Von Zebras träumen

28. November 2021. Nach der Uraufführung des Romanstoffes in Berlin zieht Stefan Pucher im Thalia Theater nach und widmet sich auch dem Roadtrip eines strangen Paares: Autor Christian Kracht himself und seine zynisch-dauerbeschwipste "Maman" erkunden die Schweiz fränkliverschleudernd  per Taxi. Und liefern eine Sternstunde des Schauspielhandwerks.

Von Michael Laages

28. November 2021. Diese Mutter gibt es nicht. Jedenfalls hat der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, Jahrgang 1966, die Identität des weiblichen Teils im Elternpaar offenbar konsequent verschleiert; ganz im Gegenteil zu der des Vaters - der wurde ja nach traumatischen Kriegserlebnissen, gerettet (angeblich) von einem homosexuellen Freund, in allerfrühester Nachkriegszeit zum wichtigsten Mitarbeiter des Verlegers Axel Cäsar Springer, und der hatte bekanntlich von der Verwaltung der britischen Besatzungsmacht als einer der ersten Deutschen die Lizenz für die Herausgabe einer Zeitung erhalten.

Von diesem im Alter zunehmend exzentrischen und in sich verschlossenen Vater ist reichlich die Rede in "Eurotrash", dem im Frühjahr erschienenen neuen Roman des kaum weniger exzentrischen Sohnes gleichen Namens – im Mittelpunkt der Selbsterforschung aber steht hier die namenlose Mutter.

Zürcher Safari

Der mittlerweile auch nicht mehr junge Sohn also besucht sie; die Mutter wohnt nach der Scheidung von Vater Christian am Zürichsee und hat enorm viele Fränkli auf dem Konto. Auf die gemeinsame Reise, die der Sohn ihr vorschlägt (vielleicht als späten Ausgleich dafür, dass er sich nie sonderlich um sie gekümmert hat), nimmt sie viele davon mit – um das Geld final zu verschenken, zu verschleudern. Auch deshalb bleibt der Mercedes in der Garage, mit dem Taxi reist das sonderbare Paar zwar nicht durch Europa, aber durch die Schweiz. Selber fahren dürfte Mama nicht – wegen allzu beharrlichem Alkohol-Missbrauch wurde ihr der Führerschein schon länger entzogen.

EurotrashVon Christian KrachtRegieStefan PucherBühneBarbara EhnesKostümeAnnabelle WittDramaturgieSusanne MeisterMusikChristopher UheMitBarbara NüsseJirka ZettFoto:Krafft Angererka@krafft-angerer.de+49-176-55205033Hypovereinsbank MuenchenDE89700202700007183232UstidNr. 26/335/71654Honorar inkl. 7% MwstKontakt:Thalia Theater | Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitMaren Dey | Alstertor | 20095 HamburgTel 040. 32 81 41 11 | Fax 040. 32 81 42 04presse@thalia-theater.de | www.thalia-theater.de Die "Doyenne" des Thalias, Barbara Nüsse, und Jirka Zett als Problemsohn © Krafft Angerer

In Zürich also beginnt der Besuch bei der alten Dame; und zunächst lässt Mama den verlorenen Sohn den Beutel für den künstlichen Darmausgang wechseln. Dann holen beide sehr viel Geld von der Bank und brechen auf - erst zu einer angeblich veganen Land-Kommune, dann weiter zum Forellen-Essen ins Edel-Restaurant, später auch nach Montreux und Genf. Denn der Sohn will einmal noch das Schlösschen im Kanton Vaud besuchen, das der tote Vater sich ausgesucht hatte als Alterssitz. Aber der Geist des Alten ist auch dort nicht mehr zu greifen.

Viele Enttäuschungen lauern auf der Reise – auch die Forellen sind nicht wirklich gut, und Mutter würde ja auch am liebsten nach Afrika reisen, weil sie immerzu von den hübsch schwarzweiß gestreiften Hinterteilen der Zebras träumt. Stattdessen nimmt der Sohn mit ihr eine Seilbahn ganz hoch hinauf im Gebirge – und liefert sie schlussendlich in einer geschlossenen Psychiatrie in der Nähe von Winterthur ab. Wahrscheinlich wird er sie nicht wiedersehen – denn oft spricht die Alte vom Sterben. Sie bereitet sich vor.

War das wirklich so?

All das ist leicht erzählt, und in den besseren Momenten funkelt die Sprache dunkel und böse; auch weil sie immer wieder nach Abrechnung klingt – mit dem erratischen Vater vor allem, aber auch mit anderen Schrecken der Geschichte, den Vergewaltigungen, die die Mutter gleich nach dem Krieg in Itzehoe erlitt, und dem Missbrauch, dem Sohn Christian ausgeliefert war im kanadischen Internat. Die Geschichten, die der egomane Erzähler-Sohn aufblättert, sind Teil der Geschichte der westdeutschen Nachkriegsrepublik. Wenn Vater Christian den bajuwarischen Ober-Potentaten Franz Josef Strauß in der Hochsicherheitsvilla an einem oberbayerischen See zum Essen besuchte, musste die Mutter im Wagen vor der Tür warten …

War das wirklich so? All das schwankt und changiert bedenklich zwischen Realität und Fiktion; und in der Tat lud es darum ein zum Ausflug in die Suggestionsmaschinerie des Theaters. Einmal, wenn’s beim Forellen-Essen wieder um diese Ungewissheit der Wirklichkeiten geht, rammt die Mutter dem Sohn die Gabel in die Hand – "Das ist echt!" ruft sie. Im Theater.

