Hölle der Geschäftigkeit

25. März 2022. Bei Forced Entertainment können kleinste, absurde Bühnenhandlungen in existentiell Philosophisches und ganz große Weltfragen kippen. Auch in "Under Bright Light"? In der clownesken, beckett'schen Performance richtet das Kollektiv einen grellen Scheinwerfer auf die sinnentleerten Verrichtungen einer hektisch dauerbeschäftigten Spezies.

Von Dorothea Marcus

25. März 2022. Seit satten 36 Jahre arbeiten die sechs Pioniere der Performance aus Sheffield zusammen und waren wegen der Pandemie nun erstmals für zwei Jahre räumlich voneinander getrennt. Eine schreckliche Erfahrung, erzählt Tim Etchells im Video-Interview, "wenn wir nicht zusammen sind und unsere Ideen physisch im Probenraum ausprobieren, passiert bei uns gar nichts". Nun aber sind Forced Entertainment – nach ihrer seltsam verläpperten, stundenlangen Zoom-Performance "How the time goes" – aber wieder zurück im Analogen und legen in ihrer neuen Produktion auf PACT Zollverein "Under Bright Light" ihre kalten, grellen Scheinwerfer auf unsere seltsame Spezies. Oder ist es eher eine lächelnd-verächtliche Vogelperspektive auf die blinde Menschheitsraserei? Von ganz oben betrachtet wirkt eben alles klein, sinn- und wertlos.

Analoges Tetris

Hinter einer weißen Wand springen sie hervor: sechs pflichtbewusste Mechaniker:innen der Sinnlosigkeit, gekleidet in coole nachblaue Overalls. Über den gediegen britisch grünen Bühnenteppich tragen sie nacheinander acht quadratische Pappkartons, ein Podest, eine Leiter, drei Stühle, einen trapezförmigen Tisch herein. Zu clownesker Zirkusmusik eilen sie in geraden und diagonalen Bahnen über die Bühne, hetzen im rhythmischen Stechschritt, stellen die Objekte zielgenau und finster entschlossen in die eine Ecke, wo sie im nächsten Moment leichthändig der Nächste wieder entfernt.

Fast tänzerische Bewegungsmuster entstehen da, seltsame Objektmuster ebenso: Auftürmungen von Kartons, angedeutete Ansammlungen von Stühlen, die blitzschnell wieder aufgelöst werden. Einmal scheint es in einer Ecke eine kurze Pause zu geben, für einen kurzen Moment sitzen sie alle ruhig zusammen, doch nach wenigen Augenblicken geht es in alle Richtungen weiter im sinnentleerten Geschäft der hektisch Dauerbeschäftigten. Und immer schneller rasen sie, bekommen schon rote Köpfe, die grell mit Bläsern unterlegte Clownsmusik (Komposition: Graerne Miller) treibt voran, das Stapeln, Stellen, Entfernen wirkt wie kindliches Spielen mit Bauklötzen oder analoges Tetris, eine repetitive Mediation. Dann sinkt einer erschöpft zu Boden, um sogleich wieder aufzustehen, mal sinken zwei, dann drei, und zackig weiter geht's.

Re-Enactement des Sisyphos-Mythos?

Kaum denkt man, dass es ja doch ein recht abgegriffenes und eindimensionales Bild ist, quasi ein modernes Re-Enactement des Sisyphos-Mythos, in dem Aspekte wie Reizüberflutung, Internet, Work-Life-Balance oder der neue amerikanische Trend der "Resignation", aber nicht die entschleunigte Pandemie-Erfahrung mitgedacht sind, hat sich auch schon ein schepperndes Klingeln in die Musik geschlichen, das immer penetranter wird. Wie durch Zauberhand sind es nun 14 Kartons, 2 Leitern, 6 Stühle, je 2 Tische und Podeste geworden, und dann werden es sogar 22 Kartons, 5 Leitern, 10 Stühle, je 3 Tische und Podeste – immer voller wird die Bühne, soll das etwa eine Analogie zur Konsumgesellschaft und ihrer sinnlosen Güteranhäufung sein?

ForcedEnts UnderBrightLight2 805 Hugo Glendinning uStühle hin, Stühle her, viel Geschleppe kreuz und quer... © Hugo Glendinning

Doch so schlichte Antworten gibt es natürlich nicht. Mal entstehen Symmetrien, mal scheinen sie bewusst zerstört zu werden, der eigene Kopf rattert, zählt mit, versucht Anordnungsmuster zu erkennen und muss sie verwerfen im willkürlichen Warenlager: Dinge werden getragen, gestellt, gestapelt, kommen hinter der weißen Wand hervor, werden weggetragen, verschwinden. Kaum merklich verändert sich die Musik, mischt sich ein bienenartiges Summen, dann ein elektrisch quietschendes Fax- und Modemgeräusch hinein – wer, außer über 45-jährigen Menschen, kann das überhaupt heute noch zuordnen?

Liebloses Chaos statt Kraft der Gemeinschaft

Möglicherweise setzen sich die langgedienten Forced Entertainement-Helden in ihrem hohen Performer:innen-Alter hier auch selbst ein ironisches Denkmal: Denn was war ihre Karriere anderes als eben jene unermüdliche Geschäftigkeit mit unsichtbaren Denkmustern? Und doch hat dieser unerbittliche Vogelblick auf die Sinnlosigkeit des Daseins auch etwas fast Verächtliches, als würde eben gar nichts wirklich zählen in der destruktiven Dauerraserei der Menschheit. Was sicher stimmt, aber eben doch auch nur eine äußere, unbeteiligte, sehr kühle Perspektive ist – quasi der Gegenentwurf zu ihrer Zoom-Arbeit "How the time goes", in der es eher um die menschliche Unfähigkeit zum Überblick über das große Ganze ging.

Für einen Moment lang setzt sich aber doch noch so etwas durch wie eine Art pathetische Poesie, die vielleicht doch größer ist als die Vergeblichkeit: Metaphyisch bedeutungsschwanger dröhnt auf einmal die Musik, die Performer:innen halten inne. Unmerklich haben sie die Dinge zunehmend auf der einen Bühnenseite gestapelt und tragen sie nun in kleinen Schritten auf die andere Seite, auf einmal erwecken die Einzelteile so den Eindruck eines organischen Wesens, sind eine Art Lawine, die sich harmonisch mal hierhin, mal dorthin bewegt. Doch das, was vielleicht die Kraft von Gemeinschaft ausdrücken könnte, ist auch nur ein kurzer Moment. Düster endet dieser Abend, der ganz ohne Worte auskommt, in einem Bild von lieblosem Chaos, durcheinander geworfen, gestopft und abgestellt. Das passt irgendwie zur chaotischen Zeit, ist ein starkes Bild an diesem starken und zugleich schwachen Abend – der dann eben doch nicht die ganz schlüssigen Bilder und Gedanken für die gewaltigen Themen der Gegenwart liefert. Oder ist das vielleicht sogar eher ein Trost? 

Under Bright Light
von Forced Entertainment
Konzipiert und erarbeitet von: Forced Entertainement, Leitung: Tim Etchells, Bühne: Richard Lowdon, Lichtdesign: Nigel Edwards, Komposition: Graerne Miller, Input: Nicki Hobday, Koproduktion PACT Zollverein, HAU – Hebbel am Ufer, Künstlerhaus Mousonturm.
Von und mit: Robin Arthur, Jerry Killiok, Claire Marshall, Cathy Naden, Terry O' Connor.
Premiere am 24. März 2022
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.pact-zollverein.de

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