Von der Wiedergeburt als Schwein

19. November 2021. Ein Protestant aus dem Norden, mit einem Urwiener Klassiker: Johan Simons goes "Wiener Wald" von Horváth. "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen", sagt der Fleischhauer Oskar zu seiner Marianne, als sie ihn für einen feschen Hallodri sitzen lässt. Und genauso kommt es: Sie entgeht ihr nicht.

Von Gabi Hift

19. November 2021. Es beginnt wie ein Dreigroschenroman. In einer kleinen Gasse im achten Bezirk sind nebeneinander: Ein Spielzeug- und Zauberladen, ein Fleischhauer und eine Tabaktrafik. Marianne, die brave Tochter des "Zauberkönigs", soll den Fleischer Oskar heiraten, die beiden kennen sich, seit sie Kinder sind. Da steht eines Tages ein gutaussehender Mann vor ihrem Schaufenster, es ist der Geliebte der Trafikantin Valerie und die Liebe schlägt in Marianne ein wie der Blitz. Sie läuft mit dem Neuen davon, bekommt ein Kind, er lässt sie sitzen, mit ihr geht's bergab.

Ein Protestant in Wien

Das brillante, bitterböse Volksstück über eine Gesellschaft von verlorenen und verlogenen Wiener Kleinbürgern am Vorabend des Faschismus wird alle paar Jahre wieder neu inszeniert. Sich diesem unvorteilhaften Spiegel auszusetzen, gehört zur Wiener Tradition wie die Mitternachtsmette im Stephansdom. Es kann auf zwei Seiten abrutschen: in die Operettenseligkeit auf der einen, in kalte, mechanische Satire auf der anderen. In den letzten Jahrzehnten fürchten die Regisseur:innen das allzu Milde, Stimmungsvolle – man könnte sagen: das allzu Wienerische, wie der Teufel das Weihwasser.

WienerWald3 c Matthias Horn uWiederbelebung der Kleinbürgerlichkeit: Felix Rech, Oliver Nägele und Sarah Viktoria Frick © Matthias Horn

Johan Simons ist wieder so ein Protestant aus dem Norden, bei dem man eine Moralpredigt gegen den Sumpf der Wiener Bösartigkeit befürchten muss. Und wirklich: eine schwarze Bühne, vereinzelte Menschen, statt der liebenswürdigen Geschäftsschaufenster hängen drei riesige schwarze Drahtgitter von einem Kran herunter (Bühnenbild: Johannes Schütz). Es liegt justament kein Walzer in der Luft, stattdessen manchmal Krachen im Lautsprecher wie bei einer gestörten Verbindung und später Schweinegrunzen.

Aber der nach außen so karg protestantische Simons hat noch eine andere Seite: seine einzigartige Art mit Schauspieler:innen zu arbeiten. Er folgt denen, die es wollen, in die tiefsten Tiefen, er lässt alle Eigenheiten zu, liebt sie sogar, tastet sich mit ihnen hinunter in die Winkel des Horváth-Textes – und dort sitzt sie dann: die Sehnsucht. In fetten Haufen. Flocken von Süße schwimmen in der Suppe der Bösartigkeit. Mitten im Rassismus und in der Misogynie auf einmal Zärtlichkeit-sentimentales Sehnen, untrennbar vermischt mit Brutalität – genau wie in den Walzern von Johann Strauß.

Sarah Viktoria Frick als süß-saure Marianne

Die Schauspieler:innen sind alle großartig, sie spielen auf ganz unterschiedlichen Ebenen von Künstlichkeit bis Naturalismus, und das geht alles zusammen. Und sie sprechen alle ohne Microport! Wunderbar!!! Sarah Viktoria Fricks Marianne ist ein Ereignis. Sie bleibt total bei sich und ist dabei das Gegenteil des üblichen süßen Mädls. Sie ist nüchtern, schnippisch, managt ihren lästigen Vater und den Verlobten Oskar, der ihr gewaltig auf die Nerven geht. Aber erst als sie vor Alfred steht, weiß sie, dass sie von dem allen weg will. Sie sieht süß aus, wie ein freches Kind, mit ihren Löckchen und den Grübchen, aber ihr Aussehen scheint ihr völlig egal zu sein. Wenn ihr kurzes Kinderkleid so hoch hinaufrutscht, dass man die Unterhose sehen kann, dann zieht sie es ohne Eile ungeniert wieder hinunter. Sie, das Zentrum dieses Dramas, agiert derart undramatisch, dass sie wirkt wie in einem Dokumentarfilm.

