Wie eine Raupe, die sich häutet

von Stephanie Drees

9. September 2021. Vieles stimmt nicht in diesem Bild. Der Hals ist viel zu kurz und etwas zu breit, die Farbe des Fells, dunkle Punkte auf hellem Untergrund. Das Tier auf dem Bild des georgischen Malers Niko Pirosmani könnte auch ein Fabelwesen sein, doch vor allem ist es das Ergebnis einer Vorstellung: So sah er eine Giraffe vor seinem geistigen Auge, gehört hatte er von diesen Tieren, aber wie sie wirklich aussehen, wusste er nicht.

Cover Salzmann AllesimMenschenMussHerrlichSeinFamilientreffen mit Perestroika-Zombies und Schnaps

"Pirosmani sagte ja nicht: So ist es, sondern: So, denke ich, könnte es sein", erklärt Dea im Club. Die Giraffe ist auf Deas Körper tätowiert, ein Sinnbild dafür, wie sehr uns unsere inneren Bilder, unsere Konstruktionen der Wirklichkeit prägen, sich in uns hineinfressen. Dea wird für Edi von der Online- zur Club- und dann zur Bettbekanntschaft, Stunden, bevor Edi zur großen Geburtstagsfeier in den Räumen der jüdischen Gemeinde von Jena fährt. Ihre Mutter, Lena, wird 50. Da wird sie wieder auf sie treffen, auf diese "diktaturgeschädigten Jammerlappen" und "Perestroika-Zombies", denkt sie, als Sich-Drücken noch eine rotierende Möglichkeit im Kopf ist.

Natürlich fährt sie dann doch – dorthin, wo die Zeit in den Köpfen stillzustehen scheint, wo der Onkel ihr seine Meinung über den russisch-tschetschenischen Konflikt als die eine Wahrheit verkaufen will. So klar wie der Schnaps, der durch ihn hindurchfließt. Sie fährt mit der todkranken Schicksalsfreundin der Mutter, Tatjana, die – wie sollte es anders kommen – auf diesem Frauen-Roadtrip Teile ihrer Geschichte auspackt.

Die Giraffe, die auf der Haut des One-Night-Stands lebt, nimmt Edi im Geiste mit. Als eine kleine, gewitzte Kurzhals-Epiphanie wird sie ihr immer wieder erscheinen, der nicht-lebendige Hinweis darauf, dass die eigene Ordnung der Dinge auch immer Vorstellung ist, gebaut aus dem, was wir sehen und nicht sehen, gehört haben und glauben. Und zu glauben meinen.

Aus- und Einwanderungsgeschichten

Vier Frauen. Es ist ein großer Bogen, den die oft ausgezeichnete Dramatiker*in und Schriftsteller*in Sasha Marianna Salzmann in ihrem zweiten Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" schlägt, zeitlich, räumlich, erzählerisch. Vier Frauen, deren Leben miteinander verbunden sind. Lena, ihre Tochter Edi, Tatjana und deren Tochter Nina. Die Geschichte beginnt in der Ukraine, zu Zeiten von Perestroika und Glasnost, dem Aufstieg von Michail Gorbatschow und dem Untergang eines Systems, einer Weltordnung, in die Lena und Tatjana Ende der 1960er-Jahre hineingeboren wurden.

Die Sowjetunion zerfällt, ihr Land zerfällt. Beide werden es Mitte der neunziger Jahre verlassen, die eine, Lena – die vielschichtigste Figur, der wir über weite Lebenstrecken folgen – ermüdet von Alltags-Korruption, Anpassungsdruck und Angst davor, nicht schnell genug Bargeld auftreiben zu können, um die Ärzt:innen zu bestechen, wenn ihr Säugling mit Pseudo-Krupp ins Krankenhaus kommt. Trotz des Lebens, das sie führt: mit großer Wohnung, als Dermatologin auf der von westlichem Patient:innen-Verkehr geldbelebten Privatstation.

