Tüftler:innen unter sich

17. Oktober 2021. Drei Tage lang kamen Künstler:innen des Netztheaters im Theater Rampe Stuttgart und online zusammen zum "Tools"-Festival. Es gab fertige Produktionen, Try Outs und Talks und einen Einblick in eine Szene, die sich mehr auf technische als auf dramaturgische Herausforderungen konzentriert. Der Festivalbericht.

Von Christian Rakow

Tüftler:innen unter sich

von Christian Rakow

14. bis 16. Oktober 2021. Wenn etwas Positives aus den bitteren Corona-Monaten bleibt, dann ist’s der Aufbruch der Tüftler. Softwarefummler, Tonwerker, Kamerakönner, Mischpult-Akrobaten drängten aus dem Dunkel der geschlossenen Schauspielhäuser hinauf nach Digitalien. Und mit ihnen verströmte sich der Geist der Technikerszene ins aufkeimende Netztheater: das Werkeln in Modulen, das Jonglieren mit Beta-Versionen von Programmen, die Lust auf Trial-and-Error, Scheitern als Chance, das Teilen von Gemeingut (Sharing, Open Source, Wiki), überhaupt das Herumreichen von Wissen und Werkzeugen (Tools).

Blick in die Werkstatt

Etwas von diesem Geist hat jetzt das dreitägige "Tools"-Festival eingefangen, das das Stuttgarter Theater Rampe Stuttgart gemeinsam mit der Streaming-Plattform Spectyou, dem Institut für künstlerische Forschung Berlin (!KF) und der Digitalen Bühne veranstaltete. Man fühlte sich als Besucher durchaus dem Titel entsprechend wie beim Blick in eine Werkstatt, wo Gerätschaften und Muster rumliegen, manches schon besser gearbeitet ist, anderes wackelt noch. Eine Kiste voll Geschreddertem gibt’s auch.

Soll heißen: "Tools" präsentierte nicht nur Perlen des Onlinetheaters wie den erhellenden Mixed-Mediafilm aus Cartoon und kulturwissenschaftlicher Vorlesung Zombie TV – to live and die with the Virus von Transit Productions (Text und Performance: Elisabeth Bronfen, Regie: Barbara Weber). Sondern vor allem zielte es auf die Reflexion über künftige Digitaltheaterarbeit: zeigte auch aktuelle Projekte und Vorhaben in frühen Entstehungsstadien, "Try Outs", wie es fachgerecht heißt.

tools HUMANE METHODS cSzenenbild aus dem mit 360 Grad Kamera gefilmten Tanzstück "Humane Methods" © Tools Festival

Was wäre Eure "Idealvorstellung von einer Digitalen Bühne", wurden Akteure des Festivals auf dem zentralen Diskussions-Panel gefragt. Und die Tänzerin Margherita Pevere legte los: "Tische, Steckdosen, Kameras, Software, Motherboards wären schön…" Womit das Kernproblem vieler der eingeladenen Inszenierungen ganz gut beschrieben ist. Das Digitale wird vor allem als technische Herausforderung gedacht, als Einrichten einer Spielwiese. Nur zu welchem Ende man dann dort überhaupt werkelt, was und wie man erzählen will, und wie man sich sein Publikum online vorstellt, das alles kam kaum in den Blick.

Vielversprechend: globale Vernetzung und Crossover-Formate

Entsprechend selbstbezüglich und hermetisch nahmen sich denn auch viele der Arbeiten aus. Pevere hatte (gemeinsam Andrea Familari und Marco Donnarumma) das Tanzstück "Humane Methods: 4.01 The Ether Sessions" mitgebracht, abgefilmt mit 360 Grad Kamera, sodass der Onlinezuschauer sich per Mouse-Steuerung im Bühnenraum umschauen konnte. Nur dass es hier wenig mehr als die Körper der Tänzer zu entdecken gab, nackt, in ritueller Selbsterkundung, vor milchig trübem Hintergrund. Wenn schon 360 Grad, dann muss es – wie etwa in dem maßstabsetzenden Volksbühnen-Abend Anthropos, Tyrann (Ödipus) – auch einen entsprechend befüllten, erkundungsfreundlichen Raum geben.

Anderswo wurde mindestens ein Versprechen auf Künftiges gegeben. Claudia Wiedemer und ihre Freie Filiale Luden mit "Die schöne grüne Wiese – Erkundungen im imaginären Raum" zu einer Greenscreen-Performance, für die die bildenden Künstlerinnen Maïté Lisa Dietzel und Sian Lang in Schnellzeichnermanier surreale Hintergründe schufen. Einzelne Motive hatte das im Zoom zugeschaltete Publikum per Befragung angelegt. Und im nun wabernden, fluiden, seine Landschaften permanent wechselnden Raum tasteten sich zwei Spieler:innen voran, Worte aus Kleists "Käthchen von Heilbronn" mit dem titelgebenden Topos der traumwunden "Grünen Wiese" auf den Lippen. Impro-Theater meets Live-Comic, ein reizvolles Experiment.

