Held ohne Eigenschaften

20. März 2022. Mit großem wie spielfreudigem Ensemble und Chansons aus den Roaring Twenties bringt Viktor Bodó Erich Kästners Roman "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" auf die Bühne. Und zwar als Epochengemälde, das in dieser Opulenz heute nur noch Serien hinkriegen. Und Viktor Bodó eben.

Von Thomas Rothschild

20. März 2022. Nun also auch Viktor Bodó. Dass seine Bühnenadaption von Erich Kästners "Fabian oder der Gang vor die Hunde" nicht nur erheblich kürzer, sondern auch ziemlich anders ausfallen würde als Frank Castorfs Fünf-Stunden-Version vor einem Dreivierteljahr in Berlin, war zu erwarten. Die Bühnenfassung von Júlia Róbert und Anna Veress spielt tatsächlich in der Zeit und in Kostümen von 1930. Das Bühnenbild von Juli Balázs zeigt eine hyperrealistische symmetrische Hauseinfahrt mit Eingängen zu vier Treppenhäusern, die abwechselnd mit ihrer hölzernen Rückseite Raum bietet für diverse Orte. Hinzu kommt, buchstäblich in der Unterwelt, nämlich in der hochgezogenen Unterbühne, das Künstleratelier, in dem Fabian auf Cornelia trifft.

Panorama der Epoche

Der 1931 noch unter dem Titel "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" erschienene Roman, gilt neben den Büchern von Irmgard Keun als Kronzeuge der Neuen Sachlichkeit. Er verrät neben Döblins "Berlin Alexanderplatz", Keuns "Das kunstseidene Mädchen" und "Kleiner Mann – was nun?" von Hans Fallada mehr über Alltag und soziale Wirklichkeit der Weimarer Republik, als die meisten historischen Sachbücher. Das Buch hält viele Motive bereit, die in unserer Gegenwart Dringlichkeit eher gewonnen als eingebüßt haben – von der Arbeitslosigkeit bis zur Ungerechtigkeit der Gesellschaft, von der sexuellen Erpressung bis zu nationalistischen Provokationen.

fabian 2 foto thomas aurinSyntax des Bilderbogens: das Ensemble in Kostümen von Fruzsina Nagy © Thomas Aurin

Viktor Bodós Inszenierung arbeitet mit großem Ensemble. Es war eine richtige Entscheidung, die zahlreichen Nebenfiguren aus Kästners Roman nicht zu eskamotieren und so die unterschiedlichen gesellschaftlichen Facetten und die einander profilierenden Gegensätze zu bewahren. "Fabian oder der Gang vor die Hunde" liefert, dem Titel zum Trotz, nicht so sehr eine Persönlichkeitsstudie wie ein Panorama der Epoche. Derlei geschieht heute in Fernsehserien. Aber es funktioniert auch nach wie vor im Theater. Was in Stuttgart zu beweisen war.

Lieder, Dialoge, handgemachte Geräusche

Einzelne Figuren sprechen gelegentlich in der dritten Person über sich, um den Erzähltext alsbald unvermittelt in Dialog übergehen zu lassen. Die Geschichte wird als Folge kurzer Szenen dargestellt mit der Syntax eines Bilderbogens, turbulent, mit präzise platzierten Ruhepunkten. Aus der Zeit der Handlung gibt es Lieder mit Texten von Erich Kästner oder von Friedrich Hollaender aus dem Repertoire von Claire Waldoff. Zur Brechung des Illusionismus holt Bodó nach bewährtem Muster Bühnenarbeiter für einen Umbau auf die Bühne oder setzt er nach der Pause das versammelte Ensemble auf den Bühnenrand, wo es stilisiert, untermalt von handgemachten Geräuschen, erzählen darf, ehe es wieder dialogisch weiter geht. 

fabian 3 gabór biedermann paula skorupa foto thomas aurin1Gabór Biedermann (Fabian) und Paula Skorupa (Cornelia Battenberg) © Thomas Aurin

Der Werbetexter Jakob Fabian ist ein Betrachter, der in die Handlung gezogen wird, sie aber nicht bewegt. In seiner Ratlosigkeit macht er es dem Schauspieler nicht leicht. Dieser Fabian hat keine Ausstrahlung. Das ist kein Versehen. Gábor Biedermann widersteht der Versuchung, die Figur mit etwas auszustatten, was sie nicht hat: eben Charisma. Wie heißt es doch in dem Lied von Erich Kästner? "Der Kleine Mann, das ist ein Mann, mit dem man alles machen kann." Der ironische Schluss – Fabian ertrinkt beim Versuch, ein Kind aus dem Fluss zu retten: er kann nicht schwimmen – wird von ihm selbst erzählt. Sollen wir daraus lernen, dass moralisch zu handeln in den Untergang führt?

Glücksfall und Höhepunkt

Viktor Bodó ist insofern ein Glücksfall, als er die ersichtliche Spielfreude des Ensembles in produktive Bahnen lenkt. Er nimmt Kästners satirische Absicht ernst. Seine Personen sind, mit Ausnahme der Titelfigur, der von ihr geliebten Cornelia Battenberg und des zielstrebigen, tragisch, nämlich als Folge eines dummen Scherzes zu Tode kommenden Freundes Labude, Karikaturen. Aber Bodó treibt die Überzeichnung, die das Wesen der Karikatur ausmacht, nicht in die Klamotte. 