WienerWald1 c Matthias Horn uIm Panoptikum der Verlogenheit: Maria Happel, Jan Bülow und Sylvie Rohrer © Matthias Horn

Auch Sylvie Rohrer als Traffikantin Valerie ist sehr eigen, kühl, nur so charmant wie es gerade nötig ist, um einen Liebhaber zu angeln oder eine Zeitung zu verkaufen. Dabei oszilliert sie zwischen eisigem Egoismus und dem Galgenhumor einer alternden Frau. Annamária Láng, Alfreds Mutter, ist als von der bösen Großmutter gepiesakte Person total offen und gefühlvoll inmitten dieses Panoptikums aus Verlogenheit.

Wehleidige Kerle

Die Komik liegt bei den Männern, bei deren Wehleidigkeit und der Überzeugung, dass sie die eigentlichen Opfer in der Beziehung zu den Frauen seien. Felix Rech als Alfred ist ein Schluffi, der nichtsdestotrotz Schweinereien en masse aus den ausgeleierten Ärmeln seines Blumenpullovers schüttelt. Sehr unheimlich ist Nicholas Ofzareks Oskar als melancholischer Sadist wider Willen. Er spricht meist ganz sanft und leise, wirkt ein wenig schrullig und verloren, was einen rührt und einem im nächsten Moment kalte Angstschauer über den Rücken jagt.

Die Figur des jungen deutschen Nazis Erich, der bei Horváth die einzige eindimensionale Witzfigur ist, hat Johan Simons aufgewertet, hat ihm Texte dazu gegeben, ihn vom Jura-Studenten zum aufstrebenden Filmjungregisseur gemacht, hochkarätig besetzt mit Jan Bülow (Simons' Richard II.). Die direkten rassistischen Bemerkungen gegen Schwarze und Juden hat er ihm aber gestrichen. Dass das die aktuelle Gefahr von Rechtsextremismus deutlicher machen soll als bei Horváth, halte ich für einen Fehlschluss. Das eigentliche Erschreckende ist nämlich, dass die ganze Kleinbürgerpartie den Nazi überhaupt nicht ernst nimmt, weil er keine Manieren hat und sie sich für etwas Besseres halten. Dazu sind sie bereit, auch einmal nonchalant antisemitisch zu sein ("Glaubst du denn, ich mag diese Juden, du großes Kind?", sagt Valerie bei Horváth – hier nur: diese Menschen). Und diese Ignoranz ist das eigentlich Schlimme – und wohl sehr realistisch von Horváth beobachtet.

WienerWald4 c Matthias Horn uMelancholischer Sadist wider Willen: Nicholas Ofczarek als Fleischer Oskar © Matthias Horn

Bei einem Ausflug erzählt Erich, der junge Nazi, dass bei den Buddhisten Menschen in Tierkörpern wiedergeboren würden und alle lachen drüber. Und dann passiert es unter den Spieler:innen. Valerie schlägt manchmal ihre langen Arme gefaltet über den Kopf, wie eine Gottesanbeterin im Raptus. Marianne und Alfred knurren sich an und umkreisen sich wie Hunde. Das ist einerseits seltsam, andererseits wieder so normal und uneinordenbar wie die komischen Angewohnheiten mancher Menschen, über die man stolpert und sie dann akzeptiert. Dieses Holprige ist ein Merkmal der Inszenierung, es bringt den eigentlich makellosen Rhythmus von Horváth durcheinander. Dort, wo Horvath "Stille" verlangt, sind die Pausen viel zu lang ausgewalzt, alle stehen auf einmal ratlos in der Gegend herum, die Dialoge kommen immer wieder ins Stottern, das irritiert und führt weg vom Plot, aber vielleicht hin zu einer anderen Art von Authentizität.

