Aus dem Schattenreich

1. November 2021. Mit einem fast vergessenen Werk von Bertolt Brecht und Paul Dessau eröffnet die Staatsoper nach pandemischer Schließung die Saison. Und zwar mit Pauken, Akkordeon und Trautonium, einer Kapazität für Zeitgenössisches am Pult sowie Trubel, Lenin und der Statue of Liberty.

Von Thomas Rothschild

Aus dem Schattenreich

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 1. November 2021. Plärrend tragen die Hinterbliebenen, begleitet von einer kaum noch überraschenden Videokamera, den Toten durch das Foyer zu Grabe. Auf der Bühne angekommen, klopfen sie ungeduldig an den Eisernen Vorhang. Als der sich hebt, eröffnet sich ihnen und dem Publikum im vollen Haus ein farbenprächtiges Tableau: Spaliere von Kollektiven diverser Herkunft mit Grußgeste, bewacht von Bewaffneten auf einem Wachturm und am Bühnenrand.

Ob in Konkurrenz zur selbstreferentiellen Stückezertrümmerung bei Armin Petras oder zum wohlmeinenden Weltverbesserungsnaturalismus bei Burkhard C. Kosminski: das sinnliche, bühnenwirksame Theater findet in Stuttgart in der Oper statt. Und das nun auch, ausgerechnet, mit Brecht. "Die Verurteilung des Lukullus" lockt, drei Wochen vor dem "Rheingold", zur ersten Premiere der Saison, und das Publikum jubelt.

Zum Missfallen der Funktionäre

Paul Dessau, der Ehemann von Ruth Berghaus, ist neben Kurt Weill und Hanns Eisler der dritte Komponist, mit dem Bertolt Brecht wiederholt zusammen gearbeitet hat und sich über seine Vorstellungen von der Verwendung von Musik auf der Bühne einigen konnte. Dass er, jenseits einiger Songs aus Brecht-Stücken wie dem "Puntila-Lied", dem "Lied vom Weib und dem Soldaten" oder dem "Lied vom achten Elefanten", in Westdeutschland so gut wie unbekannt war und geblieben ist, verdankt sich dem in der Kultur über das Verschwinden der Sowjetunion und der DDR hinaus fortdauernden Kalten Krieg.

"Die Verurteilung des Lukullus" war ursprünglich, anders als die Stücke, zu denen die genannten Lieder gehören, noch unter dem Titel "Das Verhör des Lukullus", nicht für die Bühne, sondern als Hörspiel konzipiert. Diesem Umstand verdankt sie ihre geringe Dauer. 1951 wurde sie in Ost-Berlin uraufgeführt und stieß auf das Missfallen der Funktionäre. Diese wünschten unter anderem, wie Jahre später anlässlich Wolf Biermanns Lied "Soldat, Soldat", dass zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen unterschieden werde. Die bereits vor der Uraufführung heftig und mit sehr unterschiedlichen, keineswegs einer "Partei" zuordenbaren Argumenten geführte Diskussion, ob Lukullus auf der Bühne zu verurteilen oder das Urteil dem Publikum zu überlassen sei, spielte eine entscheidende Rolle. Bald nach der Uraufführung fand in Frankfurt am Main die westdeutsche Erstaufführung statt, danach aber gab es nur wenige Neuinszenierungen. In Stuttgart wurde "Die Verurteilung des Lukullus" jetzt zum ersten Mal einstudiert.

Unorthodoxe Besetzungen

Anders als von Cäsar in Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters" ist von Lukullus bezeugt: Er hatte einen Koch bei sich. Dieser hat dem Feldherrn ein Fortleben zumindest in der Sprache gewährleistet. Die Oper handelt von dem Prozess, der Lukullus nach seinem Tod in der Unterwelt gemacht wird. Schöffen aus dem "Volk", Verwandte des Azdak aus dem "Kaukasischen Kreidekreis", haben ein Urteil zu sprechen. Als Zeugen treten die auf einem Fries verewigten Figuren auf. Der "Trick" besteht, wie so oft bei Brecht, in der Umkehrung der etablierten und für naturgegeben gehaltenen Werte.

Lukullus 3 Martin Sigmund In der Unterwelt wird das Urteil über den Helden gefällt © Martin Sigmund

Für die Titelrolle verlangen Brecht und Dessau einen Heldentenor, und ein solcher ist Gerhard Siegel, den man extra für diese Inszenierung nach Stuttgart geholt hat, im engen Verständnis. Er lässt erkennen, dass die Wahl der Stimmlage und des Stimmfachs nicht bloß eine Angelegenheit musikalischer Ästhetik ist, sondern eminente dramaturgische Bedeutung hat.

