Parodien zuhauf

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 7. November 2008. Ein nackter Gekreuzigter trägt auf dem Kopf ein Hirschgeweih und pisst Rotwein. Allerlei redesames Volk findet sich an dieser originellen Tränke ein und tratscht und klatscht über den Maestro Herbert von Karajan. Sogar der Erzbischof ist da und reitet auf einer goldenen Hirschfigur: Anspielung auf den "Goldenen Hirschen", einen bekannten Society-Treff gleich gegenüber dem Salzburger Festspielhaus. "Kunst, Kneipe, Kirche – wir halten unser Salzburg sauber", sagt einer. Und in einer anderen Szene wird es heißen: "Nazi war er keiner – er war halt ein Salzburger."

In einer Loge des Theaters sitzt eine Hitler-Figurine. Das Horst-Wessel-Lied wird mehrmals angestimmt. Und dem Maestro-Darsteller werden die beiden NSDAP-Mitgliedsnummern (Karajan war bekanntlich gleich zwei Mal beigetreten) auf den nackten Bauch und Rücken geschrieben.

Nackt kommt dann öfter mal einer daher: gleich in der ersten Szene des Maestros tanzendes Alter Ego, mit grau geschminktem Körper (man denkt an den "Tod" in Christian Stückls "Jedermann"-Inszenierung). Der Tänzer (Mack Kubicki) wird Tuchfühlung suchen mit dem Maestro (Rüdiger Kuhlbrodt), die Schminke dabei dessen Frack beschmutzen. Ein suggestives Bild, das dann aber nicht weiter verfolgt wird. Nackt, aber mit Bergsteigerhut ist auch Luis Trenker unterwegs, er kommt auf einem kleinen Felsblock geflogen. Und die Darstellerin der Eliette von Karajan lüftet irgendwann ihre rechte Brust.

Wozu Karajan?

Mit der Zitaten-Revue "Maestro" haben Autor Christoph Klimke und Regisseur Johann Kresnik ein aufdringlich grelles, aber doch dramaturgisch seltsam lahmes Stück über ein Thema gemacht, das – in Salzburg zumindest – keines mehr ist. Kräht hier, im Jahr des hundertsten Geburtstages von Karajan, noch ein Hahn nach dem "Maestro" oder seiner Verstrickung mit dem Nazi-Regime? Bald nach Jahresbeginn war das Programm des ersten Konzerts, das er 1929 als 21-Jähriger im Mozarteum gegeben hat, "nachgestellt" worden. Rund um den Geburtstag im April gab es natürlich einen Festakt, zur Festspielzeit dann ein Symposion. Das war's eigentlich schon. Wozu Karajan? Werden doch von der Musikindustrie genug neue, junge Talmi-Musikgötter in den Tonparnass über der Festspielstadt geschossen.

Oder ist ein Regisseur nur ausgezogen, mit gezielter Denkmalschändung zu zündeln, gar Skandal zu machen im Salzburger Landestheater? Doch eine Auseinandersetzung mit dem Karajan-Mythos im Theater bringt ebenso wenig, wie die Spekulation aufgeht, mit dem Thema noch irgendjemanden zu erregen. Es hätten ihn "schon öfter Intendanten in ihrem letzten Jahr eingeladen", hatte Johann Kresnik kokett in einem Pressegespräch anderthalb Wochen vor der Premiere gesagt. (Peter Dolder, der das Werk in Auftrag gab, verlässt ja mit Ende der Spielzeit Salzburg, ihm folgt der jetzige Stuttgarter Intendant Carl Philip von Maldeghem.) Aber leider, leider: keiner wird auf diese Aufführung hin den Intendanten nun mit nassen Fetzen vertreiben wollen. Eher schon Klimke und Kresnik, die ihr Publikum zwei Stunden lang mit deftigen, aber sehr beliebig aneinander gereihten Bildern malträtiert und gelangweilt haben.

Eliette von Karajan steht als bügelnde Hausfrau da und säuft wie ein Loch. Mit Winifred Wagner diskutiert Karajan kurz über sein Verhältnis zu den Nazis. Musikkritiker und -philosophen von Adorno bis Joachim Kaiser treten auf, die Lieblings-Instrumentalistinnen des greisen Karajan, Anne-Sophie Mutter und Sabine Meyer sind genau so zu erkennen wie Christa Ludwig.

Montage statt Demontage

Christoph Klimke hat beflissen die Karajan-Literatur durchgeackert. Zitate des Maestros und vieler Leute über ihn sind zusammengetragen und collagiert. Aber vor lauter Textmontieren kommt es zu keiner Demontage des Mythos, und schon gar nicht wird der von Klimke und Kresnik vorab vollmundig kund getane Anspruch eingelöst, man wolle über das Karajan-Thema hinaus ins Wesen des Dirigentenberufs überhaupt vordringen. Genau deshalb hatte man ja mit Rüdiger Kuhlbrodt einen Hauptdarsteller geholt, der Karajan so überhaupt nicht ähnelt. Er ist ein starker Charakter, ein toller Typ. Aber auch wenn ihm Klimke/Kresnik in einigen "Traumszenen" zu zeitgenössischer Musik (James Reynolds) einige dankbarere Szenen schenken, bleibt die Figur herzlich uninteressant, wofür der Schauspieler nichts kann. Der "Maestro" ist eine Bühnen-Totgeburt.

