Ein Stern, der sich selber frisst

Basel, 23. Oktober 2021. Regisseur Antú Romero Nunes gibt eine Version der sorbischen Krabat-Sage "Die Mühle von Saint Pain" als Schauspieloper mit Familiendrama, Chor und Orchester. Mit einem Wort: ein Moritatenpsychodramasingspiel.

Von Claude Bühler

Ein Stern, der sich selber frisst

von Claude Bühler

Basel, 22. Oktober 2021. Frenetischer Applaus nach zweieinhalb Stunden für ein Moritatenmärchentraumpsychodramasingspiel, das alle Register zieht: Tote kehren ins Leben zurück (nur Vorstellung oder höhere Realität?), ein Riesenteddy bumst einen Stoffleoparden (Symbol für einen Kindsmissbrauch?), das Mädchen Krabat schießt sich in den Mund (war die nicht schon anfangs tot?), eine Mühle brennt nieder (Brandstiftung, wenn ja, wer war's?) und zwischendurch werden wir noch von Mahlers berühmtem Adagietto aus der fünften Sinfonie weichgekocht. Ein Kuddelmuddel? Fürwahr! Aber ein Unterhaltsames, aufgeladen mit und getragen von sehr viel Sentiment.

Wer weiß das alles noch so genau?

Aus der sorbischen Krabat-Sage hatten die Geschwister Anne und Lucien Haug ein tragisches Familiendrama aus Schuld, dramatischem Enthüllungs-Auskotz unter Geschwistern und blutigem Showdown verfasst. Leitmotiv: Die Familie ist ein Stern, der sich selber frisst und am Ende kollabiert.

Mühle Gala Othero Winter Elmira BahramiGala Othero Winter als untote Krabat und Elmira Bahrami © Maurice Korbel

Die Mühle von Saint Pain (heiliger Schmerz) ist als Symbol für das schöpferische und gleichzeitig zerstörerische Mahlwerk im Familienleben gesetzt. Gar so streng ist die Story nun in der Entwicklung unter Antú Romero Nunes' Regie nicht geblieben. Schuld und Täter, wer weiß das alles noch so genau? Statt Rückverfolgung und Klarheit werden uns nur Fährten angeboten, die auch falsch sein könnten.

Hinterm Plastikvorhang der Realität

Bodenfeste Realität gibt es wahrscheinlich nur im ersten Akt. Simon, Judith, Ruben treffen sich nach 20 Jahren erstmals wieder zur Beerdigung ihrer Schwester Krabat. Aber ihre Konflikte sind über die lange Zeit ganz frisch geblieben. Der weiche, religiöse Simon, für den seine Therapeutinnen-Ehefrau Teresa präventiv das Schnupftuch bereithält, die hart-nüchterne Bezirksrichterin Judith und Alleinerzieherin einer Gamer-Göre, der Musiker und sinnliche Hallodrio Ruben schließlich, der gleich seine ganze Band aus Südamerika angeschleppt hat: Die Gereiztheit und die Abstoßung sind mit Händen zu greifen. Die Typen sind vortrefflich herausgearbeitet und gespielt, die Dialoge so natürlich, schlank und federleicht gestaltet, dass hier ein Wort sprichwörtlich das andere gibt.

Aber als plötzlich die tote Krabat quicklebendig auftritt und Judiths Tochter hinter den kühlen Plastikvorhang (der Aktualität) entführt, sich die damalige, familiäre Mühle, deutlich als Kulisse stilisiert, dahinter enthüllt, tauchen wir ein in ein opulentes Märchentraumsingspiel, das die Erinnerung an diesen Abend prägen wird. In warmes Madonnen-Licht gehüllt erscheint wie von einem anderen Stern Krabats Mutter, singt als Operndiva glockenklar eine Mozart-Arie und wäscht dabei die Kinder. Bald erobern auch Simon, Judith und Ruben spielend, schreiend, balgend, herumhüpfend die Stätte ihrer Vergangenheit, oder mehr: ihrer Erinnerung.

