Ganz schön fett für Afrika 

von Simone Kaempf

Hamburg, 18. November 2008. Die Bausünde ist verschwunden. Regisseurin Corinna Sommerhäuser hatte in ihrer Vorab-Inszenierung bei der 8. Langen Nacht der Autoren im vergangenen Sommer noch einen großen runden Maschendraht-Verschlag auf der Bühne stehen. Mal saß dahinter im Wohnzimmer Moritz, seine Mutter und ihr Ex-Mann, mal hockte Mehdi wie ein Gefangener hinter Gittern, und oft rüttelten der algerische Flüchtling und der deutsche Mustersohn laut an den Stäben.

Die eigentliche Uraufführung von Anne Habermehls "Letztes Territorium" findet jetzt in der kleinen Studiobühne in der Gaußstraße des Thalia Theaters statt. Mit dem Umzug ist der Zaun verschwunden, und die Ausstattung ist auf einen sandfarbenen Teppich und einen meerblauen Wandstoff reduziert – nur zum Besten von Habermehls Stück. Darin verläuft die Grenze sowieso sichtbar: Sie ist ganz in die Sprache gelegt, Quell von Missverständnissen, Klischees und Verletzungen, gerade weil hier alle in ihrem Sinn nur das Beste wollen, aber zu geben wenig bereit sind.

In Algerien ein Spießer
Alles beginnt damit, dass der algerische Flüchtling Mehdi am Strand von Fuerteventura aus dem Meer kriecht, direkt vor die Füße von Moritz und seiner Mutter. Damit nicht genug, taucht er auch daheim in Stuttgart bei der Familie auf. Moritz hatte ihm die Adresse gegeben. Um etwas zu tun, zu helfen, aber wie genau? Niemand weiß das so richtig, und damit fangen die Probleme an. "Du hast mir deine Adresse gegeben, ich wäre sonst nicht hergekommen", wird Mehdi später klagen.

Mehdi will eine Wohnung, einen Job als Ingenieur und seine Familie nachholen, während Moritz am liebsten weg will. Mehdi also ist schrecklich normal. "Hast du Revolution gemacht in Algerien", fragt die Mutter, aber Mehdi war nur Spießer, wie er sagt, und die mögen die Revolutionäre nicht. Mehdi war auch kein Folteropfer. "Willst du nun hierbleiben oder willst du nicht hierbleiben", fragt die Mutter zurück. Ihr Ex-Mann, Zeitungs-Journalist, findet ihn "ganz schön fett dafür, dass er aus Afrika kommt" und braucht schon das "Opfer" in ihm, um eine Story zu verkaufen. "Verkauf die Geschichte und gib mir die Hälfte", antwortet Mehdi.

Auf beiden Seiten existiert ein selbstgefälliges Reden und ein Rassismus der projizierten Erwartungen, den Anne Habermehl langsam, aber sicher in "Letztes Territorium" ausbreitet. Am Anfang zu langsam; das Stück nimmt sich erstmal viel Platz, um das gescheiterte Familienleben zu beschreiben. Und auch Corinna Sommerhäuser braucht Anlauf, aber ihre Inszenierung zieht an und schwenkt in die gallige Farce, wenn sich Mutter Melanie und Vater Gerard den Schwarzen zurechttrimmen, ihn mit schwarzer Schminke auf das Bild bringen, von dem sie sich nicht abbringen lassen. Vor allem Natali Seelig als Mutter verkörpert genau die Ignoranz gegenüber den wirklichen Bedürfnissen des Flüchtlings, wie man sie sich nur als Sachbearbeiterin im Einwohnermeldeamt, der Beruf, den sie ausübt, leisten kann.

