Schurkinnen können es besser

24. April 2022. Autorin Katja Brunner und Regisseurin Pınar Karabulut sind für ihre poppigen Stückprojekte bekannt. Mit einem ebenso genderfluiden und urkomischen, aber ausgewogenen Abend am Schauspiel Köln setzt Karabulut nun ihre Königsdramen-Reihe fort.

Von Gerhard Preußer

24. April 2022. Richard III, Shakespeares smarter, hinkender Mörderkönig als Frau – das ist nicht neu. Neu ist, wie diese Weiblichkeit des Monsters das gute, böse alte Drama überwuchert. Katja Brunners "Richard Drei", sagt gleich im ersten Monolog "Die Auflösung der Differenz von Idee meines Geschlechts und Realität fand ich im Kampf." So stürzt sie sich als Gräfin Gloucester vom Schlachtfeld kommend in den Intrigenkampf des Hauses York und endet als "Könixin" auch wieder auf dem Schlachtfeld. "Frau und Körper wemgehörter" ist das Generalthema.

Eine Überschreibung

Katja Brunner hat von Shakespeares Drama nur das Handlungsgerüst übernommen, und manchmal nicht mal das (die Mörderei wird ja auch schon bei Shakespeare leicht unübersichtlich). Sie fügt Intermezzi ein, frei assoziierende Monologe über Natur, Frau, Tod und Staat. Und vor allem gibt sie ihre Sprache: eine rasend rollende Suada, voll von Kalauern, in der Sätze und Gedanken verschwimmen, aber sich auch manchmal zu Sentenzen zusammenballen. Die Intrigantin und Staatsschauspielerin Richard lobt zum Beispiel langatmig die Fiktion und endet mit dem schönen Satz: "Fiktion ist meine Lieblingstradition." Dieser Richard kann sowohl über die "Menschenrechte als säkularisierte Religion" sinnieren als auch über die "weibliche Empfänglichkeit für Masochismus". Und Richard hat weder Freunde noch Freundinnen, sondern nur Freundninne oder Freundnenis. Hier wird kreativ gegendert.

richarddrei 2Mörderei und Intrige im Flügelaltar-Setting © Krafft Angerer

Die Schweizer Autorin Katja Brunner und Regisseurin Pınar Karabulut haben schon an der Berliner Volksbühne zusammengearbeitet und ihre gemeinsame Vorliebe für schrille, genderfluide, poppige Stückprojekte bewiesen. So kam es nach Karabuluts im Lockdown erfolgreichen Serial "Edward II" am Schauspiel Köln zu dem Auftrag der Überschreibung von "Richard III". Dieser spielt nach dem Beginn der englischen Rosenkriege im 15. Jahrhundert und schließt Karabuluts Richard-Reihe.

Kommentierende Videos

Der Abend beginnt wie im Kino: Titelprojektion und Vorstellung der Figuren im Video, jede im grellen Kostüm, jeweils in eigener Farbe. Richard trägt heute Abend ein strahlendes Blau mit langer Schleppe (Kostüme: Claudia Irro). Videos spielen auch weiterhin eine Rolle als das Bühnengeschehen kommentierende, fantastische, überhöhende Seitenaltäre. Susanne Steinmassls Bilder haben eine surrealistische Farbgebung, zeigen Portraits, Leichenberge und in wiederholte Standbilder zerdehnt eine Hinrichtung mit dem Beil auf dem Richtblock.

richarddrei 1Wilde Albernheit auf der Bühne von Michela Flück © Krafft Angerer

In diesem Flügelaltar-Setting schnurrt die Handlung bizarr und mit belustigender Überzeichnung ab. Richard lässt seinen Bruder töten, dann die Verwandten des letzten Königs, dann die Kinder seines Bruders, dann seine eigenen Getreuen Hastings und Buckingham. So wird er König. Die Brautwerbungsszene, in der Richard Lady Anne überredet, ihn zu heiraten, obwohl er ihren Mann umgebracht hat, ist sein Meisterstück. Yvon Jansen als Richard setzt hier alle Mittel ein: unnachgiebige Schärfe, geschmeidige Rhetorik, kalkulierte Emotionalität. Sie trägt die Inszenierung über die drei Stunden mit großartiger Kraft. Brunners vertrackte Texte klingen bei ihr klar und selbstverständlich, auch wenn sie ein inkongruent gemischtes Feuerwerk von Zitaten, Phrasen, Shakespeare-Imitaten sind. Die Bewunderung des Publikums für einen Schurken zu erreichen, muss immer das Ziel eines Richard-Darstellers sein. Hier staunt man/mensch: Schurkinnen können es noch besser.

