"Jetzt mach mal authentisch, Muddi!"

von Ralph Gambihler

Chemnitz, 22. November 2008. Es gibt einen jungen Mann in diesem Drei-Personen-Stück, der zuhause ziemlich viel Stress macht. Das kann man gut verstehen. Der junge Mann, Michael heißt er, steht unter Druck. Er hat sich an einer Filmhochschule beworben und ein erstes positives Gespräch geführt. Den Film, den er nun einreichen muss, hat er allerdings noch nicht gedreht. Immerhin steht das Genre fest. Eine "Familiendoku" soll es werden, ein ungeschönter Blick in die Welt, die er am besten kennt.

Anne Rabe, die 22-jährige, aus Wismar stammende Autorin, hat für das Stück, mit dem sie den Kleistförderpreis 2008 gewann, ein ebenso simples wie trickreiches Arrangement gefunden. Sie eröffnet gewissermaßen zwei Dramen auf einmal, eine Komödie und eine Tragödie; der Abgrund dazwischen ist die Zone ihres Triumphes. Thematisch bewegt sie sich durch Erfahrungswelten und Problemlagen der (ost)deutschen Zeitgeschichte. Es kommen vor: der Sozialismus, die Stasi, der Mauerfall, Massenarbeitslosigkeit, Ausländerhass, Gewalt. Gesehen aus der Perspektive eines Kleine-Leute-Wohnzimmers in Rostock-Lichtenhagen.

Film frisst Authentizität auf

So geht es los: Der Dokumentarist daheim, die Nervensäge mit der Videokamera. Wenn Karl Sebastian Liebich als Möchtegern-Filmer Michael zwischen Sitzgruppe, Balkontür und Küchendurchreiche auf Bilderfang geht, wird es zunächst einmal lustig. Denn es ist ein schwieriges Unterfangen, die eigene Familie zum Gegenstand einer Dokumentation zu machen. Erstens plappern sie immer im falschen Moment dazwischen und zweitens tun sie vor laufender Kamera niemals das, was sie sollen: nämlich unverstellt dreinschauen und unverstellt erzählen.

Es ergibt sich in diesem Spiel eine hübsche Dialektik, die Anne Rabe und mit ihr die Uraufführungs-Regisseurin Julia Kunert auszureizen verstehen. Einerseits erschwert das Streben nach Authentizität die authentische Regung der Beteiligten. Auf Kommando entzieht sich ihnen alles Natürliche und Alltägliche sogar sehr zuverlässig. Zumal Michael ein Anfängertölpel reinsten Wassers ist. Wenn er seine stets Kaffee kochende Mutter (Susanne Stein) und seine unglücklich schwangere Schwester Klara (Claudia Kraus) zu Echtheit verführen will, sagt er Sätze wie: "Jetzt mach mal authentisch, Muddi". Er selber lässt vor der Kamera lieber den Coolen raushängen, mit sinnloser Sonnenbrille und nachgeahmter TV-Korrespondenten-Professionalität.

Wahrheit auf Umwegen

Andererseits entsteht im Getue, das die Kamera auslöst, eine Authentizität höherer Ordnung. Erst in ihrem Licht werden die Figuren lebendig und greifbar, nur können sie das selber nicht kapieren. Der Effekt ist im Grunde wesensverwandt mit den quotenträchtigen Authentizitätsfiktionen von "Big Brother" & Co., folgt aber anderen Gesetzen und Verläufen. Im Wunsch, vor der Kamera eine gute Figur zu machen, setzt sich das Bedürfnis nach Wahrheit durch. Rabes Figuren geht es dabei allerdings um die Lesart der Familiengeschichte, nicht um die stilgerechte Zote auf Kosten der Konkurrentin.

Anders gesagt: Komödie und Tragödie sind raffiniert in eins gesetzt. Die tragische Substanz bleibt weitgehend unsichtbar. Sie ist in der allmählich aufbrechenden Erinnerung der Figuren sedimentiert: an die Spitzel-Dienste des Vaters, die nach der Wende heraus kamen; an den Untergang einer Welt und das Scheitern von Lebensentwürfen; an den Triumph des Kapitalismus mit seinen Härten; nicht zuletzt an den Ausbruch von Fremdenhass vor der Tür, der die Plattenbausiedlung von Rostock-Lichtenhagen 1992 in die Weltnachrichten katapultierte.