Dirigent ist eine der Kapazitäten für zeitgenössische Musik, der mittlerweile 84jährige Bernhard Kontarsky, der seine Karriere just an der Stuttgarter Oper begonnen hat. Welch ein Coup! Unorthodox wie der Stoff, der die da oben ins Unrecht und die da unten ins Recht setzt, ist die Orchesterbesetzung Dessaus. Er kommt ohne Geigen und Bratschen aus und setzt dafür, wie Hanns Eisler zur gleichen Zeit im Film "Der Rat der Götter", Friedrich Trautweins und Oskar Salas Trautonium sowie das volkstümliche Akkordeon ein.

Einfälle und Anspielungen en masse

Die Regie hat Intendant Viktor Schoner, um originelle Einfälle, die sein neuer Münchner Kollege Serge Dorny lediglich behauptet, nie verlegen, dem Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen übertragen. Dieses freilich, repräsentiert durch Franziska Kronfoth und Julia Lwowski, teilt ironischerweise mit den DDR-Apparatschiks von einst die Überzeugung, Brecht korrigieren zu müssen. Während bei Brecht der Sprecher des Totengerichts am Ende "Die Fürsprecher der Nachwelt / Der mit den vielen Händen zu nehmen / Der mit den vielen Mündern zu essen" episch herbeizitiert, bringt Hauen und Stechen die Nachwelt selbst mittels eines Raumschiffs auf die Bühne. Sie trägt blaue Kittel und futuristische Sonnenbrillen. Wer das genau sein soll, bleibt ein Geheimnis. Nur eins steht fest: es sind ausnahmslos Frauen. Wir haben verstanden.

Lukullus 1 Martin Sigmund uIm Wimmelbild © Martin Sigmund

Hauen und Stechen geizt nicht mit Einfällen und Anspielungen, die in ihrer Gleichzeitigkeit wie auf einem Bild von Hieronymus Bosch schwerlich allesamt wahrzunehmen und in ihrer Bedeutung zu entschlüsseln sind. Drei Frauen wirken wie eine Parodie auf die drei Damen aus der Zauberflöte, eine sieht aus wie Jackie Kennedy, Bilder von der Oktoberrevolution, einem gestürzten Lenin-Denkmal oder der New Yorker Freiheitsstatue sorgen eher für Unverbindlichkeit. Das gilt auch für isolierte "Witze" auf der Bühne und auf mehreren Videoflächen, etwa wenn den Zuschauern auf den Randplätzen Bier angeboten wird, nachdem Lukullus, per Video, mit einem Glas in der Hand in den Zuschauerraum projiziert wurde.

Mit der polyperspektivischen Opulenz kontrastiert dann höchst eindrucksvoll der Bericht des Fischweibs über seinen gefallenen Sohn, bei dem die Frau allein an der Rampe steht, mit dem am Boden liegenden Lukullus und einem Akkordeonspieler im Halbdunkel des Hintergrunds.

Fazit: trotz der Versuchung zur Überinstrumentierung – ein anregender und auch unterhaltender Premierenstart nach der erzwungenen Pause und die überfällige Schließung einer Repertoirelücke. Und dann, in drei Wochen, "Rheingold". Die Stuttgarter Oper lässt sich nicht lumpen.

 

Die Verurteilung des Lukullus
Von Paul Dessau / Bertolt Brecht
Musikalische Leitung: Bernhard Kontarsky, Konzept: Hauen und Stechen, Regie: Franziska Kronfoth, Julia Lwowski, Bühne: Christina Schmitt, Kostüme: Yassu Yabara, Video; Martin Mallon, Licht: Benedikt Zehm, Chor: Manuel Pujol, Kinderchor: Bernhard Moncado, Dramaturgie: Miron Hakenbeck, Julia Schmitt.
Mit: Gerhard Siegel, Friedemann Röhlig, Alina Adamski, Torsten Hofmann, Elliott Carlton Hines, Maria Theresa Ullrich, Deborah Saffery, Philipp Nicklaus, Heinz Göhrig, Jasper Leever, Cheryl Studer, Laia Vallés, Clare Tunney, Jorge Ruvalcaba, Gerard Farreras, Gina-Lisa Maiwald, Simon Bailey, Thorbjörn Björnsson.
Premiere am 1. November 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatsoper-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen setze auf grellbunte Optik und schrilles Gewimmel, um eine gewisse inhaltliche und musikalische Monotonie des Stücks zu konterkarieren. Die Montage von Filmeinblendungen und rätselhaften Bühnenvorgängen wirke jedoch unübersichtlich, schreibt Werner M. Grimmel in der FAZ (3.11.2021). "Viele erzählende Texte von Sprechern, Kommentatoren oder Ausrufern erweisen sich als überflüssig und verdoppeln nur, was man sieht. Das führt über weite Strecken zu karger Rezitationsmelodik und lässt der ohnehin auf Vermeidung von Emotion angelegten Musik wenig Raum." Der Kritiker lobt hingehend die Leistungen der Sänger:innen, die zu einer "hochkarätigen Aufführung" beitrügen. Bernhard Kontarsky leite das Orchester souverän.

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