Vom Ende her

6. Mai 2022. Das niedersächische "Best Off"-Festival versammelt seit 2011 im 2-Jahres-Takt Highlights der freien Szene aus dem nördlichen Bundesland. Zum Auftakt der diesjährigen Edition stehen behutsame Erzählungen vom Ende im Mittelpunkt: vom Ende des Menschen und vom Ende der Menschheit.

Von Andreas Schnell

6. Mai 2022. Nicht nur große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Auch scheinbar kleinere. Zum Beispiel die Performance "Willi oder das Leben vor dem Tod" vom Theaterkollektiv "Operation Wolf Haul" aus Hannover, die das "Best OFF"-Festival Freier Theater der Stiftung Niedersachsen schon vor der offiziellen Eröffnung einläutete.

Wobei "Willi" wohl vor allem von außen betrachtet klein wirkt: Spielort sind die Räume eines traditionsreichen privaten Bestattungsinstituts in Hannover, hinein geht jede:r Besucher:in allein. In drei Räumen wartet eine weitere Person, nach einer Stunde sitzt man schon wieder vor der Tür. Was in den 60 Minuten dazwischen allerdings geschieht, dürfte niemanden unberührt lassen: Es geht um den Tod – den man im Alltag nach Möglichkeit verdrängt. Zwar ist er in den Künsten wie leider auch in der realen Welt allzeit präsent. Aber von sich selbst möchte man ihn doch normalerweise möglichst fern halten – auch gedanklich.

Vielleicht bereiten "Operation Wolf Haul" ihr Publikum auch deshalb umfänglich vor: Bei der Ticketbuchung bittet das Kollektiv um Kontaktdaten, zwei Wochen vor der Performance beginnen E-Mails einzutrudeln, die uns in Text, Bild und Ton in die Geschichte des titelgebenden Willi einführen. Der heute 98-Jährige erhielt als kleiner Junge einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Mutter im Sterben liege. Verabschieden konnte er sich nicht – und weinen auch nicht. Per Telefon und Brief wird das Thema in Tagen vor der Aufführung vertieft. Der Ton ist stets achtsam, freundlich, der Empfang vor Ort ebenso.

Sensible Performance im Bestattungsinstitut

Zwar muss – Corona ist noch nicht vorbei – zur Premiere alles etwas umgestellt werden: Für Willi selbst war das Risiko zu groß, seine Enkelin und Performerin Natalie Köhler hatte die Seuche gar erwischt – das Gespräch mit ihr, erste Station des kleinen Parcours, findet deswegen über Video statt. Dennoch stellt sich bald eine gewisse Intimität ein. Was zumindest auch ganz schlicht daran liegt, dass es um genau dieses Gespräch geht.

BEST OFF operation wolf haul willi c Moritz KuestnerOperation Wolf Haul mit "WILLI oder Das Leben vor dem Tod" © Moritz Küstner

(Fast) kein Text liegt vor, der durchgespielt werden müsste und für den die Geschichten und Fragen der Besucher:innen eher Material sind. Wobei es allerdings auch keinen Redezwang gibt. Köhler und ihre Kollegen Volker Bürger und Sebastian Doppelbauer haben viel zu erzählen. Von eigenen Begegnungen mit dem Tod im privaten Umfeld, von Überlegungen zum Leben danach, von dem bürokratischen Aufwand, der Hinterbliebene erwartet, und nicht zuletzt von der Arbeit des Bestatters, bei dem Bürger und Köhler auch hospitiert haben, wobei Bürger es sich nicht nehmen ließ, auch bei der Leichenwäsche zu helfen.

Im dritten Raum, im Keller des Bestattungsinstituts, geht es dann im Gespräch mit Sebastian Doppelbauer um das, was nach dem Tod kommt – auch da gelingt es in dieser losen, aber alles andere als beliebigen Form des Gesprächs an Gedanken und Emotionen zu kommen, die wir im Alltag lieber in Ruhe lassen.

Festival für Niedersachsens Freie Szene

Das "Best OFF"-Festival zeigt seit 2011 alle zwei Jahre Produktionen professioneller freier Theatermacher*innen aus Niedersachsen. Womit es in Deutschland eine Sonderposition einnimmt, betont Helge-Björn Meyer vom Bundesverband freie darstellende Künste bei der Eröffnung am Donnerstag.

