Lehrstück ohne Moral

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 14. November 2008. Eigentlich sollte das Theaterstück vor dem Buch kommen. Doch weil dann doch das Buch zuerst kam, konnte Roberto Saviano die Bühnenversion seines Inside-Camorra-Bestsellers "Gomorra" nicht mehr im Theater erleben. Seit dem Erscheinen des Buches steht Saviano unter ständigem Personenschutz, denn die Camorra droht, ihn umzubringen. Das dokumentarische Theaterstück zum Buch, an dem Saviano selbst noch mitschrieb, feiert nichtsdestotrotz oder gerade deshalb rauschende Erfolge. Jetzt gab die Inszenierung, die seit ihrer Premiere im Oktober 2007 die meiste Zeit auf Italien-Tournee war und bereits über 300 Vorstellungen auf dem Buckel hat, ein Gastspiel in Berlin.

Die Bühne besteht aus einem hufeisenförmigen Gerüst, in dessen Hof sich ein Großteil der Handlung abspielt. Herumliegende Betonsäcke verstärken den Baustellencharakter des Ganzen. Symbolisch aufgeladen ist diese Bühne: sie könnte für Produktivität und Konstruktivität stehen, könnte aber auch eine Investitionsruine sein, ein verfallendes Gerippe.

Die hässliche Camorra-Diktatur

In ihrer Vieldeutigkeit bildet die Bühnen-Baustelle die Grundfrage und den Grundappell des Stücks ab: Roberto Saviano will seine Mit-Neapolitaner ermutigen, über Chancen auf ein demokratisches Zusammenleben nachzudenken – ohne die Augen vor der hässlichen, über Jahrzehnte gewachsenen Realität der Camorra-Diktatur zu verschließen. In kurzen Szenen, die zwischen mehreren Erzählsträngen hin- und herspringen, ersteht das Reich der Camorra in seiner ganzen Hässlichkeit. Es ist bevölkert von sehr vielen albernen Halbstarken, die von sehr wenigen smarten Anzugträgern für die Drecksarbeit, die in so einer Mafia anfällt, instrumentalisiert werden. Fürs Dealen und Töten bekommen sie ein paar Hundert Euro pro Woche und eine Waffe, ergo die Macht über Menschenleben.

Da ist der höchstens 14-jährige Kit Kat, der von einer Karriere als Popsänger träumt. Sein Job im "System": Giftmüll in illegale Müllgruben transportieren. Als er merkt, dass seine Gesundheit dabei leidet, sattelt er auf Raubüberfälle um. Bei den Oberen kommt sein Ungehorsam nicht gut an. Sie lassen ihn kurzerhand beseitigen. Kit Kats bester Freund Pikachu erweist sich als lebensfähiger: er will Karriere machen im "System", und dafür macht er alles, was ihm aufgetragen wird und vertraut ansonsten nichts und niemandem.

Für eine Anti-Mafia Kultur

Roberto, das Alter Ego des Autors, ist der einzige, der es geschafft hat, dem "System" zu entkommen. Als Studierter kehrt er zurück in sein Heimatviertel. Die Jugendlichen reden mit ihm, weil er "einer von hier" ist. Und sie blicken zu ihm auf, auch wenn sie seine Ideale nicht nachvollziehen können. Aber Bildung kann einen auch in der Mafia weiterbringen – wie man am Beispiel des "Stakeholder" sehen kann, der bei der Camorra für die illegale Giftmüllentsorgung zuständig ist und der als einziger der in dem Stück auftretenden Charaktere einen Maßanzug trägt.

"Hier gibt es keine Anti-Mafia-Kultur, und das muss sich ändern", ist Savianos Botschaft, die mit Leidenschaft vorgetragen wird. Manchmal wird der Abend lehrstückhaft: dann, wenn Saviano der Versuchung anheimgefallen ist, die Dialoge allzu sehr mit den schrecklichen Fakten zu überfrachten, die er im Laufe seiner Recherche zusammengetragen hat. Der 14-jährige Kit Kat beispielsweise wird unglaubwürdig, wenn er anfängt, Statistiken herunterzubeten über den Gewinn, den die Camorra mit dem Drogengeschäft macht. Solche Szenen bleiben jedoch zum Glück die Ausnahme.

