Vom Jailhouse Rock zum Häfn-Hip-Hop

16. Februar 2022. Die junge Dramatikerin Caren Jeß wurde bislang vor allem für ihre gewitzten Minaturkompendien gefeiert. Nach der Vogel-Enzyklopädie "Bookpink" und der Empörungssuada "Eleos" legt sie jetzt ein Stück über junge Männer im Gefängnis vor – in Österreich auch "Häfn" genannt. Unter der Regie von Ebru Tartιcι Borchers wird daraus ein Volksschauspiel – aber in hip.

Von Martin Thomas Pesl

16. Februar 2022. Zu sphärischen Klängen ziehen die Suchscheinwerfer ihre Kreise. Selbstvergessen tanzen in ihren Zellen auf ihren Pritschen einsame Sträflinge in roten Uniformen und weißen Stiefeln. Red is the new orange, bemerkt das den Saal des Kosmos Theaters betretende Publikum. Und: So viele Männer auf der Bühne hat es hier schon lange nicht gesehen. Fünf! Und keine einzige Frau.

Das heißt nicht, dass das einst als Kosmos-Frauenraum gegründete Haus in Wien seine Ausrichtung aufgegeben hätte. Nur, dass das hier uraufgeführte Stück eben in einer Justizvollzugsanstalt für Männer spielt. Geschrieben hat "Knechte" natürlich eine Frau – die derzeit viel gefeierte deutsche Autorin Caren Jeß. Und inszeniert auch: Ebru Tartιcι Borchers schließt mit dieser Diplomarbeit ihr Studium an der Abteilung Schauspiel und Regie des Salzburger Mozarteums ab.

Delikte von Autodiebstahl bis Totschlag 

Auch vier der fünf Spieler studier(t)en dort – noch ein beachtliches Novum am Kosmos, das seit der Leitung durch Veronika Steinböck immer wieder für Überraschungen gut ist. Vor allem erfüllt sich hier scheinbar mühelos dieser schwierige Anspruch ans Theater, "junges Publikum anzuziehen". Das dürfte auch mit "Knechte" gelingen, das wirkt, als hätte die Autorin das Stück eigens für diese Produktion verfasst. Es gibt fünf jungen Männern eine lustvolle, bildhafte Sprache an die Hand, um kantige Figuren für ein eindeutiges Setting – Gefängnis – herauszubilden. (Nach Jeß' flirrend-wirren Miniaturenkompendien "Bookpink" und "Eleos" ist das nicht selbstverständlich). Der Nachteil: Für dramatische Handlung interessiert sich Jeß kaum. Ihre toxischen Männer, ihre Boys-will-be-boys, kommen nicht vom Fleck.

knechte 2 C Bettina FrenzelCaren Jeß' Gefängnisinsassen liefern sich einen schlauen Schlagabtausch nach dem anderen © Bettina Frenzel

Stimmt schon, wo sollen sie auch hin? Aslan, Jeremy, Kevin und Özgür sitzen wegen diverser Delikte von Autodiebstahl bis Totschlag ein. Einer vermisst sein Mädchen da draußen, der andere dichtet und rappt. Der Dritte unterstellt dem Vierten, schwul zu sein und liegt damit auch nicht ganz falsch. Der Kamera der Gefängnispsychologin schildern sie freimütig ihre Taten, gemeinsam spaßen und streiten sie, lästern über die Vollzugsbeamtin, die sie "Speckwanze" nennen, und pflegen die Gerüchteküche über den Frauenmörder in der Isolationshaft.

Johannisbeerkuchen und sexueller Missbrauch

Der breitet indes monologisch sein ganzes Trauma aus, das im Wesentlichen auf Johannisbeerkuchen und sexuellen Missbrauch durch die Mutter zurückzuführen ist. Kai Götting ist etwas zu bemitleiden. Ihm fehlen die Anspielpartner, so bleibt ihm nur, "irre" zu spielen, Hannibal Lecter in seinem Körper zu finden. Ist er gerade nicht dran, muss Götting in gruslig unbequemen Positionen erstarren. Seine Kollegen können es dynamischer angehen, wenn sie zwischen den durch zarte Fadenvorhänge angedeuteten Gitterstäben tanzen (Choreografie: Azahara Sanz Jara) und einander einen schlauen Schlagabtausch nach dem anderen liefern.

