Ein Kostüm für die Ewigkeit

von Steffen Becker

Mannheim, 18. September 2021. Wir Deutsche – also wir "echte Deutsche", Sie wissen schon – lieben Geschichten von dankbaren Migranten, die erzählen was UNSER Land ihnen Tolles beschert hat. Die Schauspieler des Nationaltheaters Mannheim drehen in der Aufführung von "Herkunft" den Spieß um. In der Bühnenfassung des Buchs von Saša Stanišić erzählen sie von dessen Flucht als Kind vor den Jugoslawienkriegen. 

Eine Geschichte des Publikums

"Wären die Zustände an den Grenzen '92 so restriktiv gewesen wie heute, würden wir an einem EU-Stacheldrahtzaun in Ungarn scheitern, und sie müssten heute Abend den Besuch der 'Alten Dame' sehen." Das sitzt. Ist aber kein Originaltext. Der war ja für den Deutschen Buchpreis und nicht für die Bühne. Regisseurin Johanna Wehner hat ihn stark bearbeitet und lässt das die Schauspieler auch öfters betonen ("das ist jetzt kein Originaltext"). Sie will das Stück stattdessen zur Geschichte des Publikums machen. Die Frage von Stanišić' Vater "welche Gegenstände mir so wichtig sind, dass ich ohne sie nicht sein kann auf womöglich einer langen Reise", lässt sie uns stellen. Eine Reaktion erhalten die vier Darsteller trotz hartnäckigem Bemühen nicht.

herkunft1 christian kleiner uDie Tankstelle im Niemandsland: Matthias Breitenbach, László Branko Breiding, Patrick Schnicke, Christoph Bornmüller © Christian Kleiner

Die ehrliche Antwort des Publikums wäre wahrscheinlich Smartphone. Aber das fanden wir ja umgekehrt bei den Flüchtlingen, die ab 2015 als Rechtfertigung für Ungarns Stacheldraht herhalten mussten, sehr suspekt. Und schon ist man als Publikum irritiert ob des Perspektivwechsels – aber auch drin im Abend. Der findet auf einer Bühne statt, die einer Tankstelle im Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund nachempfunden ist. Einem Ort, der in den 90ern die "innere Schweiz" der Stadt war, "die soziale Einrichtung, die sich für unsere Integration am stärksten einsetzte. Auf dem Parkplatz lernten wir voneinander falsches Deutsch und wie man Autoradios wieder einbaut." (Sie wissen, was gemeint ist?!).

Die Mafia-Oma erzählt

Die Tanke ist die meiste Zeit der Inszenierung nur da, als Kulisse und Symbol. Aber wenn, dann bezieht die Regie von Johanna Wehner sie ausgesprochen subtil ein – etwa, wenn in der Erzählung über das Erstellen von Listen über Nationalität und Religion am Vorabend des Bosnienkrieges die Kinder ihre Angaben wechseln und wie beiläufig einer der Schauspieler die Tankstutzen vertauscht. Den Schauspielern gibt Regisseurin Wehner die Aufgabe, alles und alle zu sein: der Erzähler Stanišić, seine Eltern, die demente Mafia-Oma, deren Erinnerungen er sammeln will, sie selbst in ihrer Funktion als Schauspieler, als Antizipierende ihres Publikums.

herkunft2 maximilian borchard uSchillernd können alle alles sein: László Branko Breiding, Christoph Bornmüller, (Matthias Breitenbach) © Maximilian Borchard

Ihr schillerndes Outfit - Glitzer im Haar und ausgefallene Klamotten - spiegelt die Definition von Herkunft im Text als "eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist." Und im Fall der Fremden natürlich auffällig sein muss, um sie von den "Normalen" unterscheiden zu können. Die Schauspieler agieren dagegen nach dem Motto, dass jeder alles sein kann und doch Teil des Ganzen ist. Die Rollen wechseln teils mitten im Satz.

Fatalistische Untertöne

Die Szenen erzählen von der Suche nach Identität, wenn man sich fragt, ob man nun viele Heimaten oder gar keine hat. Folgerichtig lässt Wehner die Episoden auf der Bühne aus einem Mosaik von Anläufen entstehen. Schauspielerische Akzente gibt es im Melting Pot der Regie trotzdem. Patrick Schnicke und Christoph Bornmüller sind die Hibbeligen, denen das Ringen um Identität regelrecht körperlich unangenehm zu sein scheint. László Branko Breiding wirft sich offensiv und fordernd in die Auseinandersetzung. Matthias Breitenbach sorgt für die fatalistischen Untertöne. Gemeinsam überzeugen sie als Kollektiv, das hochkonzentriert die Spannung hält.

