Raketenstart ins Postpatriarchat

von Sabine Leucht

München, 9. Oktober 2021. "Dieses Lied ist dem gewidmet, der mich in einem Flur voller Schlangen fickte, bis meine Augen weiß und zu Knochen wurden. Und mich unter Wasser zog, und meine Haut färbte sich grün." So drastisch und finster-poetisch beginnt das neue Stück von Sivan Ben Yishai; ein ganzes langes Lied von Sex und Gewalt, das Widmung auf Widmung häuft: An Vergewaltiger und Sugardaddies, Applaudierende, Grienende und Wegschauende. Eine raue, rohe Komposition von ekelerregender Direktheit ist das. Voller Selfiesticks, die an spermatriefende Vaginen heranzoomen, misogynen Begriffen wie "Müllschacht" und devot serviertem Lieblingsyogitee.

Ein Theater-Wumms

"Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)" heißt dieser Wumms von einem Text, für dessen Uraufführung die Münchner Kammerspiele eine Triggerwarnung vorausschicken: Die in ihm geschilderten Gewalthandlungen könnten für Menschen mit entsprechenden Vorerfahrungen belastend und retraumatisierend wirken.

Like Lovers Do 1 KrafftAngerer uMaschinentänzerisch: Jelena Kuljić, Mehmet Sözer, Edith Saldanha, hintere Reihe: Bekim Latifi, Gro Swantje Kohlhof © Krafft Angerer

Am Ende wird der fünfstimmige und -köpfige Performerkörper auf der Bühne sich darüber lustig machen und anmerken, dass Triggerwarnungen sich gut verkaufen ("zwinker zwinker"). Freilich in einer Inszenierung, die nichts von dem zeigt, womit die aus Israel stammende Autorin gemeinhin ihre Textflächen spickt. Nicht den Sex, nicht das Blut, nicht die Tränen, und nicht den amputierten und der Natur überantworteten Penis, mit dem Ben Yishai hier – das Beispiel der amerikanischen Ehefrau Lorena Bobbitt weiterdenkend – das ganze patriarchale System auf den Kompost der Geschichte wirft.

Stattdessen schauen fünf Schauspieler um ein versenktes Bassin herum viel in die Luft, machen maschinelle bis rituelle Bewegungen oder lassen im Tanz die Platinperücken fliegen. Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Bekim Latifi, Edith Saldanha und Mehmet Sözer stecken dabei in den quietschbunten Klamotten, die ihre Regisseurin Pınar Karabulut so liebt. Sie wirken, als hätte Kostümbildnerin Teresa Vergho die Aliens aus der ersten Star Trek-Staffel mit einigen Comic-Superhelden gemeinsam auf ein Punkkonzert geschickt. Später ergänzen noch wurstige Tentakeln und eine achtarmige Corona den trashigen Style.

Der Mythos der Medusa

Während Kostüme wie Bühne Anleihen bei der mythologischen Figur der Medusa nehmen, ist sie für das Stück nur eine Bezugsgröße unter vielen. Zur Erinnerung: Medusa wurde von Poseidon vergewaltigt und dafür von Athene bestraft, in deren Tempel sich der Vorfall zugetragen hatte: Keiner durfte sie in Zukunft mehr anschauen, ohne zu Stein zu erstarren. Eine Urszene des victim blaming, das bis heute weltweit Frauen für ihre Misshandlung und Ermordung verantwortlich macht.

Like Lovers Do 2 KrafftAngerer uHeftige Geschichten: mit Bekim Latifi im Blutbad © Krafft Angerer

Aber auch männliche Opfer und weibliche Täterinnen geistern durch den Text und eine illustre Gruppe von fünf besten Freundinnen, die sich gegenseitig überbieten in der Imagination des idealen Mannes. Diese wunderbar groteske Demontage internalisierter heteronormativer Klischees sorgt schon beim Lesen für Entlastungslacher.

Die tentakelreichen Fünf

Ein mit raketenartig angespitzten Säulen bestücktes Halbrund aus Leuchtstoffröhren und fein gefälteltem Vorhang begrenzt die Bühne. Am Fuß der Säulen wachsen Männerköpfe mit Medusas Schlangenhaaren in den Bühnenboden. Vieles sieht in diesem Wald aus Zeichen nach Anspielungen aus, die eine Ü-50-Zuschauerin nicht versteht. Gut so!

Karabulut gelingt ein jugendaffiner Abend trotz der Schwere des Themas. Nicht ohne Verluste zwar, aber auch mit tollen Szenen. Beeindruckend etwa der erste Auftritt von Edith Saldanha, die sich krümmt und vibriert und sich mit den Händen selbst an die Gurgel geht. Doch als schließlich einer nach der anderen auf die Bühne kommt und endlich die ersten Worte fallen, schnüren die einem bei weitem nicht so die Kehle zu wie beim Lesen. Während der bewusst unsauber montierte Soundtrack aus Easy Listening und Soft-Pop-Brocken in den Ohren schmerzt und gegen die Verständlichkeit der Sätze anbollert, spielt und spricht das großartige, größtenteils chorisch oder alternierend agierende Ensemble fluffig über die Härten des Textes hinweg.