Als das grässliche Ende kommt: Marianne war bereit für ihr Kind klein beizugeben, hat sich mit dem Vater versöhnt und alle zusammen fahren in die Wachau, um das Kind zu ihr zurückzuholen – und dort erfährt sie, dass das Kind gestorben ist. Und da ist Oskar bereit, sie doch noch zu heiraten, ihr Makel, das Kind ist ja nun weg. Sie sagt: Jetzt kann ich nicht mehr. Er: Dann komm. Und dann habe ich – wie in vielen Inszenierungen – begonnen zu weinen. In dem Moment setzt zum ersten Mal in voller Lautstärke der Walzer "Geschichten aus dem Wiener Wald" ein. Und das Ende stolpert nun auch, sie geht wieder von ihm weg, er ihr nach, es steht keinem ein großer theatraler Zusammenbruch zur Verfügung, das wird ein endloses, ratloses Hin und Her, über die ganzen 10 Minuten des Walzers und ist schrecklich real. Sie entgeht ihm nicht. Das wird ihr Leben sein. Entsetzlich. Und normal. Es dauert, dann packt es einen wieder und man weint und hört wieder auf. Am Ende ist man erschöpft, und es war eine unebene, großartige Aufführung.

Geschichten aus dem Wiener Wald
von Ödön von Horváth
Regie: Johan Simons, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris, Musik: Mieko Suzuki, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie Sebastian Huber , Koen Tachelet.
Mit: Felix Rech, Annamária Láng, Gertrud Roll, Johannes Zirner, Sylvie Rohrer, Nicholas Ofczarek, Daniel Jesch, Martin Schwab, Sarah Viktoria Frick, Oliver Nägele, Jan Bülow, Maria Happel, Falk Rockstroh, Lili Winderlich.
Premiere am 18. November 2021
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau 

Ödön von Horváth sei so etwas wie der erste Femizid-Autor des Landes und habe in seinen Dramen schon vor 90 Jahren jenen patriarchalen Nährboden erforscht, "der allen Verderben bringt", schreibt Margarete Affenzeller in der Wiener Tageszeitung Der Standard (20.11.2021). Genau da hinein leuchte Johan Simons: "Männer und Frauen, zugerichtet von patriarchaler Erziehung." Wirklich interessant wird Simons Lesart für die Kritikerin durch die Frauenfiguren bzw. die Marianne von Sarah Viktoria Frick. "Ihre selfempowerte Braut ist zwar auch nur ein Mensch – sie verfällt dem Glitzerhallodri Alfred (Felix Rech) –, aber sie erweckt nie den Anschein, als Gelackmeierte dazustehen." Sie schlage selber gerne zu "und hebt, inzwischen im erotischen Etablissement angestellt, zu einem Tanz an, den noch kein Horváth gesehen hat: Mit der Baronin (Maria Happel) als Supporting Act verwurstet sie Insignien des Patriarchats und endet, gecremt und gefedert, mit vollbärtigem Antlitz." Am Theater geht es für Affenzeller auch längst nicht mehr darum, "jämmerliche Schicksale möglichst schmerzvoll-glaubhaft nachzubilden, sondern das Aufbegehren gegen sie mitzuinszenieren."

"Gute Nacht, Wiener Gemütlichkeit", schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (19.11.2021). Johan Simons tauche "tief hinab in das Schadstoffhaltige des kleinbürgerlichen Milieus" und lege gemeinsam mit dem "bis in die kleinsten Nebenrollen leidenschaftlich agierenden Ensemble" ein "bedrückendes Abbild einer durch und durch verrohten Gesellschaft" vor, "in der sich alles ums Geld dreht und zwischen den Geschlechtern Eiszeit ausgebrochen ist." Geschichten für die Gegenwart, die aus Sicht dieser Kritikerin einen Nerv treffen.

