Beredte Maske des Schweigens

von Georg Kasch

München, 28. November 2008. Es rauschte ordentlich im deutschsprachigen Blätterwald, als der britische Boulevard-Journalist David R.L. Litchfield vor einem guten Jahr mit seinem FAZ-Artikel "Die Gastgeberin der Hölle" in deutsch-österreichischen Untiefen rührte. Er behauptete, dass das Massaker auf Schloss Rechnitz im Burgenland, bei dem im März 1945 fast 200 jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden, Teil eines "Gefolgschaftsfestes" gewesen sei, das Gräfin Margit Batthyány, Enkelin des Stahlmagnaten August Thyssen, und ihr Mann gegeben hatten. Massenmord 'nur so zum Spaß' also. Neu war der Verdacht nicht, und Litchfield, der das Thema zur promi-fixierten Sex and Crime-Geschichte zuspitzte, konnte seine Behauptung nicht beweisen. Was damals wirklich geschah, weiß auch er nicht.

Jelinek stellt Buñuel vom Kopf auf die Füße

Eine Leerstelle, wie gemacht für Elfriede Jelinek. Die furiose österreichische Anti-Nationaldichterin lässt in ihrem jüngsten Bühnentext "Rechnitz (Der Würgeengel)" die Boten über die Mordnacht reden. In Umkehrung zu Luis Buñuels "Würgeengel"-Film, in dem die Bediensteten die Herrschaften einsperren und zurücklassen, bleiben bei Jelinek die Bediensteten, nachdem die mordlustigen Herrschaften gegangen sind. Sie mäandern in kollektiver Rede zwischen dem Allgemeinen der deutschen und der österreichischen Seele, zwischen Schuld und Sühnestolz, Massenmord und Schweigemauer, gestern und heute. Jelinek misst ihnen rhetorische Masken an, die Fratzen des Vergessens, des Schweigens, des Hasses zeigen.

Jossi Wieler hat für die Uraufführung an den Münchner Kammerspielen Jelineks rollenfreie Endlos-Suada auf handliche zwei Stunden eingedampft und das Kondensat auf fünf großartige Schauspieler verteilt: Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf und Hildegard Schmahl. Zu Beginn treten sie zu klebrig synthetischen Weisen, die später Motive aus Carl Maria von Webers "Freischütz"-Oper aufnehmen, winkend und grinsend auf und nach den zwei Stunden wieder ab. Dazwischen wird geschlemmt, gegrabbelt und vor allem geredet, dass sich die Kalauer biegen: "Das Gewehr hat einen langen Lauf, wie wir Boten ja auch."

Der Mist im Kopf liegt vor der Tür

Mit besoffenem Lächeln steuern sie durchs schier endlos wuchernde Assoziations-Geplapper, in dem Wahrheit und Wahn-Witz eng beieinander liegen: "Wir haben alles verloren, außer das, was wir zum Glück noch haben." Oder: "Ich weiß, ich sollte lieber vor meiner eigenen Tür kehren, aber da liegt immer so viel Mist rum." Unverfängliches wenden sie in ihren Mündern so lange, bis sie es nurmehr giftig ausspeien können. André Jung etwa verplappert sich andauernd, entwickelt so die Assoziationsketten aus dem Akt des Sprechens heraus, während Hans Kremer seine Text-Ungetüme als klare Gedankengänge präsentiert.

Auf der dunkel getäfelten Bühne von Anja Rabes entfaltet sich parallel zum Stimmengewirr aus Erinnerungsprahlerei und beredtem Schweigen ein Dekadenz-Panorama. Die herrschaftlichen Boten zeigen unverbindlich Bein, blicken sich in die Dekolletés, streicheln einander beiläufig oder greifen sich fest ins Fleisch; Katja Bürkle hat mit ihren High Heels Steven Scharfs Schritt unter Kontrolle. Sie fressen sich durch Pizzen, Hühnchen und Torten, in Abendkleidern, Unterwäsche, Pelz und Dienstbotenuniform. Gelangweilt pult Hildegard Schmahl den Belag von ihrer Pizza und schiebt ihn sich in den Mund, wirft den Rest in den bald verstopften Ausguss nahe der Rampe und spricht währenddessen von den zum Ausziehen gezwungenen Juden.

