Ulkige Zauberkunststücke

26. Februar 2022. Regisseur Milan Peschel erlaubt sich am Theater Heidelberg mit Anton Tschechow einen Spaß: "Kitschgarten" nennt er sein wildes Tschechow-Mashup.

Von Thomas Rothschild

26. Februar 2022. Ein Kronleuchter bewegt sich vor einem angedeuteten schwarzen Salon aus dem Schnürboden herab. Die Schauspieler*innen halten sich an ihm fest und werden nacheinander zappelnd hochgezogen. Es ist einer der wenigen visuell frappierenden Momente eines sprachorientierten Literaturtheaters diesseits der Performance und jenseits des so genannten Erzähltheaters.

Theater in Zeiten des Krieges

Wie mag sich ein Theaterkritiker gefühlt haben, der am 2. September 1939 in einem Theater saß und beauftragt war, über die Vorstellung zu berichten, die über die Bühne ging? Ich habe mich oft gefragt, wie der Alltag im Zweiten Weltkrieg ausgesehen hat, wenn man sich nicht gerade in der Nähe des Kriegsgeschehens befand. Wie konnte man über "Quax, der Bruchpilot" lachen, während Brüder und Söhne an der Front fielen und Nachbarn in Konzentrationslager deportiert wurden? Jetzt weiß ich es: So. Ich muss unablässig daran denken, dass nur 300 Kilometer von Jalta entfernt, wo Tschechow einen großen Teil seiner letzten Lebensjahre verbracht hat, ein Krieg begonnen hat, von dem noch niemand weiß, wohin er führen wird, während ich mich über ein Stück amüsiere, das Tschechow zum Gegenstand hat. Und ich fühle mich elend.

Kitschgarten 05 800 c susanne reichardt uRoland Bayer, Christina Rubruck, Andreas Seifert © Susanne Reichardt

Dass ich damit nicht allein bin, bestätigt die Erklärung, die der Intendant nach dem Ende der Aufführung vorliest. Aber ich bleibe im Theater. Es ist nur einer von vielen Widersprüchen, die ich zurzeit aushalten muss. Der schwierigste ist dieser: Ich weiß, dass man in der gegenwärtigen Situation alles vermeiden muss, was zu einer Ausweitung des Krieges führt. Aber ich weiß auch, dass es mich nicht gäbe, wenn die Engländer, die Russen, die Amerikaner und die Franzosen nach dem Überfall auf Polen und die Sowjetunion so gedacht hätten. Also zurück zur Verdrängung, zurück zu Tschechow, durch dessen "Kirschgarten" sich Milan Peschel hier in Heidelberg kalauert.

Von Stanislawski ruiniert

In den Programmheften fehlt nun schon seit Jahrzehnten kaum je der Hinweis darauf, dass Tschechow mit den stimmungsgeschwängerten Inszenierungen seiner Stücke durch Stanislawski nicht glücklich war, dass er sich missverstanden fühlte, dass er Komödien beabsichtigt hatte, die der berühmte Regisseur "ruiniert" habe. Inzwischen haben sich unzählige Regisseure damit abgestrampelt, dieses Faktum zu berücksichtigen. Was man dann aber auf der Bühne sieht, ist fast immer eher melancholisch bis tragisch als, von Details abgesehen, komisch. Liegt es an der Nachhaltigkeit der Tradition, die Stanislawski begründet hat, oder hat Tschechow seine eigenen Stücke nicht durchschaut, sind sie möglicherweise stärker als ihr Autor? Sind sie Tragödien "malgré soi", gegen den Willen ihres Verfassers?

Milan Peschel also hat sich nun zu einem radikalen Traditionsbruch entschlossen. Tschechows letztes Stück heißt bei ihm nicht "Der Kirschgarten", sondern "Kitschgarten". Die Geschichte des dem Untergang preisgegebenen, sentimental besetzten Kirschgartens der alternden Gutsbesitzerin Ranjewskaja ist bis zur Unkenntlichkeit zerlegt, die Collage anarchisch aufgeladen mit Motiven und Bruchstücken aus anderen Werken Tschechows. Peschel hat für sein Heidelberger Experiment zwei der am häufigsten verwendeten Übersetzungen gewählt, die eng am Original verharrende von Peter Urban und die freiere von Thomas Brasch.

Kitschgarten 80 800 c susanne reichardt uKatharina Quast, Lisa Förster, Christina Rubruck, Esra Schreier © Susanne Reichardt

Milan Peschel ist, was man früher ein Original genannt hätte. Er hat als Schauspieler und Regisseur das Theater, den Film, das Fernsehen aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt, hat mit einem großen Teil der Künstler*innen zusammengearbeitet, die in den Medien zurzeit den Ton angeben und nach neuen Möglichkeiten suchen. Sein Umgang mit Tschechow könnte als Versuch verstanden werden, den allzu Vertrauten vor dem Überdruss zu retten. Er lässt sich auch goutieren, wenn man dessen Stücke nicht kennt, aber es bleibt eine halbe Sache.

Stilmittel des Dadaismus

Peschel reaktiviert Stilmittel des Dadaismus, mehr noch von Daniil Charms. Er greift zurück auf mehr oder weniger intelligentes Geblödel, auf Clownstechniken, auf literarisches Cabaret, und auch René Pollesch, der Peschel wohlvertraut ist, hat Spuren hinterlassen. Was als Nonsens erscheint, entsteht dadurch, dass einzelne Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden, dass Wörter und Motive aus Tschechows bekannten Dramen und weniger bekannten Einaktern mit solchen aus einem späteren Kontext vermengt werden.

