Sichere Räume

30. November 2021. "Ein anderes Morgen. Eine andere Sprache: die erzählt von den Dingen, wie sie sein sollten", forderte vor einem halben Jahrhundert der Afrofuturist Sun Ra in seinem Film "Space is the Place". Das Nachdenken über kulturelle Schutzräume / Safe Spaces ist heute wichtiger denn je.

Von Lara-Sophie Milagro

30. November 2021. Meine Tochter brachte vor ein paar Tagen eine Aufgabe ihrer englischsprachigen Kindergärtnerin aus der Kita mit nach Hause: "Bring something that represents your cultural heritage." Je nachdem, wie man das ins Deutsche übersetzt, ergeben sich ganz unterschiedliche Aufgabenstellungen: "Bring something" könnte man übersetzen als "bring einen Gegenstand mit", aber auch als "bring etwas mit". Ich entschied mich für letzteres, da "etwas" meinem Verständnis nach mehrere Gegenstände beinhalten kann, so dass sie sich nicht für eine ihrer kulturellen Identitäten entscheiden muss.

Ethnie, Kultur, Nation

Aber ist "kulturelle Identität" überhaupt die angemessene Übertragung für "cultural heritage"? Die eins zu eins Übersetzung "kulturelles Erbe" fasst nicht annähernd die Komplexität des Begriffs "heritage". Zudem werden hierzulande Begriffe wie "national" oder auch "ethnisch" im täglichen Sprachgebrauch oft synonym benutzt für "kulturell", dabei haben "Kultur", "Ethnie" und "Nation" drei grundverschiedene Bedeutungen. Interessant ist auch, auf wen sie angewendet werden und in welchem Kontext. Im Zusammenhang mit der deutschen beziehungsweise Schweizer Herkunft unserer Tochter zum Beispiel, habe ich noch nie jemanden von ihrem "ethnischen Erbe" sprechen hören, im Falle ihrer karibischen Wurzeln passiert das hingegen oft. Warum? Und: Frage ich meine Tochter selbst, was ihr "cultural heritage", ihr "kulturelles Erbe" ist, sagt sie: "Berlin und Guyana".

17 NAC Kolumne Visual Milagro V3Wir alle übersetzen fortwährend kulturelle, ethnische, nationale, aber auch geschlechtliche, sexuelle, körperliche und soziale Identitäten – sowie ihre Überschneidungen und Verschachtlungen – in Sprache, um für uns selbst zu begreifen, aber vor allem auch, um der Außenwelt zu kommunizieren, wer wir sind, wie wir daher gesehen und benannt werden möchten und wie wir andere wahrnehmen.

In den darstellenden Künsten kommen weitere Ebenen hinzu: Bühnenbild, Kostüm, Maske, die Entscheidung, eine Rolle so und nicht anders zu spielen oder zu inszenieren – all das sind Übersetzungen von Identitäten. Die Wahl eines bestimmten Kostüms, Bühnen- oder Szenenbilds, die Besetzung einer Rolle mit Schauspielerin A (und nicht mit Schauspielerin B), die so und nicht anders spricht (oder nicht spricht), benannt wird und andere benennt, formt und beeinflusst unsere Realität, die Art und Weise, wie wir uns selbst und unser Gegenüber wahrnehmen und beurteilen – sowohl als Individuen als auch als (vermeintliche) Repräsentanten einer bestimmten Gruppe, und sowohl auf einer Bühne oder Leinwand als auch in der Realität. Im echten Leben wie in der Kunst sind diese Übersetzungs-Entscheidungen eng verknüpft mit Diskursen um Repräsentation, Sehgewohnheiten sowie der Gewichtung und Sichtbarkeit verschiedener Perspektiven, sprich: mit Diskursen um Macht und Deutungshoheit in privaten, öffentlichen und künstlerischen Räumen.

Der große Musiker, Afrofuturist, Poet und Philosoph Sun Ra zeigte einst in seinem Science Fiction Film "Space is the place" (1974) die Flucht auf einen anderen Planeten als einzige Möglichkeit für People of Colour, ihr physisches, kulturelles und spirituelles Überleben zu sichern und beschrieb damit faktisch den "safe space", den "geschützten Raum", der gegenwärtig im Kontext der Diversität-Debatte in aller Munde ist: "Another tomorrow. Another kind of language. Speaking things of the way it should be. Speaking things of blackness, about the void. Being this void, the bottomless pit surrounding you. ("Ein anderes Morgen. Eine andere Sprache: die erzählt von den Dingen, wie sie sein sollten, die erzählt vom Schwarz-Sein, vom Nichts. Davon, dieses Nichts zu sein, die bodenlose Leere, die dich umgibt.")

Gewaltfreie Sprache

Fast 50 Jahre später scheint – angesichts einer durch Corona stark gebeutelten Kreativbranche, der andauernden Debatten um Rassismus und Machtmissbrauch am Theater und einer weltweit erstarkenden Rechten – die Erschließung neuer "safe spaces", sicherer Lebens- und Arbeitsräume für alle, nicht nur für eine weiße, männliche, heteronormative sogenannte Mehrheitsgesellschaft, notwendiger denn je.

