Kampf der Titanen

17. Oktober 2021. Personeller Neustart, alte Recken: Ingo Putz, neuer Schauspielschef am Gerhart-Hauptmann-Theater, lässt in "Slapstick" Charlie Chaplin und Orson Welles aufeinander los. Aber es ist nicht nur zum Lachen.

Von Michael Bartsch

Kampf der Titanen

von Michael Bartsch

Zittau, 16. Oktober 2021. "Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." Goethes Faust-Vorspiel auf dem Theater kann nach wie vor aus Direktorensicht als Empfehlung für die Spielplangestaltung gesehen werden, zumal nach einem Intendantenwechsel und beim gegenwärtig zähen Wiederanlauf überall nach seuchenbedingter Abstinenz. Auf dass sich "der Strom nach unsrer Bude drängt", hier ins Zittauer Schauspielhaus des Gerhart-Hauptmann-Theaters. Wenn sich zur ersten Premiere und Uraufführung dann auch noch die Filmidole Charlie Chaplin und Orson Welles um Erfolgsrezepte streiten, scheint "Slapstick" bestens zum personellen Neubeginn an der Neiße zu passen.

Chaplin als Tyrann

Generalintendant Klaus Arauner hat sich planmäßig zurückgezogen, Schauspielintendantin Dorotty Szalma in Zittau ging allerdings vorzeitig. Konzeptionell kamen die hochambitionierte gebürtige Ungarin und der neue junge Intendant Daniel Morgenroth nicht zusammen. Nach der Spielplanvorstellung für die nun laufende Spielzeit bekam man ein Gefühl dafür, warum. Morgenroth räumt selbst ein, dass es sich um einen typischen Auftaktspielplan zu Beginn einer Amtszeit handelt. Nicht zu viel riskieren, lieber ein bisschen nett sein, die Akzeptanz der Zuschauer testen.

So wirkt auch "Slapstick", der Einstand des neuen Schauspieldirektors Ingo Putz, wie ein Köder. Irgendetwas mit Charlie Chaplin, das muss ja lustig werden. Wird es aber nicht allein, sei zur Verteidigung des uraufgeführten Stückes vorausgeschickt. Schon deshalb nicht, weil den Zuschauern ein ganz anderer Chaplin begegnet als der Tramp, der freche und witzige Überlebenskünstler in zu weiter Hose und zu enger Jacke und zwischen Komik und Melancholie schwankende Clown aus dem Stummfilm.

Mit der Figur hat dieser alternde Bühnen-Charlie im Morgenmantel und im perfekten hellen Anzug nichts zu tun. Man erlebt sozusagen den kleinen Diktator daheim in der Villa. Tilo Werner, der zwischen Boulevard und Nathan schon alles gespielt hat, trifft diese Seite genau, während die Slapstick-Anklänge weniger begeistern. Ein Charmeur ist das nicht, und nachvollziehen kann man kaum, wie ihm die zahlreichen sehr jungen Frauen verfallen konnten.

Konkrete filmhistorische Vorlage

Darum aber geht es erst gegen Stückende. Über weite Strecken hat der Dresdner Autor und Literaturwissenschaftler Wieland Schwanebeck eine tatsächliche Begegnung zwischen Chaplin und dem 26 Jahre jüngeren und aufstrebenden Schauspieler und Regisseur Orson Welles im Jahre 1941 frei ausgeschmückt und fortgesponnen. Charlie steckt in einer Erfolgs- und Schaffenskrise und will sich seriös an der Verfilmung des irischen Religionsdramas "Shadow and Substance" versuchen. Welles wiederum taucht bei ihm auf und will ihn überreden, die Hauptrolle in "Monsieur Verdoux" über den französischen Frauen-Serienmörder Landru zu übernehmen. Der Narzisst Chaplin aber kann nicht teilen, muss alles selbst übernehmen. Der Film wurde ja 1947 tatsächlich aufgeführt, aber Welles wurde nach dem Abkauf seines Skripts nicht einmal mehr als Ideengeber genannt.