Tatjana wird einem Mann nach Deutschland folgen, der sich nach und nach vom personifizierten Westeuropa-Traum, einem "Businessman", zum bereits verheirateten Lügner und Kleinkriminellen enthüllt. Lena wird Tatjana helfen, in diesem neuen Land an- und klarzukommen. Doch das ist keine große Sache, ihr Zusammentreffen wird im Text fast beiläufig erwähnt, was Teil eines der starken, narrativen Kniffe dieses Buches ist.

Puzzleteile der Identitäten

Der Roman lässt uns situativ in die Köpfe seiner Figuren schauen, uns mit der detailgenauen Beobachtungsgabe ihrer Protagonist:innen deren individuelle, fragmentierte Lebensrealität erleben. Einmal gleitet die Erzählposition von der personalen sanft in die Ich-Perspektive. So wird auch Tatjana, zunächst Gefahr laufend, ihrem eigenen Klischee zu erliegen, plastisch, ihre Geschichte nachvollziehbar. Vieles in diesem Buch lässt sich als Plädoyer für eine Form des intersubjektiven Erlebens lesen, vielleicht macht vor allem das es – auch – zu einem feministischen Roman.

Darüber entsteht außerdem subtiler Humor. Natürlich schauen die in Deutschland aufgewachsenen Töchter mit Unverständnis auf die Leben der Mütter, auf deren inneres Zusammenspiel von Geschichtsprägung und Geschichtslosigkeit. Vieles in ihnen hallt aber exakt so nach, wie es in den Müttern einst nachgehallt hat. Es läge nahe, die Figuren als Spiegelungen der jeweils anderen zu deuten, in der zurückgezogenen und gleichsam hochgradig wachen Nina die gleichsam rebellische und stille Aljona wiederzuerkennen, Lenas erste große Liebe im sozialistischen Ferienlager. Nina, eine Autistin und messerscharfe Beobachterin, glaubt, sie habe sich eh allem Familienirrsinn entzogen, bis dieser buchstäblich wieder in ihr Leben hereinbricht. Ihre Vogel-Perspektive auf die Dinge bildet die erzählerische Klammer des Romans.
Die Puzzleteile dieser Identitäten gleichen sich zwar, ihre jeweils spezielle Anordnung verhindert aber auch vieles – vor allem die Kommunikation untereinander.

Absurdität, Sinnlichkeit, Plastizität

Wo liegt sie, die Wahrheit? Es muss doch die eine, die "richtige" Perspektive geben – und auch wenn alle Protagonistinnen wissen, dass es sie eben nicht gibt, sind sie doch auf ihre Art auf der Suche nach ihr. Sei es in der Auseinandersetzung mit der viel beschworenen Herkunft, oder der (vermeintlichen) Ablehnung von ihr. Salzmanns Roman findet sich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, Geschichten über Wurzeln und Verwurzelung stehen hoch im Kurs des derzeitigen deutschen Literaturbetriebs.

Abgesehen davon gibt es andere Argumente für eine Preiswürdigkeit des Romans, greifen Stoff, Struktur und Tonfall nämlich über weite Strecken wunderbar ineinander, auch wenn Salzmann ihre Zuneigung für metaphorische Bedeutungsschwere hier und da etwas sparsamer hätte ausleben können. Etwas dickflüssig gerät diese zum Beispiel, wenn Wassili, der über weite Strecken eher verstockte Kurzzeit-Verlobte von Lena, unvermittelt über die Meeresoberfläche spricht, als sei sie der mit "Gänsehaut überzogene Bauch einer riesigen Echse". Alle Figuren denken permanent in Vergleichen, nicht alle gelingen.

Sprachlich stark sind Passagen, in denen Absurdität, Sinnlichkeit und Plastizität zueinander finden, manchmal in kurzen, scharfen Sätzen, manchmal in Sprachbildern. "Über ihren Köpfen häutet sich unaufhörlich eine Raupe, und sie wissen immer noch nicht, was am Ende zum Vorschein kommt", denkt Nina über ihre Verwandten und deren Verhältnis zur Ukraine. Sasha Marianna Salzmann hat mit diesem Buch eine besondere Form des politischen Familienromans erfunden.

Im Menschen muss alles herrlich sein
von Sasha Marianna Salzmann
Roman, Suhrkamp, 384 Seiten, 24 Euro
www.suhrkamp.de

 

 
Kommentar schreiben