Viel Potential steckt auch in der globalen Vernetzung, die Transit Productions mit ihrem Try Out von "Remote Together The Reality Vaccine" anleitete. Kleine Performancesplitter aus Wien, Berlin, Stuttgart, Zürich, Amsterdam werden live miteinander verschaltet. Mal in der Galerieansicht, mal herangerückt. Alles dreht sich um ein erweitertes Denken des Organischen, um die Rechte der anderen Lebewesen, um die Gründung eines großen Parlaments der Arten. Leider fehlt’s der Unternehmung an einer Dramaturgie, die das Thema auch nur einigermaßen publikumsfreundlich einrichten könnte. Zwischen dissonantem Flötenspiel, Tiermaskerade und erratischen Ergüssen über "remotes" Dasein und "unphibische Lokalisierung" versinkt der ökologische Diskurs im Ozean des Vergessens.

Die Dramaturgie der künstlichen Intelligenz

Dramaturgie also, Pointiertes, Konzises, Erinnerbares – wie sehr vermisst! Das Digitale zwingt den Akteuren offenbar seine eigenen Gesetzmäßigkeiten auf. Die Arbeit, die das in bewundernswerter Klarheit und Reflektiertheit vorführt, stammt von den CyberRäubern aus dem Staatstheater Wiesbaden: "Der Mensch ist ein Anderer". Wie im Vorläufer Prometheus Unbound nutzen die CyberRäuber (Björn Lengers/Marcel Kanapke) Künstliche Intelligenz für ihre Inszenierung: der Text wird generiert mit GPT3, die Choreographie der drei Spieler:innen ist algorithmisch gesteuert, ebenso die abstrakten Projektionen auf die umstehenden Videowände, die Lichtwechsel. Per Ohrstöpsel erhalten die Akteure ihre Anweisungen vom Zentralrechner. Wobei das Regieteam ein paar Pflöcke zur Strukturierung eingeschlagen hat. Der Abend beginnt und endet fest mit Variationen aus Grimms Märchen "Der süße Brei", hat regelmäßig Selbstbefragungen drin ("Was heißt das: Der Mensch ist ein Anderer?"). Aber innerhalb des Rahmens entsteht jede Aufführung komplett neu.

tools der mensch ist ein andererSzenenbild aus "Der Mensch ist ein anderer" © Tools Festival

Leider ist das, was GPT3 als Poet zu bieten hat, eher Formenspiel als sinnfällige Verdichtung. Mitunter gelingt ein Treffer, wie dieser herrliche Part: "Wer die Kunst nicht kennt, ist ein Narr. Wer sie zu kennen glaubt, ist ein Arschloch. Wer sie nicht liebt, ist ein Trottel." Zumeist aber rauscht und raunt es auf den Wogen des eingespeisten Wortschatzes und entlang einschlägiger rhetorischer Figuren, quillt gleich dem Brei bei Grimms auf und verströmt sich.

Er habe auch im normalen, analogen Theater oft "Textwüsten durchschritten", bei denen man nicht so recht wisse, was einem da gerade erzählt werde, bekannte Björn Lengers im Künstlergespräch nach der Aufführung. I feel you, möchte man ihm zurufen. Von GPT3 lernen wir an diesem Abend mindestens, dass poetische Muster wie Refrain, Motivwiederholung, Surfen auf Wortgliedern, Klang-Kombinatorik und Kalauer, dass bloßes monologisches Senden, dass also eine Poesie, wie sie im Fahrwasser von Elfriede Jelinek die Gegenwartsbühnen flutet, von künstlichen neuronalen Netzwerken noch locker gemeistert werden kann. Ein guter Aphorismus aber, ein Gedanke, womöglich gar eine Argumentfolge sind schon schwerer zu gewinnen.

