Forensische Architektur, NSU-Monologe + andere Songs

27. Oktober 2021. Der Sammelband "Rassismus. Macht. Vergessen." geht den Spuren rechter Gewalt nach. Darin enthalten: ein Interview mit dem Historiker Friedrich Burschel und dem Schauspieler und Juristen Dietrich Kuhlbrodt über Kunstprojekte gegen Rechts.

Von Jonas Zipf

Dietrich Kuhlbrodt: Könnt Ihr bitte erst mal definieren, was das ist: "Forensic Architecture"? Werden die, die jetzt erst anfangen, sich für die Nazi-Themen zu interessieren, nicht durch zu viel Fachvokabular abgeschreckt?

Fritz Burschel: Das glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Die Jüngeren haben Englisch doch drauf. Forensic Architecture ist jedenfalls eine multidisziplinäre Forschergruppe am Goldsmith College in London. Die bauen u.a. Tatorte in Fällen nach, wo der Verdacht staatlicher Verbrechen vorliegt. So verfuhren sie auch im Falle des NSU-Mords in Kassel, der Ermordung von Halit Yozgat im April 2006. Sie haben den Laden, das Internetcafé, von Halit Yozgat nachgebaut, um herauszufinden, ob der Verfassungsschützer, der zur Tatzeit der Ermordung von Halit Yozgat dort war, etwas von der Ermordung Yozgats mitbekommen haben kann oder könnte. Und sie sind zu dem zwingenden Schluss gekommen, dass er das entgegen seinen Beteuerungen mitbekommen haben muss und infolgedessen lügt.

ForensicArchitecture Screenshot ModellScreenshot aus dem Film "The Murder Of Halit Yozgat" von Forensic Architecture: das Modell des Tatorts, ein Kassler Internetcafé, wo sich zur Tatzeit auch ein V-Mann des Verfassungsschutzes aufhielt. © Forensic Architecture

Jonas Zipf: Und schon sind wir mitten im Thema: Forensic Architecture ist ein viel diskutiertes Beispiel im Zusammenhang mit dem NSU-Komplex und wurde stark rezipiert, auch außerhalb der Filterblasen und Echokammern der Kunst. Aber wie wirksam war diese künstlerische Intervention denn tatsächlich? Immerhin ist sie das Werk einer Gruppe, deren Name Forensic Architecture ja schon zum Ausdruck bringt, dass sie auch für eine juristische Beweisführung in Stellung gebracht werden will. Wurde sie denn juristisch auch wirksam?

Fritz Burschel: Das Drama von Forensic Architecture zeigt sich schon in Ihrer Anmoderation. Wenn Sie Forensic Architecture als Künstler:innen-Kollektiv bezeichnen, dann sagen Sie nur die halbe Wahrheit. Neben Künstler:innen sind Leute beteiligt, die aus ganz anderen Fächern kommen, zum Beispiel Forensiker:innen oder Soziolog:innen. Forensic Architecture hat sich weltweit einen Namen mit verschiedenen Versuchen gemacht, Verbrechen von Staaten aufzuklären. Zum Beispiel hat sich das Kollektiv mit den Morden der mexikanischen Polizei an dortigen Studierenden beschäftigt. Oder mit der letzten Auseinandersetzung im Gazastreifen, als die israelische Armee auf demonstrierende Menschen geschossen hat. Immer wieder haben sie wissenschaftlich rekonstruiert, wer wie was gemacht hat. Das Drama jedenfalls habe ich unmittelbar erlebt im Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Arbeit von Forensic Architecture zum Mord an Halit Yozgat auf der documenta 13 als Kunstwerk präsentiert wurde. Das hat denjenigen Munition in die Hand gegeben, die gesagt haben: "Sie werden ja wohl nicht von uns erwarten, dass wir uns im Zusammenhang mit strafrechtlichen oder parlamentarischen Ermittlungen auf ein Kunstwerk beziehen." Ich habe das erlebt im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages zum NSU in Wiesbaden, als der Fraktionsobmann der CDU Bellino sagte, er werde sich auf gar keinen Fall zu "diesem Film zum 6. April 2006" äußern.

