Da ist ja noch das Kind

22. April 2022. Pina Bergemann und Anna Gschnitzer untersuchen in "Leaving Carthago" das Phänomen Gender Care Gap aus feministischer Perspektive und mit einer reichlichen Portion Selbstironie. Dabei inszenieren sie einen ziemlich unterhaltsamen Parcours der Widrigkeiten.

Von Harald Raab

"Leaving Carthago" am Theaterhaus Jena © Joachim Dette

22. April 2022. "Hallo, schönen Abend. Ich bin Pina Bergemann. Ich bin eine Frau. Ich bin Mutter zweier, dreier Kinder. (…) Ich liebe meinen Beruf. Ich bin auch noch Regisseurin, Theatermacherin." Gefälschte Berufsvita inklusive. Die Bühne im Theaterhaus Jena wird von einem überdimensionierten Reißverschluss dominiert, der unten offen ist, wie gespreizte Beine wirkt, davor ein schwarzes Loch. Es ist das, in das Frauen oft plumpsen, die nicht nur über ihre Mutterschaft definiert werden wollen.

Wie bringt Frau Karriere und Kinder unter einen Hut?

Da die auskunfts- und bekenntnisfreudige Regisseurin Pina Bergemann als Performerin auch noch reichlich "kreatives Improvisationstalent" besitzt, ist daraus ein feministisches Theaterprojekt geworden, aufgeschrieben von Anna Gschnitzer mit dem Ziel, das alte und für die betroffenen Frauen stets aktuelle Dilemma mit rockigem Beat und atemberaubendem Tempo ins Bewusstsein des Publikums zu hämmern. Nachdenkliches wird fein dosiert hineingeflochten: Wie bringt Frau Karriere und Kinder unter einen Hut?

Leaving Carthago17 Joachim Dette uBettina Kirmairs Bühne mit dem Gender-Care-Gap-Loch © Joachim Dette

Theater im Theater – mit doppeltem und dreifachem Boden und mit reichlich Anleihen bei diversen Bühnen-Traditionen gibt es in Jena zu sehen: von der griechischen Tragödie bis zur Farce, vom Sozialdrama bis zum politisch grundiertem Epischen Theater samt Glauben an die Veränderbarkeit sozialer Verhältnisse. Wokeness inklusive, versteht sich. Eines ist diese Produktion aber nicht: postdramatisches Theater. Es gibt ein stringentes Narrativ; freilich eines, das Achterbahn fährt.

Wenn in der Küchenschlacht der Teig fliegt

Zu diesem Plot passt natürlich ein Chor der Mütter, der in den Befreiungsfantasien der Frauen auch zu einer blutrünstigen Piratinnenschar mutiert. Er hat einiges zu tun in diesem eigentlich handlungsarmen, aber umso redseligeren Appellationstheater. Kostprobe: "Schreit das Kind, will was zu essen, muss gewickelt werden, von der Kita abgeholt, von der Schule zum Flötenunterricht gebracht, zum Arzt, zur besten Freundin, davor noch schnell einkaufen, Essen machen …". Und so weiter im Lamento berufstätiger Frauen zwischen Spülmaschine und E-Mails checken.

Daneben tritt der Chor dem Erzbösewicht Patriarchat auch kräftig in die Eier, als Gegenpart zur personalisiert im Video auftretenden "Postnatalen Depression", "Chronischen Erschöpfung" zuzüglich "Geburtstrauma" und "Überforderung". All die Furien eben, von denen junge Frauen zwischen Wickel- und Schreibtisch bis zur Erschöpfung gehetzt werden. Intelligenter, sensibler Videoeinsatz, wie man ihn nicht alle Tage sieht. Dito eine Küchenschlacht mit Kuchenteig im Gesicht.

