Ein Geretteter stalkt seine Retterin

von Jens Fischer

Hamburg, 18. September 2021. Alles so schön finster auf der Bühne, die bis auf einige Stühle und Instrumente leer ist. Aber vorsichtig hineintasten ist nicht angesagt, es geht sofort mitten ins Herz der Verzweiflung. An der Rampe steht Paul Behren und gibt mit flirrender Sensibilität den empfindsamen Teenager Adam Henry. Gerade hat er das Todesurteil erhalten, Diagnose: Blutkrebs. Während sich die Welt um ihn langsam auflöse, sagt er, toben reflexartig die Warum-ich-Fragen durch seinen Kopf. Vielleicht brauche Gott dich, so habe die Mutter versucht, seinem Schicksal einen Sinn zu geben. Adam selbst zerfließt in Angst vor Mitleid, Berührung und vor dem eigenen Körper.

Er zittert, er strahlt, er fiebert. Und nimmt dabei mit rasend eloquenter Intelligenz für sein Leid ein. Aber handelt es sich wirklich um ein Dasein zum unmittelbaren Tode? Nein. Mit Bluttransfusionen könnte Adams Leben verlängert werden. Aber er selbst und seine Eltern lehnen das ab. Als Zeugen Jehovas sind sie der Überzeugung, der rote Saft dürfe als Essenz des Lebens nicht vermischt werden, das würde die Seele verunreinigen. Prompt rufen die behandlungswilligen Ärzte ein Gericht an. Angeklagt ist der Glaube, Ankläger die Vernunft.

Vernunft gegen Glaube

Ian McEwan hat der Realität diesen Fall abgeschaut und zu einem literarischen Diskurs über den Konflikt zweier Wertesysteme genommen. Wider das sachlich Dröge sind publikumswirksame Handlungselemente mit dem "Kindeswohl" verwoben. So ist die deutsche Ausgabe der etwas ausufernden Novelle betitelt.

Dass Hamburgs Schauspielhausintendantin Karin Beier als Regisseurin der deutschsprachigen Erstaufführung nach dem eindrücklichen Anfangsmonolog in die Falle der McEwan-Marotten tappt, das überrascht. Vor allem, dass sie immer wieder lang und schlapp Szenen einer erodierenden Ehe auf der Bühne hebt, die zur Wahrheitsfindung im Haupthandlungsstrang nichts beitragen.

Kindeswohl 1 MatthiasHorn uZwischen Vernunft, Glaube und Krebs-Diagnose: Julia Wieninger, Jan-Peter Kampwirth, Paul Behren in "Kindeswohl" © Matthias Horn
Dort ist Fiona Maye (Julia Wieninger) die Hanna-Dampf in allen kniffligen Kindeswohlgefährdungsfällen und übernimmt als Richterin auch Adams Fall. Daheim aber tigert sie erstmal wie ein hospitalisiertes Zootier herum. Hat ihr Gatte doch seine Konsequenz aus beider Aneinandervorbeileben verkündet: Er will eine Affäre auskosten.

Reichlich klischeehaft geht’s weiter: langjährige Ehe, Überarbeitung, erschlaffte Zuneigung, alternde Körper, unerfüllte Wünsche und Erwartungen. All das macht die einander Entfremdeten zu zornig Getriebenen mit schlechtem Gewissen. Ausbruchsversuche hier, noch tieferes Stürzen in die Arbeit dort. Funktionierende Angebote sind das fürs Kenn-ich-Gelächter im Publikum.

Wunsch nach Selbstbestimmung

Aber zurück ins Schwarze. Inhaltlich pointiert und atmosphärisch dicht gelingt es Beier, Beweisaufnahme, Anwaltplädoyers und Zeugenbefragungen der Gerichtsverhandlung mit einem Gespräch zwischen der unterkühlten Fiona und dem famos schlaubergernden Adam zu collagieren. Ferdinand von Schirach hätte mit juristischer Eiseskälte für ein solches Gerichtsdrama, das auch ein bisschen "Gott"-Drama ist über selbstbestimmtes Sterben, die Konfrontation von Anklage und Verteidigung messerscharf zugespitzt.

