Noch immer die Arschkarte?

2. Mai 2022. Hedda will alles - und zwar sofort! So wird Ibsens klassische Femme fatale auf der Bühne gerne dargestellt. Am Theater Lübeck rollt Mirja Biel die alte Angelegenheit um Hedda und ihre Männer jetzt neu auf – mit Hilfe einer Intervention der Schriftstellerin Antje Rávic Strubel.

Von Michael Laages

2. Mai 2022. Irgendeinen Namen muss das Kind ja haben. Und "Intervention" klingt richtig wichtig und gewichtig. Wann aber wird "interveniert"? Sagen wir so: wenn irgendetwas richtig schief zu laufen droht, wenn halbe Wahrheiten oder richtige Lügen sich breit zu machen beginnen, wenn zum Beispiel im Theater toxische Töne und inzwischen verbotene Wörter die Bühne füllen… 

Auf der Suche nach dem eigenen Ton

Die gute, überzeugende "Intervention" braucht ein gutes, überzeugendes Motiv. Wo aber wäre das zu finden bei Ibsens klassischer Geschichte um "Hedda Gabler", 131 Jahre nach der Uraufführung, übrigens in München, und nach mittlerweile mindestens 50 Jahren frauenbewegter Interpretation? Wer sich inzwischen gewöhnt hat an "Überschreibungen", etwa nach der Methode des Regisseurs Simon Stone, wartet am Theater in Lübeck ziemlich lange auf den ersten wirklich ganz eigenen, neuen Ton in der Inszenierung von Mirja Biel.

Zwei freche, flotte Gören gröhlen da ein Lied, mit dem frei erinnerten Motto im Refrain: "Ich will alles zugleich und zwar jetzt." Das singen Rachel Behringer, die ziemlich herausfordernde Klamotten von Britta Leonhardt trägt, als eitel-verwöhnte Generalstochter Hedda, und Lilly Gropper, die sehr viel strenger in Schwarz und Weiß daher kommt als Thea Elvsted, die intellektuell aufstrebende Assistentin des versoffenen, immer absturzgefährdeten Wissenschaftlers und Schriftstellers Eilert Lövborg. Der taucht bekanntlich bei Ibsen als plötzlicher Konkurrent um die Universitätsprofessur für Jörgen Tesman auf. Hedda und ihr Ehemann Tesman kommen gerade vom Italien-Urlaub zurück, und Hedda ist offenkundig schwanger.

In Schönheit sterben

Lust auf's Kind wie auf den Gatten hat sie, wie es scheint, schon länger nicht mehr. Hedda nutzt Steilvorlagen für eine finstre Intrige gegen den Ex-Verehrer Lövborg; sie drückt ihm sogar eine der Pistolen von Papa in die Hand, auf dass er sich gefälligst erschießen möge, "in Schönheit", wie sie sagt, also irgendwie heldenhaft und existenziell und letztlich ihretwegen. Und damit überhaupt mal irgendwas von Belang passiert in spießiger Provinz.

1651051187 tl 2021 22 hedda 08 195855 c kerstinschomburgKein Kaffeekränzchen: Heiner Kock, Rachel Behringer, Lilly Gropper © Kerstin Schomburg

So weit, so Ibsen – tatsächlich gibt sich im Original das delirante Genie die Kugel gerade nicht "in Schönheit", sondern nachmittags im Bordell; und getroffen wird auch weder Schläfe noch Herz, sondern das Gemächt. Das ist so peinlich, dass die mitschuldige Hedda selber zur zweiten Waffe greift, während Gatte Tesman mit Frau Elvsted beginnt, das von Hedda verbrannte Jahrhundert-Manuskript des toten Lövborg zu restaurieren. Immerhin hat die junge, ambitionierte Frau ohnehin daran mitgeschrieben. Gerade soweit kommt's noch in Lübeck, und Hedda, der Beihilfe zur versuchten Selbsttötung überführt, beginnt sich auch schon freizumachen auf dem Sofa nebenan für den lokalen Strippenzieher Brack, der immer schon Sex mit ihr wollte, als Hausfreund, und der den nun kriegt, weil er die Schöne erpressen kann.