ForensicArchitecture TemmeModell des Tatorts im Film von "The Murder Of Halit Yozgat" mit Einblendung eines Videos des V-Manns Andreas Temme bei einer Begehung 20 Tage nach dem Mord. © Forensic Architecture

In derselben Sitzung des Untersuchungsausschusses war übrigens auch Andreas Temme als Zeuge anwesend. Das ist genau der Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz Hessen, der auch bei der Ermordung von Halit Yozgat in dessen Internetcafé war. Und der hat natürlich diese Steilvorlage der CDU aufgenommen und hat gesagt, er möchte zur Simulation von Forensic Architecture keine Stellung nehmen, denn sie sei ein Kunstwerk. Auch im NSU-Prozess in München kam die Simulation nicht zum Zuge. Ich ging davon aus, dass das Gericht es ermöglicht, den Film anzuschauen, um ihn in die Beweisausnahme aufzunehmen. Das ist dann allerdings aus verfahrenstechnischen Gründen unterblieben. Das Abwehrargument "Kunstwerk" musste in München nicht mal bemüht werden.

Jonas Zipf: Erinnern Sie sich an Beispiele für künstlerische Interventionen, die im Sinne einer Beweisführung in Anwendung gebracht wurden?

Fritz Burschel: Da fällt mir der Autor Wolfgang Schorlau ein, der unter dem Titel Die schützende Hand einen Krimi über den NSU-Komplex geschrieben hat. Der hat sich verkauft wie geschnitten Brot. Wolfgang Schorlau hat, meiner Meinung nach, mit diesem populären Medium Krimi eine Position bezogen, mit der er Verschwörungsideen publik gemacht und im Nachwort zu seinem Buch sogar postuliert hat, er möchte mit diesen Fragen zur Wahrheitsfindung beitragen. Er hat also die künstlerische Verarbeitung von offenen Fragen dazu verwendet, sich als Akteur der Aufarbeitung des NSU-Komplexes zu präsentieren. In besagtem Schlusswort wundert er sich offen darüber, dass er in einem Land lebt, das nicht souverän sei. Er hat da letztlich eine Art Reichsbürgerideologie mit reingebracht. Hat aber als Krimiautor tatsächlich Hunderttausende erreicht. Andere Leute haben nicht annähernd eine solche Reichweite. Ich habe natürlich die Theaterstücke gesehen. Gerade Elfriede Jelineks Das schweigende Mädchen ist sehr früh gekommen. Zu einem Zeitpunkt, an dem Beate Zschäpe tatsächlich noch geschwiegen hat. Ein tolles Stück, fand ich, das uns ganz viel sprachliche Zugänge zum Prozess eröffnet hat. Gleichzeitig denke ich, dass es nur ein sehr exklusives Publikum erreicht hat.

das schweigende maedchen 8 560 ju ostkreuz xSzenenbild aus Elfriede Jelineks Stück "Das schweigende Mädchen" über Beate Zschäpe und den NSU aus der Uraufführung von Johan Simons, 2014 an den Münchner Kammerspielen © Julian Röder /  JU Ostkreuz

Jonas Zipf: Sie sprechen es an: Wie breitenwirksam sind künstlerische Mittel? Wie wirksam können Kunst und Kultur politisch werden, wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht?

Dietrich Kuhlbrodt: Ich erinnere mich da zum Beispiel an das Fernsehen! In Ludwigsburg (wo Kuhlbrodt in den 1960er-Jahren als Staatsanwalt bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen arbeitete. Anm: der Red.) wurden wir ja offen auf der Straße angefeindet, bedroht und deswegen auch mit Waffen ausgestattet. Seitdem habe ich auch eine 7,65er-Sauer-und-Sohn, habe ich immer noch hier in meinem Haus. Das war damals richtig kritisch für uns. Und was erscheint da? Da erscheint das Fernsehen mit einer Dokumentensendung, die immer in Primetime lief, um 20:15 Uhr donnerstags, ich glaube, heute auch immer noch. Die sind gekommen und da habe ich mir den Mund fusselig geredet und habe das da in die Kamera reingesprochen und das wurde 20:15 Uhr gesendet. Und das hat möglicherweise ein Millionen-Publikum gehabt --
Akustisches Störgeräusch.