knechte 1 C Bettina FrenzelDynamischer "Häfn"-Alltag: In Wien wird zwischen den Gitterstäben auch getanzt © Bettina Frenzel

Sympathie regiert, wenn der eloquente Jeremy (Igor Karbus) dem gutgläubigen Aslan (Alaaeldin Dyab) den Liebesbrief lektoriert, aber auch, wenn er Kevin (Nikita Buldyrski) im Zuge von dessen Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel mit Özgür (Servan Durmaz) eine Speckwanze auf den Hintern tätowieren soll ("Hast du 'ne Vorlage mit?"). Auf der Kosmos-Bühne entfaltet sich ein Volksschauspiel, aber in hip.

Neuer Knast-Sound, neue Theatertöne

Dank ihres passenden Ensembles kann Ebru Tartιcι Borchers eine schier werktreue Uraufführung liefern, ergänzt durch ein bisschen Jailhouse Rock (oder eher Häfn-Hip-Hop). Die Dialoge hat sie mit ihren Spielern exakt durchgearbeitet – ein ziemliches Kunststück, Jeß' aberwitzige Mischung aus Street-Cred à la Ey-Alter-ich-mach-dich-Kickbox und literarischer Brillanz glaubhaft rüberzubringen. So redet im Knast sicher keiner, aber im Theater hat man es auch noch nie zuvor gehört. Ihre eigene Klugheit mag die Autorin nicht zurückhalten, also schenkt sie den Knackis einiges davon. Die werfen einander dann eben vor, ein Lexikon verschluckt zu haben.

Auch Jeß' bekannte Tierliebe bricht sich hier wieder in fast groteskem Maße Bahn. Selten war ein Häftling so verzaubert vom Anblick eines Fuchses oder sprach so viel von Vögeln und meinte Federvieh. Das macht Spaß, lässt einen aber etwas grübeln über die Absicht der Autorin: Wollte sie hiermit wirklich eine Milieustudie vorlegen? Und wenn nicht, was dann? Nun, Jeremy würde dazu sagen: "Absichten sind wie kleine Möchtegerne, die dir im Kopf rumlaufen und zwischen die einfach mal die fucking Realität grätschen kann, um dir zu zeigen, was sie hält von deinen niedlichen kleinen Absichten."

 

Knechte
von Caren Jeß
Uraufführung
Regie: Ebru Tartιcι Borchers, Bühne und Kostüme: Sam Beklik, Choreografie: Azahara Sanz Jara, Musik: Notwork Recording Session unter der Leitung von Imre Lichtenberger Bozoki, featuring Martin Hemmer, Benno Hiti und Moritz Wallmüller, Video: Christian Borchers.
Mit: Nikita Buldyrski, Servan Durmaz, Alaaeldin Dyab, Kai Götting, Igor Karbus.
Premiere: 15. Februar 2022
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

"Dass die deutsche Dramatikerin Caren E. Jeß das Zeug dazu hat, auf der Bühne zu reüssieren. Dass der Studiengang für Schauspiel und Regie der Universität Mozarteum Salzburg vielversprechende Talente besitzt“, nimmt Norbert Meyer von der Presse (17.2.2022) als Erkenntnis aus diesem Abend mit. Ebru Tartıcı Borchers "führt mit großer Sensibilität Regie". Der Abend sei "eine Übung in Einfühlung. Das kommt wohl auch daher, dass Jeß an Schreibworkshops in Berliner Haftanstalten mitgewirkt hat. Sie kennt das System und vermittelt für die da drinnen Empathie. Ihr Tanz der netten Häftlinge ist eher poetisch denn dramatisch. Das Klischee der harten Jungs wird entkräftet".

Caren Jeß gehe es in ihrem Stück "nicht um individuelle Schuld, sondern um Strukturen, die Menschen und ihr Verhalten prägen, auch um soziale Deklassierung", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (17.2.2022). Ebru Tartıcı Borchers’ Abend sei "klug, sparsam und stringent gemacht, transportiert sein Anliegen unterm Strich aber auch allzu verspielt. Angesichts ihrer Verbrechen machen die Häfenbrüder eigentlich nur Sympathiepunkte – das wirkt verharmlosend, eine echte Gratwanderung".

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