Man sieht ein beflissenes Bildungs- und Bebilderungsprogramm zur Karajan-Biographie, das mit starken, provokativ gemeinten, grell überzeichneten Bildern poppig aufgemotzt ist. Eine Klamotte, die dem Landestheater-Ensemble und den Kostüm- und Maskenbildnern einiges abverlangt. Parodien zuhauf. Gegen Ende tritt eine Jedermann'sche Tischgesellschaft auf: Gottschalk, Niki Lauda, die Kessler-Zwillinge und noch ein Halbdutzend weitere halbseidene Prominenz der Gegenwart.

Auch sie haben Dummheiten über Karajan zu sagen und palavern herzhaft drauflos. Aber da mag man schon gar nicht mehr zuschauen und zuhören. Mehr Hände wurde vor gähnende Münder gehalten als zuletzt zum Klatschen bewegt. Aber eine emsige Schar von Sympathisanten hat bei der Uraufführung nicht nur für herzhafte Lacher während des Stücks gesorgt, sondern auch danach den Beifall am Köcheln gehalten.

 

Maestro
von Christoph Klimke
Inszenierung: Johann Kresnik, Bühne und Kostüme: Marion Eisele, Musik: James Reynolds. Mit: Rüdiger Kuhlbrodt, Mack Kubicki, Claudia Dölker, Elisabeth Nelhiebel, Franziska Sörensen, Susanna Szameit, Werner Friedl, Gerhard Hermann, Gerhard Peilstein, Hartmut Scheyhing, Christoph Sommer.

www.salzburger-landestheater.at

 

Kritikenrundschau

"Aufregung? Keine", vermeldet lakonisch Margarete Affenzeller im Standard (10.11.) über den Salzburger Karajan-Abend "Maestro" des skandalumwehten Choreografen Johann Kresnik. Die "von Johann Kresnik gestemmte pralle kunstgewerbliche Ästhetik" erscheine "als Gruß aus einem fernen Jahrzehnt", die "einstige Ungehörigkeit von Kresniks Kunst" sei keine mehr. "Man nimmt drastische Bilder bestenfalls als überraschende Unterhaltung entgegen. Alles schon gesehen, und auch mit Karajan-Kritik rennt man keine Türen ein. Mehr als ein müdes Lächeln hat sich der Abend nicht verdient."

Kresnik scheine vor Karajan "fast demütig in die Knie zu gehen", meint Karl Harb in den Salzburger Nachrichten (10.11.); mit "Maestro" sei "eine öde 'Bildbiografie' entstanden. Christoph Klimkes "Textspur" sei "ungestaltet zusammengepappt aus unzähligen Dokumenten, ein Zitatenwust ohne einen Funken Originalität." Und Johann Kresniks Bilder, "in besten Zeiten oft schockierend geschmacklos, sind nur mehr schal". Immerhin habe Kresnik "die vielen Szenen wenigstens handwerklich solide verzahnt. Er hat das Ensemble zu beherzter Leistung animiert, was man solcherart selten am Haus gesehen hat. Aber nach zwei Stunden verlässt man das Theater und hat weder was Neues gelernt noch ein 'Drama' gesehen noch sich aufgeregt. Man hat eigentlich nur gegähnt."

Um diesen Abend mit seiner erstaunlichen Bilderfindungskraft zu würdigen, muss man die folgende Sequenz gleich dazubeschreiben, so Andres Müry im Tagesspiegel (12.11.): "Oben in der 'Führerloge', wo Hitler als Puppe in weißer Galauniform thront, singt ein Kinderchor in gestreifter KZ-Uniform das Horst-Wessel-Lied. Unten auf der Bühne malt der Tänzer dem Maestro unauslöschlich seine beiden NSDAPMitgliedsnummern auf den Leib." Damit sei das Wichtigste schon ins Bild gebracht: Karajans Eigenliebe, seine kunstwahnsinnige Egomanie, die ihn zum Einsamen machte. Und sein skrupelloser Karriereopportunismus zur Nazizeit " – nicht zufällig sucht der Titel 'Maestro' den Gleichklang mit 'Mephisto'". Durch die dissonante Bühnen-Revue schreite der Maestro unberührt. "Der smarte Rüdiger Kuhlbrodt macht diesen riskanten Abend möglich, weil er nie in die Karikatur verfällt." Auch das angeblich heile Familienleben mit Eliette und den Töchtern werde nicht ausgespart. "Zwischen Bügelbrett und Notenpulten schwadroniert Madame, in der einen Hand das Bügeleisen, in der anderen das Whiskyglas." Es geht noch böser, "und zwar auf gut Kresnik’sche Art in den Analbereich. Schauplatz: 'Der goldene Hirsch', Stammtisch der Salzburger Mythos-Karajan-Abzocker bis heute." Fazit: "Das Salzburger Premierenpublikum nahm die Gabe übrigens abgebrüht amüsiert, als sei es nicht gemeint. Dabei hatte es gerade, ja, doch, einen substanziellen Beitrag zum sonst so lustlos-pietätvoll absolvierten Karajan-Jahr erlebt."

 
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