Schamfrei auf dem Vulva-Sofa

4. November 2021. Sivan Ben Yishais "Liebe / Eine argumentative Übung" gibt radikale Einblicke in die weibliche Libido in Zeiten fluider Rollenbilder. Am Kosmos Theater Wien bringt Anna Marboe das Stück zur österreichischen Erstaufführung.

Von Gabi Hift

Wien, 4. November 2021. Was läuft da eigentlich zwischen Olivia Oil, dem spindeldürren Comicwesen mit den Gummibeinen, und ihrem süßen Sailorboy Popeye? Sivan Ben Yishai macht Olivia zur Hauptfigur in "LIEBE / EINE ARGUMENTATIVE ÜBUNG" und lässt sie von ihrer Lovestory erzählen. Sie ist hier eine erfolgreiche 40-jährige Autorin und aufrechte Feministin – die sich in Popeye, einen Möchtegern – Filmregisseur verliebt, der es nie über die ersten zwei Seiten eines Drehbuchs hinausgebracht hat, dafür aber charmant und sanft ist, neun Jahre jünger als sie, verdammt gut aussieht, und auf Facebook postet: "We should all be feminists". Um ihn zu halten, lässt Olivia ihre feministischen Grundsätze einen nach dem anderen fallen. Sie lässt Popeye bei sich einziehen, zahlt seine Miete, hört sich hunderte Male an, dass er demnächst mit seinem Drehbuch anfangen wird und erträgt es, dass er seine EX immer noch stalkt. Sie nimmt es auch hin, dass er keines ihrer Bücher liest und vergisst mit ihr zu feiern, als sie einen Literaturpreis gewinnt.

Die Nöte der liebenden Frau

Olivia ist in der Inszenierung von Anna Marboe auf vier Schauspielerinnen aufgeteilt, vier völlig verschiedene Typen, jede von ihnen durchlebt ihre Nöte so authentisch, dass der Funke sofort überspringt. Als zusätzliche Ebene hat man immer auch das Bild der Comicfiguren im Kopf. Das ermöglicht ein höheres Maß an lakonischer Grausamkeit. Wie Olivia bei dem Versuch, Liebe zu konstruieren und aufrecht zu erhalten, in uralte Rollenmuster zurückfällt, ist eine alte, wohlbekannte Geschichte, und doch fühlt es sich neu und unerhört an.

liebe 5877 bettina frenzel 805Die vier Furiosen: Claudia Kainberger, Tamara Semzov, Anna Lena Bucher, Aline-Sarah Kunisch © Bettina Frenzel

Sivan Ben Yishai, die vor neun Jahren aus Israel nach Berlin gezogen ist und nun auf Englisch schreibt (kongenial übersetzt von der Lyrikerin Maren Kames), hat eine ganz eigene Technik, sich über Humor und verzweifelte Selbstironie spiralig ins Schlangennest ihres Inneren hinunterzuschrauben, wo Gewaltfantasien, sexuelle Perversionen, Blut und Ausscheidungen brodeln. Oft geht in Aufführungen ihrer Stücke neben dieser drastischen Seite der Humor unter. Hier nicht, diese Inszenierung ist sehr, sehr lustig.

Und sie rasiert sich nicht

Die Bühne besteht aus einer rosa plüschigen Wohnlandschaft, einem Vulvasofa, aus dessen Spalte livid rote Stoffwülste quellen, zwei monströsen Brust-Sitzsäcken mit abnehmbaren Brustwarzen, die frau als Hut tragen kann. Besonders grausig charmant: eine Stehlampe mit einem Schirm aus Haaren (Bühne: Lisa Horvath). Vor der Sofa-Vulva liegt ein riesiges Haarknäuel auf dem Teppich. Dass sich Olivia nicht rasiert, ist ein großes Thema. Dieses Ding macht sich dann selbstständig und rollt von der Bühne wie eine große haarige Maus (Mäuse spielen eine Rolle in Olivias sexuellen Phantasien).

Die vier Schauspielerinnen haben jede ihre ganz eigene Art von Komik, treffen jede auf ihre Art genau den Ton der Autorin und im Zusammenspiel laufen sie zur Höchstform auf. Anna Lena Bucher schmollt wie ein trotziges Teenagegirrrrl, schneidet Grimassen, schiebt die Unterlippe vor wie eine Babybulldogge und kann auch herrlich die naive Wurschtigkeit von Popeye nachmachen, wenn er sagt: "Ach so, du bist nicht gekommen? Ich dachte du wärst gekommen". Dazwischen legt sie noch kleine Tanzeinlagen ein – eine urkomische Mischung aus Sylphide und austretendem Pferd.

"Gib ihm niemals, was er will!"

