Testosterondicht

7. Januar 2022. Was in der Freien Theaterszene oft besonders schön gelingt: Biographien erfahrbar machen. Die Regisseurin und Performerin Susanne Reifenrath geht dem Vaterthema auf den Grund. Der ihrige? Ein Spieler. Das einstige "wilde" Leben zeigt heute sein #MeToo-Gesicht.

Von Katrin Ullmann

7. Januar 2022. Ein schlechter Vater zu sein. Das sei der schlimmste Vorwurf, den man seinem Erzeuger machen könne. Das wäre die größte Verletzung, da würde man ihn an den Eiern kriegen. Die Sympathiesicherung sei doch das Hauptanliegen jedes Familienvaters. So zumindest sieht es die Schauspielerin und Regisseurin Susanne Reifenrath, die ihrem Vater einen ganzen Theaterabend widmet. Gemeinsam mit dem Autor, Übersetzer und Regisseur Marc von Henning gründete Reifenrath 2008 das Theaterkollektiv Meyer&Kowski, das seither an immer wieder überraschenden Orten Performances in ungewöhnlichen, klugen, oft immersiven Formaten bereithält. Jetzt steht Susanne Reifenrath allein auf der Bühne des Lichthof Theaters. Unterstützt von Stimmen aus dem Off, ein paar Pappaufstellern und unscharfen Projektionen.

Ein Tausendgesichtler

"Der manipulierte Sex" heißt ihr Abend, benannt nach dem Titel des Buchs, das ihr Vater 1968 veröffentlichte. Dieser, Jahrgang 1917, war, harmlos formuliert, ein schillernder Mann. Ein Mann zwischen Ostfront-Einsatz und Kulturwissenschaften, ein Vater von (mindestens) 14 Kindern, ein leidenschaftlicher Dichter, ein Autor, dessen journalistischen Karriere ihn unter anderem zum Chefreporter des "Kölner Stadtanzeigers" machte. Einer, der die neusten Porsche-Modelle testen durfte, der sich im "Kempinski" Hummer und Champagner reinpfiff. Ein Mann, der alles erreicht hat, "ein Spieler, ein Blender, ein Mann mit tausend Gesichtern". Charismatisch und übersexualisiert. Einer, den Beate Uhse persönlich zu ihren Filmpremieren einlud und einer, der regelmäßig Prostituierte aufsuchte und sich auch sonst jede Frau nahm, die nicht bei drei auf dem Baum war – zur Not gegen Geld. Damals gesellschaftlich akzeptiert, heute ein klarer Fall für #metoo.

Das Erbe wiegt einiges

In fünf Kapitel hat die Theatermacherin den Abend aufgeteilt und sich mit Iris Minich, Nina Mattenklotz, Dor Aloni, Marc von Henning und Fernanda Ortiz jeweils Kooperationspartner:innen dazugeholt. Eines der Kapitel heißt, natürlich, "Der manipulierte Sex". Dafür schleppt Reifenrath einen ganzen Karton des besagten Buchs auf die weitgehend leere Bühne, baut daraus einen Turm, wirft einzelne Exemplare in den Raum, balanciert auf ihnen, reißt Seiten heraus, bevor sie sich schließlich ein gutes Dutzend in ihren schwarzen One-Suit-Anzug einverleibt. Ein schweres, unförmiges Erbe, das sie stolpern lässt und dessen Klappentext mit nichts weniger droht als "rücksichtslos offen über nahezu alle Erscheinungsformen der Sexualität in der Gesellschaft von heute" zu informieren.

