Ein Land ohne Großmütter

von Valeria Heintges

Zürich, 22. August 2021. Das Plakat steht direkt am Ufer, links und rechts davon genießen Pärchen und Familien auf mitgebrachten Decken den Sonnenuntergang. "They stole our money and hid it in Swiss Banks" steht in Sichtweite auf dem Plaket in Großbuchstaben. "They knew" nennt die libanesische Performancekünstlerin Tania El Khoury ihre Arbeit. Die wirtschaftliche Elite wusste, warum sie kurz vor der Währungsabwertung sehr viel Geld außer Landes brachte. Und die Regierung ihres Landes wusste, dass hochexplosives Material am Hafen in Beirut gelagert wurde. Die Explosion am 4. August 2020 tötete mindestens 207 Menschen, verletzte über 6.500 und zwang mehr als 300.000, ihre Wohnungen zu verlassen.

An Ort und Stelle

El Khourys Plakat ist eine von 14 Arbeiten, die unter dem Titel "Not standing in place" auf Einladung des britischen Künstlers und Theatermachers Tim Etchells und der kroatischen Bildenden Künstlerin Vlatka Horvat für das Zürcher Theater Spektakel entstanden. Sie stehen verteilt über das gesamte Gelände auf der Zürcher Landwiese. Auch auf der zentralen Grünfläche, die dieses Jahr aber nicht mit der Freiluftbühne für die Straßentheatergruppen bestückt wurde. Eines von vielen Zeichen, dass die globale Pandemie auch dieses Jahr das Festival prägt.

Wie soll man mit internationalen Künstlern planen, wenn man nicht weiß, wer wann wohin wird reisen dürfen? Man sei bei der Programmplanung auf Kontakte angewiesen gewesen, berichtete der künstlerische Leiter Matthias von Hartz der Neuen Zürcher Zeitung. So sei das Programm zustandegekommen.

Viele Arbeiten finden in reduzierter Form statt, oder hybrid, wobei der Begriff hier alle Formen und Mischformen von Präsenz und Nichtpräsenz meinen muss. So sitzt Royce Ng für "Presence" in Hongkong, während eine Schauspielerin stellvertretend für ihn agiert. Marion Siéferts "_jeanne_dark_"-Projekt findet live auf Instagram statt, und das Zürcher Theater Hora zeigt seinen "Planet Hora"-Science-Fiction-Film auf großer Leinwand und später im Stream.

Dorothée Munyanezas "Mailles"

Einige Formate wie die Spielorte in der Stadt wurden vom letzten Jahr übernommen, als das Theater Spektakel nur sehr, sehr reduziert Spielstätten auf der Landiwiese nutzen konnte. Da ist dieses Jahr schon viel mehr möglich, vor allem auch in Sachen Gastronomie. Was Familien und Flanierende erfreut, wie die vielen Picknickdecken am Samstagabend beweisen. Draußen dürfen alle schauen, aber nur wer getestet, geimpft oder genesen ist, darf die Theaterhäuser betreten. Die seien nur zu zwei Dritteln belegt, hatte von Hartz gesagt. Wenn man maskenlos in Räumen sitzt, die dem Augenschein nach fast bis auf den letzten Platz besetzt sind, befremdet diese Aussage etwas.

Das Befremden findet deutlichen Widerhall auf der Bühne. Etwa in "Mailles", der Performance der ruandisch-britischen Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin und Choreografin Dorothée Munyaneza. Sechs Frauen zeigen eine fremde Welt, deren Sprache und Chiffren nur mühsam zu entziffern sind. Weil die Texte so schnell gesprochen werden, dass das Übersetzungsband kaum hinterherkommt. Weil sie von fremden Kulturen erzählen und von Lebenswegen über fünf Länder hinweg. Weil Sprachen wie Kinyarwanda genutzt werden. Erst die Internetrecherche übersetzt das englische Wort als Bantusprache Kinjaruanda oder Ruandisch.

