Handfeste Privilegienverwahrlosung

19. Dezember 2021. Wer es war, weiß man. Und doch. Regisseurin Anne Lenk legt mit Heinrich von Kleists Werk nun ihre dritte Klassiker-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin vor. Der Machtmissbrauch ist im wahrsten Sinne gegenwärtig. Ab in den Sog der (Selbst-)täuschungen.

Von Elena Philipp

19. Dezember 2021. Eine Reihe Stühle wie im Warteraum, nah an der Rampe. Dahinter ein bühnenhohes Gemälde: ein prunkvolles Stilleben des niederländischen Malers Jan Davidsz. van Heem aus dem 17. Jahrhundert. Üppig bestückt ist hier eine Tafel, mit Pokal und Schmuckteller, mit Austern und Schinken, Pfirsich, Granatapfel und Trauben, in der Mitte ein prachtvoller Papagei. Luxus, wie ihn sich Dorfrichter Adam nicht ganz wird leisten können – aber über Schokolade mit Schuss, Wein und Wurst (aus Braunschweig!) kann er verfügen. In Huisum ist er der König. Und dann: wird er gestürzt. Auf dem Höhepunkt seiner Macht, die ihren Verfall schon in sich trägt, so wie das Bild, das noch ein Prunkgemälde ist, aber bald, wenn die Muscheln verderben, ein Vanitas-Stilleben sein wird.

Platzwechsel und plot twist

Anne Lenk und ihr Ensemble erzählen Kleists Klassiker als Geschichte von Machtmissbrauch und struktureller Gewalt in einer patriarchal verfassten Gesellschaft – mit Happy End. Spannend ist die Inszenierung aber nicht wegen des konsequenten plot twists zum Schluss: Richter Adam wird selbst angeklagt. Spannend ist dieser "Zerbrochne Krug", weil hier dramaturgisch jedes Detail stimmt, die Dynamik, der Rhythmus, das Zusammenspiel des durchweg famosen Ensembles. Gedanklich durchdrungen wirkt der Text. Obgleich es weitgehend das Original ist, das die Schauspieler:innen sprechen, wirkt der komplexe Kleist’sche Satzbau in ihrer Diktion direkt und ungekünstelt.

In jedem Moment reagieren die sieben Figuren gestisch und mimisch auf das Gesagte und aufeinander. Binnendramen entfalten sich allein durch Blicke, etwa bei den meist weit auseinander sitzenden Verlobten Eve und Ruprecht. Durch neue Sitzordnungen und Gruppierungen in dem von Bühnenbildnerin Judith Oswald bewusst auf die Vorderbühne beengten Raum – Platzwechsel, die sich oft in den kurzen Pausen zwischen den Aufzügen vollziehen, markiert mit einem Black und kurzem Schlagzeugsolo – tun sich eine Fülle von Beziehungen und Bezügen auf. Es bedarf hier keines Richterstuhls, um Hierarchien, soziale Positionierungen und Allianzen zu verdeutlichen.

Zerbrochner Krug 2 ArnoDeclair uMachtverfall vor dem Vanitas-Stilleben: Tamer Tahan, Ulrich Matthes, Lorena Handschin, Jeremy Mockridge, Franziska Machens, Julia Windischbauer und Lisa Hrdina © Arno Declair

Clou in Anne Lenks Inszenierung ist dabei die Figur der Gerichtsrätin Walter: kein sozial höher als der Richter gestellter Mann wie bei Kleist, sondern eine junge Frau, die offen entsetzt ist über das in Huisum gebräuchliche Gewohnheitsrecht. Unaufdringlich, aber unbeirrt orchestriert sie den Widerstand gegen Dorfrichter Adam. Optisch wirkt diese Gerichtsrätin wie ein Huschelchen mit ihrer apricotfarbenen Latzhose und dem korallenfarbenen Jackett über dem Schwangerenbauch.

Auf den Fotos im Programmheft hat sie noch eine brave 70er-Jahre-Pagenfrisur, wie Lady Di. Bei der Premiere ist die Perücke zu einem kürzeren Rundschnitt getrimmt. Damit rückt Kostümbildnerin Sibylle Wallum, deren schrill originelle, anachronistische Kostüme in einer breiten Palette kräftig orange-roter Farbtöne mit dem van Heem’schen Gemälde aufs beste kontrastieren, die Rätin in die Nähe einer heutigen selbstbewussten Generation junger Frauen.

