Knöcheltief im Wasser

12. Dezember 2021. Als Doppelpremiere inszeniert Regisseurin Laura Linnenbaum Max Porters "Trauer ist das Ding mit Federn" und Marlen Haushofers "Die Wand", um von Tod, Verlust, Allein- und Abgeschnittensein zu erzählen. Und flutet auch noch das apokalyptische Bühnenbild.

Von Cornelia Fiedler

Überall Wasser: "Trauer ist das Ding mit Federn" am Schauspielhaus Düsseldorf © Sandra Then

Düsseldorf, 12. Dezember 2021. Am Ende ist ja immer irgendwie Schluss. Aber dieses Ende ist so erbarmungslos final, und dabei so achselzuckend, abgeklärt, dass es düsterste Science-Fiction blass aussehen lässt. Marlen Haushofer lässt die Welt nicht in einem Knall enden. Sie beendet sie – für die Menschheit – indem sie der mutmaßlich letzten Überlebenden das Papier ausgehen lässt. Kein Papier mehr, kein Bericht. Kein Bericht mehr, keine Welt, von der irgendwer wüsste.

Damit ist die Reihenfolge der beiden Stücke der Doppelpremiere von Regisseurin Laura Linnenbaum am Düsseldorfer Schauspielhaus klar. Zuerst muss "Trauer ist das Ding mit Federn" kommen, dann "Die Wand", dann ist Schluss, aus, Ende. Die beiden Romanadaptionen, die künftig auch einzeln gezeigt werden, spielen im selben fordernden Bühnenbild von Daniel Roskamp: einem anthrazitgrauen Guckkasten, in dem knöcheltief Wasser steht. Wer ins Trockene will, muss auf den Stamm und die kahlen Äste eines quer liegenden entwurzelten Baumes klettern.

Komische Vögel

Während die namenlosen "Jungs" und ihr "Dad" aus "Trauer ist das Ding mit Federn" lernen müssen, mit diesem Wasser zu leben, so wie sie mit dem plötzlichen Tod der Mutter leben müssen, ist die dunkel glitzernde Plörre der ebenfalls namenlosen "Frau" aus "Die Wand" tendenziell schnuppe. Das Wasser ist eben da, so wie der Hund, die Kartoffeln und die beschissene unsichtbare Wand, die die 36-Jährige in einem Bergtal eingeschlossen hat.

Max Porters Trauer-Roman verschneidet diverse Textgenres und setzt hart auf Intertextualität. In der Bühnenfassung von Linnenbaum und ihrer Dramaturgin Sonja Szillinsky wird daraus ein regelrecht gefälliger Stoff. Ein komischer mystischer Vogel poltert in das Leben einer Familie hinein, die nach dem Tod der Mutter in Schockstarre verfallen ist. Er zwingt sie zur Auseinandersetzung mit dem Verlust, zur Trauer, aber auch zurück ins Leben.

TraueristdasDingmiFedern13983 Sandra ThenZurück auf die Bäume im apokalyptischen Bühnenbild: Nils David Bannert, Jacob Zacharias Eckstein, Kilian Ponert, Thiemo Schwarz in "Trauer ist ein Ding mit Federn" © Sandra Then

Natürlich darf das nicht irgendein Vogel sein, den Kilian Ponert hier absolut mitreißend spielt, der mit ruckartigen Verrenkungen, flatterig, krächzend, schnalzend, zähneklappernd, wasserspritzend mal den Animateur gibt, mal den Quälgeist, mal den Sparringpartner für Wutausbrüche. Der Vogel ist, passend zum Forschungsthema des nun verwitweten Vaters, eine Krähe, wie sie durch Gedichte Ted Hughes geistert. Hughes hatte sie nach dem Suizid seiner Frau, der Schriftstellerin Sylvia Plath, verfasst.