Doch die Einschübe, Brunners Original-Zutaten, sind das Beste: ein urkomisches Männerchörchen, in dem die drei männlichen Darsteller einen Kavaliersdelikt (die Vergewaltigung einer Magd durch einen einarmigen Ritter) nachspielen und seinen Verlust betrauern; Richards Natur-Monolog, der mit einem Schiller-Zitat beginnt ("Und ein stilles Gesetz lenkt der Verwandlungen Spiel") und mit dessen Widerlegung endet; Lady Annes (Sabine Waibel) Zahlenmonolog vor ihrem Tod, der mit der Quantifizierung der Atemzüge eines 63-jährigen Lebens schließt: 562 256 000.

Ausgewogenes Spiel

Die wilde Albernheit der Inszenierung und ihrer Handlungsabläufe – die Mörder der Prinzen zappeln wie Marionetten, Richard kommt auch mal in einem Lohengrin-artigen Schwan-Tretauto auf die Bühne gefahren, Mörder Tyrell (Benjamin Höppner) spricht wie ein norddeutscher Bauer, die Herzoginmutter ist eine schiefe, zigarettenschmauchende komische Alte (Lola Klamroth) – wird ausgewogen durch die Dynamik und Ernsthaftigkeit von Yvon Jansens Spiel. Aber ihr Ende kommt dann doch sehr schnell. Shakespeares fünfter Akt schnurrt zusammen auf einen Richard-Monolog. "Wo ist mein Pferdi?", darf sie noch rufen, "Ein Pferd, mein Könixinreich für eins nur." Kein Schlachtgetümmel, kein Held Richmond Tudor, der Richard erschlägt. Wiederherstellung der Ordnung gibt's nicht mehr, nur Bewunderung für die eloquente, verführerische, mörderische Verbrecherin.

 

Richard Drei
Mitteilungen der Ministerin der Hölle
nach William Shakespeare in einer Überschreibung von Katja Brunner
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Michela Flück, Kostüm: Claudia Irro, Video: Susanne Stein-massl, Videotechnik: Amon Ritz, Musik: Daniel Murena, Licht: Michael Frank, Ton: Oliver Bersin & Joschka Tschirley, Dramaturgie: Sarah Lorenz
Mit: Yvon Jansen, Lola Klamroth, Nikolaus Benda, Nicola Gründel, Ines Marie Westernströer, Alexander Angeletta, Sabine Waibel, Benjamin Höppner
Premiere am 23. April 2022
Dauer: 3 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.schauspiel.koeln

Kritikenrundschau

Von einer "phänomenalen Yvon Jansen in der Titelrolle" berichtet Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (25.4.2022). Katja Brunners Neubearbeitung bleibe nah am Plot der Shakespeare-Vorlage, flechte aber gegenwärtige Diskussionen um Positionen und Geschlecht ein; "in einer Sprache, die mal mit Jelinekschen Kaskaden erschlägt, mal mit Wortneuschöpfungen, hippen Verknappungen und kryptischer Syntax an der Unverständlichkeit vorbeischrammt". Karabuluts Regie sei am besten, "wenn sie Jansen wie unter dem Brennglas agieren lässt"; die Filmeeinspieler am Rand der Bühne sind dagegen "nicht unbedingt von Nöten", wohl aber "wunderbar schmückendes Beiwerk für einen interessanten, vielleicht etwas langen, aber bei der Premiere heftig bejubelten Theaterabend".

Diesen Abend "umweht, trotz seiner drei Stunden Länge, eine wunderbare Leichtigkeit“, schreibt Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (25.4.2022). "Der Wildwuchs des Textes reicht stilistisch von der trunken getippten Whats-App-Botschaft bis zur Derrida'schen Differenz-Theorie und passt kongenial zu Pinar Karabuluts plakativ-poppiger, aber nie tumber Bildsprache: Eine überdimensionierte Spielzeugburg und ein Tretauto im Schwanenlook entlarven die Macht- als Sandkastenspiele. Gebremst werden diese entlarvenden Albernheiten von zwei hochformatigen Leinwänden, auf denen Videokünstlerin Susanne Steinmassl das Ensemble Leid und Blutzoll der Rosenkriege in drastischen Tableaux vivants nachstellen lässt."