Digital-Kunst, die im Internet nicht funktioniert

Das GPT3-hafte der Gegenwartsdramatik war auf dem Festival auch weidlich zu vernehmen: in den lose nach Shakespeare gestrickten Variationen von E.L. Karhu "Princess Hamlet" etwa, die eine depressive Thronfolgerin mit Mutterkonflikt und den Verrat ihrer Geliebten Horatia vorstellen (als vierteilige Webserie mit Sinn für kühne Kameraführung und David-Lynch-mäßig surreale Räume inszeniert von Marie Bues und Niko Elfteriadis). Oder in der selbstversunkenen Ich-muss-die-Worte-in-ihrem-Wortsein-beschwören Lyrik, die Natascha Gangl zur Klangkunstetüde "Ameisen für Mimikry" (von Radeča Raketa und Nikolaos Zachariadis frei nach Anestis Logothetis) beisteuert.

tools ameisen fuer mimikry c judith barfuss"Ameisen für Mimikry" © Judith Barfuss

Das sind Beiträge, die in einem festen Disziplinarrahmen wie in einem Museum oder eben auf der Bühne aufgehen mögen, wo man auf Andacht gepolt ist. Im Internet, in dem sich Theater als "Nebenbeimedium" behaupten muss, braucht’s stärkere Spannungsbögen, Plotstrukturen, Spiel mit Erwartungshaltungen. Sonst schaltet man ab.

Konventionell konzentriert: punkt.live mit "Die Möwe (frei nach Tschechow)"

Vermutlich ist der Erfolg des jungen Kollektivs punktlive (um die Regisseurin Cosmea Spelleken) auch von hier aus zu erklären. Ihr Referenzstück werther.live war nebst aller Digital-Native-Anmutung, aller Browserakrobatik und filigranen Goethe-Übersetzungsleistung auch ein sehr packendes Kammerspiel: Wer antwortet wie? Wie entsteht Liebe im Distanzraum? Was sind das überhaupt für Figuren und was treibt sie um?

punktlive gaben bei "Tools" einen winzigen Einblick in ihre kommende Arbeit "Die Möwe" (frei nach Tschechow) – und sprachen im Talk eben über genau das: über Figuren, Stimmungen, Accessoires, die Selbst-Inszenierung eines Charakters auf Instagram, über das Digitale als Sehnsuchtsraum. Klingt konventionell. Oder einfach konzentriert. Jedenfalls ist so ein klar erzählerischer Ansatz, der auf festere Strukturen setzt, allemal tragfähiger und barrierefreier als eine Poetik, die sich nur auf das medial generierte Flimmern, Diffundieren, endloses Processing von Daten (nicht von Sinn!) draufsetzt.

Online-Theater als Volkskunstevent: "Chez Nu"

Dass stabilere Strukturen nicht Altbackenheit oder Ödnis bedeuten, bewiesen auch "Chez Company" (Gesine Danckwart / Sabrina Zwach) mit ihrem Festivalrausschmeißer "Chez Nu". Ein kleiner wilder Abend zum Thema "Mobilität". Das Team schickt eine Avatarin live durch die Straßen von Stuttgart; man kann sie von daheim mit Steuerungsbefehlen per Chat-Eingabe lenken. Ihre Aufgabe ist es, in der schwäbischen Autostadt wenigstens einen freien Parkplatz zu finden. Das Ganze ist also eine Quest, eine Herausforderung, eine Heldenreise nach Art der Rollenspiele.

Und während das Digitalpublikum für seine Avatarin auf ihrer Reise munter Unteraufgaben ersinnt (Finde einen Erstwähler, der sich als FDP-Wähler outet!), fühlen Danckwart / Zwach – dem Saalpublikum im Theater Rampe auf den Zahn. "Es ist kein Mitmachtheater. Ihr müsst nur mitmachen." Also: Wer fährt SUV? Zum Höhepunkt gibt’s ein instruktives Interview mit Mobilitätsforscher Professor Andreas Knie, via Zoom aus Berlin zugeschaltet. Derweil sich Jugendliche vor dem Stuttgarter "Burger King" ganz fossilfree zeigen: "Wem gehört die Stadt? Den Skatern!"

tools chez nu ueber koerper und arbeitSabrina Zwach und Gesine Danckwart in "Chez Nu" © Tools Festival

Tohuwabohu im Splitcreen also, zwischen Theaterraum und Straße, bunt, ein bisschen trashig, eine Stunde lang. Onlinetheater als Volkskunstevent. Mit Einblicken in die Zukunft des Individual-Verkehrs. "Im Analogen ist alles freundlich. Im Digitalen ist alles kalt", sagt Sabrina Zwach einmal. Aber ist gar nicht so. Ist eigentlich ziemlich hot. Wenn’s denn zündet.

Tools Festival
14. bis 16. Oktober 2021 im Theater Rampe Stuttgart und online
Veranstaltet von Theater Rampe, SPECTYOU, digital stage, !KF
Mit Arbeiten von Marie Bues und Niko Eleftheriadis, Transit Productions, Freie Filiale, CyberRäuber, punkt.live, Fronte Vacuo, Rdeča Raketa / Natascha Gangl / Nikolaos Zachariadis, Chez Company, Movingimages

www.spectyou.com/tools

 

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