Das Ensemble verfügt über die dafür unerlässliche Methode: die Vermeidung von Psychologie, die Bereitschaft zur stilisierten Rede an der Rampe. Die Figuren, Individuen und Typen zugleich, sind nicht konsistent, sondern von der Sprache determinierte Hülsen, ähnlich wie bei den von Dieter Roth oder Konrad Bayer inspirierten Revuen von Herbert Fritsch. Die vier Frauen und drei Männer fallen regelmäßig aus ihrer fiktiven Rolle und in die Rolle der Schauspielerin, des Schauspielers, die sie sind. Und was hat es mit dem "Kitschgarten" auf sich? Genussvoll wird mit dem Wort "Kirschgarten" gespielt. Da ist es nicht weit zum "Kitschgarten". Und wenn gefragt wird "Was bedeutet das? Wo ist der Sinn?", folgt auf die Antwort – "Ganz einfach" – eine Erklärung, die keinen Sinn ergibt. Wie die herbeizitierten Zauberkunststücke der Gouvernante Charlotta Iwanowna aus dem echten "Kirschgarten".

Tschechow mag auch noch mit Sonja aus "Onkel Wanja" oder mit seinen drei Schwestern auf eine Zeit gehofft haben, in der die Leute begreifen werden, wofür das alles, das Leiden nämlich, gut war. Auch bei Milan Peschel steht dieser Traum am Ende. Aber glaubt er daran?

Die Nachrichten aus dem Autoradio auf dem Heimweg lassen dafür wenig Raum.

 

Kitschgarten
nach Motiven von Anton Tschechow
aus dem Russischen von Thomas Brasch und Peter Urban
Regie: Milan Peschel, Bühne und Kostüme: Nicole Timm, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Roland Bayer, Lisa Förster, Daniel Friedl, Katharina Quast, Christina Rubruck, Esra Schreier, Andreas Seifert.
Premiere am 25. Februar 2022
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de

Kritikenrundschau

Ralf-Carl Langhals schreibt im Mannheimer Morgen (28.02.22) über das Kitschgarten-Ensemble: "Lisa Förster, Esra Schreier, Katharina Quast und Daniel Friedel liefern zarte Versponnenheitsstudien, Furor und pralle Heftigkeit ab." Ihnen sei es zu verdanken, dass "in diesem aus Figurensalat zum schwarzen, zäh bis arrogant zusammengekneteten Unverständlichkeitsbrei etwas aufleuchtet". Es sei nämlich "keiner von den ganz wilden, sondern doch nur einer von den prätentiös-versponnenen Dramaturgenabenden, die das Theater im Theater ums Theater" feiern. "Aller Spieldistanz, aller Stanislawski-Einfühlungskritik und allem Volksbühnen-Gaga zum Trotze" werde durch das Schauspiel aber ein Kunststück draus.

"Ein Septett, das ganz fantastisch augäpfeln, wortwitzeln und am Kronleuchter schaukeln kann", lobt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (28.02.22) das Ensemble. "Milan Peschel, der Könner mit dem künstlerischen Stallgeruch aus Frank Castorfs Berliner Volksbühne, interessiert sich nicht für einen museal-konservativen Aufguss aus dem Tschechow-Samowar. Stattdessen macht er aus dem "Kirschgarten" Kleinholz und kittet das so gewonnene Material mit Versatzstücken aus anderen Texten des Schriftstellers und Arztes. Peschel kann das, er weiß, wie man aus einer launigen Dekonstruktion intelligent Funken schlägt." Wenn dann allerdings der Satz "Mein Gott, ich liebe Russland!" - "auch noch augenrollend ironisiert" - fällt, wirke das Timing "einfach frappierend".

Als Zuschauer:in tue man gut daran, sich ein wenig auszukennen, um den aus dem Zusammenhang gerissenen Gesprächspassagen, den Anspielungen und Witzeleien halbwegs folgen zu können, rät Dietrich Wappler in der Rheinpfalz (27.02.22). "Tschechows Seelenabgründe werden kalauernd zugeschüttet, die Träume von
Menschheitsaufbruch und besserer Welt als schnelle Pointe verquasselt." Das alles sei streckenweise lustig, manchmal langatmig, führe aber zu keinerlei neuer Erkenntnis. "Tschechows Texten wird hier die Tiefe genommen", schreibt der Rezensent und befindet abschließend: "Theater kann hochpolitisch und sehr wichtig sein, an diesem Abend in Heidelberg war es nur unterhaltsam."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kitschgarten, Heidelberg: TraditionsbrücheMyro 2022-02-26 17:48
Sie bezeichnen es als "radikalen Traditionsbruch" dass sich Peschel "durch den Kirschgarten kalauert"? Ernsthaft? Gab es nicht schon zahlreiche andere erwähnenswerte Abweichungen von dieser vermeintlichen Aufführungstradition? Pucher, Henkel, Gosch, Kennedy, Gockel etc.? Dass dabei sogar Daniil Charms verwurstet wird, der wegen seiner Gedichte von den Bolschewiken verhaftet und für verrückt erklärt wurde, wirkt sehr befremdlich auf mich. Aber ich sollte mir diesen Abend wohl anschauen, bevor ich über etwas Ungesehenes schimpfe.

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