Abschied von der Kohle

2. April 2022. Sage noch einer, in der Lausitz sei nichts los. Hier verortet Dramatiker Oliver Bukowski seine neuste Ost-Komödie, in der eine Familie um ihre Prinzipienfestigkeit ringt. Aus der Gegenwart bleibt da so einiges hängen. Mario Holetzeck hat "Der Sohn" am Theater Senftenberg inszeniert.  

Von Janis El-Bira

 

Senftenberg, 2. April 2022. Kann es wirklich wahr sein, dass niemand, der noch etwas zu verlieren hat, hier wohnen will? Anmutig hebt ein Raubvogel sein Haupt über dem Lausitzer Seenland, an dessen Ufern die Menschen in der Sonne braten. Bötchen schaukeln auf dem Wasser, Bienen fliegen. Selbst der Rauch eines fernen Kohlekraftwerks will sich am weiten Horizont noch in Schäfchenwolken verwandeln. Hätte der Sommer eine Heimat, hier müsste sie liegen.

Vergessenes Bergarbeiter- und Urlaubsidyll

Aber all das ist freilich bloße Projektion, im Kopf wie auf der Bühne. Mit dem Ausblenden des kurzen Videos am Beginn dieses Senftenberger Uraufführungsabends endet jäh auch das Urlaubsidyll. Willkommen stattdessen im Land, für das Politiker gerne den Begriff von der "strukturschwachen Region" bemühen, was übersetzt bedeutet: Ausgeblutet, totgespart und der Zukunft abgewandt.

Willkommen und fuck you very much, vor allem aber bei den Walters. Sie – Vater, Mutter und zwei pubertierende Kinder – sind in Oliver Bukowskis neuem Stück die Verwalter des Niedergangs. Eine dysfunktionale, am Kümmerling wie am Saum der längst begrabenen Träume hängende Kleinbürgerfamilie aus dem sterbenden Milieu der Bergarbeiter, die hier einst ein zweites, bundesrepublikanisch vergessenes Revier begründet hatten. Auch die Neue Bühne Senftenberg trug deren Bedeutung für Land und Leute bis zur Wiedervereinigung im Namen: Theater der Bergarbeiter.

Bei Null anfangen

Oliver Bukowski, selbst Cottbusser, hat "Der Sohn" also maßgeschneidert für seinen Uraufführungsort. Regionaler, wie gerne gefordert wird, kann Theater kaum werden als an diesem Abend. Ein Stück aus der, über und für die Lausitz. Die Menschen sollen etwas anfangen können mit dem arbeitslos gewordenen Kumpel Thomas Walter (Roland Kurzweg), der nun als Security-Mann vor dem örtlichen Kaufland wieder "als Null anfangen" muss, wie es seiner mit den Härten der Realität hadernden Frau Anja (Johanna-Julia Spitzer) einmal rausrutscht.

Sohn 2 SteffenRasche uTochter Tine (Esra Maria Kreder), "dauerklugscheißende Youtube-Bitch, politisch korrekt bis zum Hirntod", wie der Bruder sagt, der schließlich, klar, braun anläuft © Steffen Rasche

Mit Tine (Esra Maria Kreder), beider Tochter, die mit großer Emphase bei Fridays For Future mitläuft und sich gleich nach ihrem YouTube-Kanal am meisten für die sorbische Minderheit in der Lausitz zu interessieren vorgibt. Und vielleicht sollen sie sich sogar wiedererkennen in Sohn Finn (Leon Haller), dessen Suche nach einer echt mannhaften Abgrenzung zu seiner "politisch bis zum Hirntod korrekte(n), dauerklugscheißende(n) Youtube-Bitch" von Schwester ihn schließlich, klar, massiv braun anlaufen lässt.