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Einverleibung des Vaterthemas: Regisseurin und Performerin Susanne Reifenrath © Andre Reifenrath

Nur einmal kurz liest Reifenrath aus dem Vorwort. Länger liest sie aus einem Brief, den eine der kooperierenden Regisseur:innen ihr schrieb: "Ich schlage vor, Deinen Vater zu hassen", heißt es darin, und: "Er ist ein kriminelles Arschloch. Er hat uns nichts zu sagen." 1978, zehn Jahre nach der Buchpublikation, wird er sich auf der eigenen Garageneinfahrt mit Benzin übergießen und seine damalige Ehefrau und Reifenraths Mutter bitten, ihn anzuzünden. Sie verlässt ihn. Das Privatleben konnte der Vision des Patriarchen von einer befreiten Sexualität nicht standhalten. Ein Kollateralschaden.

Sein Lieblingshobby? Sex!

Mit nur wenigen Mitteln, mit alten Schwarzweißfotos, ein paar Briefen und unscharfen Projektionen erzählt Susanne Reifenrath von ihren Vater. Sie erzählt fragend und schonungslos ehrlich, berichtet von ihrer Suche nach dessen Persönlichkeit und von der hohen Testosterondichte zuhause (als einziges Mädchen unter fünf Brüdern). Sie erzählt heiter und selbstironisch, feiert in glänzenden Leggins und Daunenjacke die 70er, reibt und tanzt sich mit S-M-Hundemaske zu Andy Williams "Speak Softly, Love" über die Bühne, sucht nach einem Umgang und nach Ähnlichkeiten mit einem Mann, der ihr vertraut ist und der sie zugleich nachhaltig befremdet. "Sein Lieblingshobby war Sex", bemerkt sie nüchtern. Und auch: "Ich bin ein Papakind".

DerManipulierteSex1 805 c AndreReifenrathBilder, vertraut und fremd © Andre Reifenrath

Stolz, im wahrsten Sinn empowered, zieht sie später ihr Superwoman-Kostüm (Ausstattung: Gunna Mayer) über und lässt ihren Uterus leuchten, tanzt in Regenbogensandalen und vollführt regelmäßig ihre "Kotzreiz-Unterdrückungsgeste", als Kommentar auf dieses unfassbar schwanzgesteuerte Leben ihres Erzeugers. Später versucht sie es mit der Reue-Schlussszene aus King Lear und mit Penthesileas wildem Schlachtgeheul. "Doch Scheiße, das geht ja jetzt aber auch nicht mehr." Schon lange, seit 1999, ist J.W. Reifenrath tot, das schlichte Holzkreuz ist morsch, das Erinnerungsfoto vom Besuch "am Grab des Mannes, der meine Mutter vergewaltigt hat", viel zu fröhlich. Susanne Reifenrath, fällt auf dieser sehr persönlichen, manchmal schrecklich heiteren und zugleich klug-assoziativen Reise in die Persönlichkeitsstruktur ihres übersexualisierten nationalsozialistisch geprägten Vaters kein finales Urteil. Sie macht ihm nicht den Vorwurf, ein schlechter Vater gewesen zu sein. Und sie findet keinen Schlusspunkt. Kann keinen finden. Das liegt in der Natur der Sache: Sie ist seine Tochter.

 

Der manipulierte Sex
Konzept und Spiel: Susanne Reifenrath, Ausstattung: Gunna Meyer, inhaltliche Mitarbeit: André Reifenrath.
Mit: Susanne Reifenrath, Kapitelpartner:innen: Iris Minich, Nina Mattenklotz, Dor Aloni, Marc von Henning, Fernanda Ortiz.
Premiere am 6. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.lichthof-theater.de

Kritikenrundschau

"Wie Reifenrath diese kaputten Verhältnisse auf der Bühne offenlegt, ist von berührender Ehrlichkeit", so Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (7.1.22). "Man muss sich allerdings einlassen auf dieses Maß an Privatheit, das einem hier von der Bühne entgegen strömt, inklusive intimer Details aus dem eigenen Leben, inklusive Fotos der eigenen Tochter am Grab des Opas." Indem sie sich so radikal selbst öffne, mache sie de Abend mehr zu einer therapeutischen als zu einer künstlerischen Aktion. Die Co-Künstler sorgten hier für nötige Distanz. Und "am Ende ist der Abend eben doch: Theater."

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