Thiemo Schwarz als Vater und die beiden Söhne, Nils David Bannert und Jacob Zacharias Eckstein, starten eher unbeteiligt in den Abend. Sie berichten und spielen präzise und unpsychologisch, was auf dem Plan steht: Erinnerungen, eskalierende Kinderspiele, Alltagsdramen, selbst erfundene Märchen, mal freundlich, mal explosiv zornig. Schmerzhaft oder traurig ist das nicht.

TraueristdasDingmitFedern13988 SandraThenNils David Bannert und Jacob Zacharias Eckstein als Kinder © Sandra Then

Erst ganz am Ende der anderthalbstündigen Krähentherapie darf das joviale Schmunzeln beim Erinnern ausbleiben. Dann endlich sackt auch Bannert, der coolere der Jungs, ein einziges Mal am Beckenrand zusammen, sein ganzes Gesicht ist nun abgrundtiefe, völlig unbewältigbare Verzweiflung. Es wirkt, als wolle die Inszenierung dem entfremdeten Publikum ganz langsam und sanft beibringen, dass der Verlust eines Menschen unendlich weh tut. Nur, ganz neu ist dieses Wissen nicht.

Ende des Kapitels Mensch

Ungleich größer, ja, völlig unvorstellbar ist der zweite Verlust des Abends: Haushofers Protagonistin in "Die Wand" ist durch das Erscheinen der rätselhaften Wand nicht nur buchstäblich vom Rest der Welt abgeschnitten. Der Rest der Welt ist offensichtlich auch noch tot. Warum, bleibt offen, vermutlich hat sie sich selbst aus Versehen abgeschafft. Die zufällig Überlebende, gespielt von Hanna Werth, weint dem Ganzen keine Träne nach. Klar, sie ist verstört, sie hat Angst, sie trauert um ihre Kinder. Aber da ist auch dieser Gedanke, den Werth fast im Plauderton ins Publikum kullern lässt: "Der einzige Feind, den ich in meinem bisherigen Leben kannte, war der Mensch gewesen."

DieWand13965 Sandra Then uAbgeschnitten vom Rest der Welt: Hanna Werth in "Die Wand" © Sandra Then

Vordergründig handeln Monolog und Roman vom Überleben, von Ackerbau-Versuchen, Jagd, überfordernder Schwerstarbeit, Mangelernährung und der Sorge um die zugelaufenen Tiere. Die Inszenierung übersetzt diesen Alltag zum Beispiel in manisches Papiersortieren im Wasser und schnelle, wiederkehrende Läufe über den gesamten Baum.

Neues Leben

Dabei berichtet Werth lebendig, zugewandt, freundlich, teils fast begeistert aus dem neuen einsamen Leben hinter der Wand. Das ist zunächst irritierend, es will nicht recht zu Haushofers resignativem Stil passen. Über die Welt, die Gesellschaft von früher sagt und schreibt sie wenig. Warum nicht, das wird aus Nebensätzen klar – und ist dann gerade durch Werths gut gelaunte Beiläufigkeit extrem ernüchternd: Es gibt da wenig zu betrauern. Die Chronistin hatte sich damals selten wohl gefühlt in ihrer Haut, ihrer Rolle, ihrer Spezies, die weder ihr noch dem Planeten gut getan hat. Einen extrem kurzen Auftritt hat die (männliche) Menschheit dann sogar noch. Ohne zu viel zu verraten: sie zerstört schon wieder alles. Ohne zu zögern tut Haushofers Icherzählerin dann, was getan werden muss. Sie beendet das Kapitel Mensch. Sie legt nach dem letzten Blatt den Bleistift nieder und kümmert sich um die Tiere.