Like Lovers Do 3 KrafftAngerer uDas Ensemble im Bühnenbild von Michela Flück, kostümiert von Teresa Vergho © Krafft Angerer

Die szenische Überzeichnung wirkt wie Joghurt in scharfer Suppe: Die Geschmacksknospen werden beruhigt, die sensorischen Peaks gebrochen. Das ist sicher teils so kalkuliert, denn die (fast) neue Hausregisseurin der Münchner Kammerspiele ist eine menschenfreundliche Feministin, der es nicht darum geht, ihre Zielgruppe niederzuringen, sondern zu empowern. Vielleicht deshalb gelingen ihr vor allem jene Szenen, in denen es um Geschlechterdualitäten (so winzige-winzige Jeans, so eine breite Brust – "wir konnten unsere fünf Köpfe auf sie betten wie auf eine Wiese an einem Sommertag und da war immer noch Platz") und die irrwitzigen Verhaltensregeln geht, die Frauen "zu ihrem eigenen Schutz" auferlegt werden. Dinge also, gegen die frau sich erheben kann.

Dass sie das nicht allein muss und sollte, dafür gibt es am Ende einen augenzwinkernden Hinweis. Nachdem einige Befreiungsphantasien verbal durchgespielt wurden – "der weibliche Quentin, die inglorious Poetin! Die Pussy-Killerin, die Rache der Vagina" –, schwebt ein Ufo ein und nimmt die glor- und tentakelreichen Fünf mit. Den Sicherheitscheck für die Himmelfahrt besorgen fünf männliche Bühnenarbeiter – die ihnen am Ende freundlich hinterherwinken.

 

Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)
von Sivan Ben Yishai
Deutsch von Maren Kames
Uraufführung
Regie & Choreografie: Pınar Karabulut, Bühne: Michela Flück, Kostüme: Teresa Vergho, Dramaturgie: Mehdi Moradpour, Musik: Daniel Murena, Licht: Jürgen Tulzer.
Mit: Gro Swantje Kohlhof, Jelena Kuljić, Bekim Latifi, Edith Saldanha, Mehmet Sözer, als Stimme: Wiebke Puls
Premiere am 9. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Ein anstrengender Abend, der die Zuschauer in die Distanz treibt und fix und fertig macht", schreibt Johanna Schmeller in der taz (12.10.2021). Pınar Karabulut lässt die fünf besten Freundinnen jede Hölle und alle Sehnsuchtsorte durchschreiten, die Menschen einander bereiten können. Dabei lote Sivan Ben Yishai die Grenzen der Sprache aus. "In hitzigen Worten schicken die schnellen Assoziationsfolgen das Publikum eineinhalb Stunden lang durch eine innere Hölle. Wer es nicht aushält, verlässt den Saal. Wer aber bleibt, den reißt es beim Schluss­applaus dann auch vom Sitz." Mehr werde an diesem Abend mehr: "Mehr Schmerz, mehr Furor, mehr Angst, mehr Gefühl werden unterstützt durch fast durchgehend brüllende, singende oder greinende Schauspieler."

Der Text überzeuge durch seine radikal schamlose, radikal selbstbewusste weibliche Perspektive ebenso wie durch seine sprachliche Komposition und Kraft. "Zur Drastik gesellt sich eine entlarvende Komik", so Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (11.10.2021). "Die Inszenierung von Pınar Karabulut ist niedrigschwellig in kunterbunter Hüpfburgatmosphäre angesetzt, um nicht zu sagen: anti-intellektuell, auch anti-brutal." Jedenfalls unterlaufe sie die Härten des Textes. Gemütlich werde es trotz des Spaßangriffs aber nicht, "dazu verweist dann doch zu vieles auf Degenerierung, Störung, Fehlentwicklung".

Als "radikal poetisch" beschreibt Sven Ricklefs vom  Bayerischen Rundfunk (10.10.2021) diese Textfläche. Mit einer schonungslos rohen Wucht benenne Sivan Ben Yishai alle erdenklichen Details sexualisierter Gewalt und stelle sie damit an ihren sprachlichen Pranger. Zu den Figuren auf der Bühne schreibt Ricklefs: "Es ist, als wären sie durch die Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in die Groteske explodiert und könnten nun in diesem fast schon schmerzhaft quietschbunten Kosmos die erbarmungslosen Erkenntnisse ertragen, die ihnen in den Mund gelegt werden."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Lovers, München: Schmerz, Freude, WutAnna K. 2021-10-10 12:27
Verrückter Theaterabend, verrückte Bilder. Schmerz, Freude, Wut, und wieder, Schmerz, Freude, Wut! Am Ende kam dann etwas Hoffnung: Lasst uns anders leben und anders miteinander umgehen als bisher. Schön, dass solche Themen ins Theater kommen und so gemacht werden.
#2 Lovers, München: OberflächlichkeitenAndreas Peteranderl 2021-10-10 12:28
Im Unterschied zur Kammerspiel-Inszenierung des älteren Stücks von Sivan Ben Yishai „LIEBE / Eine argumentative Übung“ konnte ich bei der Regiearbeit von Pınar Karabulut für „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“ keine überzeugende Inszenierungsidee erkennen. Mir erschienen die Tanzeinlagen – ich mag sie nicht Choreografie nennen – beliebig, die Songs anbiedernd unterhaltend. Einen großen Textteil, insbesondere den gesungenen, konnte ich akustisch nicht oder nur sehr schlecht verstehen. „Bekanntes soll Erkanntes werden“, schrieb Brecht. Dies wäre eine Erforschungsperspektive für diesen sicher nicht leicht zu inszenierenden Text gewesen. Leider gefällt sich diese Aufführung in Oberflächlichkeiten und verpasst es, den anspruchsvollen und herausfordernden Text mit den Mitteln des Theaters und einer überzeugenden dramaturgischen Idee in seiner Tiefe umzusetzen. Um so bedauerlicher, dass es die Uraufführung dieses neuen Textes von Sivan Ben Yishai war.
#3 Like Lovers Do, München: Deklinationsübungroboter 2021-10-13 18:35
leider gar kein so spannender text, eine etwas eindimensionale deklinationsübung. gibt es besseres.

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