Für die erste Post-Corona-Ausgabe hat die Stiftung Niedersachsen noch eine Schippe draufgelegt: Zusätzlich zu den regulären fünf professionellen Produktionen sind in diesem Jahr fünf Projekte von Theatermacher*innen zu sehen, die noch in der Ausbildung sind. Und gewinnen können sie über die Teilnahme hinaus auch noch: Für die Nominierung erhalten die Ensembles 10.000 Euro, am Ende wird eine mit 30.000 Euro jurierte Carte Blanche vergeben, wer sie bekommt, darf die nächste Ausgabe des Festivals mit einer Uraufführung eröffnen.

IcallitWater2 805 Lindner Steinbrenner uTheater an der Glocksee: "I Call it Water: #1 Spirit" © Lotte Lindner & Till Steinbrenner

Alle Vorstellungen des Eröffnungsabends zu sehen, ist leider unmöglich, die Wahl fällt nicht leicht, Thermoboy FK zum Beispiel sind schon mit einigen spannenden Inszenierungen aufgefallen. Ich schaue mir aber stattdessen die Uraufführung "I Call It Water: #1 Spirit" vom Theater an der Glocksee an. Die Gruppe lädt zur Beschäftigung mit, nun ja, Wasser in eine ehemalige Fabrikhalle des Unternehmens Noah ein. Schon da fängt die ziemlich komplizierte, aber stets freundliche Assoziationsmaschine zu rattern an. Und hält ihr Publikum über zwei Stunden gedanklich wie physisch auf Trab.

Die Bedrohung des blauen Planeten in einer Arbeit vom Theater an der Glocksee

Jede:r Besucher:in erlebt dabei einen etwas anderen Abend. Nach dem Empfang mit Wein, Wasser und Brot an einer provisorischen Bar auf dem Hof der Fabrik wird geprüft, ob alle an die zwei Liter Wasser gedacht haben, die in der Ankündigung erbeten waren – ohne die gehe es nicht (zum Glück stehen ein paar Flaschen für säumige Gäste bereit). Dann werden Kopfhörer verteilt und es geht hinein in die Halle. Dezentes Plätschern und eine Stimme im Ohr, die sehr sanft beginnt, den Verlauf des Abends zu erläutern, Geschichte und Geschichten zu erzählen, Wissen über Wasser darzulegen, entdecken wir in allen Ecken und Enden des riesigen Raumes etwas: Aus Wasserkisten und Regenrinnen bauen die in Overalls gewandeten Performer:innen eine Konstruktion, die später für Wasserspiele dienen wird, eine Eiswürfelmaschine spuckt immer unermüdlich Würfel aus, eine Etage höher wird aus Wein Wasser (und Schnaps), während an den Wänden und Stahlsäulen mit Videoprojektionen schmelzender Gletscher oder per Graffiti poetische Impulse aufscheinen.

Die Performer:innen werden uns nicht nur via Kopfhörer vorgestellt. Sie erzählen uns auch selbst Geschichten. Und so verzahnt sich das große Ganze, der "blaue Planet", Geschichte und prekäre Zukunft der Menschheit mit dem Privaten, Philosophie, Kunst, Wissenschaft... Und das ist dann auch tatsächlich alles ein bisschen viel. War da einfach zu viel Stoff? Zu viele große und kleine Ideen, die auf einen Punkt zu bringen nicht gelang? Vielleicht wird diese Form in ihrer Fluidität aber ihrem Gegenstand auch gerade gerecht. Kein Zeigefinger (höchstens mal ein ganz kleines bisschen), eine dem Stoff Wasser wesentlich adäquate Formlosigkeit. Und vielleicht gehört eine gewisse Überforderung deswegen auch dazu. Hängen bleiben auf jeden Fall einige wirklich tolle Bilder und der Gedanke, dass wir uns verdammt nochmal ein bisschen mehr Mühe geben sollen mit der Welt, in der wir leben.

 

Willi oder das Leben vor dem Tod
von Operation Wolf Haul
Von und mit: Volker Bürger, Sebastian Jakob Doppelbauer, Maraia Jakimov und Natalie Köhler, Stargast: Willi, Ausstattung: Dirk Thiele, Licht: Erik Sonnenfeld.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

I call it water: #1 Spirit
von Theater an der Glocksee
Von und mit: Britta Bremer, Andrea Casabianchi, Johannes Fast, Lena Kußmann, Lotte Lindner/Till Steinbrenner, Lisa Lippert, Romina Medrano, Christiane Ostermayer, Kiri Piepenschneider, Dennis Pörtner, Nina Reimann, Kassandra Speltri, Jonas Vietzke, N.N.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.festival-best-off.de

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