Aufgefressen von Musik

27. November 2021. Was für eine Entdeckung: Aus dem Nachlass des vor fünf Jahren verstorbenen ungarischen Schriftstellers Péter Esterházy zaubert das Team um Esterháys Landsmann Viktor Bodó eine Skizze über den Wiener Klassiker Joseph Haydn hervor. Und macht daraus ein rauschend komisches Biographical.

Von Michael Laages

27. November 2021. Leiden muss Haydn, immerzu – unter der allgewaltigen, anspruchsvollen Mutter, die dem "Joschi" immerwährenden Fleiß einbimst; unter dem fürstlichen Auftraggeber Nikolaus im historischen Schloss Esterhaz am südlichen Ufer des Neusiedler Sees; unter der zwanghaften Zuneigung einer 19-jährigen Sängerin, die Italienerin ist, mit einem unbegabten Geiger verheiratet und extrem spitz auf den schon etwas älteren Komponisten. Als sie ein Kind gebiert (gezeugt von wem auch immer), ist es eine kleine Geige: zu Ruhm und Ehre des verehrten "Papa Haydn". Den nervt (und verehrt!) gegen Ende Mozart, dieses wilde Kind – Wolferl will dem Alten beibringen, wie das so geht mit dem "Branding", mit Management und Verkauf musikalischer Ware. Und eine Familie Rosenbaum hackt und sägt noch Haydns Leiche im Grabe den Kopf ab – der steht im Mittelpunkt von Péter Esterházys skurriler biographischer Phantasie "33 Variationen über Haydns Schädel". "Eine heutige Revue" heißt im Untertitel das, was das Team um Viktor Bodó aus dem bis dato hierzulande völlig unbekannten Material des Roman-Schriftstellers Esterházy gebastelt hat: ein feines Vergnügen, ein rauschend komisches Fest.

Nichts klingt wie sonst und immer

Prunkvoll wie das alte Europa war am Ende des 18. Jahrhunderts war (und ist noch heute) der Haydn-Saal auf Schloss Esterhaz, wo Hausherr Nikolaus (ferner Vorfahr des Autors Esterházy) den fest angestellten Komponisten mit immer neuen Wünschen und Aufträgen triezte – für jede Tagesstimmung bestellte er schnell mal ein Kompositiönchen. Und Haydn hat geliefert, Stück für Stück – und nicht nur 104 Symphonien. Stilvoll heruntergekommen sieht der Raum aus, den Zita Schnábel in die Betonwüste des Malersaals des Schauspielhaus Hamburg hat bauen lassen. Links draußen vor der Tür wird am Anfang noch weiter gemeißelt und gebohrt – weshalb das Konzert der elf klassisch schwarz und chic gewandeten Damen und Herren Musikanten auch nicht recht beginnen kann. Sobald Herr Haydn den Taktstock hebt, bohrt’s und vorschlaghämmert’s; ersatzweise schlägt die Uhr vom Turm, irgendwo schreit ein Baby, Souffleur Florian Janner telefoniert noch („Sorry, ich bin im Theater!“), ein Zug fährt los, Autos rasen vorbei oder ein Tiefflieger lärmt über die Köpfe hinweg. Wir könnten auch einmal mal alle husten…

33 variationen3 Thomas Aurin uHm, so sah das aber nicht aus, oder? Stimmt, denn zwischen Samuel Weiss und Josefine Israel fehlte bei der Premiere die Mitte, Lina Beckmann © Thomas Aurin

Es bleibt aber nicht bei derlei brachialerem Spaß. Der für die Musik zuständige Klaus von Heydenaber hat auch im Haydn-Material selber munter herum gefuhrwerkt und klanglich Effekt um Effekt montiert. Wer schon mal ein wenig an den Abseiten der Musik herum gelauscht hat, freut sich zu Beginn über das zentrale Motiv aus Haydns Konzert für Trompete und Orchester, das einst (und immer unter Jubelstürmen) der holländische Musik-Clown Toby Rix gemeinsam mit Willem Breukers Kollektiv zurichtete für das "Toeterix", das Instrument aus alten Fahrrad- und Autohupen. Und noch viel feiner bastelte ja der (schon 1959 und sehr jung verstorbene) Arrangeur, Tuba-Spieler und Karikaturist Gerard Hoffnung am klassischen Material herum. Viktor Bodós Haydn-Revue lebt aus solchem musikalischen Geist. Vieles werden Haydn-Kundige sofort erkennen; aber nichts klingt wie sonst und immer.