Handfester Machtmissbrauch 

Höflich distanziert tritt Lorena Handschins reisende Prüferin auf, und so verletzlich man diese Figur einschätzen könnte, so zielorientiert und unbestechlich agiert sie. Ihr Kopf ist klar, sie folgt dem Gesetz und kann es bis ins Detail ausbuchstabieren, während Dorfrichter Adam seine Schlüsse schon vor der Befragung zieht. Die von ihm missbrauchte Eve versucht er mit Erpressung und Drohungen gefügig zu machen, verbal diskreditiert er sie, wo es nur geht – und Lisa Hrdinas handfeste, teenagerhaft von ihrer Mutter Marthe genervte Eve hält still, weil sie um ihren Verlobten Ruprecht fürchtet, der mit der Armee nach Batavia aka Indonesien eingeschifft werden soll, wie Richter Adam ihr fälschlich erzählt. Wegen des Attests, das ihn von der Militärpflicht befreien soll, hat sich Eve überhaupt für die Avancen des Richters geöffnet – eine klassische Machtmissbrauchs-Situation.

Ein Lächeln ins Gesicht geschmiert

Als Unberührbaren spielt Ulrich Matthes den Adam. Spöttisch und privilegienverwahrlost lümmelt er in seinem Stuhl, ein schmieriges Lächeln im Mundwinkel, ein ebenso schmieriges Unterhemd am Leib. Ihm kann keiner etwas anhaben, auch wenn er seine Pflichten nachlässig erfüllt und seinen Status verwaltet, statt für Gerechtigkeit zu sorgen. Zumindest war das bislang so. Spät erst wird dem Dorfrichter klar, dass er selbst hier vor Gericht steht.

ZerbrKrug David BaltzerUlrich Matthes als Dorfrichter und Lorena Handschin als Gerichtsrätin © David Baltzer

Aus dieser Diskrepanz zwischen dem Nichtverstehen des Täters und dem Wissen der übrigen Personnage, die sich mit dem ebenfalls wissenden Publikum verbündet, zieht Kleists Text einen beträchtlichen Teil seiner galligen Komik. Auch in Anne Lenks psychologisch präzise gearbeiteter Inszenierung funktioniert das langsame Enthüllen der Selbsttäuschung ganz wunderbar. Gelacht wird viel an dem auf 90 Minuten komprimierten Abend.

Die Regisseurin, die mit dem "Zerbrochnen Krug" am Deutschen Theater Berlin ihre dritte Klassiker-Aktualisierung nach Der Menschenfeind und Maria Stuart vorlegt, aktualisiert den Stoff dabei anscheinend mühelos. Eine Gemeinschaft, die die Gewaltausübung durch den Dorfrichter lange auch mittrug, emanzipiert sich in einem schmerzhaften Prozess von ihm und seinen missbräuchlichen Methoden – das ist die sehr zeitgemäße und doch unaufdringlich vorgebrachte Botschaft. Platt moralisch ist hier nichts. Deutlich aber doch. So, denkt die Kritikerin am Ende, kann das gehen.

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Lenny Mockridge, Licht: Cornelia Gloth, Dramaturgie: David Heiligers.
Mit: Lorena Handschin, Lisa Hrdina, Franziska Machens, Ulrich Matthes, Jeremy Mockridge, Tamer Tahan, Julia Windischbauer.
Premiere am 18. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

"Man kann sie konventionell und genügsam finden, diese ganz auf die Feinheiten der Darstellung konzentrierte Inszenierung, aber sich ihrer ungeheuren schauspielerischen Finesse, ihrer durchdachten Eleganz und Intelligenz zu entziehen, dürfte schwerfallen", sagt André Mumot im Deutschlandfunk Kultur Fazit (18.12.2021).

Einerseits seien an diesem Abend "starke Auftritte und konzeptionell aufgewertete Frauenrollen zu sehen – allen voran von Lisa Hrdina, die das von Adam eingeschüchterte Missbrauchsopfer Eve sehr klar und selbstbewusst spielt", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (20.12.2021). "Andererseits steckt in diesem Abend aber auch viel durchaus traditionelle Stadttheater-Komödie."

