Die Vermessung der Liebesnähe und Distanz

von Esther Boldt

Mannheim, 15. November 2008. Steht ein Schaukasten auf der Bühne, gelborange leuchtend. Darin der reinste Biedermeierkitsch, Polstermöbelsitzecken, ein Flügel, und im Kamin glüht ein falsches Feuer. Über dem Kasten aber meldet ein Schriftzug in schönster Magritte-Schreibschrift Zweifel daran an, dass man dem Augenschein trauen sollte: "Ce n'est pas un salon bourgeois." Denn dies ist nur eine Bühne auf der Bühne, die Seitenbühne und das Materiallager liegen offen.

Regisseur Marcus Lobbes und Bühnenbildner Christoph Ernst spielen an diesem Abend also mit offenen Karten. Und rücken gleich in den Blick, worum es ihnen geht bei Shakespeares "Romeo und Julia": um ein Spiel mit dem Theater selbst und um die Mikrostrukturen der Macht. Lobbes arbeitet hier erstmals in Mannheim, mit seiner Freiburger Inszenierung von Felicitas Zellers "Kaspar Häuser Meer" war er bei den Mülheimer Stücken zu Gast.

Standbilder in der guten Stube

Aus dem Kasten brüllen die acht Schauspieler den Eröffnungschor heraus, der die Eckdaten der nächsten zwei Theaterstunden klärt: Liebe und alte Fehden, Tod und Frieden. Alles klar. Das Personal ist auf die wichtigsten Protagonisten zusammengestrichen, inklusive einer Dame "Capulet", die Texte von Julias Mutter, Amme und Vater spricht. In dem ausweglosen Arrangement aus Sitzgruppen und schweren Vorhängen gruppieren sie sich zu immer neuen Sitz- und Standbildern, denn hier kommt keiner raus. Wenn einer stirbt, dann hat er halt keinen Text mehr.

Was im Falle Mercutios besonders schade ist, denn Michael Fuchs spielt ihn als agilen, oberschlauer Plapperclown, dessen leichfüßige Wortspiele und Altklugheiten man nach seinem frühen Tod etwas vermisst. Neben ihm nimmt sich Taner Sahintürk als Romeo mitunter etwas blass aus in seinem elegischen Liebesleid, seiner trotzköpfigen, strubbelhaarigen Haderei. In der guten Stube werden schnell und umstandslos Szenen überblendet, da schert sich Capulet (Almut Henkel) nicht darum, dass Julia noch in Romeos Armen liegt, sie verordnet Hochzeit mit Paris!

Liebe und Hass ernst genommen

Fast zitierend hangelt sich die Inszenierung durch den Stücktext, manche Szenen nur in ein, zwei Sätzen anreißend, darauf vertrauend, dass der Zuschauer sie kennt. In Auslassungen und Ausbreitungen arbeitet sich Lobbes ab am Text. Ausgetretene Textpassagen werden wiederholt, die Worte aus dem Allzubekannten wundersam herausgeschält und neu zum Klingen gebracht, um nur mit einer weiteren Wiederholung in Sinnentleerung zu landen.

Es ist ein Spiel der Gabe und des Entzugs, das Lobbes und sein Ensemble mit dem Publikum spielen, sie schenken allerhand, sie halten aber ebensoviel zurück. Sie spielen gelegentlich große Gefühle aus, große Bilder aber sind in der Biedermeierstube eine Unmöglichkeit. Weil Lobbes seine Mittel gut kennt, geschieht eine Verzauberung bei allergrößter Transparenz, eine Verführung mit weit aufgesperrten Augen. Obgleich mitunter ironische Distanz zum Stoff entsteht, nimmt er seine Kernthemen ernst und stellt sie frei: Distanz und Nähe, Gewalt und Leidenschaft, Liebe und Hass. In diesem einsam-gemeinsamen Stillleben sind sich alle zu nah oder zu fern.

Kunstreflexion, Todesangst, Sternenstaub

Da verlieben sich Romeo und Julia auf Distanz ineinander, sprechen vom Kuss und stehen meterweit entfernt, während Mercutio zu einer unhörbaren Musik die Beine schüttelt und Capulet ihre Gäste zum Feiern anfeuert. Da schmiegt sich Mercutio in der Balkonszene eng an Romeo, ihm die Wort nach dem Mund sprechend, während Julia im Hintergrund auf einer Sofakante kauert. Und bevor Lorenzo Romeo und Julia traut, türmen sie sich zum heiter-vorfreudigen Körperknäuel auf dem Flügel empor, wo Romeo sich auf Lorenzo und Julia sich auf beide wirft. In diesem Macht- und Liebesgestricke findet niemand eine angemessene Distanz, Entfernung kann zärtlich sein und Nähe brutal, wenn Julia harsch Capulets Kopf an ihre Brust reißt oder Paris sich auf Julia stürzt und an ihren Kleidern zerrt, bis Lorenzo ihn am Hosenbund davonträgt.