Hinter der Mühle leuchtet ein Galaxienhaufen, neben ihr stürzt ein gemalter Gebirgsbach herunter. Aus dem Mühlenboden, dem Orchestergraben toben die Schreckensklänge aus Schostakowitschs Kammersinfonie 110a, die eine tragische Wende anmahnen. Wenn die Mutter mit einem Miserere Allegri den eigenen Tod an Rubens Geburt besingt, kommentiert Krabat mit schwülstiger Lyrik "Da stieß er einen Schrei wie aus den Tiefen eines brodelnden Vulkans hervor und Mamma starb in Vaters Arm".

Die Bühne ist bis in die Ecken ohne Atemlassen mit Emotion gefüllt. Wohl ist damit die schier grenzenlose Erlebnisfähigkeit eines Kindes gemeint, aber die Aufführung gerät zuweilen in die Nähe des Kitschs – trotz der hochqualitativen Kompositionen und nicht nur wegen der weichen Popliedchen: Ein Wille zur Überinszenierung dringt immer wieder mal durch.

Es werde Minne

Nunes inszeniert nämlich, und dies durchaus virtuos, dass man immer gleichzeitig staunen, weinen und lachen soll. Er erzählt eine symbolschwere Sage und gleichzeitig eine Kindheitserinnerung, die er mit Elementen wie dem erwähnten Riesenteddy psychologisiert. Dazu denunziert er die Geschichte als kindliche Trugerinnerungen und streut profanisierende Gags ein. Die verschiedenen Realitätsebenen lässt er wie im Märchen nebeneinander bestehen und löst das Familiendrama in Minne auf, es gebe halt Liebe und Hass in jeder Familie. Da fehlen nicht nur Standort und Linie, sondern auch eine Haltung.

Gleichwohl folgt man über weite Strecken gebannt den nahtlos aneinandergereihten Szenen. Besonders die straffe Ausstrahlungskraft von Gala Othero Winter als hyperaktive Krabat und die Virtuosität und Agilität von Jan Bluthardt als Simon ziehen die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich. Der Wirkung der klassischen Kompositionen kann man sich nicht entziehen.

 

Die Mühle von Saint Pain
von Anne und Lucien Haug, nach Motiven der Krabat-Sage
Uraufführung
Regie: Antú Romero Nunes, Musikalische Leitung: Thomas Wise, Komposition, Songwriting: Anna Bauer, Bühne: Matthias Koch, Kostüm: Victoria Beher, Julia Brülisauer, Lichtdesign: Roland Edrich, Dramaturgie: Michael Gmaj, Kris Merken.
Mit: Hilke Altefrohne, Elmira Bahrami, Jan Bluthardt, Barbara Colceriu, Edgar Eckert, Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Gala Othero Winter, Chor des Theater Basel, Basel Sinfonietta, Combo: Jens Bracher, Ruben Mattia Santorsa, Josep-Oriol Miro Cogul, Irina-Kalina Goudeva.
Premiere am 22. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

"Je länger sich die Zusammenkunft hinzieht, desto mehr wird das Stück zur Familienaufstellung. Die Handelnden tauchen immer tiefer in ihre Vergangenheit ein – und die Tote taucht auf. Es ist dies der stärkste Momente dieses neuen Stücks", schreibt Alexander Dick in der Badischen Zeitung (online: 24.10.2021). Und weiter: Gala Othero Winter mache ihre Figur zum Ereignis. "Koboldhaft, mit einer schauspielerischen Präsenz, die an die junge Katharina Thalbach erinnert, spielt sie ein quirliges Fabelwesen voller Energie und Leidenschaft." Anna Bauers Musik sei "eine Mischung aus Chanson und Musical – tonal und nicht überkomplex“" Aber außer dem wunderbar poetischen ‚Dorma' hinterlasse sie zu wenige Spuren.

Als "starkes Stück" bezeichnet Markus Wüest von der Basler Zeitung (23.10.2021) die Produktion. "Es ist Gefühlstheater und Comedy, es ist Slapstick und Psychoanalyse, es ist Sprech- und Musiktheater, es ist Traum und Wirklichkeit. Und es ist vor allem grossartig gespielt." Der Abend berühre und langweile nie. Die Musik transportiere hervorragend die Gefühle. Anna Bauers Kompositionen fügten sich nahezu nahtlos in die Werke der Altvorderen ein. "Gäbe es etwas auszusetzen, so wäre es der Schluss." Dieser stellt den Kritiker vor ein Rätsel.

 

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