Wir Traumgespinste

Luzern, 1. Oktober 2021. Verhüllt und wie blind vor Missgunst irren die Figuren durch diese Welt im Niedergang: In Heike M. Goetzes radikal auf den Wahnsinn zugespitzter Version von Shakespeares "King Lear" sieht man nicht alles, aber versteht doch viel.

Von Valeria Heintges

Wir Traumgespinste

von Valeria Heintges

Luzern, 30. September 2021. Drei Frauen stehen starr. In enge, graue Kleider gewandet zwei von ihnen. Eine zeigt ein bisschen Schulter, die andere steht da ganz im grauen engen Gewand. Nur die dritte zeigt nackte Beine unterm kurzen Rock. Die Gesichter sieht man nicht, schwarze Tücher bedecken die Köpfe. Lange stehen sie da und schweigen. Holen dann Leichen, ziehen sie über die fast leere Bühne. Fünf leblose Männer liegen schließlich um die Frauen herum, auch ihre Gesichter bedecken Tücher. 

"Ich muess en König si"

Sie werden alle gesichtslos bleiben in diesem "King Lear", den Heike M. Goetze am Luzerner Theater auf die Bühne gewuchtet hat. Sie spielen sich ins Verderben, wie auch der riesige Stein zeigt, der über ihnen schwebt. Und der Soundtrack, der dräuend, pfeifend, piepend und grummelnd unter allem liegt. 

                               "Was ist das für eine megageile Show?" Daniel Nerlich als Lear © Ingo Höhn

Nur King Lear zeigt Gesicht, gleich doppelt. Hat doch der mittelalte Lear, der im Rollstuhl sitzt, einen Doppelgänger: Ein alter Mann im weißen Unterhemd, heller Hose und mit oranger Pappkrone auf dem Kopf durchbricht das schwarz-graue Setting. Nach sieben Minuten Schweigen sagt er: "Kennt mich jemand von euch? Bin ich im Traum oder in der Wirklichkeit?" Er spricht schweizerdeutsch, "ich muess en König si". 

Arbeit am Monster-Werk

Wir kennen uns nicht. Nicht wir uns selbst, nicht wir einander. Wir sind ein Traumgespinst, vereinzelte, anonyme Wesen, jeder für sich, jeder für die anderen. Wir haben das Böse in uns, die Intrige, die Dummheit, die Rachsucht. Den Wahn. Die Blindheit. Sehr deutlich machen Heike M. Goetze und ihr Dramaturg Dominik Busch, was sie in Shakespeares Monster-Werk gefunden haben. Dreimal insgesamt werden die Eingangssätze zu hören sein, in unterschiedlichen Zusammenhängen, gesprochen von unterschiedlichen Personen. Sie bekommen große Dringlichkeit, wenn der andere nicht einmal Gesicht zeigt. Wenn die Schauspieler, vor allem Martin Carnevalis glänzender Gloucester, sich wie Roboter bewegen, eckig und zackig. Wenn ihre Körper fast erstarren, gefangen in sich und ihrer Spannung. Oder gespannt werden in einen Block, in den Christian Baumbachs Kent kopfüber gesteckt wird. Einen Block zu sehen, gibt es freilich nicht, das wäre in dieser Inszenierung zu viel der Illustration. 

Cordelia sagt "nada"

Nur Daniel Nerlichs großartiger Lear bewegt sich normal – in seinem Rollstuhl. Er ist zu Beginn noch guter Dinge, wenn er seine drei Töchter befragt, welche ihn am liebsten habe. Er ist so guter Dinge, dass er in die erstarrte Gesellschaft hinein behauptet: "Was ist denn das für eine megageile Show hier?" und unfreiwillig weise vorausfragt: "Worauf läuft das hier hinaus?" Zu Beginn häufen sich die sprachlichen Brüche. Später wird Shakespeare die Regie übernehmen, seine Sprache, von Miroslava Svolikova übersetzt, das Schnoddrige vertreiben. Zoe Hutmacher und Dagna Litzenberger Vinet geben als Goneril und Regan noch halbwegs befriedigend ihrem Vater Auskunft– "Das war ja super", kommentiert der. Doch Cordelia sagt nur "nada", nichts. Später erklärt sie mehr, aber ihre Auskunft bleibt portugiesisch und dem Vater – trotz Übersetzer – gänzlich unverständlich. 