Kindeswohl 3 MatthiasHorn uAn harten Argumentationsfronten: Julia Wieninger, Paul Herwig in Karin Beiers "Kindeswohl" © Matthias Horn

Bei Beier/McEwan kommen Argumentationslinien, Rhetorik und Faktenlage etwas beiläufiger über die Rampe. Ratzfatz fällt Fiona in diesem juristischen Lehrstück allerdings ihr Urteil: Der Junge müsse vor seiner Religion und sich selbst geschützt werden, seine Würde, unbehelligt nach den Regeln der Eltern sterben zu dürfen, sei weniger wichtig als sein Leben. Wir aufgeklärten Westeuropäer nicken da sofort. Nur die Begründung für das Urteil fehlt.

Oder Einhalt gegen Querdenkerei?

Naturgemäß ist es zum Wohl des Kindes besser, wenn es weiterlebt. Aber wann darf die Obhutspflicht des Staates die Interessen der Eltern außer Kraft setzen, sich in ihren Kindern zu verwirklichen durchs Lehren, was sie tun und glauben sollen? Der Anwalt von Adams Eltern wirft ein, Fiona erhebe sich über Menschen mit anderen Lebenskonzepten, um im Namen des Kindeswohls der Querdenkerei einer religiösen Sekte Einhalt zu gebieten. Mit Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hat das kaum etwas, mit Leitkultur sehr viel zu tun. Aber leider geht dieser weiterführende und höchst aktuelle Aspekt auf der Bühne genauso unter wie in der Vorlage. Die Beier lieber brav weiter nacherzählt.

Nach der scheinbaren Lösung des blutigen Konflikts folgt dramentheoretisch die Katastrophe. Der Dank Fionas Rechtsspruch geheilte Adam stalkt seine Retterin. Er hat sich von den Eltern und ihrer Religion losgesagt und sucht nun bei ihr Halt, Wärme, Sinn und Geleit. Sucht eine Ersatzmutter. Fiona ist fasziniert, geschmeichelt und interessiert, changiert dabei verwirrt zwischen Liebhaberinnen-Gefühlen und mütterlichen Anwandlungen für das Kind, das sie nie hatte. Die Finger der beiden berühren sich, es folgt ein Kuss – und schon schmeißt sie ihn raus. Etwas später ist er tot. Hat wohl in suizidaler Absicht eine weitere Transfusionsbehandlung erfolgreich verweigert.

Endloser Eheclinch

Plötzlich versteht Fiona die Moral von der Geschicht': Jede Entscheidung für oder gegen etwas hat Folgen, für die die Entscheiderin die Verantwortung mittragen muss. Fiona weckte Adams Lebenslust – und ließ ihn dann allein. Nun fühlt sie sich schuldig ohne Möglichkeit auf Sühne.

Gespielt wird mit solch sprachlicher und emotionaler Präzision, dass es eine Freude ist. Gelungen auch, das Geschehen mit Poesie und Musik anzureichern. Zusammengeführt werden die Klangakzente schließlich zu einer Art Requiem für Adam. Zum Piano-Cello-Violinen-Trio gesellt sich das Ensemble mit eigenen Instrumenten und Fiona singt mit versteinertem Antlitz das Schlussstück Rilkes: "Der Tod ist groß …"

Ein wunderbar kunstvolles Finale. Das Beier allerdings vollends ruiniert, indem sie nicht abblendet, sondern Fiona nochmal in den Ehe-Clinch schickt und endlos Schuldvorwürfe und Selbstanklagesätze exzessiv ausgestalten lässt. Was eben noch tragisch war, kippt ins Pathos. Alles so schön finster hier.

