Sie schenken sich nichts

30. April 2022. Die Schweizreise des streitlustigen Mutter-Sohn-Gespanns aus Christian Krachts Roman "Eurotrash" hat schon einige fahrbare Bühnen-Untersätze erlebt. In Itay Tirans österreichischer Erstaufführung bleiben Barbara Petrisch und Johannes Zirner lieber direkt auf einem schicken Wohnzimmermöbel sitzen. Aber das hat es in sich.

Von Andrea Heinz

30. April 2022. In "Twin Peaks", der David Lynch-Serie aus den 90ern, gibt es diesen Warteraum in der Schwarzen Hütte, einen Raum, der wie das in Materie gegossene Unterbewusste der Vereinigten Staaten aussieht: grell bis knapp vor Augenkrebs und ein bisschen puffig, mit einem kleinwüchsigen Mann darin, der gerne tanzende Verrenkungen macht und rückwärts spricht. Dieser Warteraum kommt einer plötzlich wieder in den Sinn bei Itay Tirans Österreichischer Erstaufführung von Christian Krachts Erfolgsroman "Eurotrash" im Wiener Akademietheater. 

Denn auch diese Bühne sieht ein bisschen aus wie ein Gestalt gewordenes Unterbewusstsein – allerdings das von Mitteleuropa in den 90ern oder maximal noch den 00er-Jahren: Ein in bunten Farben angeleuchteter Lamettavorhang, eine ovale, mit mintgrünem Plüsch bezogene Sitzbank, wie man sie aus Museen kennt, ein Lüster von der Decke und Smooth-Jazz vom Band.

Durch die Schweiz Richtung Afrika

Wir befinden uns in einer Zürcher Hotellobby, Christian Kracht (Johannes Zirner), autofiktionaler Ich-Erzähler vor dem Herrn, wurde von seiner langsam dement werdenden, tabletten- und alkoholabhängigen Mutter (Barbara Petritsch) hierher bestellt. Wie sich herausstellt ist die betagte Dame, wenn auch immer noch Catherine-Deneuve-mäßig schick gemacht, nicht mehr ganz bei sich. Sie hat ihr beträchtliches Vermögen in eine deutsche Rüstungsfirma und eine Schweizer Molkerei investiert, aber das ist noch der rationale Teil. Verrückt wird es, als sie den Wunsch kund tut, der Sohn solle ihr dabei behilflich sein, das Geld zu verschenken. Das tut man nicht, schon gar nicht in der Schweiz.

Doch der Sohn wittert die Möglichkeit von Heilung, steht es um das Mutter-Kind-Verhältnis doch nicht eben zum Besten, und die beiden starten einen Roadtrip. Die Mutter will nach Afrika, sie liebt Zebras, aber der Sohn will lieber die Orte seiner Kindheit kathartisch abklappern, und so geht es mit dem Taxi durch die Schweiz. Hier gibt es ja auch viel zu erleben: Die beiden landen etwa in einer Kommune voller "Nazigauner", speisen Gourmet-Forellen und suchen (vergeblich) nach echtem Edelweiß.

EurotrashChristian KrachtÖsterreichische Erstaufführung am 29. April 2022 im AkademietheaterIn dieser Bank ist alles drin: Barbara Petrisch und Johannes Zirner im Bühnenbild von Nina Wetzel © Susanne Hassler-Smith

Itay Tiran inszeniert das in Wien so spielerisch wie hinreißend: Mal ist die mintgrüne Plüschbank das Taxi und bewegt sich gemächlich über die Bühne, mal lenkt Johannes Zirner ein kleines ferngesteuertes Spielzeugauto, das netterweise auch noch den (lebensgroßen) Rollator hinter sich herzieht, den die Seniorin im Rausch irgendwo vergessen hat. Das Bühnenbild (Nina Wetzel) ist überhaupt genial und die Bank ein Knaller: Unter ihrer Sitzfläche lassen sich diverse Utensilien verstauen – das Necessaire mit den Ersatz-Beuteln für den künstlichen Darmausgang der Mutter etwa, oder die Plastiktüte mit 600.000 Franken in kleinen Scheinen –, und als sie gedreht wird, stellt sich heraus, dass sie nicht einfach ein geschlossenes Oval bildet, sondern eine kleine Öffnung und in ihrer Mitte einen Tisch hat.