 

Trauer ist das Ding mit Federn 
von Max Porter
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüm: Ulrike Obermüller, Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Christian Schmidt, Dramaturgie: Sonja Szillinsky.
Mit: Thiemo Schwarz, Nils David Bannert, Jacob Zacharias Eckstein, Kilian Ponert.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten

Die Wand
von Marlen Haushofer
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Daniel Roskamp, Kostüm: Ulrike Obermüller, Musik: David Rimsky-Korsakow, Licht: Christian Schmidt, Dramaturgie: Sonja Szillinsky.
Mit: Hanna Werth.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten
Doppelpremiere am 11. Dezember 2021

www.dhaus.de

Kritikenrundschau

Lothar Schröder hebt in der Rheinischen Post (13.12.2021) das Spiel der Hauptdarstellerin von "Die Wand" hervor: "Werth spielt dieses Drama nicht, sie durchlebt es". Haushofers Text sei ein "Deutungsuniversum" - "und Werth führt uns hindurch". So könne man hier "von Ereignis zu Ereignis" die "nackte Existenz" erfahren. Hinsichtlich der zweiten Premiere des Abends zeigt sich der Rezensent ebenfalls beeindruckt vom Spiel: Dank der "grandiosen Leistung von Kilian Ponert" würde greifbar, was auch die Leseerfahrung der Romanvorlage "Trauer ist das Ding mit den Federn" prägt - "etwas Unberechenbares, Unbegreifliches, nicht sehr nett, dafür sehr eigen und insgesamt unheimlich". Der Abend enthalte "jende surreale Note", "die uns so schwer loskommen lässt von Trauer, Tod und Weiterleben." Der Kritiker schließt: "Beide Stücke werden stille Kostbarkeiten im Spielplan sein. Sie zu erleben ist ein Glücksfall".

Jo Achim Geschke in der Neuen Düsseldorfer Online Zeitung (12.12.2021) befindet: "schauspielerisch großartige Leistungen" in beiden Stücken. Kilian Porter als Krähe sei die "beherrschende lockere und lockende Figur", Hanna Werth führe das Publikum "im Sog ihres Monologs in eine abgeschottete Natur". Thiemo Schwarz als "Dad" in der deutschsprachigen Erstaufführung von "Trauer ist das Ding mit den Federn" bringe "die richtige Mischung aus Vater, Schiftsteller und Trauerndem, ihm zur Seite die hervorragend aufspielenden Söhne Nils David Bannert und Jakob Zacharias Eckstein", die beweisen, "welch großes Können die Studierenden bereits mitbringen". Das Experiment der Doppelpremiere sei Dank der Schauspielenden gelungen, trotz etwas spröde erscheinenden Themen.

Birgit Koelgen diagnostiziert in Ddorf-aktuell (12.12.2021): Das neue Theater verlasse sich selten aufs gesprochene Wort, da müsse "gewatet, gespritzt und geplantscht" werden. "Warum das so ist? Erschließt sich nicht." Auch der Sinn der "Erotisierung" der Krähe in "Trauer ist das Ding mit den federn" bleibt der Kritikerin verborgen. Gelobt wird Thiemo Schwarz, der "Dad", "diesen leidgeprüften Menschen glaubhaft, ohne Faxen" abbilde. "Ohne die unaufhörlichen Wasserspiele", würde man ihm und den "umjubelten" Söhne-Darstellern noch besser zuhören, mutmaßt sie. Hanna Werth hingegen "lässt uns die Planscherei aber vergessen, kann ganz still sein, innehalten". Der Albtraum der Isolation erscheine auch als Utopie und die Heldin als "Öko-Feministin, frei vom Ballast der Zivilisation." Hanna Werth gelinge es "die Lebensenergie der Eingeschlossenen fühlbar zu machen". Beim zusehen wolle man am liebsten "mitbuddeln und die Sense schwingen". 

Kommentare  
Trauer / Wand, Düsseldorf: Erwartungen vs. Interpretation?
Die Kritik wirkt auf mich als habe bei „Die Wand“ eine ganz klare Erwartung im Raum gestanden, wie man mit dem „resignativen Stil“ von Haushofer hätte umgehen sollen. Mir gefiel grade, dass der Gestus hier kämpferisch und nicht resignativ war.
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