Munyaneza2 560 ChristianAltorfer uStarke Bilder: "Mailles" erzählt von sechs Frauen und ihren verflochtenen Lebensläufen © Christian Altorfer

Auch die Geräuschwelt ist irritierend und fremd. Die Laufschrift beschreibt sie als Maschinengeräusche oder als "elektrisches Surren und Quietschen". In dieser Performance, halb Gesang, halb Tanz, muss man sich die Puzzleteile zusammensammeln. Hier ein Stepptanz, schnell und wild, dann fast erstarrt und langsam. Dort ein Lied auf Kinjaruanda – melodisch einfach, aber höchst eindringlich die Klage einer Einsamen, die eine helfende Hand, einen stützenden Arm sucht.

Kräftig und klar die Tänze mit und um Glocken. Sie tönen hoch und tief, werden schnell und langsam geläutet, aber auch wie Stäbe geschwungen und klingen – mit kräftigem Ruck auf die Erde gestellt – wie Schlagzeug. Sie sei Teil einer Mangrovenfamilie, sagt eine Frau, lebe zwischen Wasser und Festland, fände Halt nur auf Inseln. Sie sei aufgewachsen in einem Land, in dem Großmütter in Erzählungen nicht vorkommen, weil nur Männer zählen. Starke Bilder wie diese hallen überraschend lange nach.

Mapa Teatros "La Balsada"

Das Schweizer Geschwisterpaar Rolf und Heidi Abderhalden arbeitet sich als Theaterkollektiv Mapa Teatro tief in die kolumbianische Geschichte ein und war mit den Ergebnissen bereits mehrfach auf dem Theater Spektakel zu sehen. Dieses Jahr werden sie "La Despedida" zeigen, das schon eine Weile um die Welt tourt. Und die Performance "La Balsada", die sich sehr harmonisch ans Zürcher Seeufer anschmiegt. Der Abend zeigt auf dem Zürisee einen Teil der Bootsparade, die sonst auf dem Fluss Guapí vor der gleichnamigen kolumbianischen Kleinstadt stattfindet.

Einem spektakulär beleuchteten und mit Goldlametta behängten Boot entsteigt ein Mann mit weissem Spitzenkleid und gruselig blutverschmierter Gesichtsmaske. Er schwingt eine Peitsche, doch wird die bald abgelöst von den Klängen des Akkordeons, die Juan Ernesto Díaz spektakulär, aber komplett schmerzfrei in die Nacht peitschen lässt.

MAPA Teatro laBalsada1 560 ChristianAltorfer uViel Lametta: das Bootsausflugs-Reenactment "La Balsada" vom Mapa Teatro auf dem Zürisee © Christian Altorfer

Vorbild dafür ist das Fest "Los Santos Inocentes", die unschuldigen Heiligen, von dem parallel in einem Dokumantarfilm erzählt wird. Der Film zeigt eine kultulturelle Aneignung unter umgedrehten Vorzeichen, wenn schwarze Männer in Frauenkleidern und mit hellhäutigen Fratzengesichtern durch die Strassen jagen und mit ihren Peitschen schlagen. Sie reagieren mit dieser Mischung aus Gewalt und Fest auf Sklaverei und Kolonialismus in der Geschichte und Rassismus bis in die Gegenwart. Zuweilen treffen ihre Peitschen andere Menschen, die sich dann mit schmerzverzerrten Gesichtern abwenden, so die Filmbilder. "Man muss hier leben, um diesen Schmerz zu genießen", sagt einer darin.

MAPA Teatro laBalsada2 560 ChristianAltorfer uIm Mondschein: "La Balsada" am Zürisee beim Theater Spektakel © Christian Altorfer

Auch am Zürisee wird in der Performance eine Peitsche geschwungen. Vier weitere Gestalten gehen vom Boot an Land.  Unter ihren voluminösen Tüllgewändern kommen Umhänge zutage, deren bunte Lamettastreifen sich optisch höchst eindrucksvoll ebenfalls durch die Luft peitschen lassen. Ein Reenactment der besonderen Art, das so ohne Kontext auf Dauer doch in ein folkloristisches Happening kippt. Daran ändern auch die weiterhin zu sehenden Originalaufnahmen wenig.