Hallo, seid ihr noch dran?

Fritz Burschel: Ja, wir sind noch da.

Dietrich Kuhlbrodt: Ja. Das piepte eben hier bei mir.

Fritz Burschel: Ja, bei mir auch.

Dietrich Kuhlbrodt: Ja, aber das ist doch die Wahrheit. Also ihr von der Abhörabteilung, das stimmt alles, was ich sage. Regt euch doch nicht so auf.

Jonas Zipf: Alles mitgeschnitten.

Dietrich Kuhlbrodt: Unter Juristen ist Filmemachen Kunst und sei der Film noch so scheiße. Das Fernsehen hat uns jedenfalls weitergeführt. Wir hatten mit einem Mal das Gefühl, wir sind da nicht alleine in Ludwigsburg als Feinde des blühenden Barocks.

Jonas Zipf: Parallel zu Eurer Arbeit in Ludwigsburg läutete Claus Peymann eine dezidiert politische Arbeit auf der Bühne des Staatstheaters in Stuttgart ein. Haben Euch die dortigen, ebenfalls kontroversen Debatten, beispielsweise rund um die RAF, dabei geholfen, mehr gesellschaftliches Gehör für die Sache der mangelnden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu finden?

Dietrich Kuhlbrodt: Ja, schon. Jedenfalls haben sie es angesprochen, versucht, ihr Publikum zu erreichen, es neugierig zu machen und zu irgendwas zu motivieren. Das endete damit, dass wir irgendwann selbst an Demos teilgenommen haben. Unsere juristische Aufarbeitung hat sich dadurch aber kaum verbessert.

Fritz Burschel: Da wir gerade über Peymann sprechen, frage ich mich das schon: Ob die künstlerischen Impulse der Nachkriegsjahre nicht gerade für die breite Wahrnehmung von juristischer Aufarbeitung eine entscheidende Rolle gespielt haben? Es hat ja schon unmittelbar nach dem Ende des Krieges Filme wie Wolfgang Staudtes Die Mörder sind unter uns gegeben, etwas später Rosen für den Staatsanwalt, 1965 dann ein Theaterstück wie Die Ermittlung von Peter Weiss, das an einem Tag in 14 Städten in Ost und West gleichzeitig aufgeführt wurde – also künstlerische Ereignisse, die die Shoa oder das deutsche Vernichtungsregime thematisiert haben.

Dietrich Kuhlbrodt: Bloß, wie geht es jetzt mit den jüngeren Leuten? Ich habe einen Enkel, der ist 14. Der weiß gut Bescheid in den Medien. Das ist die Gegenwart. Mich erinnert er daran, wie es war: 1944, da war ich gerade 12 geworden, standen wir Appell. Und da kursierte unter uns ein Spruch. In dem haben wir einfach alle verbotenen Vokabeln zusammengefasst: "Und auf dem Adolf-Hitler-Platz machen Juden-N****-Jazz". Mit einem Mal war ich in einer Gruppe. Später habe ich diesen Spruch in einem Buch über die Swing-Jugend in Hamburg wiedergefunden. Damit fängt mein politischer Weg an. Was ich damit sagen will: Bevor man aktiv wird, muss man erst mal das Miteinander mitkriegen.

