Geschichten aus dem Hypochondriarchat

von Jan Fischer

Hannover, 24. September 2021. Es ist einer dieser Tage, man kennt das, nichts zu tun, man steckt im Behandlungstank, der einen auf -273 Grad runterkühlt, und dann geht es los mit den Intrigen. Jedenfalls hat Philippe in Anne Lenks "Der eingebildete Kranke" so einen Tag. Dass er bei ihr nicht Argan heißt wie bei Molière, ist eine Regieentscheidung: Alle Figuren sind umbenannt und heißen wie die Darsteller:innen, die sie spielen. Aber zurück zu den Intrigen: Eine Liebe mit anderweitig verordneter Hochzeit dort, eine Erbschleicherin da, ein Quacksalber, und mittendrin eben: Philippe, dessen einzige Krankheit ist, zu glauben, er hätte eine Krankheit.

Ohne hohe Einsätze

In Hannover findet all das in vier Kuben auf zwei Stockwerken statt, die mit Grobwischtechnik in schönstem Krankenhauspastell gestrichen sind. Die Einsätze im Intrigenspiel sind allerdings nicht besonders hoch, die Fallhöhe bleibt niedrig: Dr. Dr. Doppelbauers Quacksalbereien schädigen nur Philippes Brieftasche, und die scheint dick genug zu sein. Immerhin injiziert der Doktor ihm kein Desinfektionsmittel oder lässt ihn Pferdeentwurmungsmittel schlucken. Der große Heirats-/Liebeskonflikt zwischen Lea Sophie, Fabian und Niki löst sich sang- und klanglos in Wohlgefallen auf, die Erbschleicherin wird enttarnt, bevor Schlimmeres passieren kann. So stellt sich die Frage: Worum geht es hier eigentlich?

Eingebildete Kranke 2 KatrinRibbe uIm krankenhauspastelligen Kubus ist man eingebildet krank: das Ensemble im Bühnenbild von Judith Oswald und in Kostümen von Sibylle Wallum © Katrin Ribbe

Natürlich, Philippe und sein Bedürfnis, durch sein Leiden Macht auszuüben, stehen hier im Mittelpunkt: der "Herr im Haus", wie er öfter betont, dem alles zu entgleiten droht, weil Tochter, Haushälterin, seine Frau, überhaupt alle irgendwie ihren eigenen Willen entwickeln. Aber so ganz ist es das auch nicht: Philippe ist nicht machthungrig, kein alles kontrollierender Haustyrann, eher ein – wenn auch schleimiges – Würstchen mit massiven psychischen Problemen, das sich in seiner Angst vor Zerfall in die Hypchondrie zurückzieht, weil das die einzige Form von Macht ist, die ihm bleibt. Kein Patriachat, sondern ein Hypochondriachat.

Wild perückt

So bleibt in den Kuben wenig, um das es gehen könnte – zumindest ist in Lenks "Der eingebildete Kranke" alles und nichts anschlussfähig. Lesen lässt sich der Abend als eine Inszenierung über Gesundheitswahn und die Angst vor Krankheit, Tod und Zerfall, über subtil ausgeübte Machtverhältnisse und Machtmissbrauch, über Abhängigkeit und Unabhängigkeit. Oder über die Frage, ob Wohlstand schneller gesund macht als Armut. Alles wichtig. Alles interessant. Angeschnitten wird alles, vertieft nichts – zu viel tief schürfende Ernsthaftigkeit ist allerdings in einer Komödie auch nicht angebracht.

Eingebildete Kranke 3 KatrinRibbe uHinter allen Themen bleibt: der Witz. Der eingebildete Kranke Philippe Goos (gequetscht) mit Miriam Maertens. © Katrin Ribbe

Denn "Der eingebildete Kranke" bleibt eine Komödie – auch über den Witz hinaus, mit ausgerechnet diesem Stück in Hannover eine prä-post-pandemische Theaterära im Zeichen der 3Gs einzuläuten. Gerade Philippe Goos und Lea Sophie Salfeld, aber eigentlich alle, die auf der Bühne zu sehen sind, überdrehen wild perückt ihre Rollen bis zum Klamauk, das spontane Duett, in das Lea Sophie und ihr Lover Fabian ausbrechen, die eigenartig abstrakten Räume in den Kuben in ihren Pastellfarben und den absurden Behandlungszimmern: Das alles ist in seiner Bizarrerie so lustig, dass es nicht unbedingt eine Rolle spielt, ob die Inszenierung noch über den Witz hinaus will.

 

Der eingebildete Kranke
von Molière
übersetzt und bearbeitet von Martin Heckmanns
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüm: Sibylle Wallum, Musikalische Leitung: Camill Jammal, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Sebastian Jakob Doppelbauer, Fabian Dott, Nikolai Gemel, Philippe Goos, Irene Kugler, Miriam Maertens, Sabine Orléans, Lea Sophie Salfeld.
Premiere am 24. September 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Die groteske Überzeichnung der Figuren und der Szene überdecke zunächst jeden ernsten Kern, ohne den eine Komödie fade und belanglos erscheinen müsse, bemerkt Stefan Arndt von der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (27.9.2021). Zwar sei das alles meist recht unterhaltsam und manchmal auch lustig, aber wirklich nah komme einem das Geschehen auf der Bühne nicht. Und weiter: "Im Korsett der grotesken Ausstattung erinnern die Schauspielerinnen und Schauspieler an Hamster im Hansterrad. Egal wie viel Energie sie investieren, sie kommen doch nicht vom Fleck." Jedoch: Nach und nach mache gerade dieser Leerlauf einen festen Kern unter der schaumigen Oberfläche der Komödie sichtbar. Der eigentliche Patient sei das Theater, das nach monatelanger Schließung "vielleicht unbewusst" nach der eigenen Relevanz frage.

"Ein fröhliches Gesamtpaket, sehr, sehr lustig, das alles. Und es spricht nicht eben für unsere Zeit, dass man in ihr so viele reale Wiedergänger für die hier gezeigten Karikaturen an Schaumschlägern und Speichelleckern findet", schreibt Stefan Gohlisch von der Neuen Presse (27.9.2021). "Sie spielen wie befreit auf, und es ist befreiend, ihnen dabei zuzuschauen."

Das Komödiantische stehe bei dem spielfreudigen Ensemble im Vordergrund, die tieferen Ebenen gerieten in der Pastellleichtigkeit streckenweise aus dem Blick, schreibt Christoph Weißermel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.9.2021). Als "begnadeten Verkäufer seines Selbstmitleids, der wahlweise von sich oder seinem Leiden entzückt ist", gebe Philippe Goos die Hauptfigur. Deren wohlig-wütendes Selbstmitleid wirke wie die "Endform gelangweilter Wohlstandsverwahrlosung2. Bei der Eheanbahnung für Lea münde die Begeisterung der Väter in skurrile Ego-Balztänze in Puppenstuben-Hipster-Barock-Kostümen – Weißermel zufolge der Höhepunkt des Abends.

 

 
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