In den zurückliegenden drei Jahren habe ich mit "Heimatgeschichten" diese Debatten in den Fokus genommen und dabei nicht nur immer wieder erkannt, wie ignorant ich selbst bin, sobald ich zur Mehrheit gehöre, sondern auch, was für eine herausragende Rolle neue Übersetzungen von Identität auf (deutschen) Bühnen und Leinwänden spielen, wenn es darum geht "safe spaces", diskriminierungs- und gewaltfreie Räume vor, auf und hinter der Bühne beziehungsweise der Kamera zu schaffen: Es geht um neue Übersetzungen nicht nur innerhalb einer Sprache, so dass rassistische, sexistische, klassistische, queer- oder behindertenfeindliche Begrifflichkeiten durch eine neue, gewaltfreie Kommunikation ersetzt werden; es geht auch um neue Übersetzung durch eine Besetzungspolitik sowie Bildsprache, die frei ist von Klischees und Stereotypen vor allem auch dann, wenn es eine künstlerische Auseinandersetzung mit Rassismus / Diskriminierung betrifft.

Safe Spaces und ihre Torhüter

Das Konzept des safe space geht auf die feministische Bewegung der 1960er Jahre zurück und bezeichnete ursprünglich einen Raum, in dem Frauen, frei von physischer, psychischer und / oder verbaler Gewalt einer männlichen Mehrheitsgesellschaft zusammenkommen, sich austauschen, aktivistisch tätig werden konnten. Der Begriff wurde schon bald darauf von der LGBTQ* Community übernommen und mit Beginn des 21. Jahrhunderts im Kontext einer breiten öffentlichen Diskussion über Intersektionalität weiter ausgeweitet. Der afroamerikanische Kinderbuchautor Ashley Bryan beschrieb den „safe space“ als einen „Raum, in dem du Dinge denken und träumen kannst, in dem du dich (neu) erfinden kannst. Das ist der erste Schritt, um glücklich und erfolgreich zu sein, was auch immer du verfolgst im Leben.“

Nur: Wer definiert, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Räume sicher sind für wen? Setzt ein sicherer Raum voraus, dass dort ausschließlich eine Gruppe vertreten ist? – was nahezu unmöglich ist, da ihre Mitglieder ja wiederum divers sind, also verschiedene Communities in sich vereinen? Wer also sind die Torhüter eines geschützten Raums, die entscheiden, wer zu einer bestimmten Gruppe gehört und wer nicht, wer rein kommt und wer draußen bleiben muss? Und: Eine Community garantiert nicht automatisch eine einheitliche Auffassung davon, was Diskriminierung ist, wie alte Hierarchien in Frage gestellt und gewaltfreie künstlerische Schaffensprozesse ermöglicht werden können. Was, wenn so der sichere Raum des einen ein unsicherer Ort für den anderen ist, auch innerhalb einer Community? Begünstigt Diversität automatisch geschützte Räume?

"Ich finde Diversität wichtig, aber ich bin skeptisch, ob Mitarbeiter*innen vor Gewalt, sexistischen und rassistischen Sprüchen oder Übergriffen geschützt sind. Dafür braucht es eine explizite Agenda“, so die Regisseurin, Autorin und Performerin Simone Dede Ayivi Anfang des Jahres in einem Interview mit dem Tagesspiegel. "Ja, es gibt noch immer zu wenige Schwarze Menschen als Entscheidungsträger*innen am Theater. Aber vor allem gibt es zu wenig nette Menschen."

Lied auf ein besseres Morgen

Zudem melden sich, wie auch zu Beginn der erstmals vor 10 Jahren in der breiten medialen Öffentlichkeit ausgetragenen Debatte um Blackfacing auf deutschen Bühnen, immer wieder Stimmen zu Wort, die in geschützten Räumen das Ende der Meinungsfreiheit sehen. Bereits 2016 sprach die damalige Premierministerin Theresa May im britischen Unterhaus davon, dass "die Meinungsfreiheit von sogenannten 'geschützten Räumen' in unseren Universitäten unterminiert wird, so dass die lächerliche Selbst-Ermächtigung einer kleinen Gruppe von Studenten dazu führt, dass jedwede Debatte unterbunden wird."

Natürlich sind kontroverse Diskussion und die Freiheit der Andersdenkenden die Grundlage von Demokratie, Pluralismus und Kunstfreiheit. Nur waren sogenannte Minderheiten jahrhundertelang von genau dieser Diskussion ausgeschlossen, wurden klein geredet, lächerlich gemacht oder schlicht ignoriert. Ich erinnere mich an etliche berufliche und private Situationen, in denen ich Blackfacing oder den Gebrauch des N- oder Z-Worts kritisiert habe und das im besten Fall mit hoch gezogene Augenbrauen, im schlechtesten Fall mit offener aggressiver Abwehr abgetan wurde. Kontroverse Diskussion? Fehlanzeige. Es ist einzig dem kontinuierlichen und beharrlichen Gras-Root-Aktivismus der Communities zu verdanken, dass diese kontroversen Debatten heute stattfinden und sich auch tatsächlich Dinge ändern.

Dies ist meine letzte Kolumne und der Abschied fällt mir nicht leicht. Die Nachtkritik war unter den ersten Mainstream-Medien, die kontroverse Debatten um Diversität und Inklusion im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb aufgenommen und Stimmen abseits des Establishments eine Plattform gegeben haben. Danke dafür.

Wohin sich die deutschsprachige Film- und Theaterwelt in Hinblick auf Diversität, gleichberechtigte Teilhabe und (neue) Übersetzungen von Identitäten in den nächsten Jahren entwickeln wird, werde ich hautnah miterleben, weil ich Teil davon bin – und ich bin optimistisch: "The satellites are spinning, a better dawn is breaking / The galaxies are waiting for Planet Earth's awakening / We sing this song to a great tomorrow / We sing this song to abolish sorrow." Sun Ra

 

Lara-Sophie Milagro ist Schauspielerin, in der Leitung des Künstler:innen-Kollektivs Label Noir, Berlinerin in der fünften Generation und fühlt sich immer da heimisch, wo Heimat offen ist: wo sie singt und lacht, wo sie träumt und spielt.

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