Jonas Zipf: Später sind Sie selbst zum Künstler geworden, haben sich von Christoph Schlingensief auf eine Bühne werfen lassen. Schlingensief hat Mittel und Wege gesucht, um breiter wirksam zu werden, mehr Menschen zu erreichen, auch jüngere Menschen. Er hat dafür Medien genutzt, das Fernsehen etc. Haben Sie das Gefühl, dass seine Kunst, eure gemeinsame Kunst, tatsächlich impulsiver, breiter, jünger war?

Dietrich Kuhlbrodt: Ja, er hat ja eine besondere Methode gehabt. Er hat die Sachen, die er eigentlich bekämpfte, für sich benutzt. Wenn wir sagten, wir jagen jetzt vier Millionen Arbeitslose zum Schwimmen in den Wolfgangsee, genau dahin, wo das Ferienhaus von Kohl steht, damit das überflutet wird, ja, dann war das teils Spaß, teils sehr ernst gemeint. In jedem Fall hat es auf das Problem dieser vier Millionen Arbeitslosen aufmerksam gemacht. Dafür hat er die Privatsphäre dieses Politikers benutzt, hat die Arbeitslosen benutzt, hat das Fernsehen benutzt. Das ist mein Thema. Wir bauen keine Feindbilder auf. Stattdessen greifen wir von dem Feindbild etwas für unsere Zwecke auf.

Jonas Zipf: Was hätte Schlingensief wohl zur Aufarbeitung des NSU-Komplexes beitragen können …!? – Sprechen wir über die Sichtweisen der Betroffenen. Herr Burschel: Kennen Sie künstlerische Interventionen rund um den NSU, von denen Sie sagen, dass sie in besonderem Maße dazu geeignet waren, Perspektiven von Opfern, Angehörigen und, breiter gedacht, Betroffenen von strukturellem Rassismus aufzugreifen?

Fritz Burschel: Da fallen mir die NSU-Monologe ein. Das sind ja szenische Lesungen in bester Doku-Theater-Manier, die mit jeweils wechselnden Schauspielerinnen und Schauspielern in den verschiedenen Städten aufgeführt werden. Sehr, sehr eindrücklich, sehr intensiv. Die Abende waren so konzipiert, dass man hinterher noch an einem Publikumsgespräch teilnehmen konnte. Da haben die Theatermacher von Der Bühne für Menschenrechte immer irgendwelche Leute eingeladen, Selbstorganisationen migrantischer Gruppen oder Expert:innen zu einem bestimmten Thema, zu einem bestimmten Aspekt des NSU-Komplexes. Was ich da im Gespräch mit den Leuten mehrfach erlebt habe: Die Leute haben sich nicht nur über anderthalb Stunden dieses Theater gefallen lassen, sondern sie sind auch noch eine Stunde länger geblieben, um ins Gespräch zu kommen und zu diskutieren. Ich habe selten erlebt, dass etwas so eine starke Wirkung hatte.

NSU Monologe 560 Schokofeh Kamiz xSzene aus "Die NSU Monologe" 2016 im Berliner Heimathafen Neukölln © Schokofeh Kamiz 

Es gab allerdings etliche andere Theaterabende, die ähnliche Wirkungen hatten, zum Teil unter direkter Beteiligung von Betroffenen. Ich denke da an die Kölner Keupstraße und das Theaterstück Die Lücke oder ein regelrechtes Theatertreffen in Chemnitz unter dem Titel Unentdeckte Nachbarn, zu dem viele dieser Inszenierungen zusammengekommen sind. Dort hat es 2015 sehr unmittelbare Begegnungen zwischen einem wirklich neugierigen und wissbegierigen Publikum und Schauspieler:innen, Betroffenen und Expert:innen gegeben.

Jonas Zipf: Woran liegt es, dass Theater offensichtlich eine besondere Rolle in der künstlerischen Aufarbeitung des NSU spielten?

