Was ist der Mensch?

von Elena Philipp

Berlin, 25. September 2021. "Sind es nicht Zwei, die ineinander leben? Frankenstein im Monster? Das Monster in Frankenstein?" In der Tat: Innerlich ist der Wissenschaftler Viktor Frankenstein, der ohne Rücksicht auf die Folgen seinem Forschungswillen folgt, so monströs wie sein aus Leichenteilen zusammengeflicktes Geschöpf. Und er ist ebenso allein, nachdem die von ihm erschaffene und dann sich selbst überlassene Kreatur all seine nahen Menschen umgebracht hat. Im Hass aufeinander sind sie untrennbar verbunden. So weit, so Mary Shelleys Roman. Aufgebrochen haben die Dyade Frankenstein-Monster Katrin Sadlowski, Jette Steckel und Anika Steinhoff für ihre Version des Stoffes: Zur Mitspielerin wird Mary, die als Autorin ihrer Figuren ebenfalls die Schöpferin zahlreicher Geschöpfe ist.

Das Prinzip Empathie

Mit Mary gewinnt das Prinzip Empathie, die Frankenstein mangelt, eine starke Fürsprecherin. Als Autorin zweifelt Mary an ihrem Werk, fühlt sich von ihm überwältigt, und betont doch, wie sie durchs Formulieren die "Herrschaft über meine Gedanken und Worte" übernimmt. #frauenschreiben: Mary Wollstonecraft Shelley, 19-jährig, begann in einem verregneten Sommer am Genfer See 1816 ihren ersten Roman "Frankenstein". Initiiert von einem Wettbewerb mit den Schriftstellern Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, ihrem Ehemann, zum Verfassen einer Gespenstergeschichte. Ergebnis dieser Challenge ist einer der bekanntesten Romane überhaupt.

Als Dreiecksgeschichte angelegt, kennt Jette Steckels Inszenierung des "Frankenstein" am Deutschen Theater Berlin komplexere Relationen als den Zweikampf. Maren Eggert als Mary beobachtet das Geschehen immer wieder von Außen. Ans Portal gekauert, bedeckt sie voll Schrecken ihre Augen, wenn Frankenstein seine Kreatur belebt, windet sich wie gepeinigt. Nicht, weil auch sie als Autorin dieses Monstrum geschaffen hat, sondern weil sie seine schnappatmende Belebung mit erleidet. Behutsam, mit großer Genauigkeit im Ausdruck begibt sich Eggert in die theatrale Versuchsanordnung, in der Alexander Khuon den fanatischen Forscher spielt und Felix Goeser dessen groteskes Geschöpf.

Frankenstein 2 ArnoDeclair uGroteske Geschöpfe mit Gefühl: Maren Eggert, Felix Goeser, Alexander Khuon © Arno Declair

Anfangs zumindest ist das die Rollenaufteilung: Wenn Khuon in einem professoralen Monolog gen Publikum seinen Geniestatus proklamiert: "Viele glückliche und fortschrittliche Geschöpfe werden mir ihr Dasein verdanken. Eine neue Menschengattung wird mich als ihren Schöpfer und Urheber preisen." Wenn Felix Goeser buchstäblich in die Existenz stürzt, von einem am Haken hereinfahrenden Gerüst, dessen transparenter Vorhang an Schlachthof und Leichensack denken lässt.

Wer ist hier das Monster?

Schwer atmend und zuckend wird er vom Ding zum Lebewesen, steifbeinig staksend erschließt er sich seine Umwelt – den karg schwarzen Bühnenraum, dessen Boden mit grau-schwarzem Sand bedeckt ist und den grelle Leuchtpanels in steril weißes Licht tauchen. Einen Raum, in dem feiner Regen zu fallen beginnt. Goesers "Creature", wie es im Text von Katrin Sadlowski, Jette Steckel und Anika Steinhoff heißt, öffnet den Mund und trinkt die Tropfen, zieht sein T-Shirt hoch, verreibt das Wasser auf seinen Armen – ein erstes sinnliches Erlebnis, in dem die Kreatur noch ganz eins ist mit der Welt. Bis sie einem Motorradfahrer begegnet, der ihr ein "Hau ab, verpiss dich", entgegenschreit, sie in Abgasschwaden hüllt, tritt und – realistisch dargestellt – sogar anpinkelt. Wer ist hier das Monster, der Mensch oder sein Geschöpf?, stellt die Inszenierung eine rhetorische Frage.