Für Stefan Keim in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (23.4.2022) ist der Abend zu lang geraten. "Der Anfangsmonolog ist allerdings großartig. Da spricht Yvon Jansen direkt ins Publikum, vibrierend vor ungenutzter Energie, lästert über die schlappen Friedenszeiten, für die ihr Richard-Körper nicht gemacht ist. Sie will ein Torpedo sein. Gerade, wo der Krieg so nah ist, wie lange nicht, wirkt der Text aufregend und provozierend. Dann geht das dauerironische Text- und Pathosbombardement los, immer wieder mit starken Momenten und überwältigenden Schauwerten."

Brunner und Karabulut landen am Schauspiel Köln "einen klugen, tragikomischen Volltreffer", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (25.4.2022). Brunner "kombiniert in ihrem Hochgeschwindigkeitstext analytische Schärfe mit der Lust an der Sprachpiraterie" und erinnere darin bisweilen an Elfriede Jelinek. Und Karabulut fährt "ganz große Theatermagie auf, nicht ohne sie ironisch zu brechen: Flüche werden von Blitz und Donner flankiert, bei Hofe herrscht neonbunte, queere Pop-Ästhetik, Richard rauscht in einem wagnerhaften Schwanenmobil durch die Disneyschlosskulissen von Bühnenbildnerin Michela Flück. Zugleich inszeniert Karabulut sehr zugewandt, führt ihre Figuren bei aller Komik nicht vor, lässt sie Menschen bleiben, wenn auch kaputte."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Richard Drei, Köln: langweiligEmil Köln 2022-04-29 08:34
Langweilig. Weniger (Schrillheit) ist mehr (Inhalt). Autorin und Regisseurin können sich nicht zwischen Komödie (!) und Tragödie entscheiden.
#2 Richard Drei, Köln: KlamaukAnna 2022-04-29 12:40
Weniger wäre auch hier mehr gewesen. Zuviel Durcheinander, zuviel Farce, zuviel „Altbewährtes“ (Sex, Knalliges, Redeschwall, Gedärme, Blut).
Kluges, Eindringliches, Aktuelles gingen unter.

Selten gehe ich in der Pause. Aber gestern habe ich es gemacht. Dem Thema unangemessener Klamauk. Aber vielleicht entspricht das der Bilder- und Informationsflut und dem Unterhaltungsbedürfnis einer neuen Theatergeneration.

Solches gab es aber schon im Regietheater vergangener Zeiten. Und dass Frauen Männer- und Männer Frauenrollen übernehmen ist auch nicht neu: Marianne Hoppe – King Lear in Frankfurt |Barbara Nüsse – King Lear, Köln |Macbeth, Düsseldorf, Jürgen Gosch.

Richard Drei hatte doch etwas zu sagen.
#3 Richard Drei, Köln: endlos quälendKarl Federau 2022-04-30 09:11
War es ein Kinder-, war es ein Seniorenteller? Es war auf jeden Fall püriert. Eine endlose, quälende, dem Gendermainstream überangepaßte jelineksche Logorrhö, die auch durch Brüllerei und forciertes Sprechtempo nicht reicher wurde. Alles in allem: wahnsinnig langweilig und von einer erschreckenden Playmobil-Spießigkeit.
#4 Richard III, Köln: Schade eigentlichNicki 2022-05-26 21:45
Yvon Jansen als RIII fantastisch. Auch das übrige Ensemble kann sich sehen lassen. Ein Abend voller Energie und Einfälle.
Und doch, je länger die Show geht, desto mehr fragte ich mich: Was wollen Autorin und Regisseurin? Gerade die nicht-Shakespearischen Texteinschübe ließen mich rätselnd zurück? Endlose Zahlenreihen, ein Männerchor der nichts mehr zu sagen hat, als die triviale Feststellung, dass Belästigung Belästigung ist und eben kein Kavaliersdelikt. Warum?
Frauen spielen Männerrollen und umgekehrt. Ja gut, warum nicht.
Die Sprache wird konsequent gegendert. Und weil das eben absurd ist, macht "mensch" (ebenda) sich darüber dann lustig. Meinetwegen. Aber irgendeine Idee wozu das alles gezeigt wird, etwas sinnhaftes oder wenigstens eine Haltung hätte ich mich dann doch gewünscht. So blieb am Ende nur ein fades Gefühl übrig.
Schade eigentlich.

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