Durch die weibliche Besetzung des Walter markiere Anne Lenk "neben dem kolonialistischen Aspekt auch den feministischen" und schließe umstandslos an die Debatten der Gegenwart an, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (20.12.2021). "Das funktioniert dann wie von selbst und ganz ohne weiteres Gebastel." Das handlungsarme Lustspiel von Kleist zeige noch in der gestrafften Fassung von der Regisseurin und David Heiligers seine bis an die Grenze der Albernheit reichende Freude an Wortspiel und Doppeldeutigkeit. "Der Schwung von Kleists Jamben wird genutzt und klingt besonders schön nach, wenn die Figuren zwischendurch in melancholischen Denkpausen verharren."

"Eine ungemein frische, witzige, leichtfüßige Klassiker-Inszenierung" sah Peter Laudenbach und schreibt in der Süddeutschen Zeitung (20.12.2021): "Die Regisseurin Anne Lenk hat mit ihren formsicheren und verspielten, immer stark auf die Schauspieler und nuancenreiche Sprachbehandlung konzentrierten Inszenierungen von Schillers 'Maria Stuart' und Molières 'Der Menschenfeind' dem Deutschen Theater zwei der erfolgreichsten und gelungensten Aufführungen der letzten Jahre beschert. Ihre Kleist-Komödie setzt diese Erfolgsserie mit schönster Spielfreude fort."

"Die muntere Inszenierung ist zwar nicht besonders tiefgründig, je­doch wohltuend am Stück orientiert", schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.12.2021). "Sie ist mehr unterhaltsam als kontem­plativ, wobei sie sich traut, den Figuren und ihren Problemen zu folgen, ohne sie ironisch zu übermalen oder performativ aufzubrechen."

"Ein klug austariertes, oft schamlos komisches 90-Minuten-Kunststück" hat Wolfgang Höbel auf Spiegel online (20.12.2021) gesehen, "eine Feier der wunderbar verdrehten kleistschen Sprache".

Barbara Behrendt sieht Ulrich Matthes im "Zerbrochnen Krug" als Vertreter "eines fest gefahrenen Patriarchats", der sich seinen Sturz nicht einmal vorstellen kann. Auf rbb Kultur (online 20.12.2021, 7:45 Uhr) sagt sie, es brauche also die engagierte Frau außerhalb des Systems, die "dem Patriarchat den Garaus macht". Der "zugespitzte Verweis auf den Kolonialismus" sei etwas zu viel des Guten, ansonsten sei die Inszenierung sehr komisch, "großartig gespielt, unterhaltsam und klug".

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Kommentare

Kommentare  
#1 Zerbrochner Krug, Berlin: RaubstückeFrank-Patrick Steckel 2021-12-21 00:27
"(Anne Lenk) findet in dem alten MeToo-Stück eine erstaunlich sprudelnde Boulevardkomödie. Die Ernsthaftigkeit des Themas ist dabei durchaus beibehalten und passagenweise auch besonders betont worden: Der Krug, um den sich alles dreht, wird als Raubkunst markiert..." (Deutschlandfunk, André Mumot, 18.12.2021.) Die Ernsthaftigkeitsbetonung hört sich in der eingespielten Funkaufnahme dann so an (die Versmaße sind in der Aufnahme nicht genau auszumachen): "Ein Unikat und Zeugnis afrikan’scher Handwerkskunst - ursprünglich aus dem Volke der Herero - kunstvoll verziert und handbemalt - ein Erbstück aus dem fernen Kontinent - mit eigner, unersetzbarer Geschichte" (Zitat Ende). Frau Marthe war demnach im Besitz eines (geraubten?) "Erbstücks" - besser: eines geerbten Raubstücks - aus dem völkermörderischen Afrikakrieg des kaiserlichen Deutschland, oberdrein aus der Kultur der Herero... während ihrem fast-Schwiegersohn Ruprecht die Rekrutierung zu den kolonialistischen holländischen Ostindienumtrieben droht (falls nicht auch hier die Betonung der Ernsthaftigkeit zu Manipulationen des Kleist’schen Verskunst geführt hat). Wahrhaft erstaunlich, was die olle me2-Boulevardklamotte unter den Händen um political correctness bemühter Wiedergutmachungstheatermacher so aus sich heraussprudelt!
#2 Zerbrochner Krug, Berlin: rausgepurzelt Stefan Bock 2021-12-21 13:42
Tja, was nicht so alles in einem ollen Krug drinsteckt und rauspurzelt, wenn man lange genug hin draufhaut.
#3 Der zerbrochne Krug, Berlin: Kritiker-Reflexaktuell 2021-12-21 22:58
Was soll immer dieses zwanghafte Herumreiten auf dem "Aktualisieren"? "Obgleich es weitgehend das Original ist", nein, *deswegen* ist es direkt und ungekünstelt, der Kleist konnte das, zumindest wenn sich Schauspieler erfolgreich darum bemühen. Und dass der Inhalt aktuell ist bedarf wohl keiner weiteren Erwähnung. Seien wir doch froh, dass hier eine Regisseurin nicht mit dem Aktualisierungswahn um sich schlägt, weil bemerkt wurde, dass das Original aktuell wie eh und je ist, und freuen wir uns mal auf Kritiker und -innen, die sich dann nicht ständig mit dem "trotzdem" quälen, und aus dem "eigentlich müsste mir das ja peinlich sein"-Reflex des vergangenen Jahrtausends mal rauskommen. Danke.
#4 Der zerbrochne Krug, Berlin: Nerv getroffenKonrad Kögler 2022-02-26 18:05
Kaum ein Haus wurde von der Omicron-Welle so hart getroffen wie das Deutsche Theater Berlin. An manchen Abenden mussten die Vorstellungen auf allen drei Spielstätten ausfallen. Dank Improvisationskunst und großem Einsatz aller Beteiligten konnten aber viele Abende gerettet werden. Legendär ist bereits das kurzfristige Einspringen von Linda Pöppel bei Andreas Kriegenburgs „Michael Kohlhaas“. Und auch die gestrige Vorstellung von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ konnte nur dank einer Idee von Regisseurin Anne Lenk und dem guten Draht von DT-Intendant Ulrich Khuon zu seiner langjährigen Chefdramaturgin Sonja Anders stattfinden, die seit 2019 das Schauspiel Hannover leitet.