"Leaving Carthago" als erfundes Stück im Stück

Der Befreiungsschlag findet aber nicht wirklich statt. Bergemanns Hauptfigur Pina tappt im "feministischen Heldinnenepos" in die Falle, die vom System der Männer aufgestellt wird: Selbstoptimierung mit mehr Schein als Sein. Bergemann stilisiert ihre Babypause in New York zum Broadway-Erfolg ihres von vorn bis hinten erlogenen Stückes "Leaving Carthago". Darin habe sie die Schauspielerin Nina gespielt, "die Mutter wird und die aus Angst vor beruflichen Nachteilen und vor dem Verlust gesellschaftlicher Teilhabe ihr Kind verschweigt und sich dafür minutiös in allen Details ein Stück ausdenkt".

Leaving Carthago15 Joachim Dette uEin Chor ist wütend © Joachim Dette

Die dritte Ebene in dem Verwirrstück: In Ninas Broadway-Knaller irrlichtert die Piratin Tina herum. Die Mädels spielen mit Hallo und Kraftmeierei das alte Bubenstück: Freibeuterei auf allen Weltmeeren. Kinder stören beim Kapern nur. So sieht eine Heldinnenreise in einem feministischen Epos aus. Karrieregeflunker macht sich besser in der Vita einer Powerfrau, einschließlich selbst geschriebener Kritiken. Blöd nur, in einem englischen Text dürfte es nicht Carthago heißen, sondern "Carthage". Wer liest das schon so genau? Pinas Theaterkarriere nimmt so richtig Fahrt auf.

Herrliche Dauerspaßschleife

Doch herrje, da ist ja noch das Kind. Die Erinnyen des patriarchalischen Systems schlagen zurück. Pina und ihre Gesprächspartnerinnen Doro und Ella hadern in Selbstzweifeln, werden mürbe gemacht, finden das Kinderkriegen dann doch auch irgendwie ganz schön. Der Rest ist Wut. Karrieren-Frauen sind schuldgeplagt, haben den Ruf weg, Rabenmütter zu sein. Pina/Nina resümieren: Ich bin wütend, weil ich mich zerteile, innerlich zerreiße, um am Ende festzustellen, dass ich niemandem gerecht werde. Ich bin wütend auf alle, die zulassen, dass ich mich dermaßen verausgabe, weil ich nicht gelernt habe, Nein zu sagen.

Die Stärke dieser Gemeinschaftsproduktion ist, dass der über weite Strecken zähe Text in kämpferischer EMMA-Diktion in eine flotte Show gepackt wird, reich an Action, Selbstironie, Akrobatik und Überraschungseffekten. Die ganze Bühnencrew plantscht schließlich übermütig in dem zum dampfenden Pool umfunktionierten Loch. Diese Dauerspaßschleife lässt selbst den rührseligen Schluss verkraften – mit seinem Appell an die Solidarität, in mütterlicher Fürsorge aller für alle ins Glück zu segeln.

 

Leaving Carthago
von Pina Bergemann (Idee) und Anna Gschnitzer (Text und Konzept)
Regie: Pina Bergemann, Endregie: Babett Grube, Bühne und Kostüme: Bettina Kirmair, Dramaturgie:Anne Sonnenfroh, Leitung Sprechchor: Caro Mendelski.
Von und mit: Pina Bergemann, Dorothea Arnold, Ella Gaiser; Chor der Mütter: Kristin Bohn, Louise Büche, Katja Flade-Radatz, Marie Grätz, Andrea Hesse, Leonie Kehmann, Helene Kreysa, Christina Neuss, Silvia Rißner.
Premiere am 21. April 2022
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause.

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

"Das Stück entpuppt sich als temporeich und wild, vielschichtig und lustig, absurd und schrill, aber auch dramatisch, diskursiv und klug", schreibt Ulrike Merkel von der Thüringischen Landeszeitung (22.4.2022). "Pina Bergemann und ihre acht Mitstreiterinnen spielen darin die Zuschauer schwindlig.“ Und weiter: „Selten wurden die widersprüchlichen Vorstellungen von Familie, Frausein und Feminismus im Theater so unbeschwert, umfänglich und kunstvoll aufgedröselt und zerpflückt, ohne die Ernsthaftigkeit des Anliegens aus den Augen zu verlieren."

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