Die Komik verlorener Lebensmühen

Mitnahmeangebote also in Fülle, schwappt doch mit den Walters viel regional-globale und ausnehmend pessimistisch stimmende Weltwirklichkeit auf die kleine Senftenberger Studiobühne. Regisseur und Bühnenbildner Mario Holetzeck hat sie mit Sand ausgeschüttet. "Fünfundzwanzig Zentimeter Sediment", sagt Thomas beim Abschied vom gelernten Bergarbeiter-Beruf: "Das ist, was nach paar tausend Jahren von uns und unserer gesamten Geschichte übrig bleibt." Holetzeck sucht solche Inseln der Introspektion in Bukowskis sämtliche Lausitzer Themenseen mit den Zehen andippendem Text. Zumeist spielt er aber mit bei dessen sardonisch zugespitztem Karneval der verlorenen Lebensmühen.

Sohn 3 SteffenRasche uZwischen Euphorie und Ausgeknocktsein: Roland Kurzweg, Leon Haller, Esra Maria Kreder in "Der Sohn" © Steffen Rasche

Schnell fliegen die Szenen zwischen den emsig bekletterten Gerüstaufbauten: Halbernster, halb fies desavouierter FFF-Agitprop mit Publikumsansprache ("Grandparents for Future?", höhö) trifft auf Verlorener-Sohn-Domestic-Drama trifft auf Nazis, Chrystal Meth- und Social-Media-Sucht, den Themenkomplex Sorben & andere Minderheiten, toxisch-boxende Männlichkeit und auf recht Lustiges zum Neu-Brandenburger Elon Musk und heftig Klamottiges rund um Yoga und Tofu. Irgendwann scheppert sogar die Seitentür zum Hof auf und vor einem brennenden Kreuz kommt Sohn Finn unter den hochgezogenen Augenbrauen aller Theatergötter in einer Ku-Klux-Klan-Kutte hereinmarschiert. Selbst für den Ukrainekrieg ist zumindest kurz noch Platz. Es sage niemand, in der Lausitz sei nichts los.

"Wir leben in einer Demokratie"

Das Ensemble wirft sich und alles rein in diesen Druckkochtopf. Am stärksten vielleicht Catharina Struwe als Lehrerin mit vermeintlich "DDR-antifa-linksfossiler Haltung" und Daniel Borgwardt als herrenmenschlicher Hausarzt, der erst Finn Walter und später die ganze Familie mit den Verheißungen seiner rechten Kreise lockt. Sie sind die eigentlichen Gegenspieler dieser Satire und jene Figuren, die mit ihrer Prinzipienfestigkeit hier und braun grundierter Bürgerfassade dort nicht im Säurebad aufgelöst werden wollen. In einem schaurigen Dialog beider gegen Ende rechtfertigt sich der Arzt, die Walters hätten sich in freiem Entschluss in seine Hände begeben: "Wir leben in einer Demokratie." Das bleibt dann doch hängen, denn es verrät viel. Über die Lausitz, den Osten, über Deutschland.

Der Sohn
von Oliver Bukowski
Uraufführung
Regie und Ausstattung: Mario Holetzeck, Video: Oliver Seidel, Dramaturgie: Lukas Schädler.
Mit: Leon Haller, Johanna-Julia Spitzer, Esra Maria Kreder, Roland Kurzweg, Daniel Borgwardt, Catharina Struwe, Oliver Seidel (im Video).
Premiere am 1. April 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater-senftenberg.de


Mehr zu Oliver Bukowski: Am 8. April ab 19 Uhr zeigen wir auf nachtkritik.plus den Mitschnitt von "Warten auf'n Bus", Oliver Bukowskis rbb-Comedyserie in der Bühnenfassung des Theater Bielefelds. Der Stream wird 24 Stunden verfügbar sein.


Kritikenrundschau

Ein "Spektakel der verlorenen Lebenswelten" hat Kevin Hanschke von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.4.2022) in Senftenberg gesehen und nutzt den Theaterabend für ein Porträt der Neuen Bühne Senftenberg. Bukowskis Stück "erzählt die jüngere Transformationsgeschichte der Lausitz am Beispiel einer Familie. Dabei geht es um Arbeitslosigkeit und Abstiegsangst, Wandel und Stagnation. Aber am Ende tritt Elon Musk als Erlöser auf."

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