Schweres historisches Gepäck

Die Leichen auf Schloss Rechnitz liegen nicht im Keller. Sie sind immer da, präsent in der Sprache und im Bewusstsein der Zuschauer, wenn etwa die Gewehre, mit denen die Morde begangen wurden, auf die Bühne drängen, gerade als Hans Kremer von dem vergeblichen Versuch zurückkehrt, sein "schweres historisches Gepäck abzustellen". Gleich versuchen die anderen beiläufig, mit ihren Körpern die Waffen zu verdecken. Das Resultat wirkt wie die Aufstellung zu einem grotesken Gruppenfoto.

Nach etwa einer Stunde verliert die Inszenierung trotz kraftvoller Bilder an Tempo, verheddert sich das vorher geölte Spielwerk in den Textmassen, um erst gegen Ende wieder an Fahrt zu gewinnen. Dennoch ist Wieler nach seiner faden "Ulrike Maria Stuart" 2007 mit "Rechnitz" ein Abend gelungen, der Jelineks kaum verdaubare Textmasse in einer Best-Of-Version über weite Strecken zum Glänzen bringt.

 

Rechnitz (Der Würgeengel), UA
von Elfriede Jelinek
Regie: Jossi Wieler, Bühne & Kostüme: Anja Rabes, Musik: Wolfgang Siuda. Mit: Katja Bürkle, André Jung, Hans Kremer, Steven Scharf, Hildegard Schmahl.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Lesen Sie auch die Nachtkritik zu Jossi Wielers Ödipus auf Kolonos. Außerdem besprachen wir folgende Inszenierungen von Stücken Elfriede Jelineks: Corinna von Rads Prinzessinnendramen in Frankfurt, Nicolas Stemanns Über Tiere in Berlin und seine Ulrike Maria Stuart aus Hamburg.

Ein ausführliches Dossier zu Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) finden Sie auf nachtkritik-stuecke09.de, der Festival-Seite von nachtkritik.de zu den Mülheimer Theatertagen 2009, wo der Text mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2009 ausgezeichnet wurde.

 

Kritikenrundschau

Nicht die Vergangenheit werde durch "Rechnitz (Der Würgeengel)" vergegenwärtigt, sondern der "Umgang" mit ihr "durchleuchtet", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (1.12.2008). Keine historischen Figuren treten auf, sondern "Boten", keine Rollen gebe es, sondern "einen durchlaufenden Sprachstrom", dessen "Methode" der "Jelineksche Sprachhüpfer" ist. "Die Qualität solcher Textarbeit (...) liegt in der Verdichtung, und da ist Jelinek nach wie vor die Meisterin." Dass die Boten in Wielers Uraufführung aber zu einer "kleinen Menschenparade" werden, "ist das Überraschende und wirklich Geniale". "Es ist eine ganz eklige Wohlfühlmasse, zu der diese Boten im Lauf der zwei Aufführungsstunden in waidmannbraunem Holzambiente mit Sitznischen verwachsen. (...) Das sind wir, das ist der Umgang mit der Vergangenheit." Dabei knallen die Sätze, und Jelineks Stück wird "stark und hart, böse und direkt". Doch kreist es auch "in sich selbst": "Es sieht so aus, als würde das Stück selbst daran leiden, dass es ein Teil dessen ist, was es beklagt. Oder will es nur immer tiefer in den Schlamm hinein?"