Umkämpfte Familiengeschichte

Einigkeit gibt es nicht. Die plötzlich aktuelle Familiengeschichte wird zum Zankapfel. Wer Deutungshoheit will, muss sich vor der Kamera exponieren – nicht anders als politische Akteure auf der politischen Bühne.

Vor allem Michael und seine Schwester sind sich höchst uneinig, was die Lesart der Vergangenheit angeht. Während er stolz auf seinen "roten" Vater ist und einen Zusammenhang zwischen 1989 und 1992 negiert, verurteilt Klara ihren familienflüchtigen Erzeuger und setzt den Bruder ins Zwielicht, indem sie seine – wenn auch kindlich ahnungslose – Mittäterschaft an dem Gewaltexzess in der Nachbarschaft behauptet. So wird dieses Stück überraschend heiß und hintergründig. Im Wohnzimmer spielt es die Kämpfe durch, die auch über die Interpretation der deutsch-deutschen Geschichte toben.

Dass Anne Rabe, derzeit studiert sie Szenisches Schreiben in Berlin, Talent hat, ist kaum zu übersehen. Mit "Achtzehn Einhundertneun – Lichtenhagen" (18109 ist die Postleitzahl von Rostock-Lichtenhagen) hat sie ein erstaunlich erwachsenes und welthaltiges Stück über das Zwielicht aus kollektiver und individueller Erinnerung geschrieben, das nun, in der schnörkellosen Chemnitzer Inszenierung von Julia Kunert, seinen ersten Probelauf bestanden hat. Wir gratulieren der jungen Verfasserin – ganz einfach.

 

Achtzehn Einhundertneun – Lichtenhagen, UA
von Anne Rabe
Regie: Julia Kunert, Ausstattung: Ivonne Theodora Storm.
Mit: Karl Sebastian Liebich, Claudia Kraus, Susanne Stein.

www.theater-chemnitz.de


Hier geht's zu unserer Meldung zum Kleist-Förderpreis. Außerdem besprachen wir den 90er-Jahre-Teil der Deutschlandsaga an der Berliner Schaubühne, zu dem Anne Rabe gleichfalls ein Stück beisteuerte.

 

Kritikenrundschau

"Papa ist verschwundener Stasispitzel, Mutti einfach Mutti, Tochter schwanger, Sohn extrem nervig – weil er sich mit einem Dokumentarfilm über seine Familie an der Filmhochschule bewerben will." So fasst Christiane Hamann-Pönisch in der Chemnitzer Morgenpost (24.11.) Anne Rabes "Achtzehn Einhundertneun – Lichtenhagen" zusammen. Und da es "glaubhaft und manchmal heiter anzusehen" sei, "wie da vor einer Kamera das eigene Leben rechtfertigt, bemäntelt, zurechtgebogen, verharmlost wird", könne "man auch mal über harmlos gestrickte, altkluge und wohl auch platte Dialoge hinwegsehen, die das Ganze recht undramatisch und betulich machen". Die Schauspieler machten "ihre Sache jedenfalls gut", und Susanne Stein sei gar "eine hilf- und landlose Mutti zum Niederknutschen".

Anne Rabe wage in ihrem Stück "einen stilistischen Spagat", meint Reinhard Oldeweme in der Freien Presse (24.11.): "Zwischen der Betroffenheit wegen der Schicksale dieser eigentlich an sich selbst, weniger an den Umständen gescheiterten drei Personen und dem Humor, der sich angesichts der häufig geradezu karikierenden Unbeholfenheit im Umgang mit den Situationen einstellt, gibt es immer nur einen schmalen Grat." Der Regisseurin Julia Kunert gerate zwar manchmal die Balance zwischen Drama und Witz in Schieflage, doch ansonsten mache sie genau das, "was dieses Stück von einer Regisseurin verlangt: Die Protagonisten dürfen, nein sie müssen echte Persönlichkeiten sein, nicht einfach nur handelnde Personen." So dürfe der "Theaterabend als gelungen gelten".

Klaus Dermutz bemerkt in der Süddeutschen Zeitung (26.11.) im Rahmen eines Berichtes über den Saisonstart am Theater Chemnitz: "Julia Kunerts gut einstündige Uraufführung ist in manchen Szenen überdeutlich in der Zeichnung der Personen und ihrer sozialen Konflikte. Die Regisseurin hat eine Neigung zum erklärenden Theater, die jedoch immer wieder von einem direkten Spielwitz konterkariert wird."

 

 
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