Dass das dem Abend nicht ganz gelingt, liegt nicht an ihrer grandiosen Teamleistung. Sondern in der Natur des Ursprungstextes. Nach einer Stunde wird man müde über den Textvortrag, dessen Vorlage sich von seiner Grundanlage her einer Bühnenfassung entzieht. Da helfen auch keine Spielchen mehr, bei denen das Publikum beurteilt, ob ein imaginärer Boris nun mit rollendem "R" eher als Slowene durchgeht oder mit dem sehnsüchtigen Satz "ich vermisse die Alpen". "Herkunft" ist dennoch ein guter Abend. Allerdings weniger als Bühnenereignis denn als Buchempfehlung.

 

Herkunft
Nach dem Roman von Saša Stanišić (Theaterfassung von Johanna Wehner)
Regie: Johanna Wehner, Bühne: Benjamin Schönecker, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Vera Mohrs / Kostia Rapoport, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther / Juliane Hendes.
Mit: László Branko Breiding, Matthias Breitenbach, Christoph Bornmüller, Patrick Schnicke.
Premiere am 18. September 2021
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Mehr zu Inszenierungem von Saša Stanišić' Herkunft: Sascha Hawemann hat "Herkunft" im Oktober 2020 in Oberhausen inszeniert, Sebastian Nübling hat den Roman in diesem Sommer am Hamburger Thalia in der Gaußstraße adaptiert.

Kritikenrundschau

"[S]o schemenhaft und vier- bis vielstimmig die Aufführung ist, so fein komponiert, jedoch auch immer wieder pointiert tritt sie vor Augen.", befindet Heribert Vogt in der Rhein-Neckar-Zeitung (20.09.21). "Zumeist tauchen Bruchstücke auf, und auch die haben noch unscharfe Ränder. Die Darsteller verkörpern die daraus erwachsende Multiperspektivität. Mal sprechen sie dialogisch, mal variierend, nachhallend oder auch rhythmisch-chorisch", beschreibt der Rezensent weiter und schließt an: "Was ist eigentlich Herkunft? Dazu wurden viel mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben." Das scheint aber nicht zu stören – "Und so wurde es ein melancholischer, poetischer, mehrstimmiger, aber immer wieder auch komischer Abend."

Ralf-Carl Langhals (€) beschreibt im Mannheimer Morgen (20.09.21), wie die "alles entscheidende Frage" – Woher kommst du? – auf "vier Mimen verteilt" wird: "Patrick Schnicke spielt eine ganze Schulklasse durch, Matthias Breitenbach zeigt narratives Rückgrat, Christoph Bornmüller große Wandlungsfähigkeit und László Branko Breiding Inbrunst und vollen Körpereinsatz". Der Text bliebe – "cum grano salis" – dennoch ein Buch. Das sei in den zwei Stunden "nicht ohne Längen und Durchhänger – aber stets von großer Zartheit und Herzenswärme, zu der atmosphärisch auch die perlenden Pianoklänge und musikalischen Balkantraurigkeiten von Vera Mohrs und Kostia Rapoport beitragen."

Als genialen Kniff lobt Nicole Sperk (€) in Die Rheinpfalz (20.09.21) die Aufteilung des Textes auf vier Darsteller, die alle Autor Saša Stanišic verkörpern. "Die vier Sašas sind jünger und älter, größer und kleiner, lauter und leiser, wie eine Persönlichkeit nicht nur eine Facette hat." Gelungen werde von Regisseurin Wehner der Tankstelle als "superkonkretem Ort" das Fragmentarische des Romans entgegen gesetzt. "Man hat den Roman "Herkunft" ein Mosaik genannt, ein Puzzle, ein Wimmelbild." schreibt die Rezensentin und ergänz später, man sollte das Buch gelesen haben - "weil es ein gutes Buch ist und weil man sonst den Abend kaum verstehen kann". Philosophisch schließt die Rezensentin: "Die Geschichte ist nicht zu Ende, auch nach zwei Stunden und euphorischem Applaus nicht. Sie wird nie zu Ende sein."

"Dieser Theaterabend verunsichert", stellt Marie-Dominique Wetzel im SWR2 (20.09.21) fest. Denn: "Immer wieder stellen die vier Schauspieler infrage, was sie überhaupt erzählen können." Die Bühnenfassung des Romans beginne etwas schleppend mit ihren vielen Fragen. "Aber die Regisseurin Johanna Wehner, die auch die Theaterfassung geschrieben hat, hat ein kluges Konzentrat herausgearbeitet. " Es nerve etwas, dass die Darsteller immer wieder erklären, was Originaltext sei und was nicht. "Wie grandios dieses Buch ist", werde dabei dennoch immer wieder bewusst. Die Inszenierung sei "eine überaus gelungene Hommage an den Roman – nicht mehr, aber auch keinesfalls weniger."

 
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