Mehr, mehr, mehr!

14. April 2022. Eine Reise in die wilden Zwanziger, in die Zeit der skrupellosen Opulenz, des Reichtums, des Machtgehabes der weißen Oberschicht – das bietet Rebekka Kricheldorfs Bühnenbearbeitung von F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby". Bettina Bruinier zeigt das Spiel um Luxus und Leidenschaft in kühler symbolischer Präzision.

Von Katharina Kovalkov

14. April 2022. Dass die Gatsby-Ära – oder vielmehr die Zeit der ausschweifend "goldenen" Zwanziger – bis heute nichts an Faszination eingebüßt hat, wurde bereits in den Fluren des Saarbrücker Staatstheaters deutlich. Denn einige Gäste kamen stilecht von Kopf bis Fuß im "Roaring Twenties"-Look zur Premiere. Ein Look, der gleichermaßen zeittypisch und doch auch zeitlos wirkt. So wie die Geschichte, die er umhüllt. Und genau diesen Look hat die Dramatikerin Rebekka Kricheldorf in ihrer Bearbeitung des F. Scott Fitzgerald-Romanklassikers von 1925 verschwenderisch skizziert und in die Jetztzeit geholt.

Fitzgeralds Geschichte erzählt von Jay Gatsby, in Saarbrücken hingebungsvoll gespielt von Sebastien Jacobi, einem geheimnisvollen Selfmade-Millionär, der sich ein Netz aus majestätischem Reichtum, schillernden Partys und illustren Bekanntschaften aus der New Yorker High Society webt. Alles, um die verlorene Liebe seines Lebens in dieses Netz zu locken, sie dort einzufangen und nie mehr loszulassen. Und es funktioniert. Für eine Weile zumindest. Geblendet von dem funkelnden Zauber seiner Welt, gibt sich Daisy (Verena Bukal) den Verlockungen Gatsbys hin, lässt sich jedoch von ihrem dominanten und untreuen Ehemann Tom (Jan Hutter) zurückholen. Am Ende verfängt sich Gatsby in seinem "Spinnennetz" und fällt seinem Idealismus zum Opfer. Und irgendwo dazwischen verirrt sich der "kleine", noch lebensunerfahrene Nick Carraway (Michael Wischniowski), der den tiefen Fall seines "großen" Freundes hilflos mitansehen muss.

Party rund um die Uhr

Doch wer ist dieser Gatsby überhaupt? Ein Mysterium – in Name, Herkunft und Gestalt. Immer wieder flirren unsichtbare Stimmen durch den Saal, die allerlei Spekulationen über den rätselhaften Magnaten verstreuen. Krumme Geschäfte? Spionage? Mord?Letztendlich ist es egal! Hauptsache er ist reich und lässt an seinem Reichtum teilhaben. Und so feiert die Meute in extravaganten Roben und einheitlichen blonden Perücken, tanzt – weniger menschlich als maschinenhaft – zu den elektrisierenden Rhythmen des Kapitalismus und sonnt sich im Glanze der Dekadenz. Jede Party muss ein Hit sein, jede Droge muss den ultimativen Kick geben und jeder Traum muss unbedingt wahr werden – um jeden Preis. Mehr, mehr, mehr! Am besten alles! Und zwar jetzt!

 Gatsby1 1200 Astrid Karger uDas Ensemble im Bühnenbild von Volker Thiele © Astrid Karger

Es wäre so einfach gewesen, diese "wilde" Weltanschauung der "Twenties" durch opulente Kulissen, exzessive Requisiten und bombastische Effekte zum Leben zu erwecken. Ein visuelles Meisterwerk zu erschaffen, das einen in sich einsaugt und keinen Raum für Interpretationen lässt. So wie es der australische Regisseur Baz Luhrmann in seiner Verfilmung aus dem Jahr 2013 vormachte. Doch das "Einfache" war nicht genug für Kricheldorf. Sie entschied sich für das Symbolhafte. Und Regisseurin Bettina Bruinier hielt sich in ihrer Inszenierung an diese symbolreiche Vorlage.

Auf den Stufen des Erfolgs

Angefangen mit der schwarzen, starren Kulisse – eine Wand, die in auf- und absteigenden Ebenen, ähnlich einer Kugelbahn, aufgebaut und mit Glühbirnen für die nötige "Erleuchtung" versehen wurde. Hier flimmern immer wieder kurze Videosequenzen auf, die wie rauschhafte Illusionen wirken, während sich die Charaktere auf den Stufen des sozialen, moralischen und menschlichen Auf- und Abstiegs umher bewegen. Von der unnahbaren Verführerin Jordan Baker – kühl und sarkastisch gespielt von Laura Trapp – bis zur naiven "Goldgräberin" Myrtle Wilson (Emilie Haus). Sie alle steigen auf und stürzen ab auf den gefährlichen Ebenen der Menschlichkeit.