"Was Horváths Stück so radikal zeitgenössisch macht, ist die Darstellung des auch von der Gegenwartssoziologie hinlänglich belegten Zusammenhangs zwischen sozialer Desintegrationserfahrung und den daraus entwachsenden 'Entzivilisierungen': Die Figuren bewegen sich in ihren Abstiegsängsten konstant zwischen emotional kalter Verpanzerung und ungezügelten Wut- und Gewaltausbrüchen“, schreibt Benjamin Loy in der FAZ (24.11.2021). "Dieses Schwanken zwischen Selbstdisziplinierung und der Lust an der gegenseitigen Erniedrigung kommt, wie so häufig bei Simons, im ungemein körperlichen Spiel seines durchweg überzeugenden Ensembles zur Geltung: Allen scheint der eigene Leib zu klein, Gesten brechen ab oder werden nur als Grimassen sichtbar, dann wieder wird verzweifelt gerangelt, gerannt und gekugelt."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Wiener Wald, Wien: Spannungroman 2021-11-19 13:12
das spannendste war der teaser. und 3 stunden lang gebannt zu warten, bis irgendetwas kommt, dass einen erschüttert.
ich hab mich noch nie so angespannt gelangweilt.
bei horvath.
bei geschichten aus dem wiener wald.
unfaßbar.
aber irgendwie auch traurig schön.
falls es der lockdown zuläßt, werde ich mindestens noch einmal kommen.
mit einer anderen erwartungshaltung.
ich freue mich schon.
#2 Wiener Wald, Wien: große Berührungpeirates 2021-11-20 11:00
horvath erschüttert wo brecht nicht erschüttert
wir werden der liebe der frau welt nicht entgehen
junge dinger entgehen den feschen (welt) hallodris
(immer noch nicht) nicht denn
die liebe schlägt ein wie der strahlende blitz
die mädels sie laufen mit den gutaussehenden davon
bekommen schreihals kinder
die schlächten kerle lassen sie sitzen
(haben genug davon)
und dann mit ihnen geht`s nacher bergab bergab
richtung grab der liebe
und ein brutaler welt-fleischer wartet schon
und wartet schon immer
o du großes burgtheater wien
sich anspannen und dann gelangweilt
diese alten hoffnungslosen walzer-gschichten
aus dem gar nicht mal so schönen wiener wald
nicht irgendwie traurig schön doch (kalt)
mehr etwas sehr traurig unschön beim ödön
man(n) ist erschüttert
so eine unebene doch großartig genannte
ah-uff-führung
immerhin doch eine starke berührung
es steht nicht immer ein großer thea-draller
zusammenbruch zur freien verfügung
(nervenzusammenbruch eines zuschauers)
wahrlich nicht immer ist theater eine tralle vergnügung
wienkleinbürger-leben wienert doch immer noch
endloses fast ewiges beziehungshin und her
is gar schrecklich wienerisch realiter
die mariann entgeht alfred und dem fleischer nicht
dafür ist marianne jung
brave tochter des zauberkönigs und genugsam dumm
und dumm könnte mann nennen
und es selbst und selber bekennen
(als mariann, alfred, fleischiger fleischer oskar usw.)
das also wird ihr leben sein
entsetzlich ganz ordinär normal
und und dann packt es einen schicksalträchtig wieder
und mann weint nicht
doch dann mann weint und hört wieder auf
und und am end des lebens ist mann/frau erschöpft
marianne /das kind gestorben ist)/sagt:
jetzt kann ich nicht mehr
und so sagen wir ebenso:
jetzt kann ich nicht mehr wir können nicht mehr
oskar lüstern-brutal zu ihr: dann komm
dies also wird also unser elend leben sein
und das grausame leben sagt zu uns: dann komm!
und da hab ich begonnen zu weinen
ich weine weine in den wiener wein hinein
immer noch immer meer weiter

es ist ja bekannt brill-ant
bitterbös-schlimmes folksstück
eine gewöhnlich gesellschaft von verlorenen
verlogenen wiener kleinbürgern (die in wien nicht aussterben)
unheiliger vorabend des fa-schiss-muSS
und sich immer wieder und wieder diesem unvorteilhaften
wahren spiegel auszusetzen (aufzusetzen? -
im rücken gedanken-mördermesser wetzen)
gehört unglaublicherweis zur wiener tradition
wie die mitternachtsmett`im stephans-don
ja man hörts am schaurig-alten turmglocken ton
man fürchtet wahrheftig das all-zu milde stimmungsvolle
es wird ein wein sein und mir werden nimmer sein
fürchtet fürchterlich das allzu wienerische (nicht wahr)
wie der teufel das österr. weihwasser
das nicht heil macht sondern viel meer krank
aber gott sei - christlich dank
es giebt noch einen lieben gottvater-herr
im hümmel (oder nicht)
altwienerisch aber verflucht vielleicht doch nicht
wenns so lange lang nach ödon von horr-vath geht

geschrieben von hab(i) gift

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