Meine Dämonen

von Esther Slevogt

28. September 2021. Mein bürgerliches Heldenleben war in diesen Tagen weniger von den Geräuschen der Gegenwart und ihren Unerbittlichkeiten geprägt, als von der Begegnung mit einem großen Kollegen. Was für ein Bild: der erblindende Kritiker, der allein in seinem Haus Bildern und Stationen aus seinem Leben nachgeht, während er in die Capricen seines alternden Körpers hineinlauscht, als werde da ein unbekanntes Stück aufgeführt. Nach alter Gewohnheit versucht er, in Sprache und damit in eine Ordnung zu bringen, was er erlebt: "Als Kritiker lebt man selbstbewusst", ist schließlich die Maxime. "Man stellt nichts zur Meinung, man formuliert sie. Das macht stolz."

kolumne 2p slevogtDer Satz ist in einem "merkwürdigen Tagebuch" nachzulesen, das Günther Rühle gerade veröffentlicht hat. Rühle, Jahrgang 1924, also 97 Jahre alt: Theaterkritiker in einschlägigen Blättern der demokratischen Aufbruchsjahre der jungen Bundesrepublik, Theaterintendant in Frankfurt am Main für fünf berühmte Jahre von 1985 bis 1990, in denen er Förderer von Einar Schleef und Entdecker des Schauspielers Martin Wuttke war. Aber auch den Skandal um Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" provozierte. Dessen Aufführung wurde 1985 von Demonstranten verhindert, die die Bühne besetzten, darunter viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde, die das Stück antisemitisch fanden.

Legendär abgewatscht

Rühle ist der Intendant, der Gerhard Stadelmaier in der FAZ (wo Rühle einst Feuilletonchef war) zur einer berühmten Vernichtung inspirierte – als er nach Einar Schleefs "Faust"-Premiere alle nur erdenklichen Verantwortlichen abräumen wollte: Regisseur, Hauptdarsteller (Wuttke) und eben auch den Intendanten. Und Günther Rühle ist der Wiederentdecker des Kritikers Alfred Kerr sowie Herausgeber vieler seiner Schriften.

Schließlich ist er Verfasser einer mehrtausendseitigen Theatergeschichte, die in der Kaiserzeit beginnt und eigentlich mit dem Tod Heiner Müllers 1995 enden sollte, mit dem für Rühle das bürgerliche Theater endet. Um ein kleines PS namens Frank Castorf ergänzt vielleicht, der nun in Rühles Tagebuch als derjenige kurz aufleuchtet, der schalkhaft die Begräbnisriten für das bürgerliche Theater vollzog und fröhlich seinen Kanon zerhackte. Doch das werden wir leider nicht mehr lesen: Zwei Bände dieser Theatergeschichte sind erschienen. Ein dritter, der die Jahre 1966 bis 1995 behandeln sollte, wird im kommenden Jahr unvollendet herausgebracht. Rühles schwächer werdende Augen verhinderten die Fertigstellung.

Bilder aus dem Inneren

Doch damit öffnet sich diesem Kritiker plötzlich eine neue Bühne: die des eigenen Lebens. Sehr zaghaft beginnt er nun, die Bilder zuzulassen, die sich auf dieser Bühne einstellen. Lässt Leser teilhaben an der Sprunghaftigkeit, mit der sie sich gegen alle dramaturgischen Regeln stemmen. Gerade denkt Rühle noch über die journalistischen Anfangsjahre bei der Frankfurter Neuen Presse nach, als eine schlaflose Nacht ihn in die Gegenwart seines Alters und damit verbundener Beschwerden und Ängste schleudert. Er erinnert sich an einen Besuch beim alt und sonderbar gewordenen einstigen Nazi-Dramatiker Hanns Johst in seinen journalistischen Anfangsjahren. Johst, der Rühle als vom Dämon Brechts heimgesucht erscheint und ihn plötzlich in die quälende Erinnerung an die eigene Jugend in der Nazizeit stürzt. Wie überhaupt die Last, die Schuld, ein Deutscher zu sein, ihn immer wieder verfolgen.

Im Totenwald mit Alfred Kerr

Immerfort fallen auf Rühles innerer Bühne Bilder und Erinnerungen einander. Gerade noch flaniert er durch den "Totenwald einstiger Zeitgenossen" zwischen Walter Jens, Joachim Kaiser und anderen und erwägt die Flucht, als er sich in einem Kampf mit seinem Pyjama wiederfindet und also vor der Frage, wo bei der Hose genau das Einstiegsloch ist. Die Großen des deutschen Nachkriegstheaters teilen sich die Bühne mit den Helfern bei der Bewältigung des Alltags. Kurz nehmen wir teil an kleinen Szenen aus seiner Ehe mit Margret, die bereits vor einigen Jahren verstarb, als die Trillerpfeife des Großvaters schon wieder das nächste Erinnerungsfragment einleitet. Begegnung mit Alfred Kerr und seinen Texten, die Rühle dem Vergessen entriss. Und dem Rühle schließlich in einem Traum begegnet, wo Kerr ihn bittet: "Lass mich endlich los, ich will zu mir." Das ist alles ebenso schonungslos wie mit Beckett'schem Sinn für aussichtslose Lagen und ihre spezielle Dramatik beschrieben.

Alte technische Geräte wie ein Braun-Plattenspieler haben ihren Auftritt, wir treffen auf sich in den Nebel der Unsichtbarkeit verziehende Computertastaturen und ein Faxgerät. Und einen Kritiker, der einerseits das bürgerliche Zeitalter der großen Formen und Auseinandersetzungen für untergegangen erklärt und hier nun, mit fast einhundert Jahren, eine fragmentarische Biografie zwischen Traum und Gedächtnis vorlegt, mit der er sich selbst widerlegt.



Esther Slevogt ist Chefredakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de. Außerdem ist sie Miterfinderin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

Zuletzt schrieb Esther Slevogt über Jarg Pataki und einen besinnungslos von der Gegenwart absorbierten Betrieb.

 
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