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Der Dramatiker Harald Mueller ist tot

30. Dezember 2021. Der Dramatiker Harald Mueller ist gestorben. Das teilte seine Familie mit. Sein 1984 am Theater Oberhausen (von Manfred Repp) uraufgeführtes Stück "Totenfloß" gehörte in den 1980er zu den meistgespielten Stücken auf deutschsprachigen Bühnen und wurde in 12 Sprachen übersetzt.

Sprache, die zuschlägt und blutet

Harald Mueller, 1934 im ostpreußischen Memel, dem heutigen Klaipeda geboren, wuchs in Schleswig-Holstein auf. Dorthin war er 1944 als Zehnjähriger mit Mutter und Geschwistern geflohen. Von 1955 bis 1959 besuchte er Schauspielschulen in München und Hamburg und studierte Germanistik und Theaterwissenschaft. Muellers Debütstück "Großer Wolf" über eine Gruppe Jugendlicher, die der Krieg um allen inneren und äußeren Halt brachte, wurde 1970 von Claus Peymann in einem Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt - mit Dieter Laser, Rüdiger Hacker, Martin Lüttge, Heinrich Giskes und Hans Diehl. 

"Ein anderes Frühlingserwachen - in einem Ödland, in dem es längst keinen 'Frühling' mehr gibt," schrieb der Kritiker Benjamin Henrichs damals in der "Zeit". "Wüst ist die Welt, verwüstet die Sprache. Es ist eine eigenartige, ja einzigartige Mischung aus Kinder-Deutsch und Killer-Jargon, aus Kampf-Sprache und Kunst-Sprache, die Mueller entdeckt hat. Wörter wie Waffen, Wörter wie Trümmer auf einem Ruinenfeld ... Sprache, die nicht Stimmung macht, nichts erklärt; Sprache, die zuschlägt und blutet." Für "Großer Wolf" erhielt Mueller den Gerhart-Hauptmann-Preis.

Im gleichen Jahr 1970 gab es eine weitere Mueller-Uraufführung an den Münchner Kammerspielen über eine Gruppe Obdachloser ("Halbdeutsch", Regie: Karl Paryla). Mueller spielte in Filmen mit und arbeitete mit Volker Schlöndorff zusammen. Von 1971 bis 1974 war er Dramaturg bei Hans Lietzau an Berlins Staatlichen Schauspielbühnen. Danach zog er sich aus dem Kulturbetrieb zurück und lebte lange in List auf Sylt.

Werke, die auf Wiederentdeckung warten

Sein Stück "Totenfloß" blieb nach der Oberhausener Uraufführung zunächst kaum beachtet. Erst nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Baseler Sandoz-Katastrophe im gleichen Jahr 1986, die den Rhein auf einer Strecke von 400 Kilometern rot färbte und die meisten Fische und Wasservögel tötete, wurden die Theater darauf aufmerksam: Nach einer monströsen Umweltkatastrophe will eine Handvoll verstrahlter Überlebender auf einem Floß den verseuchten Rhein hinunterfahren, um Rettung zu finden. Doch es gibt keine Rettung. Die Unversehrten haben sich in eine Art Réduit zurückgezogen und einen Terror-Staat der Noch-Gesunden errichtet.

Muellers sprachgewaltige Theatertexte, die ihrer Wiederentdeckung harren, haben ihm gelegentliche Vergleiche mit Heiner Müller eingebracht. Die Stücke wurzeln in den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts und weisen in der Schroffheit, mit der sie ihre dystopischen wie hoffnungslosen Szenarien entwerfen, doch weit darüber hinaus. Am 27. Dezember ist Harald Mueller in Berlin gestorben.

(sle)

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