Eine Seefahrt, die ist lustig…

4. Dezember 2021. Das "Floß der Medusa" ist Inbegriff eines epochalen Desasters: eine kannibalistische Irrfahrt von Schiffbrüchigen, die nur 15 von ursprünglich 149 überlebten. Mit menschgefüllten Mägen. Franzobel hat den historischen Vorfall von 1816 zu einem Roman verarbeitet, den Christian Weise in Mannheim als bitter-böse Revue inszeniert.

Von Steffen Becker

Mannheim, 4. Dezember 2021. "Die französische Küche ist die größte kulturelle Leistung der Menschheit", sagt eine der Figuren im Stück "Das Floß der Medusa". Heißt das, die Schiffbrüchigen (mit Koch!) zelebrieren Kannibalismus? Die Auflösung zögert die Inszenierung von Christian Weise am Nationaltheater Mannheim lange hinaus. Sie basiert auf einem Roman des österreichischen Schriftstellers Franzobel über ein reales Unglück im Jahr 1816. Ein französisches Schiff, befohlen von einem unfähigen Kapitän mit guten Beziehungen, läuft vor dem Senegal auf eine Sandbank. Weil Rettungsboote nur für die "Wichtig, wichtig"-Fraktion reichen (und für die Garderobe der Gouverneursgattin), bauen sich die restlichen Überlebenden aus Schiffsteilen ein Floß. Mehrere Tage treibt es über das Meer. Ein Großteil der ursprünglichen Besatzung landet in den Mägen der 15 Überlebenden.

Passiv-aggressiver Kreuzfahrttrip

In Teilen habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Lediglich die Gesamtschau – Lehrstück, das sich als Revue tarnt – fand ich nicht mutig.

Steffen Becker

So weit die Handlung. Aber erst mal gibt es für das Mannheimer Publikum etwas auf die Ohren: eine deutsche Version von "My heart will go" – und "Wahnsinn – du schickst mich in die Hölle" von Wolle Petry. Regisseur Weise nutzt die Möglichkeiten des Mannheimer Bewegungschors nicht nur gesanglich. Er schafft mit ihm die Atmosphäre eines passiv-aggressiven Kreuzfahrttrips mit historischen Anleihen. Eine angestrengt fröhliche Menge ergötzt sich am Mobbing eines Kombüsenjungen. Die gelangweilte Gouverneurin lässt einen Soldaten vor im Takt klatschenden Gästen zu Tode peitschen.

Floss Medusa 2 ChristianKleiner uUntergang als große Show © Christian Kleiner

Zwischendrin scheitert der mit einer grotesk großen Medaille behängte Kapitän am Kampf mit einem Liegestuhl: Die Katastrophe kommt in Mannheim daher in Gestalt einer überdrehten bitter-bösen Revue. Die Bühne ist gestaltet als türkise Foyer-Bar mit Tanzpodest. Von den Wänden hängen Lamellen, die die Projektionen dreidimensional verzerren – unter anderem das bekannte, zeitgenössische Gemälde von Théodore Géricault, das heute im Louvre die Medusa-Tragödie zeigt.

Zivilisatorische Schicht, die bricht

Atmosphärisch wirkt der Raum (Bühne: Jana Findeklee, Joki Tewes), als hätte eine böse Seele das Traumschiff mit Barock gekreuzt und dann mit Abwrackpatina vergiften wollen. Die Botschaft ist klar: Die Schicht der Zivilisation ist dünn und sie bricht schon vor der Havarie. Regisseur Weise setzt das klug um mit seinen Darstellern. Sie spielen durchgehend die gleiche Rolle, aber als verschiedene, vordergründig gegensätzliche Personen.

Christoph Bornmüller ist überfordert-weinerlich – sowohl als Kapitän wie auch als Schiffsarzt, der auf dem Floß vergeblich die Moral hochhalten will. Annemarie Brüntjen ist fordernd-aggressiv als Offizier, der den Kapitän stürzen möchte, wie als Floßinsasse, der für das Gesetz des Stärkeren plädiert (also für Kannibalismus).

Floss Medusa 3 ChristianKleiner uDysfunktionales Doppel: Christoph Bornmüller und Annemarie Brüntjen als Kapitän und Offizier der Méduse © Christian Kleiner

Durch diese Doppelung verschwimmen die Grenzen von Gut/Böse, moralisch/unmoralisch. Was dabei heraus kommt: Kapitän und Schiffsarzt sind beide entscheidungsschwach und fehl am Platz. Offizier und Kannibale am Ende einfach Egoisten. In der Kreuzfahrt-Zivilisation gehen sich die Menschen genauso an die Gurgel.

Unterhaltende Grausamkeit

Auf dem Floß kommen sie dann ganz zu sich und ihrer nackten Grausamkeit. Und weil man tief im Inneren als Publikum – bezogen auf die Kunst – ähnlich denkt, kommt einem das Warten auf das Schlachten viel zu lange vor. Werk und Inszenierung stellen den Splatter nicht in den Mittelpunkt. Aber zur Einführung im Foyer heißt es, das Stück solle in seiner Grausamkeit auch unterhalten. Das tut es, wenn der Chor zu klassischer Musik Choreografien in bunten Hai-Kostümen tanzt. Wenn die Schauspieler, an Fleisch lutschend und mit saftiger Ausdrucksweise, in der Erzählung der Tage auf dem Floß schwelgen.

Es geht einem bei der Auseinandersetzung mit den menschlichen Abgründen ein bisschen wie mit dem Schiffsarzt. Wenn der Hunger quält, will man nichts hören von Diderot, Rousseau oder Voltaire. Sondern man will wissen, was die französische Küche unter Extrembedingungen leistet.

Das Floß der Medusa
von Franzobel

Regie: Christian Weise, Bühne und Kostüme: Joki Tewes, Jana Findeklee, Choreografie: Alan Barnes, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Sascha Hargesheimer, Beate Seidel.
Mit: Christoph Bornmüller, Annemarie Brüntjen, Almut Henkel, Vassilissa Reznikoff und dem Mannheimer Bewegungschor.
Premiere am 3. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Am Ende sei es "doch fast nur beabsichtigte Unterhaltung, was im Schauspielhaus des Tankers in 105 pausenlosen Minuten umspült von spieltheoretischen Ideen wenig spielpraktisch über die gigantische Seebühne geht", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (6.12.2021). Die Geschichte werde "in einer leicht klappernden Mischung aus Prosa und Dialog nachvollziehbar erzählt, teils gar durchbebildert", dabei käme mitunter auch "Schärfe ins Spiel". Lobendes indes findet der Kritiker für das Ensemble: Am "Einsatz der Mannschaft" läge es nicht, "dass der pastellige Bühnengroßeinsatz die Brecht-Haie schnell zahnlos werden lässt".

Der die Textgrundlage von Franzobel wähle "einen Ton ironisch-kritischer Distanz", mache "immer wieder Vergleiche zur Gegenwart" und dränge "dem Leser die unangenehme Frage auf, ob die geschilderten Schrecknisse heute wirklich undenkbar sind", meint Dietrich Wappler in der Rheinpfalz (6.12.2021). Regisseur Christian Weise habe sich dafür "die Form einer Revue ausgedacht", in der vor allem der "immer großartigen" Christoph Bornmüller brilliere. Das sei "alles sehr unterhaltsam und manchmal lustig, aber doch auch ein wenig absehbar", so der Kritiker.

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