Fritz Burschel: Darüber habe ich mir tatsächlich viele Gedanken gemacht. Ich habe den Eindruck, dass das an der offensichtlichen Unfähigkeit lag und liegt, einen gesellschaftlichen Diskurs über all die Schrecklichkeiten des NSU-Komplexes zu führen. Dem Theater ist eine Möglichkeit eingeschrieben, über den Umweg der Kunst ein Thema anzusprechen, das mit Scham besetzt ist und sonst vor allem Sprachlosigkeit ausgelöst hat. Ähnliche Wege der künstlerischen Intervention sehe ich bei lyrischen Arbeiten wir Blumen für Otello von Esther Dischereit oder die Arbeiten von Sebastian Jung, die sich mit Winzerla beschäftigen, also dem Ortsteil Jenas, aus dem die Mörder und die Mörderin kamen. Die künstlerischen Interventionen waren im Grunde die Brücke über die Sprachlosigkeit der Gesellschaft, so könnte man es vielleicht ausdrücken.

Jonas Zipf: Hat diese von Ihnen benannte Qualität auch etwas mit dem Charakter von Live-Kunst zu tun?

Fritz Burschel: Ganz bestimmt sogar. Als Erfahrung von Gemeinschaft. Es gibt ja auch eine ganze Reihe von Musik-Bands, die den NSU-Komplex aufgegriffen haben – ob das die Antilopen Gang ist, Feine Sahne Fischfilet, "Waving the Guns" oder Egotronic sind. Aber ich sehe das größere Problem eigentlich auf der anderen Seite, da Musik in der Nazi-Szene eine wichtige Rolle spielt und zu einem enormen Trigger werden kann für Leute, die sich auf dem Weg befinden, Gewaltverbrechen zu verüben. Eines der drastischsten Beispiele in diesem Zusammenhang ist der Attentäter von Halle, der sich zu seinem Anschlag einen Soundtrack zusammengestellt hatte, den er während des Anschlags mit den Bildern über die Helmkamera streamte.

Jonas Zipf: Was ist nur geblieben von den altvorderen "Rock-Gegen-Rechts-Rockern"? Damit haben wir hier in Jena auch Erfahrungen gemacht, Ende 2011. Peter Maffay, Jule Neigel und Udo Lindenberg sind einmal im Paradiespark über die Bühne gejagt, dann hat sich die Mehrheit der Stadtgesellschaft gefreut. Alle haben sich verbrüdert und gesagt: Wir haben kein Problem, wir stehen hier zusammen und halten die Lichter an der Kette hoch und dann ist alles gut. Welche Verantwortung haben Künstler:innen in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus?

Fritz Burschel: Ich sehe Künstler:innen, gerade zeitgenössische Bands, in einer enormen Verantwortung. Allerdings bin ich da im Zwiespalt. Denn jede Künstlerin, jeder Künstler wird antworten: "Alter, ich bin Künstler. Ich bin nicht dein Auftragsarbeiter. Ich bin nicht der Volkspädagoge, ich habe keinen Bildungsauftrag." Die künstlerische Freiheit ist wichtig. Ich möchte das an einem Beispiel noch mal verdeutlichen. Es gab am 1. September 2018 diesen irrwitzigen Naziaufmarsch in Chemnitz mit etwa 10.000 Teilnehmer:innen. Das ganze Spektrum von AfD bis zum rechten Terroristen Stephan Ernst, der später Walter Lübcke ermordet hat, hatte sich dort auf den Straßen von Chemnitz versammelt. Einige Tage später fand vor 65.000 Leuten in Chemnitz dieses große Konzert Wir sind mehr statt. Es waren unglaublich viele junge Menschen gekommen, die diese Bands hören wollten, letztlich aber vor allem wegen des Events und weniger wegen der politischen Aussage gegen menschenfeindliche Ideologien und Faschismus. Die Leute sind danach wieder auseinandergegangen und erzählen sich wahrscheinlich heute noch eher vom Konzert als vom Anlass des Konzerts.

Jonas Zipf: Die entscheidende Frage ist doch: Was bleibt hängen, nachhaltig? Was erwartet Ihr Euch von unserem Projekt KEIN SCHLUSSTRICH! in 15 Städten mit 14 beteiligten Stadt- und Staatstheatern, mehr als 20 Jahre nach den ersten Morden des sogenannten NSU, 10 Jahre nach seinem Bekanntwerden?

