Männlein im Wirtschaftswunderland

5. Dezember 2021. Rainer Werner Fassbinders Klassiker "Lola" erzählt vom Tauschwert der Liebe zur Zeit der jungen BRD. Bei Regisseurin Mareike Mikat geben vor allem die Patriarchen-Äffchen den Blick frei auf das Triebzentrum von Sex und Geld. Und es wird famos musiziert.

Von Christian Muggenthaler

5. Dezember 2021. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und War da was? Die drei großen W der 1950er und 1960er Jahre. Nach dem Krieg ging die Bauwirtschaft daran, die deutschen Städte gleich noch einmal zu zerrütten, und man konnte sehr viel Geld damit machen. Das innige Band zwischen Bauspekulation und Lokalpolitik ist bis heute so richtig nie zerrissen, und auch allerlei Autoren haben ihren Blick auf diese Systematiken geworfen und Regionales als Exempel für Überörtliches geschildert. Martin Sperr beispielsweise in seinen "Landshuter Erzählungen" aus dem Jahr 1968, oder eben Rainer Werner Fassbinder, unter anderem in seinem Film "Lola" aus dem Jahr 1981, der jetzt, in der Theaterfassung der Drehbuchautoren Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich, Premiere am Stadttheater Ingolstadt hatte. 

Lokomotiven im Dampfbetrieb

Wobei Regisseurin Mareike Mikat von Anfang an klarstellt, dass irgendwelche Rückgriffe auf den bitteren Realismus des damaligen zeitkritischen Theaters hier nicht zu haben sind. Es gilt der Blick von heute aus. Von Anfang an betätigen sich die SpielerInnen ausgesprochen theatral, kauzig, manieristisch, durchaus witzig. Gebärden werden ausgestellt, bewusst wiederholt, formelhaft eingesetzt: Weil eine Gesellschaft, die den Profit ins Zentrum aller Sinnstiftung gestellt hat, eben genau diese Leer-Formeln zur Kommunikation braucht. Hier ackern lauter Lokomotiven im Dampfbetrieb. Wirkliche Emotion, Menschlichkeit, Liebe gar, wird vor diesem Hintergrund umso deutlicher die Gegenwelt in dieser eindringlichen Inszenierung. Aber sie wirkt wie Schwäche. Menschen, die sich der Mechanik von Warenwelt und Wertschöpfung unterworfen haben, haben ihre Schwachstellen genau dort, wo sie Menschen geblieben sind.

Patriarchenäffchen und Musik-Zauber

Die Unterwerfungs-Maschinerie aber ist in dieser ziemlich vergnügt-vergnüglichen Inszenierung im Kern zutiefst lächerlich. Geld ist plumper Goldflitter. Die Männer, Helden der Marktwirtschaft, rennen ohne Hosen herum (Kostüme: Franziska Isensee). Ihre Wirkungsstätten sind drei wenig aussagekräftige biedere Boudoirs und Büros auf der Vorderbühne (Bühne: Simone Manthey). In diese Schachteln wird das Leben hineingepfropft, auch das der Titelheldin. Neben der Bühne ist eine Art Backstage für die Frauen der Handlung, wo sie zwischen Kram aus den 1950er Jahren auch musizieren – mit mal mit konventionellen, mal mit höchst phantasievoller Instrumentierung. Und von dort aus entstehen in Mikats Inszenierung immer wieder auch Kommentare zum Thema Nachkriegsgeschichte der Frauenrechte, etwa mit diesen verstörend bescheuerten, jahrzehntelangen Kommentaren männlicherseits zum Thema Vergewaltigung in der Ehe.

Lola 1 805 c ludwig olah uUnbehoste Vertreter des Patriarchats in "Lola" © Ludwig Olah

Die Darstellung des Patriarchats rundet sich in allerlei Bildern von Frauen in den ihnen von Männern zugewiesenen Rollen. Von Putz-Eskapaden mit dem Handbesen über die selbstbewusste Büroleiterin bis zum tragischen Zentrum der Geschichte: Lola, die als Prostituierte selbst zur Ware wurde. Die Musikerin Wencke Wollny hat zu all dem einen herrlichen Soundtrack geschaffen, live gespielt und gesungen mit Eigenkompositionen und Anleihen beispielsweise bei Nina Hagen. Das reiht sich ein in die Tradition großartiger Ingolstädter Bühnenmusik-Abende. In und mit dieser Musik macht die Inszenierung einen neuen Raum auf, hier ist nichts lächerlich, hier herrschen beständig Zauber und Gültigkeit. Das Minus Patriarchenäffchen, das Plus Musik: Das ist die gut funktionierende Inszenierungs-Gleichung.

Ohne Schmus und Kitsch

In dem durch diese Gleichung geschaffenen Raum und über den ganzen Wirtschaftswunder-Unbekömmlichkeiten schweben x und y, die großen Unbekannten: die Liebe der Hure Lola und des Baudezernenten von Bohm. Da entsteht eine Zärtlichkeit ohne jeden Schmus und Kitsch, weil Theresa Weihmayr und Martin Valdeig ihren Figuren Ausgang und Freiheit verschaffen in all dem Typen-Theater drumherum. Mareike Mikat lässt das Publikum das bumpernde Herz der Zuwendung erkennen, und jene Szene, in der von Bohm der Lola einen Ring auf den Finger streift, ist erst sehr komisch, dann sehr rührend, dann sehr rührend komisch. Weihmayr und Valdeig befreien erkennbar ihre Figuren aus der sie umgebenden Gemengelage, gegen die Valdeig als Baudezernent anschließend ackert und tobt. Starker Auftritt.

Das trifft auch aufs ganze Ensemble zu. Johannes Kühn als bärenhafter Bauunternehmer Schuckert, Philip Lemke als wachsweicher Anarchisten-Engerling Esslin, Judith Nebel als schlaue Sekretärin Hettich, Manuela Brugger als forsche Frau Kummer etc. pp.: Sie alle spielen im Dienst des Zeigens von verschiedenen Schattierungen der Systemkonformität. Das gelang. 25 Prozent Zuschauer versuchten beim Schlussapplaus erfolgreich, so zu klingen wie ein volles Haus.

Lola
von Peter Märtesheimer und Pia Fröhlich nach dem gleichnamigen Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Mareike Mikat, Bühne: Simone Manthey, Kostüme: Franziska Isensee, Komposition und Musikalische Leitung: Wencke Wollny, Dramaturgie: Johann Pfeiffer.
Mit: Theresa Weihmayr, Martin Valdeig, Johannes Kühn, Philip Lemke, Judith Nebel, Manuela Brugger, Peter Reisser, Sascha Römisch, Wencke Wollny.
Premiere am 4. Dezember 2021
Dauer: 2 Stunden, 30 Minuten, eine Pause
www.theater.ingolstadt.de

Kritikenrundschau

Anja Witzke resümmiert im Donaukurier (5.12.21): "Regisseurin Mareike Mikat überfrachtet die Fassbinder-Satire in vielerlei Hinsicht. Mit Hyper-Aktivität. Mit einem Ideen-Overkill." Dafür trupmfe der Abend mit "eindringlicher Bildsprache" und "mitreißender Musikalität" auf. Und mit einem Ensemble, das "mit hoher Energie und viel Charme" argiere. "Fazit: ein Abend mit viel Diskussionsstoff - und voller berückender Musik."

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