Solo-Zoom für himmlischen Begleiter

Aufgeladen mit literarischen Beigaben, einem Monolog etwa, der nur von Thomas Bernhard stammen kann, sind die biographischen Stationen sparsam gestreut ins musikalische Abenteuer; und immer wieder wird das Ego des Künstlers befragt, das es ja – auch eine schöne Pointe! – damals vielleicht ja noch gar nicht gab, oder? Zudem begleitet ein körperloses Mitglied aus dem Chor der himmlischen Heerscharen, vulgo: ein Engel, die an sich eher schmale Story des Biographicals und steuert regelmäßig Philosophisches sowie schräge Witze bei – ungewollt bekam die Premiere (die eigentlich die Generalprobe war) eine Über-Pointe verpasst. Denn diesen Engel spielt Lina Beckmann, einer der richtigen Stars der Beier-Zeit am Hamburger Schauspielhaus – doch sie musste gerade in Quarantäne gehen. Bodós Bande blieb auch in diesem Notfall einfallsreich und erfinderisch – und hat bei Frau Beckmann zuhaus‘ Video-Kamera und Mikrophon eingerichtet. So, als Solo-Zoom sozusagen auf großen Bildschirmen, spielt sie nun mit. Und das übrige Ensemble absolviert das Abenteuer mit der abwesenden Zentralfigur bravourös.

33 variationen2 Thomas Aurin uDabeisein oder nicht Dabeisein, das war keine Frage: Lina Beckmann musste in Quarantäne, statt auf der Bühne den Engel zu geben © Thomas Aurin

Weil übrigens das virtuelle Beckmann-Bild immer in extremer Nah-Einstellung der Kamera agiert, nimmt die humoristische Kraft der kleinen Zauberei merklich zu; aber auch sonst durchzieht unendlicher Spaß das Spiel: wenn Ute Hannig die Frau Mama österreicheln lässt und Josefine Israel die Perücke aufsetzt für’s süße Mädel aus Italien; wenn Samuel Weiss das Trompetenkonzert am Beginn im feinen Double mit dem richtigen Trompeter des Abends zelebriert und später zum ewigen Auftraggeber Nikolaus von Esterhazy mutiert; wenn Christoph Jöde gar den in die Trompete Tön furzenden Mozart herum spektakeln lässt. Und der arme "Papa" Haydn von Jan Peter Kampwirth ist so konsequnt unansehnlich zurecht gemacht, dass die Gier der jungen Italienerin schon sehr spezielle Motive haben muss: dieser Mann besteht halt aus nichts als Musik. Etwas anderes als die wird er nie verstehen.

Insofern haben diese "33 Variationen über Haydns Schädel" auch eine ziemlich tragische Seite – gelebt jedenfalls im allermenschlichsten, lustvollen Sinne hat dieser Haydn vielleicht nie. Musik hat ihn gefressen. Aber alles andere in diesen knapp zwei Theaterstunden ist unfassbar lustig und schön – zum Niederknien, zum Schieflachen.

 

33 Variationen über Haydns Schädel
von Péter Esterházy
Deutsch von György Buda
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Zita Schnábel, Kostüme: Fruszina Nagy, Licht: Andreas Juchheim, Musik & musikalische Leitung: Klaus von Heydenaber, Sound-Design: Gabor Keresztes, Dramaturgie: Ralf Fiedler & Anna Veress.
Mit: Lina Beckmann, Ute Hannig, Josefine Israel, Christoph Jöde, Jan Peter Kampwirth und Samuel Weiss sowie wechselnden Musikerinnen und Musikern um Klaus von Heydenaber und Kalliopi Rizou.
Premiere am 26. November 2021
Dauer: Knapp zwei Stunden ohne Pause

www.schauspielhaus.de

Kritikenrundschau

Regisseur Viktor Bodó versetze Esterházys "Skizzen" in "eine Ruine mit Flügel und Kammerorchester (Bühne: Zita Schnábel)" und betreibe "die konsequente Trivialisierung von Hochkultur durch Albernheit", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2021). Es sei "Zotiges für Hoho-Gelächter" zu sehen, etwa ein "Blow-Job mit dem Schädel unterm Rock", so der Rezensent, der abgesehen von Lina Beckmanns "transzendentaler Ulknummer" wenig Gefallen zu finden scheint.

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