Das große Trippeln

23. Oktober 2021. Formstreng trippelt der Hoftstaat durchs fantastische Bühnenbild in Mateja Koležniks Inszenierung "Yvonne, die Burgunderprinzessin" in Frankfurt. Und stellt sich der großen Frage, was die Prinzessin sagen will.

Von Leopold Lippert

Das große Trippeln

von Leopold Lippert

Frankfurt, 22. Oktober 2021. Ach diese Bühne! Raimund Orfeo Voigt hat eine elegante Planetenbahn ins Frankfurter Schauspiel gestellt, eine elliptische Plattform, umrundet von einer zweiten, drehbar, kippbar, hebbar, senkbar, zum rauf- und runterklettern, rutschen und stolpern. Umgeben von steilem Bühnenabgrund; obendrauf ein Zylinder als Deckel, aus dem diffuses Weißlicht glimmt. Und dann trippeln sie auch schon los, die uniformierten Schauspieler*innen mit ihren knallfarbenen ausladenden Tüllumhängen, schwarzen Halskrausen und Turmfrisuren (Kostüme: Matija Ferlin). Ja, sie trippeln sehr effizient, geräuschlos und etwas beschwingt, immer nur die Zehenballen am Boden, kein fester Tritt, kein Knarzen, alles geschmeidig im Fluss an diesem Hofstaat im Nirgendwo.

Tick, tick, tick, tick ...

Man sieht also und freut sich: Es wird sehr formstreng werden in dieser "Yvonne, die Burgunderprinzessin". Mateja Koležnik inszeniert Witold Gombrowicz' Groteske von 1935 um die unbekannte Frau, die am Hof von Burgund auftaucht, alles durcheinanderbringt und schließlich geopfert wird, als abstrakte Moritat ohne konkreten Weltbezug. Dafür mit einem flirrenden, nie enden wollenden Schlagzeugbeat, der die Handlung treibt, eine Bombe, die tickt, aber nie zünden wird.

Yvonne 4263 Birgit Hupfeld 600Tickende Tüll-Bomben: das Ensemble in Kostümen von Matija Ferlin © Birgit Hupfeld

Die Freude währt kurz, denn nach einer Viertelstunde ist die Form durchexerziert, und die Geschichte beginnt zäh zu werden, denn "Yvonne, die Burgunderprinzessin" ist eine recht schlichte Sündenbockgeschichte, wie sie der Kulturanthropologe René Girard einst als Menschheitsmythos erklärt hat, und wo man schon am Anfang weiß, wie's ausgehen wird. Tragisch nämlich, die Frau (Manja Kuhl), die erst den ganzen Hofstaat fasziniert, dann aber durch ihre bloße, beinah stumme Präsenz sehr nervös macht, die Frau, die das eingefahrene Zeremoniell schal wirken lässt und uralte Wunden aufbrechen lässt, die Frau als Projektionsfläche für die eigenen Unzulänglichkeiten also muss entfernt werden, durch die "bequemste Art der Liquidation", wie der Prinz (Torsten Flassig) vorschlägt.

Am Gag verschluckt

Es werden also Karauschen serviert, Fische mit vielen Gräten, und es kommt, wie's kommen muss: Yvonne erstickt, röchel, röchel, dann sehr stumm, bis die Königin sehr beiläufig bemerkt: "Eine Leiche, sie ist gestorben, stören wir nicht länger." Die Ordnung ist wieder hergestellt, Blackout. Es ist dies in eben seiner Beiläufigkeit, die jede Psychologisierung und Figurenentwicklung verweigert, natürlich sehr komisch, und als Komödie choreographiert sowieso, weil ein Hofstaat halt immer schon ein bisschen lächerlich ist mit seinen Knicksen und Verbeugungen und seinem Gekichere und seinen unterdrückten Leidenschaften.

Yvonne 4268 Birgit Hupfeld 600Torsten Flassig, Peter Schröder und Christoph Pütthoff als paranoide Hofstaatler:innen © Birgit Hupfeld

Und weil es halt noch immer irgendwie für Klamauk herhalten muss, wenn alte Leute über ihre geheimen Lüste schmachten und ihre "intime Poesie" offenbaren (dafür dürfen Peter Schröder als König und Katharina Linder als Königin sich auch ein bisschen mehr als die anderen aus ihrer Tülluniform herausspielen). Und weil Misogynie halt immer noch Lacher bringt, wenn man sie nur möglichst selbstironisch ausstellt, wird Yvonne erst als "Zimtzicke" beleidigt und dann als "Schlampe" (und einiges mehr).

Ja eh!