Gatsby selbst "thront" in nahezu jeder Szene über allem und steigt doch immer wieder von Ebene zu Ebene hinunter auf das "Niveau" seiner Mitmenschen. Nur einer bleibt bis zum Schluss ganz unten und nimmt erst am Ende die übergeordnete Position ein: George Wilson, der Gatsbys Schicksal besiegeln wird, mitreißend gespielt von Fabian Gröver.

Gatsby3 1200 Astrid Karger u© Astrid Karger

Die sprechende Kulisse von Bühnenbildner Volker Thiele besticht; ebenso die perfekt auf die Charaktere abgestimmten Kostüme, von Gatsbys auffälligen Smokings bis hin zu Daisys verträumt mädchenhaften Kleidern, alle erschaffen von Justina Klimczyk. Charakterstarke Musik von Fiete Wachholtz grundiert die Atmosphäre.

Tiraden des weißen Mannes

Fitzgeralds sozialkritisches Epos zeigt das Spiegelbild einer Gesellschaft, die in ihrer Gier nach Geltung, Genuss und Glamour über die Leichen derer geht, die nicht dazugehören können oder wollen. Ein Spiegelbild, das bis heute auf uns zurückblickt – leider, muss man sagen. Fitzgeralds Werk ist hochaktuell, gerade wenn man Tom Buchanans Tiraden zuhört über Zivilisation, die herrschende "weiße Rasse" und die "verkommenen Gestalten" aus fremden Ländern, die "ein Stück vom Kuchen abhaben" möchten. Das klingt auch heute noch schrecklich vertraut. Jordan Bakers Frage: "Was muss passieren, damit etwas passiert", scheint da in doppeltem Sinne relevant. Die Antwort findet man vielleicht in dieser "Gatsby"-Inszenierung des Saarländischen Staatstheaters.

 

Der große Gatsby
von Rebekka Kricheldorf nach F. Scott Fitzgerald
Inszenierung: Bettina Bruinier, Bühnenbild: Volker Thiele, Kostüme: Justina Klimczyk, Musik: Fiete Wachholtz, Movement Advisor: Lilli M. Rampre, Video: Leonard Koch, Dramaturgie: Horst Busch, Licht: Daniel Müller, Regieassistenz: Nathalie Kimpel, Bühnenbildassistenz: Claude Schmitt.
Mit: Sebastien Jacobi, Michael Wischniowski, Verena Bukal, Jan Hutter, Emilie Haus, Fabian Gröver, Laura Trapp, Bernd Geiling, Christiane Motter, Lina Witte, Thorsten Rodenberg.
Premiere am 13. April 2022
Dauer: 2 Stunden 45 Stunden, eine Pause

www.staatstheater.saarland

 

Kritikenrundschau

"Ein großes Ensemblestück nach einem 'großen“ Roman", und zwar "mit ruhiger und kluger Hand arrangiert" schreibt Cathrin Elss-Seringhaus in der Saarbrücker Zeitung (16.4.2022) über diesen Abend. Die Kapitalismuskitik komme "auf leisen Sohlen" daher. Bettina Brunier arbeite den feinen, bösen Humor der Kricheldorf-Vorlage exzellent heraus und inszeniere "ein schlankes Konversations-Drama statt einer plakativen Pop-Revue, vermeidet Psychologisierungen ebenso, wie illusionistische Zwanziger-Jahre-Bezüge". Trotzdem fühlt sich sich die Kritkerin am Ende "intellektuell ein wenig unterernährt".

"Eine moderne Interpretation und eine Entmystifizierung einer Zeit, die auch heute zu oft glorifiziert wird", so Maureen Welter im Kulturradio vom Saarländischen Rundfunk (SR) (14.4.2022)

"Warum dieser Gatsby (Sébastien Jacobi) ausgerechnet dieser kleinmädchenhaften, verheirateten Daisy (Verena Bukal) hinterherläuft, bleibt ein Geheimnis," schreibt Burkhard Jellonnek im Saarbrücker Kulturmagazin Opus über die Inszenierung, die er insgesamt etwas blutleer findet. Vieles an diesem Abend entwickelt sich aus seiner Sicht "analytisch wie in einem Labor, man vermisst die Narrative aus dem gelebten Leben. Allenfalls Michael Wischniowski als Party-Szenen-Neuling Nick Carraway setzt mit seinem Spiel Kontrapunkte ebenso wie Laura Trapp als Jordan Baker, die es geschafft hat, als sich Profi-Golferin eine gewisse Unabhängigkeit zu sichern und die eine kühl-strahlende Gegenfigur verkörpert."

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