EurotrashVon Christian KrachtRegieStefan PucherBühneBarbara EhnesKostümeAnnabelle WittDramaturgieSusanne MeisterMusikChristopher UheMitBarbara NüsseJirka ZettFoto:Krafft Angererka@krafft-angerer.de+49-176-55205033Hypovereinsbank MuenchenDE89700202700007183232UstidNr. 26/335/71654Honorar inkl. 7% MwstKontakt:Thalia Theater | Presse- und ÖffentlichkeitsarbeitMaren Dey | Alstertor | 20095 HamburgTel 040. 32 81 41 11 | Fax 040. 32 81 42 04presse@thalia-theater.de | www.thalia-theater.de "Das ist echt!" © Krafft Angerer

Aber ein Bühnenstück wird auch in Hamburg nicht daraus; die Dramaturgie des "road movie" reicht nicht aus. Immerhin hat Barbara Ehnes ein schönes Bühnenbild gebaut – einen Turm mit Rundum-Treppen bis zur Spitze; wer will, mag sich an das "Monument der Dritten Internationale" des Sowjet-Propagandisten Wladimir Tatlin erinnert fühlen. Tatsächlich ist dies aber hier das Gebirge … darüber hinaus ist Stefan Puchers Inszenierung sehr sparsam ausgestattet. An einem kleinen Tisch auf der rechten Bühnenseite wird gegessen (und von Muttern viel getrunken, Wodka und weißer Fendant-Wein), die Tüte mit dem Geld drin spielt mit und der Hygiene-Beutel – und lange Zeit verbringt das Paar auf Stühlen ganz nah Publikum. Aber es gibt kein Video von der Taxifahrt – dafür besten Dank!

Theaterferne Sterne

Alle Rand-Figuren (Taxifahrer, Kommune-Guru oder Kellner) spielt Jirka Zett als Sohn in winzigen Haltungswechseln mit – und öffnet den Raum für’s unüberspürbare Zentrum der Aufführung: für Barbara Nüsse, die immer so markante Doyenne am Thalia Theater. Mit ihr wird die Inszenierung allen dramaturgischen Schwächen und aller romanhaften Theaterferne zum Trotz zur Sternstunde. Sie zeigt Alter in jeder Facette: ist energisch, ruppig und böse bei Bedarf, und gleich darauf tut sie so, als wäre sie schwach, verletzlich und gebrechlich. Eine Lehrstunde in Theaterhandwerk ist zu besichtigen. Allerdings ist sie derart dominant, dass der Sohn kaum eine Chance hat - vielleicht hat er sich ja deshalb zum Erzähler, also Erfinder dieses Bildes vom vorletzten Lebensstadium der Mutter aufgeschwungen. In der realen Auseinandersetzung mit diesem zuweilen monströsen Muttertier ist er verloren.

Für Barbara Nüsse und für Jirka Zett lohnt dieser Abend letztlich doch. Und sicher werden noch einige Bühnen ähnliche Versuche mit Christian Krachts Roman unternehmen, schon aus Gründen der Prominenz … ein starkes Stück Theater aber werden sie kaum finden.

Eurotrash
von Christian Kracht
in der Fassung von Susanne Meister und Stefan Pucher
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit: Barbara Nüsse und Jirka Zett
Premiere am 27. November 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Falk Schreiber vom Hamburger Abendblatt (29.11.2021) sah ein "böses, berührendes Duell zweier gleichwertiger (und auch gleich starker) Figuren". Schreiber vergleicht die Premiere mit der jüngst stattgefundenen Adaption an der Berliner Schaubühne. Dass diese länger ausgefallen sei, obwohl mehr gestrichen worden sei, beweise, wie konzentriert Stefan Pucher und Dramaturgin Susanne Meister den Romanstoff angegangen seien. "Es ist aber auch ein Hinweis darauf, dass an der Gaußstraße weit weniger Theater passiert – die höchst unterhaltsamen Clownerien von Meyerhoff liefert Zetts Hipsterspießer jedenfalls nicht."

"'Eurotrash’ ist ein Sinnbild für das alte Europa, das an Demenz zu erkranken droht, weil die Erinnerung an früher verblasst", so Peter Helling vom NDR (29.11.2021). "Stefan Pucher hat den Bestseller von Christian Kracht geschält wie eine überreife Frucht. Der Regisseur, der sonst auftrumpft mit Videoclips, Pop-Effekten und pompösen Klangteppichen, serviert hier pures, zärtliches, geradezu asketisches Theater." Der Theaterabend bebildere keinen Roman, sondern entwickele etwas Eigenes, etwas Losgelöstes.

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