Gerettet

von Sascha Westphal

Kassel, 25. September 2021. Gretchen ist eine Gefangene. Sie steckt immer noch im Kerker. Nicht mehr in dem düsteren Loch, in dem Faust sie ihrem Schicksal überlassen hat. Ihr Kerker ist nun Goethes Sprache. Die Worte, die immer wieder auf den Bühnen erklingen und von Schüler:innen im Unterricht hin und her gewendet werden. Aus ihnen erwächst das Bild, das wir alle uns von Margarete, die immer nur Gretchen genannt wird, machen. Schon diese Benennung "Gretchen" ist Teil dieses Bildes. Wir sehen sie als Mädchen nicht als Frau, als Opfer nicht als selbstbestimmtes Wesen, als Kindsmörderin, die wahnsinnig wird, und als ein Ideal von weiblicher Schönheit, dem Faust verfallen musste und das er dann auf seinem wilden Ritt durch Raum und Zeit wieder fallen ließ.

Aus Gretchen wird Margarete

Diese kanonischen Bilder und Festschreibungen nimmt nun Bert Zander mit seiner theatralen Videoinstallation "FAUSTGretchen" ins Visier. Wie funktionieren sie? Wie wirken sie nach? Was lässt sich ihnen entgegensetzen? Wie lassen sie sich aufbrechen? So wird aus Goethes Tragödie nahezu ein Monodrama für die Schauspielerin Emilia Reichenbach. Ein Monolog, der auf viele Stimmen und Erzählungen antwortet, die eben keinen echten Dialog zulassen. Also erkämpft sich Gretchen, der Goethe Worte in den Mund gelegt hat, die eine heute mehr als 200 Jahre alte, männliche Perspektive spiegeln, in ihrem Spiel und ihrem Sprechen Autonomie und emanzipiert sich so zu Margarete.

FaustGretchen4 1200 Isabel Machado Rios uLichtblick im Kerker: Emilia Reichenbach als Margarete © Isabel Machado Rios

Die Spielfläche im TiF – Theater im Fridericianum hat tatsächlich etwas von einer dunklen, einer schwarzen Zelle, obwohl es beim Einlass heißt, es sei Gretchens Wohnzimmer. Es ist mitnichten ein wohnliches Zimmer, wenigstens nicht für Margarete. Zwei mattglänzende schwarze Wege durchschneiden den Raum und kreuzen sich in dessen Zentrum. So entstehen vier Parzellen, in denen das Publikum teils auf Stühlen, teils auf Kissen Platz nimmt. Für Emilia Reichenbach bleiben die beiden Wege, die an den vier Wänden enden, auf die Videos projiziert werden. Videobilder von Kasseler Bürger:innen, die in ihren eigenen Worten die Handlung von Goethes "Faust. Der Tragödie erster Teil" nacherzählen, und Videobilder des neuen Kasseler Schauspielensembles, das ein bruchstückhaftes Re-Enactment des 1771/1772 stattgefundenen Prozesses gegen Susanna Margaretha Brandt, das reale Vorbild für Goethes Gretchen, präsentiert.

Exorzismus der Goethe-Geister

Emilia Reichenbach bewegt sich fortwährend zwischen diesen Videos hin und her. Sie sind wie auch die Erinnerungen an Faust und Mephisto, die in kleinen Videofilmen auftreten und jeweils auch von Emilia Reichenbach verkörpert werden, Margaretes eigentlicher Kerker. Sie sind das, wovon sie sich nicht lösen kann und wovon sie sich doch befreien muss. Bert Zanders "FAUSTGretchen"-Installation funktioniert als eine Art Geisterbeschwörung, als Exorzismus Jahrhunderte alter Zuschreibungen. Emilia Reichenbach erweist sich dabei als das Gretchen, das das reale Grab wie das Grab der Worte nicht mehr halten konnte. Sie ist als Margarete zurückgekehrt und muss sich nun erinnern, um sich der Macht zu entziehen, die ihre und unser aller Erinnerungen über sie haben.

FaustGretchen1 1200 Isabel Machado Rios uVon Videos umspielt: Emilia Reichenbach als Margarete © Isabel Machado Rios

Bert Zander spannt ein extrem enges und komplexes Netz durch die drei verschiedenen Ebenen von filmischen Erzählungen: die der Bürger:innen, die des Ensembles und die der Erinnerungen Margaretes, in denen sie zwar Faust und Mephisto ist, aber die Stimmen von Will Quadflieg und Gustaf Gründgens aus dessen Theaterfilm "Faust" erklingen. Ein Netz, das Emilia Reichenbach enger und enger zu umschließen scheint, das sie zugleich aber auch immer klarer durchtrennt. Der hohe Ton des Gründgens-Films steht dabei nicht nur für ein Theater, das der Vergangenheit angehört. Er ist zugleich auch heute der perfekte Ausdruck für unsere Erinnerungen an Goethes Verse. Und genau diesen Erinnerungen tritt Emilia Reichenbach entgegen. Sie sucht nach einem anderen Ton, nach einem anderen Umgang mit Goethes Sprache.

