Scarlett und die DDR

Dessau, 2. Oktober 2021. "Vom Winde verweht" sind nicht nur die us-amerikanischen Südstaaten sondern auch die DDR. Am Anhaltischen Theater verwebt Klaus Gehre den Roman von Margaret Mitchell mit Stanislaw Lem.

Von Matthias Schmidt

Scarlett und die DDR

von Matthias Schmidt

Dessau, 1. Oktober 2021. Nach nur einer Stunde ist es vorbei. "Ich weiß jetzt, wer ich bin", sagt Scarlett O'Hara, "ich bin die Geschichte". Womit sie eine Frage beantwortet, die sie selbst im Laufe des Abends mehrfach gestellt hat: "Wer bin ich?" Andere Fragen bleiben offen. Doch gemach, beginnen wir von vorne.

Eine Erinnerung? Ein Gespenst?

Da fliegt Kris Kelvin zum Planeten Solaris. Wir sind in Stanislaw Lems Roman "Solaris" (dessen Nennung im Titel durchaus angebracht gewesen wäre). Kurz bevor sein Raumschiff landet, verliert er das Bewusstsein. Auftritt Scarlett O'Hara. Eine Halluzination? Eine Erinnerung? Ein Gespenst? Auf jeden Fall eine zweite Handlungsebene, die bei Klaus Gehre schnell zur ersten Ebene wird: "Vom Winde verweht" nach Margaret Mitchells Roman.

Vom Winde verweht 0143 Dessau 600 Claudia HeyselVom Winde verweht wie die DDR: Sebastian Graf und Isabell Giebeler © Claudia Heysel

Kris Kelvin wird zu Ashley Wilkes, dem Mann, den Scarlett heiraten möchte. Und ist damit mittendrin in den Erinnerungen an den "alten Süden", den vom Winde verwehten. Rhett Butler tritt auf, der wiederum Scarlett heiraten möchte. Wir sind in den Südstaaten am Ende des Bürgerkrieges, und die legendäre Liebesgeschichte vor der Kulisse einer großen Zeitenwende nimmt ihren Lauf. In Dessau bei Gehre immer nur in kleinen Schnipseln, denn immer wieder versucht Kris Kelvin, sie zu vertreiben. Er schickt Scarlett O'Hara sogar mit dem Raumschiff ins All, doch immer taucht sie wieder auf. Eine Halluzination! Eine Erinnerung! Ein Gespenst!

Der Osten ist der neue Süden

Klaus Gehres Text mixt, was unvereinbar scheint, und das funktioniert überraschend gut. Worauf er eigentlich abzielt, deuten kleine, unkommentierte Einsprengsel einer dritten Ebene an: zunächst ist Günter Schabowskis "das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort" zu hören, später tauchen mitten in der Südstaatenwelt unvermittelt Bilder aus Wende- und Wiedervereinigungszeit auf. Der deutsche Osten als der amerikanische Süden von heute? Zwei große Zeitenwenden, ja. Dennoch eine – sagen wir – schwierige, in vielerlei Hinsicht oberflächliche, wenn nicht gar fahrlässige Analogie. Zumal – oder vielleicht gerade, weil sie nicht ausformuliert wird. Immer, wenn man denkt, jetzt kommt der nächste, dem Ganzen zu einer Erklärung verhelfende Schritt, kommt er nicht, und das alte Spiel geht in eine weitere Runde. Kris Kelvin begegnet Scarlett O'Hara, gerät kurz hinein in ihre Welt, und dann vertreibt er sie wieder aus seinen Gedanken und von der Bühne. Und dann ist plötzlich Schluss.

Vom Winde verweht 0357 Dessau 600 Claudia HeyselWer sind wir? Woher kommen wir? Niklas Herzberg, Nicole Widera und Isabell Giebeler © Claudia Heysel

Das schnelle Ende der mehrfach zwischen den zwei Welten hin und her wechselnden Inszenierung kommt durchaus überraschend: mit Scarletts Erkenntnis, "ich bin die Geschichte." Kann es das sein, was Klaus Gehre sagen wollte? Dass die Geschichte immer wiederkehrt, in Form von Erinnerungen? Verklärten und verklärenden Erinnerungen, um genauer zu sein? Das wäre nicht viel, zumal sowohl die Szenen aus "Vom Winde verweht" als auch die Anspielungen auf die jüngste deutsche Geschichte knapp und ohne klare Richtung sind. Wohlwollend betrachtet, kann man die Inszenierung als einen theatralen Impuls verstehen, als Anregung, über das Erinnern an sich oder die tiefere Bedeutung der angedeuteten Analogien zwischen Mitchells Rückblick – den Erinnerungen an den "alten Süden" – und unseren an die Wende nachzudenken. Offene Fragen sind nicht das schlechteste Ergebnis einer Inszenierung.

Solaris und die Plantagenwelt

Unbestritten an dieser Inszenierung aber ist ihr Handwerk: die liebevoll als Miniaturmodelle nachgebauten Kulissen, die in Nahaufnahmen abgefilmt und auf die eine Leinwand projiziert werden, die aus der kleinen Studiobühne im "Alten Theater" zwei nahezu spielfilmartige Sets bilden, die von den Schauspielern bespielt werden. Abwechselnd wird so aus der Bühne die Raumstation auf Solaris und die Plantagenwelt rund um Margaret Mitchells Tara. In der ganz kurz und völlig unkommentiert eben auch einmal die DDR-Grenzanlagen auftauchen. Ein andermal sind es Wahlplakate mit den Versprechen vom "Aufschwung" im Osten und Fotos von den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen. Die Wende findet en passant statt, ebenso die Wiedervereinigung samt allem, was danach war. Einigermaßen diffus bleibt beides. Wie gesagt, das ist wohl der Impuls, auf den der Abend zielt.

 

Vom Winde verweht
Schauspiel von Klaus Gehre nach Margaret Mitchell und anderen
Uraufführung
Inszenierung, Bühne, Text: Klaus Gehre, Kostüme: Thomas Unthan, Musik und Sound: Michael Lohmann, Dramaturgie: Alexander Kohlmann.
Mit: Niklas Herzberg, Isabell Giebeler, Nicole Widera, Sebastian Graf, Stephan Korves.
Premiere am 1. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.anhaltisches-theater.de

Kritikenrundschau

Das Theater verbünde sich an diesem Abend "im Studio des Alten Theaters Dessau mit der Illusion des Kinos", schreibt Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (4.10.2021). Autor und Regisseur Klaus Gehre sei zusammen mit seiner "Schauspielerschar, die mit viel Leidenschaft und Freude bei der kurzweiligen, aber durchaus anspruchsvollen Sache ist", etwas "Gutes gelungen". Im Verschnitt des "nicht nur nostalgischen, sondern auch reaktionären" Mitchell-Klassikers mit Stanislaw Lems "Solaris" zeige sich hier das Bild einer "ungemütlichen Zukunft, der unsere jüngere Vergangenheit und die Gegenwart mitunter verdammt nahe gerückt scheinen", so der Kritiker.

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