Kindeswohl
von Ian McEwan
nach dem Roman "The Children Act", von Karin Beier und Sybille Meier adaptiert
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Astrid Klein, Komposition: Jörg Gollasch, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Paul Behren, Yorck Dippe, Paul Herwig, Christoph Jöde, Jan-Peter Kampwirth, Julia Wieninger. Musiker:innen: Bendix Dethleffsen, Michael Heupel, Swantje Tessmann.
Premiere am 18. September 2021
Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 


Kritikenrundschau

"Viel wird hier verhandelt. Keine leichte Kost, kein praller Theater-Abend – aber einer, der klug viele Fragen stellt", berichtet Katja Weise vom NDR (20.9.2021) über diesen Schauspielhaus-Abend. Im Zentrum stünden Fragen wie: "Steht Recht über Glauben? Wer darf wann über die Rechte von Kindern und Jugendlichen entscheiden? Und wie ist das Kindeswohl dann zu definieren?" Dabei mische Karin Beier "geschickt Emotion und Debatte, manchmal allerdings fühlt man sich wie bei Ferdinand von Schirach im Gerichtssaal. Trotzdem vermag die Inszenierung fast durchgehend zu fesseln, so fein ist sie gebaut; wechselt immer wieder Tempo und Temperament."

"Kindeswohl ist ein moralisches Experiment", schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (19.09.2021, 16:34 Uhr). An dem unweigerlich auch das Publikum teilnehme und im Laufe des "dichten Abends" mehr als eine Position einnehme. "Die Stärke des konfliktreichen, aber kein Risiko eingehenden Abends, der in manchen Momenten ein wenig von sich selbst ergriffen zu sein droht", liege zum einen im psychologischen Spiel eines "hervorragenden Ensembles". Zum anderen in der Überlagerung der Handlungsebenen, die im Gesamtbild Tiefe ergäben. So rette beispielsweise "die voll ausgekostete Lächerlichkeit des Midlife-Crisis-Themas" die "Überhöhung des Schmerzes" vor Larmoyanz. "Großer Applaus für einen sauberen, konzentrierten Theaterabend", in dessen Zentrum das Spiel der "kraftvollen" Julia Wieninger stehe.

Das Stück verhandele ethische und moralische Fragen und stupse an aktuelle Konflikte, ohne die Reizworte ("Impfen", "Corona") zu verwenden, hält Heiko Kammerhoff in der Hamburger Morgenpost (20.9.21) fest. "Regisseurin und Intendantin Karin Beier stellt die Konflikte pointiert und sehr elegant aus. Vor allem der Einsatz der Musik ist außerordentlich effektiv: scheinbar beiläufig aber atmosphärisch zentral." erkennt der Rezensent an. So seien die zwei Stunden "eine beherzte, durchaus unterhaltsame Auseinandersetzung mit schwierigen Fragen".

Starke Zweifel, ob man McEwans Novelle ein Statement zur Impfdebatte abringen muss, hegt Michael Laages im Deutschlandfunk (19.9.21). "Der Text steckt voller brillianter Diskussionen um Selbstbestimmung und Vernunft, vor allem aber über das Recht dazwischen." Beiers Team bleibe eng am Text, füge nur geschickt "die teils abweichenden heimischen Rechtsnormen." Familiengeschichten würden ordentlich und pointiert erzählt und ergäben ein "fein gewebtes Kammerspiel." Dennoch wirke das Drama harmlos banal und alltäglich. Ob da nicht noch mehr Theatermut möglich gewesen wäre, fragt sich der Kritiker.

"Mit leichter Regie-Hand bringt Karin Beier die schweren Themen zusammen, leuchtet Positionen aus und deutet Kontroversen an; insgesamt lädt der Abend zwei Stunden lang zum Mitdenken ein, ohne eindeutige Antworten vorzugeben", lobt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.9.2021). "Das Ensemble glänzt immer wieder mit unerwarteter Komik am Rande des Abgrunds."

 
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