Fritz Burschel: Ich erwarte mir von jeder Art der Thematisierung des NSU-Komplexes, dass der Skandal, dass das nicht aufgearbeitet worden ist in einer Weise, wie es notwendig gewesen wäre, bewusst wird und bleibt. Insofern erwarte ich mir sehr viel: Es geht darum, daran zu erinnern, was da passiert ist, in welcher Weise staatliche Stellen in den rechten Terror verwickelt waren. Es ist ja ganz eindeutig so, dass der Verfassungsschutz eine Mit-Verantwortung daran trägt, dass der NSU zu dem werden konnte, was er gewesen ist: eine mörderische Kerngruppe, umgeben von einem mehrere Dutzend oder sogar mehrere hundert Personen umfassenden Netzwerk, die unbehelligt über 13 Jahre Menschen aus rassistischen Motiven umbringen konnten und die dafür nötige Unterstützung fanden. Und vor allem: nicht gestoppt wurden, obwohl das möglich gewesen wäre. Diese ganzen Dinge liegen auf dem Tisch, sind nachgewiesen. Das haben sowohl die Beweisaufnahme in München als auch die Ergebnisse der 13 parlamentarischen Untersuchungsausschüsse offengelegt. Es gibt dennoch weiter zu viele offene Fragen. An das alles muss erinnert werden. Und es muss die Stimme derjenigen immer und immer wieder gehört werden, die von diesem Terror betroffen waren und die von uns als Gesellschaft zurecht beanspruchen, sorgenfrei leben zu können und sich auf unseren Schutz verlassen zu können.

Urteile revisited 3 560 c Birgit Hupfeld Szenenbild aus dem dokumentarisches NSU-Theaterprojekt "Urteile (revisited) – Nach dem Prozess" von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi, Premiere 21. Oktober 2021 am Münchner Residenztheater © Birgit Hupfeld

Genau das wäre mein Wunsch: Dass durch Theaterstücke, Musikstücke, Ausstellungen, Filme, Bücher, Menschen in dieser Hinsicht bewegt werden, sich noch mal ganz anders mit dem Komplex auseinanderzusetzen. Und die juristischen und parlamentarischen Befunde noch und noch mal infrage zu stellen. Und zu sagen, eine Gesellschaft, die etwas auf sich hält, die muss da mehr drauf haben und muss kritischer nachfragen und eben, was ja auch in eurem Titel drinsteckt, "keinen Schlussstrich" zulassen. Das dürfen wir auf keinen Fall auf sich beruhen lassen. Wir beobachten seit dem Ende des NSU-Prozesses eine beispiellose Eskalation rechten Terrors, rechter Gewalt. Es hat Anschläge gegeben, es gibt Bewaffnung von Leuten in Uniform, die mit Waffen umzugehen wissen, die sich auf einen Tag X vorbereiten. Diese Dinge, die sind da, die stehen im Raum, und die werden umgangen oder geleugnet, wenn zum Beispiel der Bundesinnenminister es nicht zulässt, dass eine Studie zu Rassismus in den Reihen der Polizei in Auftrag gegeben wird. Es gibt so etwas wie eine Verleugnung staatlicherseits, gegen die wir mit allen Mitteln, auch künstlerischen Mitteln, ankämpfen müssen.