Claudia Kainberger ist cooles Cowgirl, besonders lässig mit Brustwarze als Sombrero, begnadete Blues Pfeiferin und Schlagersängerin. Auch Aline-Sarah Kunisch ist eine tolle Sängerin, ein Wesen wie aus einer anderen Welt, dann schlüpft sie auch immer wieder in die Rolle von Olivias Oma, dazu stellt sie sich unter die Stehlampe, legt sich die Haare, aus denen der Schirm besteht, um den Kopf, und verkündet von unten heraus ihre Ratschläge: "Wenn er schon hat, was er von dir wollte, bist du Geschichte für ihn! So sind Männer! Das ist die Natur! Gib ihm niemals, was er will!"

liebe 4631 bettina frenzel 805Das Ensemble im Bühnen- und Kostümbild von Lisa Horvath © Bettina Frenzel

Tamara Semzov ist die Kühle, die nüchtern über die Ängste spricht, allein zu sterben, wenn man nicht Teil einer Zweierbeziehung ist. Und das Publikum wird auch angesprochen: "Nennt Olivia jetzt nicht konservativ und erzählt ihr nichts von 'alternativen Modellen' – ihr seid selber alle Paare! Alle von euch!"

"Aber er hat nie ihre Pussy geleckt!"

Nach einem Abstieg ins Reich der Anpassung und der Kompromisse, den Olivia verteidigt, weil Popeye es wert sei, kommt nach einer kleinen Pause dann der Tiefschlag: Alle verfallen in den "Er hat sie nie-hie geleckt, nie-hie geleckt"-Song und dann geht’s hinunter in die immer dunkleren Verwicklungen im Reich der Sexualität. Schlimmer als die Scham ist die Angst, Popeye könnte sehen, dass sie sich schämt. Frau muss frei wirken, das ist wichtiger als frei zu sein. Bald ist Olivia besessen von ihrem Wunsch geleckt zu werden. Während sie in der realen Welt zur Gynäkologin rennt, weil sie Angst hat zu stinken, verwandelt sie sich in ihrer Phantasie in eine Tigerin. Ihr wächst ein gestreiftes Fell, sie wird riesig groß, entwickelt Reißzähne und greift sich ihre Opfer und fickt sie und reibt sich an ihren Zungen.

Diesem Umschlag des Textes in einen Rausch von Sex und Gewalt folgt die Aufführung nur halbherzig. Die vier Olivias ziehen sich haarige Fellponchos über und hocken sich direkt über den Spalt des Vulvasofas, aber sie sehen nicht besessen und gefährlich aus, sondern mehr wie lustige Fellzwerge, die Atmosphäre kippt nicht sondern bleibt ironisch und die Bühne ist für diesen Teil, in dem es um Flüssigkeiten geht, um Blut, Sperma, Ausfluss zu trocken, zu sauber, zu niedlich und plüschig.

Wo sich der Text in einem beeindruckenden Sprachrausch aus der realen Welt in fremde Hemisphären hinauskatapultiert, gibt es hier am Ende konventionelles Empowerment, im Sinne von: Steht zu euren sexuellen Bedürfnissen, wie zum Beispiel geleckt zu werden, schämt euch nicht usw. – ein wenig flach und naiv im Verhältnis zur sexuellen Raserei, in die sich die Tigerin stürzt und der kosmischen Einsamkeit, in der ihr Gebrüll ertönt. Aber das ist nur ein kleiner Wermutstropfen am Ende eines sehr lustigen und berührenden Abends, mit Gedanken, die alle Frauen im Saal und auf der Bühne genau zu kennen scheinen, über die zu sprechen aber verpönt ist – und deshalb ist dieser Abend, trotz allzu mildem Ende, eine Befreiung.

Liebe / Eine argumentative Übung
von Sivan Ben Yishai
aus dem Englischen von Maren Kames
Regie: Anna Marboe, Bühne & Kostüm: Lisa Horvath, Dramaturgie: Anna Laner, Regieassistenz: Juliane Aixner.
Mit: Anna Lena Bucher, Claudia Kainberger, Aline-Sarah Kunisch, Tamara Semzov.
Premiere am 3. November 2021
Dauer: 1 Stunde 30 min, keine Pause

www.kosmostheater.at

Kritikenrundschau

"Kollektive Selbstkritik über die Tücken des Feminismus auf hohem (Unterhaltungs-)Niveau" hat Angela Heide in der Wiener Zeitung (6.11.2021) gesehen.

Regisseurin Anna Marboe bringe Sivan Ben Yishais "kluge, launige Analyse flott auf die roséfarbene Bühne", schreibt (wurm) in Der Standard (5.11.2021): "Toll, muss ein Erfolg werden!"

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Kommentare

Kommentare  
#1 Liebe, Wien: wenig NeuesThomas Rothschild 2021-11-05 17:28
Die Spielfläche für "Bulletproof" von und mit Grischka Voss drüben in der Drachengasse ist eine überdimensionale rosa Vulva. Wenn man das enge Theater betritt, muss man Überzieher über die Schuhe spannen, um sie nicht zu beschädigen. Es gibt wenig Neues im emanzipatorischen Bühnenbild.

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