Da verharrt die Inszenierung stets faszinierend dicht auf der Kippgrenze vom Heitern ins Ernste, von der Kunstreflexion zu den Gespinsten der Macht. Und sie geht ins Mark, etwa wenn Julia – klirrtrocken bis fieberzornig gespielt von Silja von Kriegstein – schließlich auf dem Flügel hockt und vom Misstrauen angefressen wird, von der Todesangst vor dem, was ihr da in der Gruft begegnen wird. Wie im Schaukasten werden große Gefühle und die bittere Schwäche kommentarlos hingestellt, bei aller Transparenz reichlich Sternenstaub versprüht und dazwischen Shakespeare zum Klingen gebracht – nein, da mault man nicht mit seinem Glück.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare, Deutsche Fassung von Sven-Eric Bechtolf und Wolfgang Wiens
Regie: Marcus Lobbes, Bühne und Kostüm: Christoph Ernst, Dramaturgie: Volker Bürger, Licht: Wolfgang Schade. Mit: Peter Pearce, Michael Fuchs, Thorsten Danner, Taner Sahintürk, Almut Henkel, Jens Atzorn, Silja von Kriegstein, Jacques Malan.

www.nationaltheater-mannheim.de

Mehr zu Marcus Lobbes: seine Inszenierung der Uraufführung von Felicia Zellers Kaspar Häuser Meer war zu den 33. Mülheimer Theatertagen eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Für Ralf-Carl Langhals vom Mannheimer Morgen (17.11.) ist dieser Abend "extrem erklärungsbedürftig". Marcus Lobbes' Inszenierung verlustiere sich bei eingedampftem Text vornehmlich auf der Metaebene; für den (eingedampften) Text interessiere sie sich hingegen nicht, es werde "entweder darüber hinweggehetzt oder anschwellend hinweggeschrien". Konflikte oder Emotionen würden zwischen chorischem und stummem Spiel höchstens angerissen, aber nicht gespielt. Da werden nicht nur alle Montagues außer Romeo gestrichen, sondern auch das Haus Capulet "entgegen jeder Textlogik" auf Almut Henkel zusammengestrichen, deren "stimmliches Registergurren" freilich am besten zum "prätentiösen Stil des Abends" passe. "Dialoge und Texte werden mit dem Presslufthammer ineinander geschoben, Lieben heißt Abschlecken und Umklammern, Hassen und Töten heißt Brüllen". Nur selten entstünden da "bewegende Momente – die Liebesszenen sind es nicht". Für Langhals ist dies "das lausigste Theater auf dem Theater seit langem", Lobbes Inszenierung "in ihrer manierierten und dennoch nur behaupteten Selbstreflexion von Anfang bis Ende" langweilig.


Auch Volker Oesterreich von der Rhein-Neckar-Zeitung (17.11.) ist wenig angetan, dass "aus der größten aller Liebestragödien alle großen Gefühle ausgetrieben wurden". "Sinn und Verstand der gewitzten" Übertragung von Bechtolf und Wiens gerate "unter die inszenatorischen Räder", weil Lobbes das Ensemble dazu nötige, "im Expresstempo zu brüllen oder zu schreien". Taner Sahintürk als Romeo und Silja von Kriegstein als Julia haspelten ihre Dialoge "so hopplahopp und lautstark aus sich heraus, dass alles Psychologische, alles menschlich Tiefe" verloren gehe. Lediglich Jacques Malans Bruder Lorenzo dürfe "eine gewisse menschliche Größe zeigen und seine Worte angemessen artikulieren". Dass es im Stück "hochdramatisch" zugehe, wolle der Regisseur "partout verheimlichen, weil er auf keinen Fall in die Kitschfalle der Tragödie tappen möchte".


So sieht es auch Dietrich Wappler in der Zeitung Rheinpfalz (17.11.): "das ganze Romantikgetue, der ewige Gefühlskitsch" sollten bei Lobbes offenkundig "draußen bleiben". Alles sei "zu einer einzigen rastlosen Szene" komprimiert, zu der es "eine blasierte Partygesellschaft von heute" "aus unerfindlichen Gründen in einen musealen Salon verschlagen hat". Gestorben werde dort nicht an Degen oder Gift, sondern höchstens "an einer Überdosis Worte". Nach dem Tod des "Oberpartylöwen" Mercutio (Michael Fuchs: "ganz großartig") tauge nur noch Henkels Lady Capulet als "Partynudel", während drumherum "langweiliges Losertum" herrsche. "Für eine hammermäßige Lovestory" tauge dieses Umfeld nicht. Julia sei bei von Kriegstein "ein schlecht gelaunter Schlacks", "eher Trotzkopf als Traumfrau", deren Schwärmerei für Romeo vor allem "Provokationsmittel gegen die Supermutter" sei. "Dass sie das verwöhnte Weichei" tatsächlich liebe, "glaubt man keine Sekunde".

 

 
Kommentar schreiben