Hier dinieren Mutter und Sohn, aber die Forellen schmecken leider auch nicht mehr so wie früher, und überhaupt ist alles scheiße. Kracht wird vom Nazi-Kommunarden für Daniel Kehlmann gehalten, seine Mutter findet sowieso, er solle nicht so einen Mist sondern so wie dieser Knausgård schreiben, und der Großvater war erst ein Nazi und hat dann den Markennamen DuschDas erfunden, wo man auch nicht weiß, was für den Enkel jetzt schlimmer ist.

Gespuckte Bösartigkeiten

Ein Glanzstück wird daraus nicht zuletzt dank der beiden herausragenden Hauptdarsteller*innen, die sich als Mutter und Sohn wirklich gar nichts schenken. Petritsch geht regelrecht auf in der Rolle der depressiven alten Dame, latent schwankend zwischen lakonisch-trocken hin gespuckten Bösartigkeiten, leidenschaftlichen Ausbrüchen und vorwurfsvollem Selbstmitleid. Verrückt ist in ihrer Welt nicht sie, sondern nur der Sohn, den sie für schwach hält und ohne Schuldgefühl demütigt. Mal hat sie die Oberhand, mal Zirner, der als Sohn irgendwo zwischen mühsam erkämpfter Souveränität, narzisstischem Geschwätz, Larmoyanz und jungenhafter Verklemmtheit changiert – und dabei immer so durchlässig und verletzlich bleibt, dass es einer schier das Herz bricht.

Großartig auch, wenn er in die Rollen von Taxifahrern, Kellnern oder germanischen Schafzüchter-Kommunarden schlüpft. Über weite Strecken ist das enorm komisch, das geschmeidige Timing der beiden lässt fast vergessen, welch monströses Mutter-Sohn-Verhältnis hier vorgeführt wird. Aber auch die ungebrochen traurigen Momente, etwa wenn beide sich von ihren jeweiligen Missbrauchserfahrungen erzählen, sind stimmig. Und so geht man, trotz all des Elends, beglückt hinaus aus dieser Vorstellung. Ganz große Klasse.

 

Eurotrash
von Christian Kracht
in einer Fassung von Itay Tiran und Jeroen Versteele
Regie: Itay Tiran, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Dori Parnes, Licht: Marcus Loran, Dramaturgie: Jeroen Versteele.
Mit: Barbara Petritsch, Johannes Zirner.
Premiere am 29. April 2022
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause 

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

"Ensemblemitglied Itay Tiran hat nach 'Vögel' und 'Mein Kampf" erneut Regie geführt, die Inszenierung läuft so reibungslos wie ein Schweizer Uhrwerk", freut sich Michael Wurmitzer im Standard (1.5.2022). Zu erleben sei eine "Achterbahn von störrisch bis zärtlich, von Liebessehnsucht bis Einsamkeit", die das Duo Petritsch / Zirner "famos drauf" habe, meint der Rezensent, der dem Abend bescheinigt, ein Publikumserfolg zu werden.

"Johannes Zirner, am Burgtheater sonst eher mit Nebenrollen bedacht, erhält hier die Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen", schreibt Petra Paterno in der Wiener Zeitung (2.5.2022). Er verkörpere "auf überaus sympathische Weise den dandyhaft-verzweifelten Ich-Erzähler", während man Barbara Petritsch "die durchgedrehte Alte" über die ganze Dauer der Spielzeit "kaum" abnehme. Dennoch sei "ganze Unternehmen nicht ohne Charme und Witz", auch wenn das Potenzial des Romans nicht komplett ausgelotet werde.

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