Gebt euch nicht auf!

Das ist wohl einerseits der geschickt zwischen den Erzählsträngen hin- und herspringenden Erzählweise des Stücks und dem Tempo der Inszenierung zu verdanken, in hohem Maße aber auch den Schauspielern: allen voran dem Hauptdarsteller Ivan Castiglione. Sein Roberto ist kein Moralapostel, sondern ein Skeptiker, der seine Zweifel auf die Menschen um ihn herum übertragen will. Dass er laut schreien muss, um seine vom kleinen Geld korrumpierten, die meiste Zeit völlig zugedröhnten Altersgenossen zu erreichen, diese Erkenntnis wächst erst in ihm, nachdem er dem Elend eine ganze Zeit lang nur zugeschaut hat. "Gebt Euch nicht auf", sind seine eindringlichen letzten Worte. Das kommt nicht nur in Neapel an, sondern auch in Berlin: Denn es transportiert die Hoffnung auf ein Camorra-freies Neapel. Und die Hoffnung darauf, dass das Theater lange noch nicht ausgedient hat als Ort, an dem eine Gesellschaft sich wiederfinden kann.

 

Gomorra
Schauspiel von Roberto Saviano und Mario Gelardi
Regie: Mario Gelardi, Bühne: Roberto Crea, Kostüme: Roberta Nicodemo, Musik: Francesco Forni. Mit: Ivan Castiglione, Francesco di Leva, Giuseppe Gaudino, Giuseppe Miale di Mauro, Adriano Pantaleo, Ernesto Mahieux.

www.teatrostabilenapoli.it
www.teatrotheater.de

 

Kritikenrundschau

In einer ersten kurzen Besprechung von Roberto Savianos Gomorra in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (16.11.2008) schreibt Eberhard Rathgeb: Das "Theaterstück zum Buch" präsentiere einige Episoden aus dem Bestseller, die Roberto Saviano bei der Recherche im System der Camorra zeigen. Weil die Realität der Camorra-Welt "für die Bühne zu groß" sei, versuche die Inszenierung erst gar nicht, "es mit dem weltweit vernetzten Reich der Camorra aufzunehmen". Sie konzentriere sich darauf, "Saviano als einen Menschen zu zeigen, der vorbildlich den Kampf für die Wahrheit und gegen das Verschweigen der Verbrechen aufgenommen hat". Das Stück sei "ein Appell, sich für das Gute und gegen das Böse zu entscheiden". Dass man sich entscheiden könne und müsse, sei "das einzige Lichtlein, das noch brennt."

Das sei kein normaler Theaterabend in der Volksbühne, konstatiert Peter von Becker im Berliner Tagesspiegel (17.11.2008). Schließlich gehe es um das Leben des Autors "und um tausendfachen Mord". "Direkt ans Gemüt rühren" sollte nach Beckers Meinung die "Gomorra"-Version, die Saviano 2007 zusammen mit dem Regisseur Mario Gelardi für das Teatro Mercadante in Neapel geschrieben hat. Doch könne "ein Zweistundenspiel" nur "ein blasser Abglanz" sein von dem "düsteren Reichtum" eines 400-Seiten-Buchs über die Camorra, das endlich die organisierte Kriminalität von Neapel und Kampanien in ihrer ganzen Monstrosität vor Augen geführt habe. Aus Savianos Bestseller wehe allerdings ein "schärferer Wind" als von der Bühne. "Die sechs vor allem körperlich beeindruckenden Akteure des Teatro Mercadante" könnten in kurzen Dealer-, Gewaltballett- oder Zweiergesprächsszenen nur "eher konventionell engagiertes Lehrstücktheater bieten". Mit "viel guter, schlimmer Botschaft".

 

 
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