Aber man fragt sich schließlich schon, was einem diese Burgunderprinzessin sagen will, die am Ende an einem überdimensionierten Plastikfisch erstickt am Opfertisch daliegt, während sich die eine Ellipse weiterdreht und die andere langsam kippt. Ja eh, ein Sündenbock. Ja eh, eine sprachlose Frauenfigur, die an patriarchalen Strukturen zugrunde geht. Ja eh, wenn die Form streng ist, wird die Abweichung umso schärfer bestraft. Es sind denkbar schale Logiken der Sozialkritik, über die die Inszenierung zwar einen ästhetisch reizvollen Filter legt, aber deren Schlichtheit sie auch nicht so recht beizukommen weiß.

 

Yvonne, die Burgunderprinzessin
Von Witold Gombrowicz, Deutsch von Heinrich Kunstmann
Regie: Mateja Koležnik, Bühne: Raimund Orfeo Voigt; Mitarbeit Bühne: Andrej Rutar, Kostüme und Choreographie: Matija Ferlin, Musik: Malte Preuss, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt, Licht: Marcel Heyde.
Mit: Max Böttcher, Torsten Flassig, Stefan Graf, Sarah Grunert, Manja Kuhl, Katharina Linder, Christoph Pütthoff, Peter Schröder.
Premiere am 22. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (24.10.2021) fragt sich, ob "die kleinen Derwische" auf der Bühne noch die Individualität hätten, die sie haben könnten und den Schurken erst die ganze Schärfe gäben. "Überhaupt ist es ja angenehm, sich in den Schurken nicht direkt wiederzuerkennen. Schurken treten einerseits oft in der Menge auf, andererseits hat Gombrowicz kleine Verlegen- und Besonderheiten eingebaut. Man kann über sie hinweglachen." Die Kritikerin schließt: "Wer schöne Bilder und neckische Leutchen sehen und zugleich Platz zum Denken haben will, wer außerdem bereit ist, der Schlechtigkeit der Menschen – denn natürlich erkennen wir uns in den Püppchen doch wieder, und im Menschen Yvonne erkennen wir die, um die wir uns nicht scheren –, ins hübsche blasse Gesicht zu schauen, wird einen lohnenden Hundert-Minuten-Abend verbringen."

"Sound und Kontext des Stücks muss man sich wie eine Mischung aus einem perfideren 'Leonce und Lena' und einem geschwätzigeren 'Warten auf Godot' denken. Wie in Büchners aristokratischem Prä-Dada-Lustspiel spielt eine amüsante Langeweile die Hauptrolle, und wie in dem existenziell tragikomischen 'Godot' kreist alles – inklusive der Bühne, die sich dreht und hebt und senkt – um eine leere Mitte", schreibt Jan Küveler in der Welt (24.10.2021). "'Das Stück ist äußerst schwer zu inszenieren und noch schwerer zu spielen’, steht im Programmheft und ein paar Seiten später bestätigt das die Regisseurin in einem Interview. Dem Befund kann man zustimmen. Der Abend ist auch nicht gescheitert. Die Formstrenge und Manieriertheit, die sich anarchischem Witz verschreibt, ist nur leider ganz schön langweilig."

"Gombrowicz’ 'Yvonne' ist ein durch und durch misogynes, moral- und ideologieloses Stück. Es führt auf drastische, surreal-satirische Weise vor, was Menschen einander in Wahrheit sind: blitzblanke Spiegel des eigenen Nichts", schreibt Simon Strauß von der Frankfurter Allgeminen Zeitung (25.10.2021). Mateja Koležnik scheitere "auf durchaus hohem Niveau" bei dem Versuch, den Text in einer bildlich aufgeladenen Atmosphäre vom Blatt spielen zu lassen. Ihr Ensemble wirke leblos und programmiert, "die dargestellten Albernheiten gleiten bald ins Triviale und Possierliche ab". Und weiter: "Es ist, als wäre diese Geschichte zu schnell auserzählt, als habe die dramaturgisch gut beratene Regie schon früh jeden Winkel des Stücks kennengelernt und führe ihrem Publikum jetzt nur noch die Quintessenzen vor." Und so entpuppe sich, was als blitzendes Spielgewitter angekündigt war, nur mehr als leichtes Schaustellgeriesel.

"Bereits nach 20 Minuten beginnt Koleniks angestrengte Suche nach der Identität der royalen Gesellschaft enervierend durchzuschlagen: Warum fühlt sich der Märchenstaat derart von dieser bedürftigen Frau bedroht?", so Bettina Boyens in der Frankfurter Neuen Presse (25.10.2021). Kolenik lege sich auf die Interpretation fest, dass Yvonne vor allem das radikal Andere bezeichnet. "Damit wird die Mehrdeutigkeit der Yvonne-Figur nivelliert." Und so schnurrt die schlichte Botschaft ab von der Fremden als Spiegel der eigenen, verzerrt vergrößerten Charaktermängel.

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