King Lear Buehne Luzerner Theater Ingo Hoehn 3Unterm Stein: Ensemble im Bühnenbild von Regisseurin Heike M. Goetze © Ingo Höhn

Heike M. Goetzes Team versucht gar nicht erst, die Ausbrüche dieses Mannes psychologisch oder sonstwie zu deuten. Sie stellt sie aus als das, was sie sind: Unverständlich. Das ohnehin reichlich verworrene Geschehen bleibt auch im weiteren Verlauf oft unverständlich. Da wird zu viel zu schnell zu undeutlich gesprochen. Da sieht man der Tücher wegen ja nicht einmal, wer gerade den Mund bewegt. Zu Beginn werden Interaktionen noch in logischer Entfernung ausgeführt; aber wenn etwa Edgar seinem mittlerweile blinden Vater Gloucester weismacht, er steige Klippen hinauf und falle dann ins Leere, stehen sie meterweise auseinander. In diesen Szenen weiß kaum ein Zuschauer, wer gerade wer ist und wer gegen wen warum wie intrigiert. Das Verblüffende ist: Es stört kaum. Es tut den starken Bildern, dem Sog, den das Geschehen ausübt, fast keinen Abbruch. 

Wortfluss im Wahnsinn

Heike M. Goetze baut mit ihrem durchweg starken Ensemble in ihrer eigenen Ausstattung starke Bilder, starke Szenen. So kräftig und zwingend ist die unter allem liegende Strömung, so klar die Grundaussage, so deutlich zeigt sich, wie hier persönliche Neidereien, Eifersüchteleien, wie Missgunst und fehlendes Mitgefühl alle blind machen, sie dem Wahnsinn anheimfallen lassen oder gleich ohne Umweg in den Tod treiben, dass sich das Wie und Warum als Details zeigen. Das Reden bekommt als Wortfluss im Wahnsinn eine neue Aufgabe und Wirkung.

An der Rampe sitzt immer und unberührt der Narr (Thomas Douglas), kommentiert das Geschehen (hier ist es doch schade, dass man ihn kaum versteht) und schabt mit kleinen Werkzeugen an den Fingern rohe Kartoffeln in feine Streifen. Am Ende hat er genug, um damit eine Schüssel zu füllen. Er macht immer weiter. Denn auch diese verrückte Welt mit ihren verrückten menschlichen Lebewesen dreht sich einfach weiter. 

King Lear
von William Shakespeare
aus dem Englischen von Miroslava Svolikova
Regie, Bühne und Kostüme: Heike M. Goetze, Licht: David Hedinger-Wohnlich, Sounddesign: Rebecca Stofer, Dramaturgie: Dominik Busch.
Mit: Daniel Nerlich, Martin Carnevali, Thomas Douglas, Christian Baumbach, Sebastian Schulze, Hugo Tiedje, Zoe Hutmacher, Dagna Litzenberger Vinet, Marta Rosa, Max Rüfle.
Premiere am 30. September 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau

Einen "imposanten, wenn auch etwas zwiespältigen Abend" hat Stefan Welzel gesehen und schreibt in der Luzerner Zeitung (2.10.2021): "Dieser Lear fesselt, zieht mit seiner Intensität sofort in den Bann." Heike M. Goetze lote "die Entschlackung der Handlung aufs Äusserste aus". "Die neun Darstellerinnen und Darsteller setzen Goetzes grosses Reiz- und Sinnesangebot mit einem herausragenden, sehr körperlichen Spiel betörend um." Aber die Inszenierung sei auch "ziemlich fahrig und unübersichtlich, was leider zu latenter Verwirrung führt".

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