No means no!

Einmal verwandelt sie ein paar Verse der Tragödie, "Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt' …", in einen Song, der ein wenig nach Soap&Skin und Stella Sommer klingt, um schließlich das Wort "keck" mehrfach zu wiederholen und so zu einer Anklage zu machen. Ein anderes Mal bricht sie ganz aus Goethes Tragödie aus und holt Gretchens Geschichte, die sich bis heute immer wieder ereignet, in die Gegenwart. Mit ruhiger Stimme erzählt sie von einer jungen Frau, die auf einer Party vergewaltigt wird, aber es nicht über sich bringt, "nein" zu sagen.

FaustGretchen2 1200 Isabel Machado Rios uEmilia Reichenbach spielt in Kostüm und auf der Bühne von Lene Schwind © Isabel Machado Rios

In diesem Augenblick kristallisieren sich die seit Jahrhunderten bestehenden Machtstrukturen heraus, die von Männern ausgenutzt werden. Es liegt keine Wut in Emilia Reichenbachs Stimme in dieser Szene, nur eine unendliche Müdigkeit und eben die Frage, wie es so weit kommen konnte. Am Ende öffnet sie eine Art von Durchgang in einer der Wände, der aus der Spielstätte direkt in den Hof hinter dem Fridericianum hinausführt. Durch ihn wird sie schließlich verschwinden. Der Geist Gretchens ist ausgetrieben, und Margarete kann endlich ihr Leben beginnen. Dafür sind weder himmlische Heerscharen noch die Vergebung eines Autors nötig. Diese Margarete rettet sich selbst, indem sie ihre Geschichte annimmt und sie so überwindet. Das Porträt einer Frau, die gelernt hat, "nein" zu sagen.

 

FAUSTGretchen
Eine theatrale Videoinstallation von Bert Zander
gemeinsam mit Kasseler Bürger:innen nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Bert Zander; Bühne und Kostüm: Lene Schwind; Schnitt: Fabián Barba Hallal; Regiemitarbeit: Natascha Zander; Dramaturgie: Katja Prussas
Mit: Emilia Reichenbach, Helene Paula Dönicke, Eva-Maria Keller
und den Bürger:innen aus Kassel: Emma Alsenz, Marlene Fink, Paula Fink, Harald Fischer, Ruben Fritz, Burkhard Gante, Nadja Gläser, Sabine Görk, Brigitte Görk, Jacqueline Greinert, Ewald Griesel, Till Gutmann, Tabea Hartung, Gudrun Hofrichter, Bernhard Hommel, Julia Höhfeld, Eberhard Hübsch, Katja Kluge, Levin Koch, Leona Knobel, Philipp Krebs, Noah Krüger, Andrea Landgraf-Rütten, Ina Lösel, Eliana Meckelein, Urd Menneking, Mechtild Meyer-Kluge, Christiane Milic, Prof. Dr. Heidi Möller, Max Morciszek, Joachim Neher, Merle Plettenberg, Britta Pudack, Justus Wolfgang Nikolaus Riese, Anne Schallau, Volker Schäfer, Rikje Fennja Seeger, Joachim Schleißing, Dr. Ulrich Schneider, Maya Scarlet Sinnig, Dagmar & Wilfried Sommer, Charlotte Dorothea Marie Stahlmann, Volker & Beate Stankow, Bernhard Striegel, Jens Thumser, Emma Töppler, Sonja Wahle, Marion Waschkewitz, Karin Wienecke, Stella Katie Wolt, Manfred Zalfen & Holly Schwind
sowie dem Schauspielensemble: Lisa Natalie Arnold, Iris Becher, Jakob Benkhofer, Marius Bistritzky, Katharina Brehl, Clemens Dönicke, Marcel Jacqueline Gisdol, Annalena Haering, Johann Jürgens, Annett Kruschke, Aljoscha Langel, Hagen Oechel, Jonathan Stolze, Sandro Šutalo, Christina Weiser, Rahel Weiss.
Premiere am 25. September 2021
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

"Grandios" fand Gesa Esterer von der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (27.9.2021) den Abend. "Furios verwebt Bernd Zander die Elemente seiner ideenrechen, hintergründigen, teils witzigen Inszenierung," Die Kritierin lobt zudem die Leistung des gesamten Ensembles in den höchsten Tönen.

 
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