkönigin.

"Tritt nach!"

Die feine, elegante Behandlung macht den Text verdaulich, nobilitiert ihn aber auch. Es glättet die drastische Frauenverachtung, die zum elitären homoerotischen Strang gehört. Auf dem Schiff hatte Elis eine reine Liebesbeziehung zu dem jungen Ahmed, der ertrunken ist. Im Hafen trifft er auf Ilse Bill, eine Jugendgeliebte. Hildegard Schmahl verwandelt sich mit einem Haargummi als einzigem Requisit umstandslos und vollständig von einer alten Frau in ein junges schnoddriges Mädchen, ein beiläufiger Moment wahrer Schauspielerinnenmagie. Für Elis, der einmal in sie verliebt war, sind ihre Augen nur noch "glasig Zeug gefüllt mit Wasser, die Lippen rund wie Egel, geformt sich festzusaugen." Und Elis klagt: "Wie konnt' ich danach hungern, es ist doch über alle Maßen schal." Was hier Ekel vor der Oberflächlichkeit der Welt sein soll, ist in Wirklichkeit Ekel vor der sexuellen Frau. Es drängt sich eine sehr einfache Erklärung auf: vielleicht ist es ja mit den Frauen deshalb so schal und ekelhaft, weil sie nun mal nicht Elis' sexueller Präferenz entsprechen. Und vielleicht sind die dunklen, unaussprechlichen Abgründe im Bergwerk der Seele ganz schlicht das verbotene homosexuelle Begehren. Als der alte Torbern Elis abholt, um ihn endgültig hinunter zur Bergkönigin zu bringen, rät er ihm mit Bezug auf Anna: "Tritt nach!"

Jossi Wieler Regie Muriel Gerstner Bühne Anja Rabes Kostüme Lars Wittershagen Musik Annette ter Meulen Licht Marion Tiedtke Dramaturgie Mit André Jung, Marcel Kohler, Sylvana Krappatsch, Lea Ruckpaul, Hildegard Schmahl, Edmund Telgenkämper Das Ich als Baustelle im Bühnenbild von Muriel Gerstner © Ruth Walz

Am Ende greift Jossi Wieler aber doch als Regisseur in die Geschichte ein und rettet Anna im letzten Moment ganz so wie Goethe sein Gretchen gerettet hat. Anna, die auf den Bräutigam wartet, und doch schon weiß, dass er nie mehr kommen wird, zieht leise ihr Brautkleid aus, stopft es in die Löcher eines Ziegelsteins und benutzt ihn als Handtasche. Die blinde Großmutter, die hinter ihr steht, hört nur an ihrer Stimme, dass sich etwas verändert hat. Darunter trägt Anna eine Hose und eine feuerrote Bluse, die Farbe ihrer Oberteile ist vom ersten Akt bis zum Schluss immer intensiver geworden. Da steht sie nun, kalt und ernüchtert, aber immerhin aufrecht und nicht ohnmächtig zusammengesunken wie in der Stückvorlage, vorne an der Rampe. Hinter ihr stürzt das ganze Bauwerk wieder ein, nicht nur der Bergwerksstollen, das ganze düstere Patriarchat wird verschüttet. Anna steht da und schaut sich nicht mehr um.

Das ist ein schönes Bild – aber nicht durch das Stück beglaubigt, das man gesehen hat. So bleibt das Gefühl, ein rares, merkwürdiges und nicht recht geglücktes Stück Literatur erlebt zu haben. Dass es den Schauspieler*innen unter der hochmusikalischen Regie von Jossi Wieler gelungen ist, den Abend so interessant zu machen, ringt einem Bewunderung ab. Aber man bleibt doch ratlos und fragt sich, wozu.

 

Das Bergwerk zu Falun
von Hugo von Hofmannsthal
Regie: Jossi Wieler, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Anja Rabes, Musik Lars Wittershagen, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Marion Tiedtke.
Mit: Hildegard Schmahl, Edmund Telgenkämper, Sylvana Krappatsch, André Jung, Lea Ruckpaul, Marcel Kohler.
Premiere am 7. August 2021.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

"Ein Bühnengedicht" hat Egbert Tholl gesehen und schwärmt in der Süddeutschen Zeitung (9.8.2021): "Jossi Wieler hat ein Ensemble aus sechs Darstellerinnen und Darstellern zusammenkomponiert, die bei aller Individualität vereint sind im herrlichen Umgang mit dieser vordergründig aus der Zeit gefallenen Sprache, die sie durchaus ausstellen, vortragen, mit genau so viel Manierismus versehen, dass sie klingt und singt."