Auch Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung, 1.12.2008) hat eine "stark kondensierte Fassung" des Textes und "fünf Schauspieler von betörender Brillanz" erlebt. Sie umtänzeln rhetorisch "die Greuel der Vergangenheit". Dabei sind sie "auch die Täter, die ewigen Mitmacher oder eben deren böse Geister: Zombies der Geschichte – Untote, wie sie durch alle Jelinek-Stücke spuken". Den verhandelten Fall müsse man aber kennen, "um die anspielungsreichen, zynisch kalauernden, wild und wütend in alle Richtungen spekulierenden und assoziierenden Satzkaskaden zu verstehen, mit denen Jelinek hier Erinnerungsarbeit nicht nur betreibt, sondern auch als sich selbst bestätigende Fleißaufgabe der Wohlgesinnten decouvriert". Wieler habe diesen Text dabei mit "großer Unaufgeregtheit" inszeniert: Er "macht das Schwere leicht und findet sinnstiftende, manchmal fast zu eingängige Bilder für das Orgiastische des Tötens und des Redens". Denn er inszeniert "nicht nur die Banalität, sondern auch die Obszönität des Bösen."

"Diese fünf hier äffen nur: Sie schießen allenfalls mit Worten", schreibt dagegen Gerhard Stadelmaier (Frankfurter Allgemeine Zeitung , 1.12.2008). Den "ganzen historischen Schrecken" halten sie sich "mit Finten und Finessen vom Leibe: Wir sind's nicht gewesen." Sie werden zu "Boten, die alles gesehen und miterlebt, aber nichts begriffen haben". Das ergebe "Geplapper auf einer Historienparty im Fitness-Studio des Verdrängens". So zeige dieser Abend "schrecklich nette Leute, die von einer schrecklichen Geschichte und ihrem Dreck am Stecken nichts wissen wollen". Das werde hübsch entlarvt. "Man sieht aber vor lauter Entlarvung das Drama nicht. Und das ist ja auch gut so." Denn das Drama bestehe schon aus "Aktenfakten": "Das Theater kann viel. In manchen Fällen können Leitartikel mehr: die alte Krux des Historiendramas." Vor diesem haben nur "zwei Nicht-Dramatiker" keine Angst: Rolf Hochhuth und Elfriede Jelinek. So sei es "würdig und recht", wenn "aus dieser Betroffenheitsverwurstungsshow ungefähr sechzig bis siebzig Prozent an Peinlichkeit gestrichen" werden. Denn so werden aus dem "unmöglichen Blut-und-Boten-Geschichtsdrama, das die Jelinek nicht bewältigt" zwei "hübsche Musikkabarettstunden, in denen Spießermentalität vor historischer Folie entlarvend bewältigt wird".

Ziemlich beeindruckt berichtet hingegegen der Schriftsteller Joseph von Westphalen für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (30.11.2008) von der Uraufführung, die nicht nur mit grandiosen Schauspielern, einem intelligenten Bühnenbild und famoser Regie glänze, sondern ihm auch mehr Einblicke in das Unwesen der Nazis gab, als beispielsweise Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten". Im Zentrum des Abends sieht er " fünf gutgelaunte Darsteller": "Man könnte sie rasende Mitläufer, willige Helfer, verlogene Zeitzeugen nennen, eine widerwärtige Dienerschaft, die genüsslich von den Untaten ihrer Gräfin schwärmt und unmenschliche Theorien dazu entwickelt". Damit gelinge der Inszenierung "unerwartet so etwas wie der Vorschlag zu einer der vielen möglichen Antworten auf die klassischen Fragen nach der Banalität des Bösen", danach, wie das alles geschehen konnte, und vor allem, wie Täter damit ruhig weiterleben können.