Das gibt es also noch, das dramatische Theater ganz ohne post, in dem die Figuren auf der Bühne mit einander interagieren und nicht den Blickkontakt scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Es wirkt kein bisschen verstaubt, wenn sich die löbliche Botschaft – denn die darf in Stuttgart nicht fehlen – aus deren Handlungsweise ergibt und nicht frontal zum Publikum vorgetragen wird. Und das mit einem Stoff, der bald ein Jahrhundert auf dem Buckel hat.

Übrigens: zu den Höhepunkten der Aufführung gehört die Begegnung mit Sylvana Krappatsch als Diseuse. 

 

Fabian oder der Gang vor die Hunde
von Erich Kästner
Regie: Viktor Bodó, Bühne: Juli Balázs, Kostüme: Fruzsina Nagy, Musik: Klaus von Heydenaber, Sounddesign: Gábor Keresztes, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Anna Veress, Ingoh Brux.
Mit: Gábor Biedermann, Therese Dörr, Gabriele Hintermaier, Teresa Annina Korfmacher, Sylvana Krappatsch, Reinhard Mahlberg, David Müller, Valentin Richter, Celina Rongen, Paula Skorupa, Michael Stiller, Felix Strobel, Joscha Eißen, Till Krüger, Liliana Merker, Anna Maria Zeilhofer.
Premiere am 19. März 2022
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

Otto Paul Burkhardt schreibt in der Südwest Presse Ulm (21.3.22): "Bodós Regie entwirft ein groß angelegtes, lebenspralles und detailpräzises Panorama von der "Trägheit der Herzen" (Kästner)". "Bodó belebt den Text, der beim Umtopfen ins Theater nicht immer packend zwischen Erzählprosa und Live-Dialogen hin und her pendelt, mit eingestreuten Chansons" - "aber auch wummernde Elektrobässe von heute hauchen der Kästnerschen Prosa, durch die das coole Flair der Neuen Sachlichkeit weht, enorme Vitalität ein." Ein bisschen "Opas Kinotipp" und "Babylon Berlin“ möge mitschwingen, räumt der Rezensent ein - "doch Bodó verzichtet auf abgeranzte Klischees wie "Tanz auf dem Vulkan" und wohlfeile Gegenwartsbezüge.

In der Ludwigsburger Kreiszeitung Stadtausgabe (21.3.22) zeigt sich Arnim Bauer begeistert: Bodó illustriere "den Text, findet visuelle Metaphern, lässt das pralle Leben auf der Bühne tanzen und ist so überraschenderweise wieder sehr nah bei Kästners Prosa. Weil er sie verstanden hat, weil er sie verständlich macht, weil er zu den Worten eben auch die Bilder hinzufügt." "Es macht einfach nur Spaß, diesem Treiben zuzuschauen", lobt der Kritiker weiter. Aus dem geschlossenen Ensemble würden immer wieder Schauspieler:innen mit Solodarbietungen ihrer Figuren herausstechen - von "bemerkenswert zurückhaltend" bis "wild und temperamentvoll".

Weil "man ja im postdramatischen Zeitalter ist, wartet die Bühnenfassung von Júlia Róbert und Anna Veress mit recht überflüssigen Ausstiegen aus der Geschichte auf", so Nicole Golombek Stuttgarter Zeitung Stadtausgabe (21.3.22). Auch die blinkenden Bühnen-Slogans findet die Rezensentin "so originell und nötig, wie einen Witz zu erklären, den längst jeder verstanden hat." Stark sei der Abend allerdings immer dann, wenn zu zweit gespielt werde - etwa "wenn der von Felix Strobel überzeugend als sanft am Zynismus der Gesellschaft verzweifelnde Labude mit seinem Freund Fabian über soziale Verantwortung der Gesellschaft diskutiert."

Als "fast surreales Ereignis aus der feinen Ironie des Romans, einen hochtourigen Tanz auf dem Vulkan" beschreibt Angela Reinhardt den Abend im Reutlinger General-Anzeiger (21.3.22). "Der Abend ist grell, exzentrisch, wirr und oft sehr lustig." Die Spieler:innen des "großen, einsatzfreudigen Ensembles" "dürfen die Clowns und Exzentriker rauslassen und zeigen großartiges Timing in jeder Absurdität". Dabei käme der "politische Kampf zwischen Kommunisten und Faschisten vielleicht doch zu kurz".

In der Zeit (24.3.2022) lobt Peter Kümmel die Inszenierung: Vik­tor Bodó verwende "sehr un­ter­halt­sam al­le Theater­tech­ni­ken der Ver­mas­sung, al­so Mit­tel, die da­zu die­nen, mit ei­nem re­la­tiv klei­nen En­sem­ble ein Ma­xi­mum an Ge­wim­mel, Ver­wech­sel­bar­keit, gro­ß­städ­ti­scher Mo­der­ni­tät her­zu­stel­len: die gro­ße Hu­re Preu­ßisch-Ba­by­lon in tau­send Stim­men." Der Kritiker macht zugleich eine "Gefahr" in der "Pu­bli­kums­über­le­gen­heit" gegenüber dem Stoff aus: "Wir bli­cken auf ih­re Fi­gu­ren, als wüss­ten wir ein biss­chen mehr als sie. Wir wis­sen, wie es mit ih­nen wei­ter­ging. So kön­nen wir uns mit ih­nen mes­sen. Aber wis­sen wir denn, wie es mit uns wei­ter­geht?“ Diese "Publikumsüberlegenheit" werde allerdings im eigenwilligen Stückfinale mit der Figur Fabian "als Illusion" entlarvt.

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