Für die erkrankten Lisa Hrdina (Eve) und Tamer Tahan (Rupprecht) sprangen Tabitha Frehner und Kaspar Locher ein, die diese Rollen in einer Hannoveraner Repertoire-Inszenierung von Lisa Nielebock spielen.

Ulrich Matthes windet sich wunderbar komisch und sehr spillerig als fintenreiches Wrack toxischer Männlichkeit in der Rolle des übergriffigen Dorfrichters Adam, Jeremy Mockridge spielt den Schreiber Licht mit hässlichem Schnauzer und aufgerissenen Augen, während er dienstbeflissen alle Aussagen in die alte Schreibmaschine hackt. Erst auf den zweiten Blick ist Franziska Machens als biedere, über den zerbrochnen Krug ganz aufgebrachte Hausfrau Marthe Rull zu erkennen.

Ein Markenzeichen von Anne Lenks Regie-Stil ist, dass sie nah am Original-Text bleibt, nur sanfte, häufig feministische Aktualisierungen zulässt. Aus dem Gerichtsrat Walter, der im korrupten Provinznest Huisum für Ordnung sorgen soll, wird hier eine schwangere Gerichtsräten: Lorena Handschin spielt diese Rolle mit Autorität und mütterlicher Strenge gegen die ungezogenen Männer, die ihr etwas vorspielen wollen.

Mit diesem dezent modernisierten Lustspiel-Klassiker trifft das DT offensichtlich einen Nerv des von Pandemie und Krieg in Osteuropa geplagten Publikums: in den 90 Minuten wird über die altbekannte Geschichte, die von dem Ensemble handwerklich souverän geboten wird, viel gelacht. „Der zerbrochne Krug“ ist eine sichere Bank im Repertoire, die Vorstellungen regelmäßig ausverkauft.

Tatsächlich gehört Lenks „Der zerbrochne Krug“ zu den besseren Arbeiten einer bisher an Höhepunkten armen, von Corona überschatteten Spielzeit auf Berlins Bühnen. Zum Theatertreffen wurde die Regisseurin aber nach „Der Menschenfeind“ und „Maria Stuart“, obwohl sie wieder in der Jury-Diskussion war, nicht eingeladen, so dass es nicht zum tt-Hattrick reichte. Dafür war der unterhaltsame Abend doch zu bieder und nicht außergewöhnlich oder bemerkenswert genug.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/02/26/der-zerbrochne-krug-deutsches-theater-berlin-kritik/

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