Poesie statt Ironie

17. Oktober 2021. Über das Sterben des Vaters: Das Theater Basel zeigt mit "Un sentiment de vie" einen Monolog der hierzulande wenig bekannten Autorin Claudine Galea. Es spielt mit Anne Haug und zeigt ein "Virtuosenstück".

Von Claude Bühler

Poesie statt Ironie

von Claude Bühler

Basel, 16. Oktober 2021. Es braucht Mut, das Stück einer im deutschsprachigen Raum kaum bekannten Autorin als Monolog auf die Bühne des Schauspielhauses zu bringen, zumal der Text der Französin Claudine Galea keine Lachveranstaltung verspricht. Von den 480 Plätzen blieb bei der Premiere die Hälfte leer. Dabei hätte die Aufführung volle Ränge verdient, bietet sie doch den seltenen Genuss reinsten Schauspieltheaters: Eine Autorin spricht vom Sterben ihres Vaters, wir werden Zeugen ihrer Regungen.

Sie, die Resonanzkammer

Emilie Charriots Inszenierung enthält sich allem Beiwerk: keine Videoeinspielungen, die unsere Assoziationen in eine bestimmte Richtung lenken, keine Musikeinspielungen, die uns mit ihrer Stimmung wegtragen, auch keine wie im Original vorgesehene Nebenfigur als Stichwortgeber oder Kontrast. Die kahle, hohe Riesenbühne im fahlen Licht, auf der Anne Haug geht, steht, spricht, und eben nicht die kleine Experimentierbühne, das ist ein Statement: Sie soll die grosse Resonanzkammer werden, nicht nur für das individuelle Schicksal der Autorin. Haug steht in Jeans, Sneakers, Regenmantel auch als Stellvertreterin für uns alle da.

Sentiment3 1200 Ingo Hoehn uStellvertreterin in Jeans und Sneakers: Anne Haug © Ingo Höhn

Ihre Recherche nach dem "Sentiment de vie", dem Lebensgefühl, ist kein gefühliger Selbstsuche-Trip, viel mehr der Hymnus einer Intellektuellen auf das Selbstgebären im Schreiben: "Ich mag es, wenn es sich mischt, wenn es unrein ist, denn so beginnt eine neue Geschichte", spricht sie an einer Stelle und meint damit nichts weniger als: Rettung. Galea schrieb den ersten Teil ihres Textes angeregt von Falk Richters biographischem Stück "My secret garden", indem er mit seinem Vater abrechnet. Richters Vater hätte im Krieg "nicht auf der guten Seite" gestanden, ihr Vater hingegen schon. 

Ein "verficktes Lebensgefühl"

Ihr Vater jedoch war Soldat, Antikommunist, Algerienfranzose, ihre Mutter Antikolonialistin. "Der Soldat schlug nicht, die Antimilitaristin schon." Aus all diesen Prägungen und widersprüchlichen Erfahrungen entstehe ein "verficktes Lebensgefühl" (Original: un putain de sentiment de vie). Aber ohne Gefühle zu zeigen, gebe es keinen Text, um nicht ihr Opfer zu werden, müsse man sie nutzen, ruft Galea dem Autorenkollegen zu: "Das können wir machen. Ein verficktes Lebensgefühl schenken, das Kraft, Mut, Lust schenkt." Ob dies das Leben besser mache? Galea erlaubt sich, und das gibt ihrem Text Größe, keine Lösungen, gedanklichen Abschlüsse, Erleichterungen: "Ein besseres Leben? I don’t give a shit."

Sentiment2 1200 Ingo Hoehn uKeine Lösungen, keine Erleichterungen © Ingo Höhn

Zu Anne Haugs Virtuosenstück wird der zweite Teil, in dem sie eine Fahrt mit ihrem krebskranken Vater zur Klinik schildert. Wir schauen in dieses Gesicht, das, ohne Schauspielmache, im raschen Wechsel von zwei verschiedenen Menschen beseelt wird: Dem Vater, dem der verfaulte Gaumen operiert wird, der Tochter, der jetzt einfällt, sie habe ihm damals nicht gesagt, dass sie ihn liebe. Vielleicht hat sie es ausgelassen, weil in dieser Familie "nicht gesprochen" wurde? Oder er wieder mit seinen Kriegsdiensten "auf fünf Kontinenten" geprahlt hat. Oder weil gerade Frank Sinatra im Autoradio lief, der Lieblingssänger des Vaters.

Keine Zähne, dünne Luft

Überaus kunstvoll webt Galea die tragikomische Szene von vor achtzehn Jahren in ihre heutigen Rekonstruierungsversuche ein. So zerrissen und fragil das textlich wirkt, genauso zeigt sich diese Vatertochter-Beziehung: Wut, Scham über den einstigen Le Pen-Wähler, Schrecken über den Krebsbefall und die Operation, Mitleid und Tränen über seine Klage: "Als ich aufgewacht bin hatte ich keine Zähne mehr, so sieht’s mit mir aus: Tränen und keine Zähne."

Wegen des dritten Teils sollte man sich das Stück vielleicht fünf Mal ansehen. Galea wagt sich in eine Zone dünner Luft, zumal erhöhten Überblicks. Daraus geht ein alles nochmals resümierender Gedankenstrom, versetzt mit Motiven aus Büchners Erzählung "Lenz", Regelsätzen für Autoren und den Schilderungen von Selbstmorden berühmter Künstler nieder.

Schreiben ohne Skrupel

Vielleicht soll dieses Antippen von Assoziationen mehr erlebt als intellektuell verstanden werden? Anne Haug führte das Publikum insgesamt auf stabile, unprätentiöse Art eher sauber durch den Text als ihn auszukosten. Für den letzten Teil, der mit erhöhter Abstraktion eine überpersönliche Verklärung ansteuert, war der Stil nicht mehr steigerungsfähig. "Das Schreiben hat keine Skrupel in Bezug auf das Desaster, von dem es herrührt": Dem Satz scheint für Galea eine Verpflichtung innezuwohnen. Aus ihrem Stück spricht ein lebensnotwendiges Engagement, das die Poesie der Krümmung der Ironie vorzieht. Könnte eine wertvolle Inspiration sein, weitere Stücke von ihr kennenzulernen.

Un sentiment de vie
Deutschsprachige Erstaufführung
Von Claudine Galea, übersetzt von Uli Menke
Regie: Emilie Charriot, Kostüm: Caroline Spieth, Lichtdesign: Yan Godat, Dramaturgie: Inga Schonlau.
Mit: Anne Haug.
Premiere am 16. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde, 15 Minuten, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

 

Kritikenrundschau

"Galea hat ein berührendes, intimes Stück geschrieben, das ganz von Darstellerin Anne Haug lebt", findet Mélanie Honegger in der bz – Zeitung für die Region Basel (18.10.2021). Die  zahlreichen "literarischen Referenzen, allen voran an Falk Richter und Georg Büchner", glichen jedoch "zähen Fragmenten". Erst mit den "derben" Anekdoten rund um die Vater-Tochter-Beziehung beginne die eigentliche "Stärke des Stücks". 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Un sentiment de vie, Basel: bravor. oswalt 2021-10-18 00:22
Die Kritik von C. Bühler finde ich hervorragend geschrieben und entspricht dem Abend und der wunderbaren,klugen und uneitlen Anne Haug sehr gut. DANKE!

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