"Das Verschwiegene und Verdrängte und seine äußerst produktive Arbeit unter der Oberfläche zu thematisieren, ist schon immer das Metier dieser Autorin gewesen", schreibt Katrin Bettina Müller (taz, 1.12.2008) über Jelineks Stück. Auch dieses "bewegt sich durch das, was man wissen kann, mit höchst gespannter Aufmerksamkeit für alle möglichen Spekulationen". Dieser Text werde von Boten gesprochen, von denen nicht klar sei, wer sie sind: "Sind es Zeugen, die nie geredet haben? Sind es heutige Menschen, die gewieft mit den Sensationen des Vergangenen handeln?" Doch "weil auch die letzte Vermutung, die Täterperspektive möglich scheint, sperrt man sich als Zuschauer oft auch gegen das Textverständnis, so wie sich der Text selbst gegen sein eigenes Verstehen zu sperren scheint". Jossi Wieler nutze dabei die Guckkastenbühne, "um den formlosen Schwall durch das Nadelöhr eines naheliegenden Ambientes, den Saal eines Jagdschlosses, zu schleusen". Er lässt seine fünf Darsteller "mit der Herablassung derer agieren, für die alles nur eine Frage des Stils ist". Und das "macht dieses Stück zu einem sehr ungemütlichen Theaterabend, aber gemütlich will man es bei diesem Stoff ja auch nicht haben".


Für Barbara Villiger Heilig (Neue Zürcher Zeitung, 1.12.2008) ist Jelineks Text "eine als klassischer Botenbericht schlecht getarnte Endlossuada aus nichts- und vielsagenden Unsäglichkeiten". "Haarsträubendes sondern die fünf Schauspieler als Schauerspieler" verbal ab, "ununterbrochen, als würde eine glitschige Wortmasse aus ihnen herausquellen". Doch das "oberflächliche Geschwafel bricht" ein "in schwindelerregende Abgründe – kaum ein Regisseur beherrscht die Kunst des domestizierten Horrors so wie Jossi Wieler". Denn er "packt das verdrängte Grauen in kompakte Abstraktion, wo es konkrete Blüten treibt". "Gleichwohl wird die Bühne zum resonanzreichen Assoziationsraum, der einiges von dem, was der Regisseur aus dem Text gestrichen hat, bildhaft auffängt."

Ronald Pohl schreibt für den österreichischen Standard (1.12.2008): "Rechnitz gehört nach Österreich." Denn Jossi Wielers "wunderbare, aber eben auch wunderbar unbedenkliche Inszenierung" atme "etwas von der trotzigen Verstocktheit derer, die das alles nur am Rande etwas angeht." Jelineks Text sei "ein furioses Wühlen im Schlick der Schweigeverabredungen", schon allein deshalb sei es "ein Dokument der Ohnmacht. Nichts beschreibt den Text besser als das Paradoxon der leeren Grabkammer (des Kenotaphs)." In München aber geschehe "Wielers Kunstwille. Er hält sich, bei aller Geschmackssicherheit, nicht mit Skrupeln auf. Er erkläre Jelineks Boten kurzerhand zu "Dienstboten".

Eine
"Orgie des virtuosen Weglächelns" protokolliert Matthias Heine in der Tageszeitung Die Welt (30.11.2008), für den sich Regisseur Jossi Wieler auch diesmal wieder als Jelinek-Spezialist erweist, "der das Schwere und Grauenvolle leicht zu machen" verstehe, "ohne den Text zu verraten". Eine Gefahr, die beim anderen Jelinek-Daueruraufführer Nicolas Stemann für Heine oft droht. Zwar seien Jelineks Wortspiele schon mal näher an der Poesie und weiter weg vom Kabarett als dieses Mal gewesen. Trotzdem entwickle "der Sprachschwall einen Sog", was Heine zufolge "auch den 1000 diffizilen Formen des Grinsens" liegt, über er die die Darsteller verfügen sieht.

Mirko Weber
(Der Tagesspiegel, 30.11.2008) sah "Massenmörder in Mittsommernachtslaune". "Du, eklig's Österreich!" schreibt er. Trotzdem wäre für ihn "Dämonie auf der Bühne" noch etwas deutlich anderes. Aus seiner Sicht rettet sich Wieler lediglich geschickt in eine Boulevardisierung des Stoffes. Doch damit gebe die Textfassung kaum mehr etwas her. Außer einer Bebilderung von Adornos berühmter Freischütz-Lesart.

 
Kommentar schreiben