Selbstgefälligkeit ohne Schranken
Die spielerische Distanz der vier Schauspieler zu ihren Figuren signalisiert, dass es hier weniger um Psychologie als um Strukturen geht. Jeder wird am Ende in seinen Motiven enttarnt, selbst der brave Schüler Moritz, der mit dem schwarzen Drogendealer im Park doch "nur reden" will, aber ihn am Ende ersticht – weil "der nicht aufhört zu grinsen" und mit "Tütchen zu wedeln" – und im Schluss-Satz behauptet: "Ich war das nicht, das war der Fremde in mir." Wie ausgerechnet der scheinbar politisch Korrekteste von allen zum Mörder wird und die Schuld dem Algerier in die Schuhe schiebt, den Fremden also zum Sündenbock macht, ist eine bitterböse Volte und zeugt von einer haarsträubenden Ignoranz, wie ihn sich wohl nur naive Weiße leisten können.

Man hätte sich Sommerhäusers Inszenierung ruhig noch konsequenter gewünscht, noch mehr der unergiebigeren Familien-Szenen am Anfang hätten gestrichen werden können, aber dieses Ende sitzt. Typen aus Fleisch und Blut entstehen hier nicht, sondern Abziehbilder von einfachen Vorstellungen, die zum Verständnis des anderen oder gar zum Voneinanderlernen nicht in der Lage sind. Eigentlich müsste Mehdi dafür gar nicht auf der Matte stehen. So trauert Mutter Melanie ihrem Mann, der jüngst ausgezogen ist, zwar heulend hinterher. Als er klagt, er könne in der neuen Wohnung nicht mehr einschlafen, lauten ihre Ratschläge in dem Tenor: Mach doch Yoga oder nimm Tabletten oder geh zum Arzt. Und so zeigt Habermehls Stück auch, wie man sich redend hervorragend selbst der Erkenntnis berauben kann. Und die Selbstgefälligkeit keine Schranken kennt.

 

Letztes Territorium (UA)
von Anne Habermehl
Regie: Corinna Sommerhäuser, Bühne: Martina Stoian, Kostüme: Adriana Braga Peretzki.
Mit: Natali Seelig, Christoph Tomanek, Claudius Franz, Asad Schwarz-Msesilamba.

www.thalia-theater.de

 

Hier unser Bericht von der 8. Langen Nacht der Autoren, bei der die Werkstatt-Inszenierung von "Letztes Territorium" präsentiert wurde.

Kritikenrundschau

dsk schreibt auf Welt online (20.11.2008): Die Sprache der Autorin erlaube "ehrliche Erschütterung durch Nähe und Identifikation", genauso wie "große Distanz zum geschilderten Elend". Da dürften dann sogar "Situationen ins Komische eskalieren". Der Text bewege sich "auf einem Niveau", das "die Inszenierung nicht durchgehend erreicht", obwohl der Regisseurin neben "belanglosen" Szenen auch "verblüffend gute" gelängen.

In der Frankfurter Rundschau (20.11.2008) schreibt Anke Dürr: Habermehl zeichne "schlüssige Figuren", am interessantesten Mehdi, der Flüchtling, "weil er so gar nicht den Erwartungen der Helfer entspricht: nicht devot, nicht froh, sein Leben gerettet zu haben, sondern fordernd, mit ehrgeizigen Zielen". "Nachwuchsregisseurin Corinna Sommerhäuser" inszeniere die Auseinandersetzungen "gekonnt unaufgeregt". Sie gebe den Schauspielern "viel Raum". Das sei aber "offenbar" der Autorin "zu wenig" gewesen, weshalb sie "fatalerweise" den Vater, einen Frankfurter Rundschau-Journalisten, ins Spiel bringe, eine Figur, die aus "verschiedensten Klischees zusammengereimt", einfach "nur ärgerlich" sei. Weil Habermehl zuletzt nicht mehr weiter wisse, ende das Ganze mit einem "Amoklauf der Autorin gegen ihr eigenes Stück", den die Regisseurin "willig vollstreckt" und auf den "der Zuschauer fassungslos blickt".

 
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