Dietrich Kuhlbrodt: Ja, ich würde das auch unterstreichen. Das alles richtet sich zwar an etwas reifere Leute, die sich Gedanken machen können und schon in der Lage sind dazu. Aber ich würde sagen, gleichzeitig bleibt es eben auch die Aufgabe, mit Leuten Kontakt zu haben, die dann auch in der Lage sein werden, überhaupt anzufangen damit, nachzudenken. Also dass man nicht gleich mit dem Ziel anfängt, sondern mit dem Anfang, ein Gedankenmensch zu werden. Ich finde es völlig legitim, dafür die Theater zu nutzen. Die sind vorhanden, die Theater kriegen ihre Gelder usw. Man muss das benutzen für die Ziele, die man selbst verfolgt. So wie Schlingensief eben auch die Kunst gefunden hat oder auch die Politik mit Chance 2000, als ich damals im Bundesinnenministerium erklärt habe, das ist keine Spaßpartei, sondern das ist eine echte und das wurde sie dann ja auch.

Fritz Burschel: Ich glaube, es war der gute, alte Kommunist Luigi Nono, der sinngemäß gesagt hat, dass gute Musik sich dadurch auszeichne, dass sie von Faschisten nicht instrumentalisiert werden kann. Ich meine, dass vielleicht so ein Moment von Eindeutigkeit drinsteckt in etwas grundsätzlich Vieldeutigem wie Kunst, was aber eben eine faschistische Interpretation verunmöglicht. Wenn ich an die Theater denke und die Theateraufführungen und Euren Wunsch, der hoffentlich in Erfüllung geht, dass möglichst viele junge und diverse Leute sich in die Theater begeben werden, verbindet sich damit, dass Theater auch Bildung sein kann – nicht so sehr schulische Bildung, eher menschliche Bildung; im Sinne davon, dass Menschen sich über diese Theateraufführungen auseinandersetzen mit der Unmenschlichkeit im Denken von sehr vielen: Das ist Rassismus, das ist Misogynie, das ist Antisemitismus. Ich würde mir wünschen, dass das möglichst viele tun. Und ich hoffe, hoffe, hoffe, dass diese Pandemie sich langsam in Luft auflöst und uns die Möglichkeit gibt, wieder auf Tuchfühlung miteinander zu gehen.

 

Fritz Burschel 560 privatFriedrich Burschel ist Historiker, Politologe und Publizist. Er arbeitet zum Schwerpunkt Neonazismus und Strukturen/Ideologien der Ungleichwertigkeit an der Akademie für Politische Bildung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) zu Berlin. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema und hat als Journalist u.a. den NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München von 2013 bis 2018 für die RLS, NSU-Watch und Radio Lotte Weimar beobachtet.

Dietrich Kuhlbrodt 1000 privatDietrich Kuhlbrodt, geboren 1932, ist promovierter Jurist, Autor und Schauspieler. In den 1960er-Jahren als Staatsanwalt bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg, arbeitete Kuhlbrodt anschließend bis 1995 in Hamburg als Staatsanwalt, später Oberstaatsanwalt, mit dem Spezialgebiet der Verfolgung von Naziverbrechen. Seit 1997 wirkt er bei zahlreichen Theaterproduktionen mit – u.a. von Christoph Schlingensief, Wilfried Minks oder Angela Richter.

JonasZipf 560 JenaKultur Tina PeikerJonas Zipf, geb. 1982, ist seit 2016 Werkleiter von JenaKultur. In seiner Funktion ist der studierte Musik- und Sprechtheaterregisseur der Kulturverantwortliche der Stadt Jena und initiiert Kulturprojekte wie "72 Stunden Urban Action Lobeda" oder Kein Schlussstrich!, in dessen Trägerverein Licht ins Dunkel e.V. er gemeinsam mit Amelie Deuflhard den Vorstand bildet. Zuvor war er als Dramaturg und Schauspieldirektor u.a. am Thalia Theater Hamburg, dem Theaterhaus Jena und dem Staatstheater Darmstadt tätig.

Das Interview entstand für die Publikation Rassismus. Macht. Vergessen. Von München über den NSU bis Hanau: Symbolische und materielle Kämpfe entlang rechten Terrors, Hrsg.: Onur Suzan Nobrega, Matthias Quent, Jonas Zipf und wurde für Veröffentlichung auf nachtkritik.de etwas gekürzt.

 

Kommentare

Kommentar schreiben