‚SLAPSTICK’, Schauspiel von Wieland Schwanebeck. URAUFFÜHRUNG, Regie: Ingo Putz, Zittau, 07.10.2021. //Foto: Pawel Sosnowski www.pawelsosnowski.comDie Anzüge sitzen (Ausstattung: Sven Hansen) © Pawel Sosnowski

Muss man 80 Jahre später solch ein Detail der Filmgeschichte auf die Bühne bringen? Wo ist das Exemplarische, das Bleibende an dieser Uraufführung? Zuweilen streiten Chaplin und Welles über das Handwerk. Über das "mangelnde Urteilsvermögen des Publikums" oder darüber, wie man einen Mord auf lustig trimmt. Und man lernt einmal mehr etwas über die neurotischen Züge der Kreativen.

Überwiegend aber käme Goethes Lustige Person aus dem Vorspiel auf ihre Kosten. Der Anspruch von Autor und dem Regisseur an das unberechenbare Publikum schwankt dabei. Schwanebeck hat keine Boulevardkomödie geliefert, sondern einen stellenweise witzigen und originellen Text, und sein Sinnieren über die "Erotik des Schweigens" im Stummfilm trägt poetische Züge.

Racheengel der MeToo-Bewegung

Andererseits fehlen eben Bananenschale und heruntergerissener Vorhang nicht und das Eisbärenfell, über das hier nicht Butler James aus dem "Dinner for one", sondern Chaplin zu stolpern hat. Apropos Butler: Gen Soto in seinem Gleichmut, seiner Disziplin ist als Chaplins Diener Kono der Stabilisator, die gar nicht lustige Person des Stücks, ein Sympathieträger.

‚SLAPSTICK’, Schauspiel von Wieland Schwanebeck. URAUFFÜHRUNG, Regie: Ingo Putz, Zittau, 07.10.2021. //Foto: Pawel Sosnowski www.pawelsosnowski.comLautsprecherin zwischen den Männer-Egos @ Pawel Sosnowski

Einen moralischen Dreh bekommt "Slapstick" dann nach der Pause bei einer fiktiven Wiederbegegnung der Rivalen nach der Premiere von "Monsieur Verdoux". Die ebenfalls historische Schauspielerin Joan Barry taucht im Kittel einer entflohenen Irren als Racheengel wieder auf. Auf dass die Prophezeiung im Ankündigungstext erfüllt werde, es gehe im Stück um die Anfänge der MeToo-Bewegung. Nicht ganz logisch, denn die damals 21-Jährige nutzt im ersten Teil Chaplin aus, als sie sich mit einer Affäre die Hauptrolle erkaufen will, und schwärmt dann ebenfalls von Orson Welles.

Jedenfalls bekommt der Affe zum turbulenten Finale noch einmal Zucker, die Kulissen von Chaplins holzgetäfeltem Arbeitszimmer stürzen. Was Pianisten einst zum Stummfilm improvisierten, leistet in hörenswertem Einfalls- und Zitatenreichtum Leon Szostakowski am Cello. Der junge gebürtige Dresdner macht dem Anklang seines Namens alle Ehre, spielt als Dialogpartner gelegentlich auch mit. In summa ist das alles ganz hübsch und tut niemandem weh. "Und jeder geht zufrieden aus dem Haus…"

Slapstick (UA)
von Wieland Schwandebeck
Regie: Ingo Putz, Ausstattung: Sven Hansen, Musik: Leon Szostakowski, Dramaturgie: Patricia Hachtel.
Mit: Tilo Werner, Philipp Scholz, Gen Soto, Martha Pohla.
Premiere am 16. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

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Kritikenrundschau

Wilde Luftschlägereien, Stolpern über herumliegende Dinge und andere komische Pantomime-Einheiten gebe es tatsächlich auf der Bühne "zunächst nur als leise Zitate aus der Ära des Stummfilms, doch später übernehmen sie die Führung", schreibt Ines Eifler in der Sächsischen Zeitung (18.10.2021). Problem des Abends sei aber nicht nur die in Teilen dünne Erzählung, sondern dass man auf der Bühne dem Schauspieler nicht den Charlie Chaplin abnehme. Die anfänglichen Schwächen werden verzeihlicher, je mehr Fahrt das Stück im zweiten Teil aufnehme.

 

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