Bekenntnis der Einsamkeit

Und dann wechseln die Rollen, werden unter den drei mit ihren Kahlköpfen, T-Shirts und Sportleggins optisch austauschbaren Spieler:innen weitergegeben, wie man einen Ball hin und her wirft. Maren Eggert etwa, nun ganz das zum Menschen gebildete vermeintliche Monstrum, fordert in einer dem Roman entlehnten Szene, vor einer abstrahierten Scherenschnittprojektion des Mont Blanc und mit einer eleganten Verbeugung, Gehör von ihrem Schöpfer. Während sie von Liebe spricht, ihre Einsamkeit bekennt und die Sehnsucht nach einer Gefährtin, spuckt Goeser jetzt als Forscher Viktor, nur Hass und Feindschaft: "Soll ich ein zweites Wesen wie dich erschaffen, damit ihr in verbündeter Bosheit die Welt entvölkern könnt?" Nachvollziehbar, dass seine Kreatur ihr Unglücklichsein zur Ursache ihrer Bösartigkeit erklärt.

Frankenstein 1 ArnoDeclair uWie Bälle, die man hin und her wirft: Maren Eggert, Alexander Khuon, Felix Goeser © Arno Declair

Mitleid hingegen bewegt Mary, in deren Perspektive Maren Eggert während des Mont Blanc-Dialogs kurzzeitig schlüpft – "habe ich das Recht dir das bisschen Glück vorzuenthalten, dass ich dir verschaffen könnte?". Empathisch ist auch ihre Elisabeth, die der gesellschaftlich geächteten Kreatur Sprache und Musik nahebringt, sie zum Menschen erzieht und sich ihr körperlich nähert: Im Kuss verschmelzen Frankensteins Monster und seine Muse. Eine gefühlvolle Szene, die quer steht zur Abstraktion, welche Steckels Inszenierung in anderen Momenten prägt – wenn bei den Morden zwar das Blut spritzt, aber die Beleuchtung erlischt, so dass nur Schemen zu erkennen sind, oder wenn die drei Spieler:innen vor einer stylish rot-schwarz-weißen Dripping-Projektion ihre Körper zu immer neuen Dreier-Konstellationen arrangieren, um die Beziehungsgeflechte und Standpunkte zu veranschaulichen.

Diskurs und Dialog

Aus dem textlich angelegten Zwiespalt zwischen Realismus und philosphischer Reflexion, Diskurs und Dialog, Metaebene und Mittendrin findet die Inszenierung nicht so recht heraus. Alles richtig gemacht, eine perspektivenreiche, ausgewogene Spielfassung erstellt, die Theatermittel mit virtuoser Routine eingesetzt, drei wunderbare Schauspieler:innen einbezogen, ein brennend aktuelles Thema aufgerufen – Was darf Wissenschaft? Was ist der Mensch? Und was Bewusstsein? –, und doch will der Funke nicht so recht überspringen, gewinnt das Gezeigte kein Eigenleben. Und auch nicht viel, das zum Mitfühlen bewegt.

 

Frankenstein
nach Mary Shelley
Fassung von Katrin Sadlowski, Jette Steckel und Anika Steinhoff
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Friederike Bernhardt, Licht: Matthias Vogel, Dramaturgie: Anika Steinhoff.
Mit: Maren Eggert, Felix Goeser, Alexander Khuon.
Premiere am 25. September 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 


Kritikenrundschau

Eine "kühl verschattete, intellektuelle Version" des "Frankenstein"-Romans hat Ulrich Seidler für die Berliner Zeitung (26.9.2021) am DT erlebt. "Auf äußerliche Grusel- und Schauereffekte und konkrete Bezüge zur Gegenwart verzichtet Jette Steckel weitgehend. Das Publikum soll an den nackten Gedanken des dialektischen Grundproblems herangeführt werden." Das Team wähle "eine gründliche Entdramatisierung und Entschleunigung des Konflikts"; es werde "viel und möglichst frei von innerer Beteiligung geredet, Handlungen werden zeichenhaft vollstreckt. Man wünscht sich während des knapp zweistündigen Laborexperiments nichts sehnlicher, als dass jemand Erbarmen mit den zusammengeflickten Thesenträgern im Halbdunkel habe und sie endlich zum Leben erwecke."

"Insgesamt bleibt der knapp zweistündige Abend trotz engagierter Darsteller und einiger ästhetischer Highlights eher im theoretischen Labor- und Reflexionsmodus", schreibt Katrin Pauly in der Morgenpost (27.9.2021). "Er ist weder besonders gruselig noch besonders sinnlich oder lebendig."

 

 
Kommentar schreiben