Mit seinem "erstklassigen Ensemble" hole Jossi Wieler "wirklich alles aus diesem Text heraus, der schwierig ist, dunkel und auch ein bisschen schwülstig, und dem können sie wirklich eine grosse Leichtigkeit geben und Faszination", sagt Andreas Klaeui im Schweizer Rundfunk und Fernsehen (8.8.2021). "Die Inszenierung ermöglicht die Begegnung. Sie macht dieses unfertige Stück vom unfertigen Hofmannsthal nicht runder, aber so rund wie möglich."

Eine "ungemein stimmige Inszenierung", eine eindrucksvolle Salzburger Theaterexpedition" hat Stephan Hilpold gesehen und schreibt in Der Standard (9.8.2021): "Gebückt und mit unruhigem Blick schleicht der alte Torbern des wunderbaren André Jung durch die Ziegelsteinwüste", "eindrucksvolle Zentralfigur" in diesem "abgründigen Zauberspiel", aus dem sich das Drama von der Sinnsuche unterschiedlicher Generationen schäle.45

Martin Lhotzky von der FAZ (10.8.2021) glaubt an ein Missverständnis. Zwar lobt er das Ensemble, die Inszenierung jedoch geht für ihn nicht auf. "Was nun soll das Ganze bringen?", fragt er am Ende seiner Kritik. "Man weiß es nach diesen ziemlich lang erscheinenden hundert Minuten auch nicht. Jedenfalls garantiert keine Wiederentdeckung des Faluner Bergepos. Hofmannsthal hat mit seiner Skepsis gegen das eigene Stück offenbar recht behalten."

"Was dem gut hundertminütigen und damit für so ein großdimensioniertes Stück (schüchtern?) kurzen Abend in erster Linie zu fehlen scheint, ist die Vielschichtigkeit, die sich für eine Tiefenbohrung in die Erde, in die Seele und eben auch in die Literaturgeschichte gehört. Was ihm nicht fehlt, ist Respekt gegenüber dem Text, ein Respekt, der sich als hinderlich erweist. Beides, der Mangel an Vielschichtigkeit und der Respekt, führen dazu, dass auf der Bühne am Ende an einer Oberfläche herumgescharrt wird", schreibt Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (8.8.2021). Es gelinge Wieler weder, Interesse für die Figuren noch für die Konstellation zu wecken.

Das Ringen mit der Tradition werde zum eigentlichen Thema dieser Inszenierung, so Florian Baranyi vom ORF (8.8.2021). "Eine schlüssige gegenwärtige Lesart der Hoffmannsthal-Rarität wollte sich aus der Summe der starken schauspielerischen Einzelleistungen und dem fantastischen Bühnenbild aber nicht ergeben. Der in der Inszenierung stark gekürzte und verdichtete Text hätte beispielsweise durchaus Angebote in Form von Wetterereignissen gemacht, die ins heute gehoben werden hätten können. Und Anlagen gehabt, mit denen man die Dynamik der Geschlechterbilder zwischen Romantik (Hoffmann), Fin de Siecle (Hoffmannsthal) und Gegenwart noch intensiver zum Thema machen hätte können."

"Alle Figuren brillieren mit Hofmannsthals wunderbarer Sprache, dem eigentlichen Glanzpunkt dieser Aufführung, jede Figur entwickelt eine eigene Sprechmelodie, die reich mit Farben unterfüttert wird. Man hört ein frühes Meisterwerk eines Dichters, der im Laufe seines Lebens, ob als Librettist oder für seine eigenen Sprechstücke, die Sprache als deutliche Konturierung genutzt hat", schreibt Eva Halus in den Salzburger Nachrichten (9.8.2021).

Hofmannsthal habe in diesem frühen Stück mit Stilen herumprobiert, schreibt Barbara Petsch von der Presse (9.8.2021). "Durch dieses Bergwerk irrt ein heller Geist, der dunkel weiß, wo er hinwill. Die Technik des Gefährts, mit dem er unterwegs ist, scheint aber noch nicht ausgereift zu sein." Und weiter: "Neunzig Minuten lang schuftet ein erlesenes Ensemble mit Mikroports, um diese weit verzweigte Geschichte plausibel zu gestalten: Glasklar und verständlich in der Sprache, die aber keineswegs die Fantasie der großen Hofmannsthal-Werke entfaltet."

 
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