Die Sache mit dem Bordell und Frau Heddas Abschied sind in Lübeck allerdings ersetzt durch die "Intervention" der renommierten Schriftstellerin Antje Rávik Strubel; zuletzt erschien von ihr der Roman "Blaue Frau". Rávik Strubel nutzt die bei Ibsen angelegte Jugendfreundschaft der beiden Frauen, um daraus eine Art Verschwörung für die Gegenwart zu stricken, späte Liebe der beiden zueinander inklusive. Hedda und Thea räkeln sich im Bett, dezent mit der Video-Kamera und von oben gefilmt auf die Bühnen-Rückwand projiziert. Thea agitiert als mutig voran strebende Feministin, fest entschlossen zum Ausbruch aus allen Zwängen im von Männern dominierten Wissenschafts-Business, sie zitiert dazu reichlich Literatur, besonders aus der Zeit lange nach Ibsen, etwa von Virginia Woolf – während Hedda zwar verführerischer ist denn je, aber auch ziemlich fatalistisch übers Sterben philosophiert (wie im Original) und eben über den "ewigen Tanz um den Maulbeerbaum", den die selbstbewussten Frauen vielleicht doch nicht hinter sich lassen können. Auch Shakespeares Schwester taucht auf – Virginia Woolf hatte sie beschworen in "Ein Zimmer für sich allein", gerade neu übersetzt von Antje Rávik Strubel.

Blöde Pantoffelträger

Einige Umwege sind nötig, um diese "Intervention" gedanklich anzudocken an Ibsens Stück; immerhin hatte Hedda sich gerade bereit gemacht für den neuen Lover Brack – jetzt ist sie mit der alten Freundin im Bett. Und nennenswerte Neuigkeiten sind auch nicht zu entdecken im Auftragstext dieser letzten Szene, die mit klassischer Pop-Musik und Schneeflocken durchaus ein bisschen kitschig endet. Einmal mehr stehen halt die kämpferischen Phantasien im Mittelpunkt, mit denen Frauen etwa seit Ibsens Zeiten den Teil der Welt einfordern, der ihnen zusteht.

1651051347 tl 2021 22 hedda 16 203618 c kerstinschomburgJugendfreundinnen: Lilly Gropper als Thea Elvsted und Rachel Behringer als Hedda Gabler © Kerstin Schomburg

Aber kam nicht jede intelligentere Inszenierung des Klassikers schon mit Ibsen allein an diesen entscheidenden Punkt? Und geriet denn nicht gerade die Abbildung allgegenwärtiger Zerstörung durch weibliche Irrtümer und toxische Männer meistens weit weniger schlicht als die "Intervention" jetzt? In der haben die Frauen immer noch "die Arschkarte" gezogen, und zwar "deviant", wenn sie also abweichen von der Norm; und die Männerwelt, wie sie ist, trägt "blöde Pantoffeln". Ach ja.

Wäre nicht auch in Lübeck mehr Grundsätzlichkeit drin gewesen, wenn ein bisschen intensiver um Vertiefung und Verdichtung des originalen Per-sonals gerungen worden wäre? Bei Behringer und Gropper ist Mirja Biel ja auf dem Weg – aber Jan Byl als verun-sicherter Tesman, Heiner Kock als gefährdeter Lövborg sowie Michael Fuchs als aasiger Brack hätten sicher noch mehr zu bieten gehabt. Was, wenn diese Männer echte Gegner wären – und nicht wie hier gefangen blieben im Ab-ziehbild? Immerhin: Eine Treppe führt in den Bühnenhimmel hinauf aus Heddas schickem Wohn-Paradies – wohin? Ob aber Ibsens Hedda Gabler wirklich viel hinzu gewonnen hat durch die "Intervention"? Eher nicht.

HEDDA oder der ewige Tanz um den Maulbeerbaum
nach Henrik Ibsen und mit einer Intervention von Ante Ravik Strubel
Regie und Bühne: Mirja Biel, Kostüme: Britta Leonhardt, Musik und Komposition: Peter Thiessen, Licht: Daniel Thulke, Dramaturgie: Segna Martens.
Mit: Rachel Behringer, Jan Byl, Michael Fuchs, Lilly Gropper, Heiner Kock.
Premiere am 1. Mai 2022
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterluebeck.de

Kritikenrundschau

"Ein Stück über Freiheit und Macht mit starken Darstellern und hoher Brisanz," schreiben die Lübecker Nachrichten (3.5.2022).

"Richtig überzeugend ist das alles nicht. Allzu sprunghaft und beliebig wandert die Inszenierung von Western zu Krimi, von verletzten Gefühlen zu distanzierter Ironie und verirrt sich schließlich unentschieden zwischen Storytelling, Westernwelt und Frauenpower", schreibt Katrin Ullmann in der taz nord (4.5.2022).

 

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