Wenn sich Sex und Hunger davonmachen

Münster, 19. Februar 2022. Was wird uns als Menschen überdauern? Diese Frage stellen sich Annalena und Konstantin Küspert in ihrer dritten Auftragsarbeit für das Theater Münster nicht (nur). Für die Endphase des Anthropozän entwerfen sie vielmehr das Szenario des globalen Gedächtnisverlusts: Was, wenn die Menschen der Zukunft unsere Zeichen nicht mehr lesen können?

Von Gerhard Preußer

Münster, 19. Februar 2022. Wer oder was überlebt? Vor allem: was. Die Menschheit beschäftigt sich mit dem Gedanken an ihr Ende. Und nimmt doch an, dass etwas sie überdauern wird, irgendwelche Materie, organisch oder anorganisch. Der hilfreiche Altersgedanke, dass die meisten Dinge um einen herum nach uns immer noch da sein werden, trifft ja auch die Menschheit. Aber es gibt auch die Möglichkeit optimistischerer Langzeitprognosen: Was, wenn die Menschheit noch sehr lange überlebt, aber alles vergisst? Globale Amnesie in der Endphase des Anthropozän?

Stakkato von Überlebensstrategien

Solch todtraurige Überlegungen muss man lustig inszenieren. Annalena und Konstantin Küspert haben mit ihrem dritten Theatertext für das Schauspiel Münster die Vorlage für solch ein heiteres Zukunftsraten geliefert. Der Begriff des Überlebens wird dabei hin und her gewendet. Wir überleben Katastrophen, die Dinge überleben uns, wir kommunizieren über den Tod hinaus. Den Anfang machen die drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler als weiß bekleidete Puppen mit umgehängten Schildern: Armut, Krieg, Hunger, Sex und Religion. Man muss schon einige Gedächtniszellen aktivieren, um zu verstehen, dass es diese irdischen Phänomene sind, die nicht mit auf der Darstellung der Menschheit in der kosmischen Sonde "Voyager" dokumentiert sind. Aber wenn sich Sex und Hunger miteinander davon machen und Krieg, Armut und Religion beschließen, die Erde etwas aufzumischen, wenn sie schon nicht mit in die Raumkapsel dürfen, ist das eine sichere Pointe.

Wenn dann zwei Fernsehköche mit seltsamem Aufwand ein Steak braten, braucht man ebenfalls ein extrem gutes Langzeitgedächtnis oder Wikipedia-Hilfe, um zu verstehen, dass das die Überlebenden des Flugzeugabsturzes in den Anden von 1972 sind, die sich nur durch Kannibalismus retten konnten.

UeberLeben 3 OliverBerg uWas ist das? Vergangenheitsrätseln in "Über Leben"Q © Oliver Berg

Es folgen etwa fünfzehn weitere Szenchen: ein Stakkato von Überlebensstrategien für diverse Katastrophenszenarios, dann der Hitler-Attentäter Georg Elser, der sich über seinen Nachruhm wundert, oder der Gospel-Sänger Willie Johnson, dessen Songs mit der Voyager-Sonde nun ewig durch den Kosmos rauschen. Oder der Geiger Wallace Hartley, der beim Untergang der Titanic bis zum Ertrinken fiedelte und dessen Geige ihn um hundert Jahre überlebte.

Reihung als dramaturgisches Bauprinzip

Das alles hat Regisseur Ronny Jakubaschk fein variiert, mal schreiten silberne Außerirdische mit runden Köpfen, mal trippeln Gottheiten in weiten Mänteln durch das wie eine Reihe von Schaufenstern wirkende Bühnenbild von Marina Stefan. Oder der Tod kommt mit Hut und Gartenrechen auf die Bühne und erklärt uns, was der "survivorship bias" ist. Und: Ein Zukunftsmensch findet ein Heckler & Koch-Sturmgewehr, versteht die Gebrauchsanleitung, die wir über Lautsprecher hören, nicht und nimmt das Gerät auseinander, ohne die Funktion der Waffe zu begreifen. Oder: Zwei Archäologen der Zukunft finden das ISO-normierte Zeichen für Radioaktivität und interpretieren seine Bedeutung. Sie erkennen eine Liebesgeschichte statt einer Aufforderung zur Flucht vor der Gefahr.

UeberLeben 4 OliverBerg uSeltsame Zukunftswesen, die ein Heckler & Koch-Sturmgewehr nicht verstehen © Oliver Berg

Und, oder, und – die Reihung ist hier das dramaturgische Bauprinzip. Bei allem Willen zur Komik bleibt es beim verrätselten Informationstheater, und das heißt, beim Aufsagetheater. Wir werden über Zusammenhänge und Ereignisse und Kuriositäten informiert, müssen dabei aber noch einige Dechiffrierarbeit leisten.

Wie vor radioaktivem Abfall warnen?

Im letzten Teil gibt es noch einen deutlichen materialen Zusammenhang. Es geht um die langfristige Strahlenwirkung des Atommülls im Endlager. Wie kann man Menschen in 10.000 oder 100.000 Jahren vor diesen Gefahren warnen? Unsere Sprachen werden sie nicht verstehen. Dazu werden bei Küspert&Küspert mehrere Vorschläge durchgespielt: Im Jahrtausend XX findet eine Familie eine unbekannte Kugel mit radioaktivem Abfall. Wenn diese in die Nähe einer Katze kommt, beginnt die Katze zu leuchten. Das war ein Vorschlag von Stanislaw Lem, wie man zukünftige Kulturen durch genetisch veränderte Lebewesen warnen könnte. Dann gibt es einen grotesken Gottesdienst mit Responsorium, in dem der Gemeindesingsang versichert, die gelben Fässer Gottes nicht anzutasten. Das geht zurück auf den Vorschlag des Linguisten Thomas Sebeok, der meinte, Religionen hätten sich in der Menschheitsgeschichte am längsten erhalten, daher müsse es eine "Atompriesterschaft" geben, die das Wissen um die Gefahrenquellen des Atommülls tradiere.

Solch journalistisches Theater ist so unterhaltsam wie ein Kreuzworträtsel und unterschätzt die Möglichkeiten der Schauspieler und Schauspielerinnen enorm. In Küsperts Text ist die Figur der Religion am Anfang laut Regieanweisung "intellektuell unterstimuliert". Nein, intellektuell sind das anregende Häppchen, nur ästhetisch ist man danach unterstimuliert.

 

Über Leben
von Annalena Küspert & Konstantin Küspert
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühnenbild: Marina Stefan, Kostüme: Anne Buffetrille / Hanna Peter, Dramaturgie: Sabrina Toyen, Musik: Jörg Kunze.
Mit: Regine Andratschke, Marlene Goksch, Ilja Harjes, Julian Karl Kluge, Ulrike Knobloch.
Premiere am 18. Februar 2022
Dauer: 90 Minuten, keine Pause

www.theater-muenster.com

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