Martin Zimmermanns "Danse Macabre"

Eine Aneignung der viel, viel schwierigeren Art ist die Arbeit von Martin Zimmermann, der ein Dauerabonnement fürs Zürcher Theater Spektakel zu haben scheint. Viele Jahre mit seinem Duopartner Dimitri de Perrot, der mit einer Klanginstallation vertreten ist. Dauergäste ermöglichen den Zuschauenden Vergleiche – da zeigt sich, dass Zimmermann in "Danse Macabre" Altbekanntes versammelt: Akrobatik von der Gummifrau Methinee Wongtrakoon. Slapstick und Groteske. Und ein spektakuläres Bühnenbild, das zu oft in die Wiederholungsschleife gerät. Dieses Mal ist es ein Haus, das hin- und herwippt und vieles ins Rutschen bringt.

Schlimmer aber wiegt, dass die Produktion mit beiden Beinen in alle Fettnäpfchen gesprungen ist, die aktuelle Diskussionen bereitstellen. Da wirft der bärtige Tarek Hallaby schmerzverzerrt seine po-langen Haare in die Luft, bis aus seinem Schwangerschaftsbauch erst ein Polsterwürfel und später ein Pullover auf die Welt kommt. Später wird er verprügelt, aber auch hier ist letztlich alles dem Slapstick untergeordnet. Als gäbe es keine Genderdebatte und nicht ähnliche Szenen in viel zu vielen Ländern dieser Welt.

Da hilft es auch nicht mehr, dass sich Hallaby hinterher als "Woman of the Universe" bezeichnet. Noch befremdlicher aber, dass Zimmermann sein Stück auf einer Mülldeponie spielen lässt. Das ist abgeschmackt, auch dort, wo nicht gleich nebenan Künstler aus brutal armen Ländern wie Mosambik oder Ruanda aus ihrem Leben berichten. Zimmermann feiert das Setting romantisierend-ignorant als Sammelstelle für merkwürdige Menschen. Martin Zimmermann tritt übrigens selbst als Skelett auf. Auch das kann man dramaturgisch nur als höchst unausgegoren bezeichnen.

 

Zürcher Theater Spektakel 2021

Mailles
Konzept: Dorothée Munyaneza, Künstlerische Zusammenarbeit: Stéphanie Coudert, Szenografische Beratung: Vincent Gadras, Musik: Alain Mahé, Ben Lamar Gay, Alex Inglizian, Dorothée Munyaneza, Soundkonzept: Alain Mahé, Lichtkonzept: Christian Dubet.
Mit: Ife Day, Yinka Esi Graves, Asmaa Jama, Elsa Mulder, Nido Uwera, Dorothée Munyaneza.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

La Balsada
von Mapa Teatro
Konzept & künstlerische Leitung: Heidi Abderhalden, Rolf Abderhalden, Bühnenbild: Pierre Henri Magnin, Kostüme: Elizabeth Abderhalden, Musik, Sounddesign: Juan Ernesto Díaz, Livemusik: Juan Ernesto Díaz, Miguel Molina, Video: Ximena Vargas, Kamera: Heidi Abderhalden, Lucas Maldonado, Schnitt: Luis Antonio Delgado.
Mit: Heidi Abderhalden, Agnes Brekke, Andrés Castañeda, Julián Díaz, Miguel Molina, Santiago Sepúlveda.
Dauer: 1 Stunde, Videofilm vor und während der Aufführung

Danse Macabre
Konzept, Regie, Choreografie: Martin Zimmermann, Kreation Musik: Colin Vallon, Dramaturgie: Sabine Geistlich, Bühnenbild: Simeon Meier, Martin Zimmermann, Künstlerische Mitarbeit: Romain Guion, Kostüme: Susanne Boner, Martin Zimmermann, Lichtdesign: Sarah Büchel, Sounddesign: Andy Neresheimer.
Mit: Tarek Halaby, Dimitri Jourde, Methinee Wongtrakoon, Martin Zimmermann.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterspektakel.ch

 

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