2 von 4 Applaushänden

16. November 2021. Sternchen, Punkte, Noten – Kurzbewertungssysteme halten sich standhaft im Diskurs über Kunst. Warum sich Kritiker:innen damit selbst überflüssig machen und was die Gauß'sche Glockenkurve mit Theater zu tun hat.

Von Wolfgang Behrens

16. November 2021. Ich glaube, es war nach einer Blattkritik. Als ich noch ein Kritiker und sogar noch ein Redakteur bei nachtkritik.de war, da pflegten wir ab und an externe Personen zu einer Kritik unserer Arbeit einzuladen – und obwohl wir eindeutig kein "Blatt" machten, sondern eine Website, sagten die meisten von uns damals Blattkritik. Nach einer solchen Blattkritik also kam einmal die Diskussion auf, ob wir, um den sogenannten Servicecharakter der Seite zu verbessern, ein Kurzbewertungs- bzw. Bepunktungssystem einführen sollten. Jeder Aufführungskritik wären dann abschließend – man kennt das ja – noch ein paar gefüllte oder leere Kreise (oder Sterne oder Monde oder lächelnde Gesichter) zugeordnet worden: Kritiker*in xy bewertet diese Inszenierung mit 4 von 5 möglichen Punkten.

Kein Daumen

Die Diskussion über diesen Vorschlag war kurz, die Idee wurde schnell verworfen. (Und zustimmend, aber unüberrascht nehme ich zur Kenntnis, dass nachtkritik.de auch nach dem Relaunch bei dieser Linie geblieben ist.) Es spricht ja auch nahezu alles dagegen: Theaterschaffenden, denen ihre Arbeit in den Rezensionen ohnehin schon in einer unerträglich verkürzten, niemals sämtliche Intentionen und Bezüge ausleuchtenden Form begegnet, würde nach sechs, sieben, acht Wochen Probenzeit als Echo schlicht ein "Der Kandidat hat 2 von 4 Applaushänden" entgegenschallen. Entwürdigend!

NAC Illu Kolumne Behrens 2x2Die Kritiker*innen wiederum müssten damit leben, dass ihre eigentlichen Argumente nicht mehr gehört würden, denn auch ihre Arbeit würde von den meisten Leser*innen auf die Punktzahl reduziert: "Hast du schon gehört? xy hat dem neuen 'Hamlet' keinen Daumen gegeben!" "Warum das denn?" "Keine Ahnung. Ist doch auch egal." Von der Frage, ob dem Diskurs der Kunst überhaupt mit einer wie auch immer gearteten Benotung beizukommen ist, möchte ich hier gar nicht erst anfangen. Die einzigen, die etwas von solchen Bewertungssystemen haben, sind wohl die Lese- und Denkfaulen, denen vermutlich schon ein digitales System genügen würde: Gut/schlecht, eins/null, ist das Kunst oder kann das weg.

Die Glockenkurve

Umso erstaunlicher ist, in wie vielen Medien sich diese Art von Bepunktung halten kann (nicht zuletzt natürlich im nicht-professionell kritischen Bereich, also auf allen möglichen Verkaufs- und Bewertungsplattformen). Und wenn man sich die Bewertungen dann mal näher ansieht, kann man erstaunliche Feststellungen machen. Ich gehe jetzt mal der Einfachheit halber davon aus, dass künstlerische Produkte tatsächlich irgendwie anhand ihrer Qualität gereiht werden können. Dann müsste ich als Anhänger der Gauß'schen Glockenkurve doch eigentlich erwarten, dass es sehr viel Durchschnittliches gibt, schon etwas weniger viel wirklich Gutes und Schlechtes, und nur sehr wenig Herausragendes und Ärgerliches. Man nennt das Normalverteilung, und es mag auch Kritiker*innen geben, die dem Rechnung tragen, indem sie im Normalfall, sagen wir: 3 von 5 Punkten geben.

Die normale Kritikerin und der normale Kritiker werden aber, wenn sie so agieren, die betrübliche Erfahrung machen, dass sich niemand für ihre Kritiken interessieren wird. Eine Kritik, die 3 von 5 Punkten vergibt, verspricht gewissermaßen von vornherein Mittelmaß – eine Leseeinladung für Leser*innen, die den emotionalen Kick suchen, ist das nicht. Also werden die normale Kritikerin und der normale Kritiker lieber 0 oder 5 Punkte vergeben, denn das erhöht die Chance, vielleicht auch noch inhaltlich wahrgenommen zu werden. Die Probe aufs Exempel folgt jetzt (auch wenn sie in der Wahl ihrer Stichprobe sehr beliebig und daher total ungerecht ist): Vor mir liegt das November-Heft der Zeitschrift "das Orchester", das auch 24 CD-Rezensionen enthält. 15 CDs erhalten die herausragende Bewertung 5 von 5 Punkten, drei nur sind mit 3 von 5 Punkten Mittelmaß. Immerhin, 1 Punkt (hier die schlechteste Bewertung) kommt gar nicht vor, es sind also freundliche Kritiker*innen am Werk. Klar ist aber auch: Eine Gauß-Verteilung ist das nicht.

In der Beurteilungsswutspirale

Vielleicht erhöht der Zwang, Punkte zu verteilen, automatisch die Meinungsfreudigkeit der Kritiker*innen – oder sollen wir es Beurteilungswut nennen? Nach dem Motto: Wer am lautesten "10 Punkte" schreit, der wird gelesen. Wobei man an dieser Stelle auch kurz einhalten und sich fragen kann, ob es eigentlich der Punkte bedarf, um diese Beurteilungswut hervorzukitzeln. Um "Der beste Theaterabend seit Jahren!" zu rufen, braucht es keine Bewertungsskala. Es braucht nur jemanden, der glaubt, alle Theaterabende seit Jahren zu kennen, und der nun mit ein paar Superlativen um Aufmerksamkeit buhlt. Auch "beste Theaterabende" jedenfalls gibt es deutlich mehr, als es Herr Gauß vermuten lassen würde. Um ganz ehrlich zu sein: Ich brauche sie nicht. Mir genügen schon die anregenden. Und die sperrigen. Und die verrückten. Die ohne Punkte halt.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

In seiner letzten Kolumne widmete sich Wolfgang Behrens den Schwierigkeiten beim Kritikenschreiben.

Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Behrens: Flache Stellen2G 2021-11-16 19:57
Werter Wolfgang Behrens,
det ist wirklich putzig, was Sie zu erzählen haben. Selten so gegähnt. Bitte seien Sie nicht bös, aber auch der größte Anekdotenschatz hat flache Stellen.
#2 Kolumne Behrens: Nicht böseWolfgang Behrens 2021-11-17 12:17
Warum sollte ich bös sein? Über flache Stellen kann man ja auch schneller hinwegsetzen als über tiefe.
#3 Kolumne Behrens: Fünf RevolverThorsten Weckherlin 2021-11-17 13:26
... ich fand's lustig! Genauso meine Tochter, wenn sie mir samstags zuruft: "Hey Paps - der morgige Tatort hat fünf Revolver!" (Bewertungsskala in einer baden-württembergischen Tageszeitung)

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