Vom Stopfen des Sinnlochs 

von Georg Kasch

München, 24. Mai 2007. Es regnet. Pfützen bilden sich, das Wasser rauscht und gluckst. Unter der Treppe gibt es sogar eine kleine Fontäne, die sich sprudelnd über den Boden ergießt. Im Vordergrund fallen große Tropfen, die auf die Tische und Stühle prasseln, im Hintergrund fällt es sacht wie Nebel.

Dieses Plätschern und Gießen hört gar nicht mehr auf. Sind die Möbel wasserfest? Ist der feine Wasserstaub Trockeneis? Und wie haben die Techniker zwischen dem zweiten und dritten Akt das Nass verschwinden lassen? – Wenn man sich im Theater derartige Fragen stellt, ist entweder das Bühnenbild so außergewöhnlich, dass man alles andere darüber vergisst. Oder das Bühnengeschehen ist derartig fad, dass man nichts Besseres zu tun hat.

Das instrumentalisierte Kind folgt Rattenjule ins Meer
Henrik Ibsens selten gespieltes Drama "Klein Eyolf" zeigt Szenen einer Ehe zweier Individualisten. Alfred und Rita leben mit einer Schuld: Während sie miteinander schlafen, fällt ihr Sohn Eyolf vom Tisch und wird zum Krüppel. Seitdem verweigert sich Alfred jeder Intimität, zieht sich auf sein Buchprojekt "Die menschliche Verantwortung" zurück und widmet sich Eyolfs Erziehung. Was Wunder, dass Rita ihren Sohn hasst, der zwischen ihr und ihrem Mann steht. Das ungewollte und instrumentalisierte Kind tut seinen Eltern den Gefallen und folgt der Rattenjule, einem Wesen in der Tradition des Hamelner Rattenfängers, ins Meer. Nach dem Tod Eyolfs brechen alle Dämme: Alfred gesteht sich den Bankrott seiner Ehe und will mit seiner Halbschwester Asta zusammenleben. Diese ihrerseits weiß, dass sie und Alfred gar keine Geschwister sind, und will Rücksicht auf Rita nehmen.

Wie sie sich am Ende doch noch zusammenraufen, kann man gar nicht als Utopie lesen: Asta flieht mit dem ungeliebten Straßenbauingenieur Borghejm. Rita und Alfred werden sich ihres Egoismus' bewusst und wollen aus ihrem Haus ein Heim für die verwahrlosten Kinder vom Strand machen. Und bleiben sich doch treu: Nun nehmen sie den Armen die Kinder weg, um ihr Sinnloch zu stopfen.

Daraus hätte eine bitterböse Farce werden können, ein Beitrag zur Erziehungsdebatte, ein Kommentar zur Generation der Selbstverwirklicher. Doch vom ungeheuerlichen Kulturpessimismus dieses Schlusses will die Inszenierung nichts wissen. Thomas Langhoff, langjähriger Leiter des Deutschen Theaters Berlin und seit 2001 regelmäßiger Gast am Residenztheater, zeigt wohlhabende, ziellos-verwirrte Menschen, die im Leben wie auf der Bühne nicht recht wissen, wohin mit sich. Sein Ausstatter Stefan Hageneier hat ihm dafür ein bürgerliches Interieur in Breitwandformat gebaut, in das im zweiten Akt die wilden Naturkräfte brechen. Später dann sind die Möbel mit Planen bedeckt. In diesem Haus herrscht kein Leben mehr.

Alle leiden so furchtbar und stehen im Regen
Auch auf der Bühne nicht. Die Protagonisten tauschen lange Blicke. Schlagabtäusche alternieren mit bedeutungsschweren Pausen. Wann immer der Konflikt sich zuspitzt, wird es auf der Bühne leise. Doch dadurch steigen weder die Spannung noch die Relevanz der Konflikte, die nicht richtig in Gang kommen.

Die Unschärfe der Inszenierung überträgt sich auch auf die Schauspieler. Dabei haben sie große Momente. Sibylle Canonica gibt als Rita den domestizierten Vamp, der allzu schnell von Reue und Verzweiflung ergriffen wird. Von Anfang an hat sie etwas Zerknirschtes, Zurückgenommenes, das nur in gelegentlichen Eifersuchtsausbrüchen einer Maschinengewehrsalve aus Vorwürfen weicht. Das allerdings ist ebenso großartig wie ihr Versuch, Alfred zu verführen: Dann gurrt und knurrt sie aus der Tiefe, während sie sich auf ihn stürzt. Bei Eyolfs Tod hingegen bleibt sie stumm mit halboffen pulsierendem Mund, ein Fisch an Land.

Diesem blonden Weib im blauen Petticoat steht die schwarzhaarige, blasse Asta der Stephanie Leue gegenüber. Ihrer mädchenhafte Unschuld mit knappen, kindlichen Gesten und hilflos sich verdrehenden Augen scheint Stefan Hunsteins Alfred verfallen. Er ist ein weltfremder Intellektueller im Schlabberlook und mit Woody-Allen-Brille, der beim legeren Erdnussverzehr den Frauen mitteilt, dass er sein Werk aufgibt. Erfrischend bodenständig erscheint da Jan-Peter Kampwirth, der seinem Ingenieur Borghejm als einen sanften Proll im Baumfällerhemd mit schwarzer Krawatte gibt.

Alle leiden so furchtbar. Aber von diesem Leiden will sich nichts übertragen. Stattdessen bleibt diese Aufführung grau, unscharf, verregnet.

 

Klein Eyolf
von Henrik Ibsen
Inszenierung: Thomas Langhoff, Ausstattung: Stefan Hageneier.
Mit: Jan-Peter Kampwirth, Stefan Hunstein, Stephanie Leue, Sibylle Canonica, u.a.

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau 

"Klein Eyolf" hätte in letzter Zeit eine Renaissance erfahren, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.5.2007), weil das Stück "mit der Eltern-Kind-Problematik und dem Konflikt von Selbstverwirklichung und Verantwortung Themen verhandelt, die in unserer zunehmend kinderlosen und sinnentleerten Ego-Gesellschaft doch virulent sind." Langhoff jedoch gehe die Sache "ohne interpretatorische Zuspitzung (...) dezent, brav und redlich" an und pflege "den Stil des deutschen Fernsehspielrealismus". Das "Breitwandbühnenbild" von Stefan Hageneier "mit seinen mehrfach hintereinander geschachtelten Holzwänden und Türöffnungen" sei wohl irgendwie symbolisch gemeint, erschließt sich ihr aber nicht. Stefan Hunstein als leicht schrulliger "Möchtegern-Philosoph" Allmers gehe "bis an die Grenze zur Karikatur", und auch sonst sei da nichts, was den Abend irgendwie triumphal mache.

Teresa Grenzmann sieht in der FAZ (1.6.2007) Drama und "Ibsengeheimniß" im dritten Akt gerade noch halbwegs gerettet. Davor hatte Thomas Langhoff zwrei Akte lang das Drama in der breitwandformatigen Luxusvilla von Stefan Hageneier "auf Kiel gelegt", während seine "Protagonisten die ganze hilflose Lächerlichkeit ihres Seins  - bestimmt durch Trägheit, Gleichmut, Egoismus - in aller Deutlichkeit geheimnislos und trotzig preisgeben."

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